Ukraine-Krieg

Russische Soldaten urinieren auf Nato-Fahrzeuge: Angebliches Rekrutierungsvideo macht die Runde

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Screenshot aus dem angeblichen Rekrutierungsvideo der russischen Armee, das in den sozialen Medien auftauchte.
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Das Netz rätselt über ein angebliches Rekrutierungsvideo der russischen Armee. Gab der Kreml die Propaganda in Auftrag?

Moskau – Bislang scheut der russische Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg vor einer Generalmobilmachung zurück. Nach Einschätzung britischer Militärexperten habe sich dies auch dank der Anwerbung von Söldnern bislang vermeiden lassen. Trotzdem benötigt Russland wegen seiner hohen Verluste Nachschub an Kämpfern. Womöglich macht der Kreml hier auch von ungewöhnlichen Methoden Gebrauch: Im Netz tauchte nun ein angebliches Rekrutierungsvideo Russlands auf.

Ukraine-Krieg: Angebliches Rekrutierungsvideo Moskaus taucht im Netz auf

Im August dieses Jahres schrieb die New York Times unter Berufung auf US-Regierungskreise von 300.000 Toten oder Verwundeten auf russischer Seite seit Kriegsbeginn. Während die genauen Zahlen unklar sind, steht eines fest: Russland braucht mehr Soldaten. Dafür setzte Moskau auf eine große Rekrutierungskampagne mit meist recht ernsten Videos. Nun tauchte auf der Plattform X und in anderen sozialen Medien jedoch ein Video auf, das einen anderen Ton anschlug. Offizielle Kanäle teilten den Kurzfilm zunächst nicht, weshalb dessen Urheberschaft sich nicht eindeutig dem russischen Verteidigungsministerium zuordnen ließ. Die Produktion wirkte allerdings professionell und ließ damit auf ein höheres Budget schließen.

Zu Beginn der Aufnahmen stehen zwei russische Soldaten in Uniform nebeneinander und urinieren. Hinter ihnen sind Rauchschwaden zu erkennen. „Und sie sagten, Nato-Ausrüstung brennt nicht“, hört man den einen Soldaten zum anderen sagen. „Sie brennt!“, so der Soldat weiter, sogar so stark, dass es schwer sei, [das Feuer] zu löschen, heißt es weiter, während die Kameraperspektive wechselt und einen Überblick über das Schlachtfeld zeigt. Dort zu sehen mehrere Nato-Fahrzeuge. Dabei soll es sich laut einem pro-russischen Kriegsblogger unter anderem um einen amerikanischen M1224 MaxxPro-Schützenpanzer, ein Paar M2A2 Bradley ODS-SA-Schützenpanzer sowie zwei deutsche Leopard 2A4 handeln. Die Propaganda ging viral: Über 800.000 Aufrufe hatte der Clip bereits nach wenigen Tagen (Stand 10. November, 22.00 Uhr).

Das US-Magazin Newsweek prüfte die Echtheit des Videos mit verschiedenen Methoden. Eine abschließende Verifizierung gelang nicht, ebenso wenig konnte mit Sicherheit bestimmt werden, ob die gezeigten Fahrzeuge aus Nato-Bestand kamen oder Repliken waren. Feststellen ließ sich aber, dass unabhängige Produktionsfirmen nicht mit dem Video in Verbindung gebracht werden konnten und das Material erstmals diese Woche im Netz auftauchte. „Verbrenn es mit uns!“, lautete der Aufruf am Ende des Videos. Kontaktinformationen des russischen Verteidigungsministeriums schienen darin allerdings nicht auf.

Russland soll schon in der Vergangenheit inoffizielle Propagandavideos gedreht haben

Schon in der Vergangenheit war dem Kreml die Produktion von nicht inoffiziellen Propagandavideos zu Rekrutierungszwecken unterstellt worden, wie der Guardian etwa über einen Fall aus dem Jahr 2018 berichtete. Dass Russland die Regeln der sozialen Medien beherrscht, ist spätestens seit Bekanntwerden der russischen Trollfabriken klar. Nicht umsonst kämpft die Ukraine auch mit einer IT-Armee. Während des laufenden Jahres habe man 385.000 neue Soldaten rekrutiert, teilte der frühere Präsident Russlands, Dmitri Medwedew, im Oktober mit. Dabei setzt Moskau auch auf Schwerverbrecher. „Wer verurteilt wurde, auch für schwere Verbrechen, sühnt mit seinem Blut auf dem Schlachtfeld für seine Tat“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Freitag in Moskau. 

Die Ukraine veröffentlicht keine Angaben zu den Verlusten innerhalb der eigenen Reihen. Bereits 70.000 ukrainische Soldaten sollen gefallen und bis zu 120.000 verletzt worden sein, wie die New York Times berichtete. Auch Kiew muss sich also um die Schaffung und Ausbildung der notwendigen Reserven kümmern. Der ukrainische Oberbefehlshaber Walery Saluschny forderte deshalb unter anderem eine Erhöhung der Anreize für den Militärdienst. In einem langen Krieg habe Russland die Oberhand, warnte der Militär in einem Interview mit dem Economist. Die Bevölkerung sei dreimal so groß, die Wirtschaft zehnmal so groß. Russland sei ein „Feudalstaat, in dem die billigste Ressource ein Menschenleben ist“, so der Militär.

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