VonMaria Sterklschließen
Israels Armee ist in höchster Bereitschaft. Auch viele Israelis bereiten sich auf einen möglichen iranischen Angriff vor – andere reagieren gelassen.
Haifa – Doron steht vor dem geöffneten Kofferraum seines Wagens und stapelt strategisch. Zuerst die Sixpacks Trinkwasser. Dann der Rest: Konserven, Löskaffee, Cracker. Nach und nach leert sich sein Einkaufswagen, füllt sich sein Auto. Es ist kein normaler Schabbateinkauf, den der 60-Jährige an diesem Freitagvormittag erledigt. Doron wappnet sich für den Worst Case.
„Binnen 24 bis 48 Stunden“ soll der Iran seinen Angriff auf Israel starten. Das haben die Israelis aus israelischen Medien erfahren, die sich auf eine US-Zeitung berufen, welche wiederum israelische Quellen zitiert. So geht das seit mehr als einer Woche: Wer von Israels Regierung Konkretes über die Gefahr eines iranischen Angriffs hören möchte, ist auf ein Stille-Post-Spiel quer über den Ozean angewiesen. Israel informiert Washington, Washington leakt an die Presse, die Presse veröffentlicht, Israels Journalist:innen zitieren – und Doron kauft ein. „Drei Sixpacks sollten erst mal reichen“, sagt er. Das sind 36 Liter Wasser.
Vorbereitung auf möglichen iranischen Angriff: „Wir Israelis sind keine Versager, wir sind stark“
Frankreich warnte am Freitag eindringlich vor Reisen nach Israel, die Palästinensergebiete und den Libanon. Iranische Quellen, wie unzuverlässig sie auch sein mögen, nannten Haifa als mögliches Angriffsziel. Ein sensibler Punkt hier ist das Chemiewerk in der Bucht. Im Fall eines Treffers könnten die austretenden Gase die Luft in der Stadt binnen kurzer Zeit vergiften.
Ob ihm das Angst macht? Doron schüttelt lachend den Kopf. Der Blumenhändler ist in Haifa aufgewachsen, hat beide Libanonkriege erlebt. Ihn kann wenig erschüttern. „Man muss nur vorbereitet sein“, sagt er. Und zwar für den Fall, dass der Strom ausfällt und die Wasserpumpen nicht mehr funktionieren. Sonst nichts. „Wir Israelis sind keine Versager, wir sind stark“, sagt er. Hatte man das vor dem 7. Oktober nicht auch gedacht? „Ja, aber da hat die Armee geschlafen“, sagt Doron, „und jetzt ist sie wach.“
Biden verspricht Israel „eiserner Beistand“ der USA
Wach und in höchster Bereitschaft – schon seit mehr als einer Woche. Nach dem Angriff auf ein iranisches Gebäude in Damaskus am 1. April und der Tötung zweier Generäle der Iranischen Revolutionsgarden musste Israel mit einem Racheschlag rechnen.
Am Donnerstag machte sich der Oberkommandant der US-Streitkräfte auf den Weg nach Israel, um mit Generalstabschef Herzi Halevi die Lage und mögliche Strategien zu besprechen. „Eisernen Beistand“ hat US-Präsident Joe Biden Israel zugesichert für den Fall, dass der Iran angreift.
Gespaltene Lage in Israel: Zwischen Explosionslärm und Alltag
Somit ist der Krieg nun auch wieder in den Köpfen jener Israelis angekommen, die ihn zuletzt erfolgreich verdrängt hatten, weil sie nicht direkt davon betroffen waren. Im Süden, nahe der Gazagrenze, war an eine Rückkehr zum Alltag bis jetzt nicht zu denken: Immer noch heulen dort die Sirenen, wenn auch seltener. Vor allem nachts hört man die Detonationen in Gaza. Und jene Zehntausende Israelis, die ihre Häuser an der Grenze zum Libanon verlassen mussten und seit einem halben Jahr in Übergangsquartieren ausharren, quält die Frage, ob sie je wieder in ihre Dörfer zurückkehren werden.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Dagegen war in Tel Aviv und in Haifa wieder so etwas wie Normalität ausgebrochen. Auch an diesem Freitag ist ein drohender Angriff des Iran nicht überall Topthema im Straßen-Smalltalk. Man unterhält sich über steigende Lebensmittelpreise, Pläne für den Pessach-Urlaub, die jüngsten Renovierungsarbeiten am Einfamilienhaus. „Die Amerikaner sprechen vom Doomsday, aber ich glaube nicht daran“, sagt Dorit, eine Mittfünfzigerin, die auf einer Parkbank in der Sonne genüsslich ihren Eiskaffee schlürft.
Die Cafés sind voll besetzt, auf den Stufen vor dem Eissalon sitzen Kinder mit riesigen, zuckerbestreuten Eistüten. Nur die gelben Schleifen, die an allen Bänken, Schildern und Bäumen befestigt wurden und an das Schicksal der Geiseln in Gaza erinnern, rufen den Hamas-Angriff und den Krieg in Gaza ins Bewusstsein.
Bedrohung als Normalzustand: „Seit Tausenden Jahren sind wir davon bedroht, dass man uns auslöschen will“
„Für uns ist das nichts Neues, was jetzt passiert“, sagt Idan, ein Mittdreißiger mit langen Haaren und Kippa. Mit „uns“ meint er das jüdische Volk. „Seit Tausenden Jahren sind wir davon bedroht, dass man uns auslöschen will“, sagt er. Das Wichtigste sei daher, sich spirituell dafür zu wappnen: „Vertrauen zu schöpfen, Verbundenheit zu spüren“. Die „physischen Vorbereitungen“ haben er und seine hochschwangere Frau schon vor langer Zeit getroffen: Vorräte an Wasser und Konserven stehen immer bereit, ebenso eine Tasche mit den wichtigsten Dokumenten und Medikamenten.
Und an diesem Schabbat bleibt auch das Handy an – für den Fall, dass das Heimatfrontkommando Alarm schlägt. Die Schabbatruhe ist zwar heilig, sie kennt aber eine Ausnahme: die Rettung aus Lebensgefahr. (Maria Sterkl)
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