Krieg in Israel

Hunderte Geiseln in Gaza: Israelis fühlen sich von der Welt verlassen

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Stühle mit Augen: eine Aktion in Tel Aviv zur Erinnerung an die Geiseln der Hamas.
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Nach dem Überfall der Hamas bangen Familien noch immer um das Schicksal Hunderter Geiseln – und wünschen sich von Regierung und Weltöffentlichkeit mehr Unterstützung.

Eigentlich ist Lion Yanai ein introvertierter Mensch. In den vergangenen Wochen wurde der 46-jährige Programmierer aber öfter live auf CNN interviewt, als so mancher Kongressabgeordnete der USA. „Ich bin es nicht gewöhnt, so viel mit Menschen zu sprechen“, sagt er und lacht. Es ist ein seltenes Lachen in diesen Tagen. Am 7. Oktober wurde Lions Schwester Moran auf dem Rave-Festival Nova von Terroristen in den Gazastreifen verschleppt. Nun wartet Lion seit vier Wochen darauf, „dass die Welt etwas unternimmt“.

Um darauf hinzuwirken, gibt er Tag und Nacht Interviews. „Es ist das Einzige, was ich für meine Schwester tun kann.“ Zwar demonstriere er auch in Israel und fordere die Regierung auf, die Geiseln zu befreien. „Ich kann mich aber nicht darauf verlassen, dass die israelische Regierung etwas unternimmt, also spreche ich so viel wie möglich mit dem Ausland.“ Seine Botschaft: „Ich will der Welt sagen, dass das uns alle betrifft. Das ist nicht einfach nur ein israelisch-palästinensisches Problem. Das könnte auch in eurem Hinterhof passieren.“

Auch 18 Deutsche sind unter den Geiseln

Yanai ist einer von Hunderten Angehörigen, die für die Rückführung ihrer Kinder, Eltern, Großeltern und Geschwister aus dem Gazastreifen kämpfen. Den israelischen Streitkräften zufolge haben die Angreifer der Hamas und anderer Terrorgruppen 242 Personen verschleppt, 18 davon sollen deutsche Staatsangehörige sein. Wie viele von ihnen noch am Leben sind, ist ungewiss. In den vergangenen Wochen wurden nur vier der Entführten ans Rote Kreuz übergeben, sie konnten den Gazastreifen verlassen. Eine israelische Soldatin, die 19-jährige Ora Megidish, konnte von der Armee befreit werden. Von den übrigen Geiseln fehlt weiter jede Spur. Auch Drohnen der US-Luftwaffe sollen nun helfen, die Verschleppten endlich aufzuspüren.

Die Angehörigen sind vier Wochen nach dem brutalen Überfall aber nicht nur verzweifelt, sondern auch wütend. Dutzende von ihnen blockierten am Freitag eine Straße in Tel Aviv und belagerten einen Eingang zur Kyria, dem Hauptquartier der Armee. Die Familien kündigten an, den Ort nicht zu verlassen, ehe Ministerpräsident Benjamin Netanjahu öffentlich verkünde, dass es keinen Waffenstillstand gibt, solange nicht alle Geiseln befreit sind.

Nicht alle Angehörigen denken so. Unter den Familien gibt es auch Befürworter eines Waffenstillstands und eines umfassenden Gefangenenaustauschs mit der Hamas. Sie sind aber eine kleine Minderheit. Lion weiß nicht, welche Strategie er für besser hält. „Dass meine Schwester gekidnappt wurde, macht mich weder zum Militärstrategen noch zum Politiker.“

TRAURIGE GEWISSHEIT

Tamar Gutman war eine der jungen Israelis, deren Schicksal nach dem Überfall der Hamas unklar war. Vor zwei Wochen sprach ihre Schwester Adva Gutman Tirosh mit der Frankfurter Rundschau über die Ungewissheit, ob Tamar unter den Geiseln oder den Toten nach dem Angriff der Terrormiliz war.

Nun gibt es für die Familie die traurige Nachricht, die an die Stelle der Unklarheit tritt: Tamar Gutman wurde von der Hamas getötet. Ihre Familie hat die 27-Jährige auf einem von den Terroristen veröffentlichten Video erkannt, das ihre Ermordung zeigt. Auch mehrere von Tamars Freund:innen, mit denen zusammen sie das „Nova“-Festival besucht hat, wurden bei dem Angriff umgebracht.

Mehr als 1300 Menschen hat die Hamas bei ihrem Überfall auf den Süden Israels getötet. Tamar Gutman ist eins von fast 300 Opfern, die allein nach dem Massaker zu beklagen waren, das die Israel-feindliche Organisation unter den Teilnehmenden des Festivals nahe dem Kibbutz Re’im angerichtet hat. rba

Unter manchen der Angehörigen macht sich Enttäuschung über den Westen breit. „Ich hätte mir von der internationalen Gemeinschaft mehr erwartet“, sagt Shaked Haran, die um das Schicksal von sieben Familienmitgliedern bangt – darunter ihre Mutter, ihre Schwester, ein achtjähriger Neffe und eine dreijährige Nichte. Nicht einmal zum „Offensichtlichsten“, einer klaren Distanzierung von der Hamas, habe sich der Westen durchgerungen, sagt sie. „Immer noch gibt es Kräfte, die so tun, als vertrete die Hamas etwas, das man rechtfertigen kann. Aber das ist keine ‚Free Palestine‘-Organisation, im Gegenteil.“ Am schwersten zu ertragen sei, „dass sich die Welt immer weniger für uns interessiert. Vor einem Monat hätte ich gesagt: Ich bin sicher, je länger die Geiseln dort sind, desto größer wird der Druck sein, dass sie freigelassen werden. Heute merke ich: Das Gegenteil ist der Fall.“

Tote und entführte Familienmitglieder

Die 34-Jährige Juristin ist im neunten Monat schwanger. Der Schock, als sie erfuhr, dass zehn Familienmitglieder vermisst waren, ließ sie kaum essen und schlafen, das wiederum löste in ihr Ängste um ihr Baby aus. Anfang dieser Woche erhielt sie die Nachricht, dass ihr Vater nicht in Gaza ist: Er war einer der vielen Bewohner:innen des Kibbutz Be’eri, die in dem Massaker ermordet wurden. Immer noch sind nicht alle Leichen identifiziert. „Es war eine niederschmetternde Nachricht“, sagt Haran, die auch vom Tod ihres Onkels und dessen Pflegers informiert worden war. „Wir haben gehofft, dass sie noch am Leben seien.“

Das Trauern um ihren Vater wird überschattet von der Angst um den Rest der Familie. „Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher ist, dass wir sie lebend wiedersehen werden.“ Wie sich europäische Staaten nun verhalten sollten? „Der Druck auf die Hamas sollte viel größer sein.“ Die Terrororganisation reagiere empfindlich auf Drohungen. „Wir wissen, dass das einer ihrer Schwachpunkte ist – diese starke Abhängigkeit von Finanzen aus dem Ausland.“

Nicht, dass sich Haran erhofft, dass dann sofort alle Geiseln auf einen Schlag freigelassen werden. „Es wäre schon etwas, wenigstens ein Minimum an Information zu bekommen“, sagt die zweifache Mutter: „Zu wissen, wer von ihnen noch am Leben ist, und wer nicht.“

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