Nahost

Tage des Terrors in Israel: Ein Jahr nach dem Massaker der Hamas kämpfen Angehörige noch immer um die Verschleppten

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Ein kleiner Kuchen (vorne) für den 5. Geburtstag von Ariel Bibas im August. Das Kind hat ihn nicht gesehen. Es ist seit einem Jahr in der Hand der Hamas.
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Gut 100 Entführte sind weiterhin in der Hand der Hamas. Ihre Angehörigen führen einen hilflosen Kampf - auch gegen Radikale in der israelischen Regierung, die eine Waffenruhe verhindern.

Am kommenden Donnerstag wird Yarden Bibas 37 Jahre alt. Es wird der zweite Geburtstag sein, den er in der Gewalt der Hamas begeht. Am 7. Oktober 2023 wurde Yarden von Hamas-Terroristen nach Gaza verschleppt. Getrennt von seiner Frau Shiri, dem vierjährigen Sohn Ariel und dem neun Monate alte Baby Kfir, die ebenfalls gekidnappt wurden. Seither ist fast ein Jahr vergangen. Von der ganzen Familie fehlt jede Spur.

Es war ein Jahr, in dem Yardens Schwester Ofri Bibas-Levy durch eine Schwangerschaft ging, von der sie ihrem Bruder nie erzählen konnte, und in dem sie ihren Sohn Afik auf die Welt brachte, der nun schon bald vier Monate alt ist. „So viel ist passiert“, sagt Ofri, „trotzdem stecke ich geistig immer noch im 7. Oktober fest und komme nicht vom Fleck.“

Das einzige, was mich morgens aufstehen lässt, ist mein Kampf für ihre Rückkehr.

Ofri Bibas Levi, Schwester eines Entführten.

In kleinen Momenten im Alltag kommt alles hoch. „Wenn ich morgens Kaffee mache, frage ich mich, ob sie dort etwas zu trinken haben.“ Die totale Ungewissheit sei schwer zu ertragen. „Nicht zu wissen, ob sie tot oder am Leben sind, ob sie gefoltert werden, ob sie Wasser bekommen.“ Ofri erzählt von ihrer Depression, ausgelöst durch das Schicksal ihres Bruders und seiner Familie. „Das einzige, was mich morgens aufstehen lässt, ist mein Kampf für ihre Rückkehr.“

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Ausgerechnet dieser Kampf wird nun durch die äußeren Ereignisse gebremst. Die Angehörigen der Geiseln und die Tausenden Freiwilligen, die ihnen helfen, rufen weiter nach einer Waffenruhe in Gaza. Nun tobt aber auch im Norden des Landes ein offener Krieg mit der Hisbollah im Libanon. Jeden Tag feuert die Terrormiliz auf den Norden Israels, allein am Samstag waren es 130 Raketen. Dazu kommen Drohnen aus dem Jemen und aus dem Irak – und zuletzt 180 Raketen aus dem Iran. Ausgerechnet jetzt, zum ersten Jahrestag des schlimmsten Massakers an den Juden seit dem Holocaust, wenn doch eigentlich das ganze Land innehalten wollte und Ofri sich endlich in ihrer Trauer nicht so allein gefühlt hätte, spricht alles nur vom Krieg. Und kaum jemand denkt noch an die Geiseln: 101 sind immer noch in der Gewalt der Hamas. Unter ihnen Yarden, Shiri, Ariel und Kfir Bibas.

Hamas hielt sich nicht an Übereinkommen zu Geiseln

Als Ende November 2023 mehr als hundert Geiseln durch einen Deal mit der Hamas befreit wurden und nach Israel zurückkehren konnten, standen auch Baby Kfir, der vierjährige Ariel und Mutter Shiri auf der Liste jener Verschleppten, die im Austausch gegen palästinensische Häftlinge freigelassen werden sollten. Doch die Hamas hielt sich nicht an das Übereinkommen, der Waffenstillstand platzte, der Krieg ging weiter – und Kinder und Mutter blieben in der Gewalt der Hamas.

Danach gab es Dutzende Verhandlungsrunden über einen neuen Deal, nächtelange Gespräche in Doha, Kairo und Paris. Jedes Mal, wenn wieder jemand behauptete, man stehe kurz vor einem Abschluss, flackerte in Ofri leise Hoffnung für ihre beiden Neffen und ihre Schwägerin auf. Doch jedes Mal platzte der Wunschtraum. Nun wird nicht einmal mehr verhandelt. Hamas-Führer Yahya Sinwar ist untergetaucht, er soll auch telefonisch nicht mehr erreichbar sein – aus Angst vor einer gezielten Tötung, wie sie seinen Vorgänger Ismail Haniyeh ereilte. Und die Leiter der Geiselverhandlungen, die USA, sind nur noch damit beschäftigt, die sich ausbreitenden Flammen des nahöstlichen Flächenbrands zu löschen. Keine Rede mehr davon, die seit einem Jahr wortwörtlich im Feuer Gefangenen zu befreien.

