Terror im Gaza-Streifen

USA warnen vor Krieg: Israels „Iron Dome“ wohl kein Hindernis für Arsenal der Hisbollah

+
Vergöttert und vielleicht überschätzt: Das Iron-Dome-Raketenabwehrsystem feuert eine Abfangrakete ab – Experten rechnen mit einem Versagen aufgrund massiver Angriffe der Hisbollah. (Archivbild)
  • schließen

Die Sicherheit trügt. 3000 Raketen pro Tag. Bis zu drei Wochen lang: Hisbollah besitzt die Mittel, um Israels „Iron Dome“ zum Schmelzen zu bringen.

Jerusalem – „Menschen geraten nicht in Panik, sie neigen dazu, die Sirenen auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber 100-prozentige Sicherheit kann sowieso niemand gewährleisten“, sagte Yiftah Shapir. 2014 hatte die Deutsche Welle (DW) den Analysten des israelischen Nationalen Instituts für Sicherheitsstudien zitiert.

„Israelis vertrauen auf ‚Iron Dome‘“, lautete die Botschaft der DW, die Shapir schon vor zehn Jahren missmutig gemacht hat – und die sich jetzt als leichtfertig und tödlich für das Volk Israels herausstellen könnte. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden spricht aktuell die Warnung aus, dass die Hisbollah im Krieg in Israel das System an seine Grenzen bringen könnte.

Der britische Guardian berichtet über die Befürchtung der USA, dass Terroristen aus dem Libanon heraus bis zu 3000 Raketen pro Tag auf Israel abfeuern und die eiserne Kuppel über dem Land zum Schmelzen bringen könnten. Der Guardian bezieht sich in seiner Prognose der Waffengewalt in den Händen der Terroristen auf ein Forschungsprojekt des Instituts für Terrorismusbekämpfung der israelischen Reichman University. Kurz vor dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober beendet, heißt es darin, die Feuerrate von 3000 Raketen pro Tag könnte die Hisbollah bis zu drei Wochen aufrechterhalten. Demzufolge bestünde ihr Ziel in der vollständigen Vernichtung der israelischen Luftabwehr.

Warnung der Biden-Regierung: Hisbollah und ihr Raketen-Terror so bedrohlich wie vor 30 Jahren

Die Hisbollah und ihr Raketen-Terror aus dem Libanon heraus sollen die Initialzündung des Raketenschilds gewesen sein. Die Idee stammt aus den 1990er-Jahren, schreibt die DW. 2004 nahm das Projekt den nächsten Schritt unter der Projektleitung von Daniel Gold; 2007 sei der Produktions-Auftrag erfolgt, schreibt die Deutsche Welle, 2010 wurde das System in Dienst gestellt. „Keine Chance, dass der ‚Iron Dome‘ eine Rakete durchlässt“, hatte Gold 2014 gegenüber dem Focus angegeben. Auf dessen kritische Nachfrage hin, räumte er ein: „Die Tendenz ist steigend, vielleicht sind es schon 92 Prozent. Entscheidender ist aber, sich nicht nur auf den ‚Iron Dome‘ zu verlassen, sondern die Sicherheitsanweisungen zu befolgen, weil ja nicht immer alle Regionen geschützt sind.“

„Nach 72 Stunden ohne Strom wird das Leben in Israel unmöglich sein. Wir sind nicht in einer guten Verfassung und auf einen echten Krieg nicht vorbereitet.“

Shaul Goldstein in der Jerusalem Post

Wie als Warnung für die allzu große Leichtigkeit in Israel zitierte die DW verschiedene Stimme aus der Bevölkerung: „Ich war in einem Bus, als die Sirene losging und da gab es keine Möglichkeit, Schutz zu suchen. Also habe ich mir die ankommenden Raketen und den ‚Iron Dome‘ einfach angeschaut, denn ich gehe davon aus, dass alles gutgehen wird“, ließ die Deutsche Welle beispielsweise den Jerusalemer Ari Roth erzählen. Die Jerusalem Post konzentriert sich aktuell auf die Kehrseite: „Nach 72 Stunden ohne Strom wird das Leben in Israel unmöglich sein. Wir sind nicht in einer guten Verfassung und auf einen echten Krieg nicht vorbereitet“, sagte Shaul Goldstein. Der Chef des israelischen Stromversorgers Noga fügte hinzu, dass die Hisbollah das israelische Stromnetz leicht lahmlegen könnte.

Wenn Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah Israels Stromnetz lahmlegen wolle, müsse er nur den Verantwortlichen für Beiruts Stromnetz anrufen, das genauso aussähe wie das israelische. „Er braucht nicht einmal eine Drohne; er kann einen Elektrotechnikstudenten im zweiten Jahr anrufen und fragen, wo die kritischsten Punkte in Israel sind – alles steht im Internet“, wetterte Goldstein, wofür er später selbst Kritik einstecken musste, wie die Jerusalem Post aktuell berichtet. „Meiner Meinung nach leben wir in einer Fantasiewelt“, klagte Goldstein und rechnete vor, dass Stromausfälle nach einem Raketeneinschlag zu einer Katastrophe führten, je länger sie dauerten – wenn der Krieg um ein, fünf oder zehn Jahre verschoben wird, ist unsere Situation besser“, warnte er.

