Russlands Armee erleidet weiter Verluste – Frauen sollen die Lücke für Putin schließen
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Trotz hoher Verluste ist Russland zahlenmäßig überlegen – aber wie im Zweiten Weltkrieg könnten auch Frauen an die Front folgen. Ihre Anwerbung läuft.
Moskau – Nach fast einem Jahrhundert scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Russlands Welt ist männlich; auch die militärische, aber die Not zwingt zu Ausnahmen. Die zuletzt vom ukrainischen Generalstab über Facebook veröffentlichten Schätzungen der russischen Verluste im Ukraine-Krieg werfen aber die Frage auf, wie lange sich Wladimir Putin noch leisten kann, ausschließlich Männer an der Front zu opfern.
Rund 300.000 Gefallene werden seiner Invasionsarmee zugeschrieben – Tendenz steigend aufgrund der russischen Militär-Doktrin, die dem Einzelnen wenig Wert beimisst. Demnächst könnte Putin also auch Frauen in die Schützengräben werfen. Im Juli ist der Kreml in bestimmten Regionen Russlands zur Rekrutierung von Frauen angetreten. Darunter Freiwillige und weniger Freiwillige.
Frauen sollen für Putin im Ukraine-Krieg an die Front
Martin Fornusek schreibt im Kiev Independent: „Wie unabhängige Medien berichteten, hat das russische Verteidigungsministerium eine Rekrutierungskampagne gestartet, die sich an Frauen für Stellen als Ärztinnen, Krankenschwestern und Köchinnen im Militär richtet, mit einem möglichen Einsatz in der besetzten Ukraine.“ Seinen Informationen zufolge sollen Journalisten des unabhängigen russischen Nachrichtendienstes 7x7 eine Rekrutierungs-Hotline angerufen und dort erfahren haben, dass Frauen unter 50 Jahren ermutigt werden, Einjahres-Verträge beim Militär zu unterzeichnen; an Berufsausbildung soll wenig gefordert worden sein.
Auch Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu hat sich über die Nachrichtenagentur Ria Novosti geäußert: „Insgesamt dienen mehr als 39.000 Frauen in den Streitkräften, fast 5.000 von ihnen als Offiziere“, sagte Schoigu. Im aktuellen Konflikt seien seinen Informationen zufolge 1.100 Frauen involviert, auch in Führungspositionen. Fornusek zitiert Berichte der russischen Nichtregierungsorganisation Russia Behind Bars, nach denen Moskau außer in der Öffentlichkeit auch weibliche Gefangene für den Einsatz auf dem Schlachtfeld rekrutieren würde.
Frauen unter Waffen: Ausgleich für die Verluste Russlands im Ukraine-Krieg
Als typische Aufgaben neben dem Sanitätsdienst stehen Frauen in der russischen Armee der Dienst als Scharfschütze sowie als Drohnen-Operateur offen. Ähnlich wie in vielen westlichen Armeen. In mindestens 16 Industrienationen ist es Soldatinnen erlaubt, auch an der Front eingesetzt zu werden. In der Ukraine kann das ebenfalls geschehen. Auch die ukrainischen Verteidiger müssen ihre Kampfeinheiten auffüllen.
Frauen in beiden einst verbrüderten Armeen haben ihre Geschichte – allerdings nach außen hin keine ruhmreiche, sondern eher eine verschwiegene: in Militärparaden tauchten Frauen nie auf. Die Verteidigung der Heimat wird von Wladimir Putin als Männersache definiert, und die Umdeutung vor der Weltöffentlichkeit käme einem Offenbarungseid Putins gleich. In zweierlei Hinsicht. Das prophezeit die amerikanische Ostpolitik-Expertin Jennifer Mathers in der unabhängigen Moscow Times – sie sieht aktuell wenig Bemühungen Russlands, Frauen für die Front zu rekrutieren und damit den „vorherrschend maskulinisierten Charakter des Staates und seiner Streitkräfte zu stören“, wie sie schreibt.
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Frauen im Gefecht: Russlands inoffizielle Kriegserklärung an die Welt
Darüber hinaus wäre die verstärkte Mobilisierung kaum ohne inoffizielle Kriegserklärung an die Welt zu verkaufen. Mathers: „Wenn Moskau tatsächlich zu einer größeren Mobilisierung von Frauen für das Militär übergeht, müsste dies von einer klaren Begründung begleitet werden. Während des Zweiten Weltkriegs handelte es sich bei diesem Narrativ um den nationalen Notstand und die existenzielle Bedrohung. Würde man 80 Jahre später eine große Anzahl russischer Frauen in den Kampf schicken, würde dies ernsthafte Fragen über den Zustand von Putins ‚militärischer Sonderoperation‘ und sein Bekenntnis zu traditionellen gesellschaftlichen Werten aufwerfen.“
Dann wäre Russlands Revanchismus vollends durchgebrochen. Laut Beate Fieseler im Online-Magazin Dekoder ließ bereits der Zweite Weltkrieg in Russland auch traditionelle Rollenbilder verschwimmen: „Neuere Schätzungen sprechen von rund einer Million Frauen, die in Uniform am Krieg teilgenommen haben sollen, was einem durchschnittlichen Armeeanteil von circa drei Prozent entspricht. Es war ein sowjetisches Spezifikum, dass sich eine Minderheit aller Soldatinnen sogar bewaffnet am Kriegsgeschehen beteiligte: als Kampfpilotinnen, Scharfschützinnen (‚Flintenweiber‘), Panzerfahrerinnen sowie bei der Infanterie. Sie kämpften in gemischten Einheiten und auch in reinen Frauenstaffeln, vor allem bei der Luftwaffe.“ Gerade unter Wissenschaftlerinnen gelten Frauen in der russischen Armee als unterschätztes Potenzial. (Karsten Hinzmann)