Geisel-Freilassung im Israel-Krieg: Ein Funken Hoffnung
VonMaria Sterkl
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Ohne den Druck der Angehörigen wäre der Geisel-Deal im Israel-Krieg nicht zustande gekommen. Er war notwendig, birgt aber Risiken. Der Leitartikel.
Jedes Kind in Gefangenschaft erlebt eine schreckliche Zeit. So gesehen ist das von Katar vermittelte Übereinkommen zwischen Israel und der Hamas nur zu begrüßen. Es wird auch nach der Freilassung der Frauen und Kinder lange dauern, bis die seelischen Wunden der Geiseln und ihrer Angehörigen versorgt sind. Abheilen werden sie wohl nie.
Auch die Waffenpause ist dringend notwendig, um die massive humanitäre Krise in Gaza zu lindern. Dass der Deal nur wenige Hundert Lkw-Ladungen an humanitären Gütern vorsieht, zeigt aber wieder einmal, wo die wahren Prioritäten der Hamas liegen – jedenfalls nicht bei der notleidenden Zivilbevölkerung. Ihr Bedarf wird damit nicht gedeckt.
Krieg in Israel: Das Abkommen hat seine Schattenseiten
Für die Hunderttausenden Menschen, die nun im Süden des Gazastreifens ausharren, sind die wenigen Tage der Waffenpause nur eine kurze Ruhe vor dem nächsten Sturm. Schon bisher gab es zahlreiche Tote unter den Binnenflüchtlingen, und es ist völlig unklar, wie vermieden werden soll, dass sich die Opferzahl noch beträchtlich erhöhen wird. Israels Bodentruppen werden in den Süden vordringen müssen, um die Hamas-Kämpfer dort aufzuspüren. Die Terroristen werden sich aber auch dort hinter Zivilbevölkerung verschanzen. Nach der Massenevakuierung aus dem Norden ist die Zivilistendichte im Süden jedoch so groß wie nie zuvor.
Auch für die israelischen Soldatinnen und Soldaten birgt der Deal Risiken. Die Hamas wird die Feuerpause nutzen, um sich neu zu organisieren, sich vielleicht auch Zugriff auf noch nicht genutzte Arsenale zu verschaffen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Terrorgruppen während der Verhandlungen darauf bestanden, jeden Tag ein gewisses Zeitfenster zu erhalten, in dem die israelische Drohnenüberwachung des Gazastreifens deaktiviert ist. Man will die Karten neu sortieren und sich dabei möglichst nicht zuschauen lassen.
Für die Angehörigen der Geiseln beginnt nun das große Bangen: Ist mein Kind unter den Auserwählten? Das Ziel der israelischen Regierung, alle Kinder aus der Hamas-Gewalt zu befreien, wurde verfehlt. Nur rund 30 der 40 minderjährigen Geiseln sind Teil des Deals. Die Hamas gibt vor, keinen Zugriff auf die übrigen Kinder und Jugendlichen zu haben, da sie sich in den Händen anderer Terrorgruppen befänden. Das kann man glauben, muss man aber nicht. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist, dass die Hamas die Kinder als Faustpfand behält, um am Ende der Waffenruhe sagen zu können: Gebt uns noch zwei, drei Tage, und ihr bekommt auch die anderen Kinder.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern
Israel: Die betroffenen Familien zeigten Entschlossenheit – und machten den Deal möglich
Mit jedem zusätzlichen Tag der Waffenruhe verschafft sich die Hamas jedoch einen taktischen Vorteil, der den Krieg verlängern und weitere israelische Soldat:innen und palästinensische Zivilist:innen das Leben kosten könnte.
Israel geht nicht naiv in diese Vereinbarung. Die Kritik an dem Deal ist massiv, aber alle wissen: Dieser Deal ist besser als gar kein Übereinkommen.
Dass die Regierung sich letztlich so entschieden hat und nicht anders, ist vor allem dem Druck der Angehörigen der Geiseln zu verdanken. Die Entschlossenheit und Ausdauer, mit der sie in den vergangenen Wochen für die Freilassung gekämpft haben, die vielen Stunden der Proteste und des gezielten Lobbyings bei politischen Parteien haben diesen Deal erst möglich gemacht. Der Zusammenhalt dieser aus der Not geborenen aktivistischen Bewegung wird durch die partielle Freilassung auf die Probe gestellt. Es gibt nun einen Teil, der alle Hände damit zu tun haben wird, die Zurückgekehrten zu versorgen. Und jenen zweiten Teil der Angehörigen, die weiter zittern und weiter kämpfen müssen.
Die Familien brauchen dabei mehr denn je die Unterstützung Europas. Je mehr Tage vergehen, je kälter es auch in Gaza wird, je länger die Kämpfe andauern, desto geringer sind die Chancen, dass alle verbleibenden Geiseln lebend zurückkehren werden. Es ist anzuerkennen, aber nicht ausreichend, dass die Botschaften in Tel Aviv alles tun, um Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für die Geiseln zu sein. Es braucht auch den Druck der europäischen Regierungen: auf den Hamas-Förderer Katar, damit er dafür sorgt, dass sämtliche Geiseln zu ihren Familien zurückkehren können.
Transparenzhinweis: In einer ersten Version hatten wir in der Überschrift das Wort „Geiselaustausch“. Doch Israel hat keine Geiseln. Das Land tauscht von der Hamas entführte Geiseln gegen Gefangene aus. Nach berechtigter Kritik haben wir das in der Überschrift geändert und bitten um Entschuldigung.