Hisbollah wohl stärkste Miliz der Welt: Nach Raketeneinschlag und Stromausfall ist Israel akut gefährdet

Den Angriff der Hamas im Oktober soll der Dome zu 99 Prozent neutralisiert haben, schrieb der Tagesspiegel. Der Stern allerdings vermutet aber eine kommende, höhere Eskalationsstufe durch Hamas oder Hisbollah: Die Terrororganisationen setzten auf „die Kraft der großen Zahl“. Die Hisbollah sei „wahrscheinlich die am stärksten bewaffnete nichtstaatliche Gruppe der Welt“, vermutet das Center für Strategic and International Studies. Aufgrund verschiedener einzelner Studien schätzt das CSIS deren Arsenal an unterschiedlichen Raketen, Flugkörpern und Drohnen auf eine Summe zwischen 120.000 und 200.000 Stück.

In einer Studie über die Bewaffnung der Hisbollah gelangt das israelische Militär zu dem Ergebnis: „Die Bewaffnungsmöglichkeiten der Hisbollah im Libanon sind bemerkenswert und ähneln eher denen der Armee eines mittelgroßen Landes.“ In seiner Analyse spricht das israelische Militär allein von 65.000 Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 20 bis 40 Kilometern, 4800 Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 40 und 180 Kilometern und 140.000 Mörsergranaten. Der Nachschub erfolgt hauptsächlich aus dem Iran. An Kräften verfügt die Hisbollah über möglicherweise zwischen 20.000 und 25.000 aktiven Kämpfern und Zehntausenden Reservisten.

Die Schwierigkeiten für das israelische Militär liegen einerseits in der angenommenen Mobilität der Waffen, andererseits, und damit verbunden, in der zu erwartenden Masse des Angriffs. Die Raketen von Hamas und Hisbollah seien vergleichsweise primitiv; klein, leicht, unbemerkt lagerfähig und unbemerkt transportabel, urteilt der Stern, „und sie können ohne große Vorbereitung schnell überall gestartet werden“. Stern-Autor Gernot Kramper schlussfolgert, dass die Aufklärung durch die israelische Luftwaffe allein dadurch erschwert sei; die Hisbollah könnte insofern irgendwann und von irgendwo überraschend angreifen.

„Iron Dome“ mit Lücken: Keine 100-prozentige Sicherheit vor Hisbollah-Angriff

Das stelle die israelische Luftabwehr vor immense Herausforderungen, prophezeit Seth G. Jones. Der Analyst des CSIS bekräftigte laut dem Guardian Warnungen aus dem US-Verteidigungsministerium: „Wir gehen davon aus, dass zumindest einige ‚Iron-Dome-Batterien‘ überfordert sein werden“, sagte ein hochrangiger Offizieller der Biden-Regierung gegenüber dem Sender CNN, wie der Guardian schreibt. Bereits nach der Indienststellung berichtete Entwickler Gold von der Stärke des Systems, das gleichzeitig seine Schwäche ist: dessen Mobilität. Beobachter gehen davon aus, dass der „Iron Dome“ schon bauartbedingt Lücken hat – die träten im Falle eines massierten Angriffs um so heftiger zutage.

Das System bestünde aus den drei Teilen „Kopf“, „Hand“ und „Augen“, hatte Gold Focus Online erläutert. Der Kopf, also das Rechnersystem, überwache permanent den Himmel. Wenn eine Rakete anflöge, würde berechnet, wo sie gestartet wurde, welche Rakete käme, mit welcher Rakete geantwortet werden müsse und wie die Flugbahn aussehe. „Das System ist intelligent: Wenn die Rakete nicht im bewohnten Gebiet einschlägt, sondern auf dem offenen Feld oder im Meer, wird nicht reagiert. Nun steht der Kopf aber geografisch nicht neben der Batterie mit den Raketen. Und die ‚Hand‘, also der Auslöser, steht noch einmal ganz woanders.“

Dome-Entwickler Daniel Gold warnte in Focus Online aber schon vor zehn Jahren vor zu großer Selbstsicherheit, betonte aber, dass Israel neben dem Raketenabwehrsystem mehrere Waffen gegen Hamas oder Hisbollah in Stellung bringen würde. „Verteidigung ist eine Kombination aus ‚Iron Dome‘, den Sirenen und ebenso umfangreicher geheimdienstlicher Aktionen. Wie wir sehen, unterstützen sich alle drei Ebenen gegenseitig“, so Gold gegenüber dem Magazin „Die Menschen sollten aber nicht zu Hause sitzen und nichts tun, weil sie denken, dass der Abwehrschirm über ihren Köpfen alles 100-prozentig und fehlerfrei übernimmt.“ (Karsten Hinzmann)

Kommentare