Jedes Mal, wenn ein Auto sich ihrem Haus nähert, beginnt Ofris Herz lauter zu schlagen, aus Angst, dass es Soldaten sind, die ihr die Nachricht vom Tod ihres Bruders übermitteln. Als im Libanon Tausende Pager explodierten und bald klar war, dass es ein Schlag Israels gegen die Hisbollah war, wurde sie nervös. Sie ahnte, dass dadurch die Geiseln auf der Agenda schon bald weit nach unten rutschen würden. Und sie behielt recht. „Ich kann jetzt nur versuchen, noch mehr zu kämpfen, immer daran zu erinnern: Was auch immer im Norden passiert – wir haben immer noch 101 Geiseln in Gaza.“

Jeden Tag telefoniert Ofri jetzt mit Yifat. Auch Yifat Zailer zittert um die Familie Bibas – um ihre Cousine Shiri, deren Mann und Kinder. Auch Yifat bezieht ihre Kraft aus dem politischen Kampf dafür, dass Israels Öffentlichkeit die Geiseln nicht vergisst und einen Waffenstillstand fordert.

Mehrheit der Israelis befürwortet Waffenruhe in Gaza

Immer wieder begegnen ihr dann Menschen, die eine Waffenruhe in Gaza ablehnen. Diese Menschen argumentieren, dass 101 Geiseln niemals den Vorrang haben könnten gegenüber Millionen von Israelis, deren Sicherheit in Gefahr wäre, würde man in Gaza sofort die Waffen niederlegen. Yifat hört dann zu, zeigt Verständnis. „Diese Leute sprechen aus Angst“, sagt sie. „Und es stimmt ja: Die Hamas muss weg – für unsere Sicherheit, aber auch den Palästinensern zuliebe.“ Dennoch entspreche es nicht ihrem Sinn von Gerechtigkeit, dafür einfach hundert Menschenleben zu opfern.

Auch Ofri kann dem Argument, dass man jetzt in Gaza immer weiter kämpfen müsse, um einen zweites Massaker zu verhindern, wenig abgewinnen. „Der 7. Oktober ist ja nicht deshalb passiert, weil die Armee der Hamas unterlegen ist, sondern weil im Vorfeld Fehler gemacht und Warnungen nicht ernst genommen wurden.“ Fehler, aus denen das Land und seine Verantwortlichen nun lernen werden, hoffen die beiden Angehörigen.

Laut Umfragen befürwortet eine Mehrheit der Israelis eine Waffenruhe in Gaza. „Die, die sich dagegen stemmen, sind eine radikale Minderheit, die man aber in den Medien sehr oft hört“, sagt Yifat. „Sie sitzen schließlich in der Regierung.“ Und diese Regierung tüftelt jetzt an einem Gegenschlag im Iran. Während Ofri und Yifat an ihre Angehörigen denken und wissen, „dass jede Sekunde, die vergeht, die letzte Sekunde ihres Leben sein kann“.

Wenn Regierungspolitiker einmal abseits der Kameras mit den Angehörigen der Geiseln sprechen, „dann sagen sie uns, dass sie doch so wie wir für eine Waffenruhe in Gaza sind“, erzählt Yifat. „Aber dann kommt wieder die Parteipolitik ins Spiel.“

Politische Spielchen führten auch dazu, dass das nationale Gedenken an den 7. Oktober kein vereintes Gedenken sein wird. Die offizielle Zeremonie der Regierung Netanjahu findet in Sderot und Ofakim im Süden Israels statt – zufällig zwei Orte, an denen Netanjahus Likud-Partei traditionell stark ist.

Diese Politisierung des Gedenkens wollten die Vertreter:innen der Massakeropfer nicht hinnehmen und kündigten an, der Zeremonie fern zu bleiben. Staatspräsident Yitzchak Herzog versuchte, zwischen den Fronten zu vermitteln und bot an, seine Residenz für die Staatsfeier zu öffnen – als neutralen Ort, „ohne politische Symbolik“, wie er es formulierte. Doch Netanjahus Partei lehnte dies ab.

Ofri Bibas Levi mit dem Fotoalbum der Familie.

Es gibt nun ein zersplittertes Gedenken: Die beim Massaker überfallenen Kibbutzim organisieren jeweils eigene Zeremonien, die Angehörigen der Opfer des Nova-Festivals begingen das Gedenken bereits am Freitag, und Sonntagabend laden die Angehörigen der Geiselfamilien in den Yarkon-Park nach Tel Aviv. Die Regierungszeremonie hingegen findet erst am 24. Oktober statt – am Jahrestag des hebräischen Datums, an dem das Massaker stattfand.

Ofri und Yifat sagen, es tue ihnen weh zu sehen, dass das Schicksal der Geiseln für politische Zwecke missbraucht wird. „Kfir und Ariel haben keine politische Meinung“, sagt Yifat über die Kinder der Familie Bibas. „Sie wollen nur leben, vereint mit ihrem Vater und in Freiheit.“

Ihre Großeltern werden sie hingegen nie wiedersehen. Margit und Yossi Silberman wurden noch am 7. Oktober von den Terroristen ermordet. Ihre sterblichen Überreste fand man erst zwei Wochen später in ihrem abgebrannten Haus im Kibbutz Nir Oz.

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