VonMaria Sterklschließen
Im Gazastreifen spitzt sich die Lage der Menschen immer mehr zu – während sich junge Israelis für die Bodenoffensive im Krieg gegen die Hamas rüsten.
Frankfurt/Tel Aviv – Am siebten Tag des Krieges zwischen Israel und den Terroristen der Hamas ist die Mobilisierung der israelischen Soldat:innen für eine Bodenoffensive im Gazastreifen noch im Gange. Um zu garantieren, dass die Reservisten und Reservistinnen so bald wie möglich an ihre Einsatzorte kommen, wurde sogar die Schabbatruhe im Verkehr vorübergehend abgeschafft: Die israelische Fluggesellschaft El Al fliegt ausnahmsweise auch am Samstag, und auch die israelische Eisenbahn hält ausnahmsweise jene Zugverbindungen, die Israels Norden mit der Wüstenstadt Beersheba verbinden, auch Freitagabend und am Samstag intakt.
„Ich freue mich darauf“, sagt der 24-jährige Raphael Kay aus Jerusalem, der schon bald einrücken wird. „Ich weiß, in westlichen Ohren klingt das eigenartig.“ Ob er nicht um sein Leben fürchte? Es sei „schwer zu erklären, aber ich habe keine Angst“. Kay hat erst vor sechs Wochen geheiratet, seine Frau zurückzulassen sei nicht leicht, „aber ich habe dieses starke Gefühl, dass ich so viel opfern will, wie ich eben kann“. Israel müsse zeigen, „dass wir nach dieser furchtbaren Attacke nicht gebrochen sind“. Dazu möchte er seinen Beitrag leisten.
Krieg in Nahost: Israel konzentriert sich auf den Norden des Gazastreifens
Israel will nun seine Anstrengungen auf den Norden des Gazastreifens konzentrieren, wo ein Netzwerk an Kommandozentralen und Tunneln der Hamas vermutet wird. Nach sieben Tagen intensiver Luftangriffe soll hier bald eine Bodenoffensive helfen, die Ziele zu erreichen. Zur Vorbereitung hat Israel die 1,1 Millionen Bewohner:innen im nördlichen Teil des Gazastreifens, in dem auch Gaza-Stadt liegt, in Postings und Flugblättern aufgefordert, sich in den südlichen Teil des Streifens zurückzuziehen. Dieser Aufruf betrifft die Hälfte der Bevölkerung und einige äußerst dicht besiedelte Flüchtlingslager.
Laut UN-Angaben hat Israel den Betroffenen nur 24 Stunden Zeit gegeben, um in den Süden überzusiedeln. Ein Sprecher der Armee revidierte das Freitagmorgen: „Wir verstehen, dass das nicht möglich ist“, sagte Daniel Hagari. Es könne daher auch länger dauern. Die Armee nehme Rücksicht auf die Bewegungen. „Wir werden alle Maßnahmen treffen, um das so sicher wie möglich zu gestalten“, sagt Hagari.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Wie das gelingen soll, ist fraglich. Auch der Raum um die Stadt Khan Yunis im südlichen Teil des Gazastreifens steht unter Beschuss. Eine Flucht von mehr als einer Million Menschen binnen kurzer Zeit ist aber auch schon wegen der fehlenden Treibstoffe schwer zu bewältigen. Dazu kommt, dass sich die meisten medizinischen Kapazitäten im Norden befinden. Wie Verwundete versorgt werden sollen, wenn diese Krankenhäuser nicht zugänglich sind, ist unklar. Schon jetzt sind einige Spitäler wegen verschütteter Straßen kaum zugänglich, meldet die WHO. 18 Kliniken seien bisher getroffen worden.
Krieg in Israel: 2,3 Millionen Menschen in Gaza sind dem Beschuss schutzlos ausgeliefert
Die Hamas rief die Menschen im Norden auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Erzählungen zufolge stellten Hamas-Leute an verschiedenen Stellen des Nordens Straßenbarrieren auf, um die Evakuierung zu verhindern.
Laut Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden bis Freitag fast 1800 Menschen im Gazastreifen getötet, darunter 583 Kinder. Die allgemeine Stromversorgung ist abgeschnitten, Spitäler hängen an Generatoren, der Treibstoff wird jedoch knapp. Laut Unicef-Angaben ist Trinkwasser bereits so karg vorhanden, dass manche bereits begonnen haben, das viel zu salzreiche und außerdem kontaminierte Wasser aus dem Meer zu trinken.
Derzeit sind laut UN-Angaben 50 000 Frauen im Gazastreifen schwanger, 5500 von ihnen stehen kurz vor der Entbindung. Wie sie versorgt werden sollen, wenn auch kein Hilfspersonal aus dem Ausland einreisen kann, ist völlig unklar. Nachdem Israel infolge des Hamas-Überfalls alle Grenzübergänge geschlossen hat, schloss nämlich auch Ägypten den Rafah-Grenzübergang. Den diversen Aufrufen, Rafah wenigstens für humanitäre Hilfe zu öffnen, kam Ägypten bisher nicht nach. Dass Ägypten Flüchtlinge aus dem Gazastreifen aufnimmt, ist unwahrscheinlich.
Die 2,3 Millionen Menschen in Gaza sind dem Beschuss bisher schutzlos ausgeliefert. In den ersten sechs Tagen sind laut Angaben der israelischen Armee rund 6000 Bomben auf den Gazastreifen abgeworfen worden – so viel wie im gesamten Gazakrieg 2014 von 7. Juli bis 26. August. Nach Angaben der USA ist Israel inzwischen offen für die Einrichtung „sicherer Zonen“ für die palästinensische Zivilbevölkerung. Details waren zunächst offen.
Krieg in Nahost: Israels Reservisten bereiten sich auf Bodenoffensive vor
Während alle Welt auf den Gazakrieg blickt und Truppen in Israels Süden abgezogen wurden, nutzen gewaltbereite Siedler:innen im Westjordanland und in Ostjerusalem die Gelegenheit für Attacken auf Palästinenser:innen, die teils auf Video dokumentiert wurden. Hamastreue Gruppen wiederum riefen dort zu einem „Tag des Zorns“ auf.
Am Morgen und Vormittag des Freitag war es im Süden Israels auffällig ruhig, die Terroristen aus Gaza stellten das Feuer vorübergehend ein, nahmen es nach dem Freitagsgebet aber wieder auf. Ein Beschuss mit Langstreckenraketen löste an mehreren Orten im Norden Israels Luftschutzalarm aus – es handelte sich zum Großteil um Städte, in denen israelische Araber leben. Es ist ein bitterer Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte: ein Einstieg der proiranischen Hizbollah-Milizen im Libanon in die Kriegshandlungen. „Wir sind in voller Bereitschaft dafür“, sagt Israels Armeesprecher Hagari.
Der 37-jährige Gal, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, ist einer jener Reservisten, die nahe der Grenze zum Libanon bereit für den Einsatz sind. Sein Auftrag ist es, für den Nahkampf mit eindringenden Terroristen gerüstet zu sein und seine Gemeinde, in der 60 Familien leben, zu verteidigen. Die nötige Ausrüstung und Munition dafür hat er schon erhalten, seine Frau und die zwei Kinder sind längst weiter in die Landesmitte übergesiedelt, um vor Angriffen aus dem Norden geschützt zu sein. Ob er Angst hat? „Man muss ein Wahnsinniger sein, um zu sagen, man habe keine Angst“, meint Gal, „natürlich fürchte ich mich.“ Er habe aber gelernt, „die Angst zu nutzen, um aufmerksamer zu sein“.
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