Die dunklen Stunden für die Angehörigen der Hamas-Geiseln dauern an
VonMaria Sterkl
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Die ersten israelischen Geiseln sollen erst am Freitag aus der Gewalt der Hamas freikommen. Dann warten weitere Herausforderungen auf die Opfer.
Für die Angehörigen der nach Gaza verschleppten israelischen Geiseln hat die Anspannung ein Ausmaß erreicht, das einer „emotionalen Hochseilbahn“ gleicht, sagt Hagai Levine. Er leitet das Ärzteteam, das die Familien der beim Hamas-Überfall am 7. Oktober Verschleppten betreut. Zuerst hatten sie mit einer Rückkehr der ersten dreizehn Geiseln am Donnerstag gerechnet. Mittwochabend verkündete der Sicherheitsberater der israelischen Regierung, Tzachi Hanegbi, plötzlich: „Frühestens am Freitag“ könnten die ersten Geiseln überstellt werden.
Ein Sprecher Katars, das die Feuerpause vermittelt hatte, bestätigte am Donnerstag, dass die Unterbrechung am Freitag um 7.00 Uhr Ortszeit beginne.
Die Familien der Geiseln bleiben somit länger im Dunkeln: Sie wissen nicht, wie viele freigelassen werden, sie wissen nicht wann, und sie wissen nicht, wer es sein wird. Die israelischen Behörden warten bis zum wortwörtlich letzten Moment, bis die Angehörigen über eine Freilassung informiert werden: Erst, wenn eine Geisel den israelischen Sicherheitskräften übergeben wurde, erhalten die Angehörigen die erleichternde Botschaft. So will man vermeiden, dass nicht erfüllbare Erwartungen geweckt werden, falls die Terrororganisation Hamas ihre Zusicherung, eine bestimmte Geisel freizulassen, dann doch nicht einhält.
Krieg in Israel: Teil der Geiseln chronisch krank und Opfer von sexualisierter Gewalt
Alle Geiseln kommen in eines von sechs Krankenhäusern, wo sie zumindest in den nächsten Tagen betreut werden. Vom Rest der Welt, selbst von Verwandten, die nicht zum engen Familienkreis gehören, werden die Geiseln abgeschirmt, sagt Levine. „Sie brauchen jetzt Ruhe und dürfen auf keinen Fall das Gefühl haben, erneut überfallen zu werden.“
Die Betreuung der Geiseln sei „extrem komplex“, sagt Levine. Manche der Geiseln wurden am 7. Oktober schwer verwundet, haben ein Bein verloren oder Schusswunden erlitten. Sollten sie überlebt haben, dann mit schweren Folgeschäden.
Mindestens ein Drittel der Geiseln sei chronisch krank. „Es gibt Menschen mit Diabetes, und niemand weiß, wie ihr Blutzuckerspiegel in diesen Wochen behandelt wurde“, sagt Levine. „Vielleicht sind sie blind, vielleicht haben ihre Nieren versagt – wir hoffen das Beste, sind aber auf das Schlimmste vorbereitet.“ Auch Krebspatienten, die dringend eine Chemotherapie brauchen, gebe es unter den Verschleppten.
Für alle Geiseln gelte, dass sie höchstwahrscheinlich an Mangelernährung leiden und schwer traumatisiert sind, sagt Levine. Am Anfang gehe es darum, abzuklären, was sie als erstes brauchen: „Die eine braucht nichts dringender als eine Umarmung von der Mutter, der andere braucht eine Herzoperation.“ Und bei jeder freigelassenen Frau müsse schonend überprüft werden, ob sie Opfer sexualisierter Gewalt wurde.
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Das Trauma der Hamas-Geiseln: „Man kann ja nicht in das alte Leben zurück“
Schon in den vergangenen Wochen wurden jene Soldat:innen und Geheimdienstleute, die die Geiseln vom Roten Kreuz übernehmen sollen, speziell geschult – vor allem, was den Umgang mit den Kindern betrifft. Sie lernten, die Kinder möglichst nicht ohne Erlaubnis zu berühren, so oft wie möglich ihren Vornamen zu verwenden und keine Fragen wie „Wo ist Mama, wo ist Papa“ zu beantworten – sondern nur zu betonen, dass man das Kind „an einen sicheren Ort“ bringen werde. Dort liege es an den engsten Verwandten, den Kindern die Horrorbotschaft zu übermitteln.
So etwa im Fall der dreijährigen Avigail, deren Eltern am 7. Oktober ermordet wurden. Dutzende Geiseln müssen zudem damit fertig werden, dass ihre Dörfer abgebrannt wurden.
Levine erklärt, dass selbst die Freilassung traumatisch sein könne: „Vielleicht hat (die dreijährige, Anm.) Avigail in den sechs Wochen zu einer Person Vertrauen gefunden, und jetzt wird sie erneut getrennt?“ Auch aus dem Umstand, dass nur Kinder unter 19 Jahren und Frauen freigelassen werden, können dramatische Situationen entstehen: „Was ist, wenn Mutter und Kinder freikommen, aber der Vater bleibt in Gefangenschaft?“, fragt Levine.
In den ersten Tagen gehe es aber auch darum, den Geiseln wieder das Gefühl zu geben, dass sie selbst entscheiden dürfen, was mit ihnen passiert. „Man kann ja nicht in das alte Leben zurück, weil es nicht mehr existiert“, sagt Levine.
Die Kriegshandlungen gingen am Donnerstag ungebremst weiter. Israel setzte seine Bodenoffensive im Norden Gazas fort, die Terrorgruppen der Hamas beschossen Israels Süden, aus dem Libanon wurden mindestens 35 Geschütze auf Israels Norden abgefeuert. Aus dem umkämpften Schifa-Krankenhaus in Gaza sind laut Palästinensischem Roten Halbmond 190 Verletzte und Kranke evakuiert worden. (Maria Sterkl)