Der Ukraine-Krieg ist der erste Cyberkrieg in großem Stil. Eine Armee aus tausenden Freiwilligen kämpft am Computer – statt an der Front gegen Russland.
Kiew – 10.000 aktive Freiwillige kämpfen im Ukraine-Krieg im Hintergrund mit den Männern an der Front: Die Mitglieder der Freiwilligenorganisation IT-Armee der Ukraine greifen in Russland die Dienste von Eisenbahnen, Steuerbehörden und Mautstationen an – und setzen diese für Stunden, Tage oder in seltenen Fällen Wochen lahm. Ihre Waffen sind keine Storm Shadows oder Maschinengewehre, sondern DDoS-Angriffe. Denn die Frontlinie verläuft auch im Netz – und überschreitet manchmal legale Grenzen.
IT-Armee der Ukraine kämpft mit DDoS-Angriffen im Cyberkrieg gegen Russland
Bei Distributed Denial-of-Service (DDoS)-Attacken senden die Angreifer eine große Anzahl an Anfragen von verschiedenen Rechnern aus an eine Webseite, bis der Server überlastet ist und zusammenbricht. Damit wolle man die Wirtschaft Russlands lahmlegen, lebenswichtige Finanz-, Infrastruktur- und Regierungsdienste blockieren und „feindlicher Medienpropaganda entgegenwirken“, erklärte der Sprecher der IT-Armee der Ukraine, der nur mit dem Namen „George“ angesprochen werden möchte, gegenüber fr.de von IPPEN.MEDIA. Im Prinzip könne sich jeder anschließen, der über einen Computer und einen Internetzugang verfügt. Auch Russland verwendet diese Technik und greift damit unter anderem europäische Ziele an.
Nur zwei Tage nach Kriegsbeginn gab der Minister für Digitale Transformation der Ukraine, Mykhailo Fedorov, die Gründung der IT-Armee bekannt. Neben den tausenden Freiwilligen besteht die dezentral verwaltete Organisation aus einer Kerngruppe aus 20 bis 30 leitenden Angestellten. George, der etwa 40 Jahre alte Pressesprecher der Armee, ist von Anfang an mit dabei, wie er fr.de erzählt. Eigentlich sei er Technologieunternehmer, doch die IT-Armee sei seine Leidenschaft und aus seiner Sicht auch ein aufrichtiger Beitrag zum Kampf gegen Russland – auch wenn er selbst nicht mit Waffen kämpfe. Die Bedrohung durch Bombenangriffe und die Einschränkung seiner Freiheit seien für ihn persönlich die größten Einschnitte seit Beginn der Invasion gewesen, gibt George einen persönlichen Einblick.
We are creating an IT army. We need digital talents. All operational tasks will be given here: https://t.co/Ie4ESfxoSn. There will be tasks for everyone. We continue to fight on the cyber front. The first task is on the channel for cyber specialists.
„Solche DDOS-Angriffe sind im Wesentlichen Materialschlachten“, beschreibt der Computerspezialist des Chaos Computer Clubs, Joachim Stelzer gegenüber fr.de die Hintergründe. „Bildlich gesprochen: Der Angreifer schickt 1000 Leute zum Supermarkt, um dort die Kassenschlange zu blockieren, und der Supermarkt versucht, die 1000 Leute von den echten Kund:innen zu unterscheiden und öffnet alle vorhandenen Kassen.“ Das Problem sei offensichtlich: Es gebe nur begrenzt viele Kassen, und das Herausfiltern ehrlicher Kund:innen funktioniert auch nur so lange, bis der Angreifer herausfinde, worauf der Supermarkt achtet und seine Leute entsprechend verkleide.
IT Armee der Ukraine: Angriff ist die beste Verteidigung?
Der Schwerpunkt der IT-Armee liegt also im Angriff, nicht in der Verteidigung. Der Grund: Für den Schutz kritischer Infrastruktur braucht es Zugang zu sensiblen Daten und Systemen, die anonyme Freiwillige nicht erhalten können. Zuständig für die Verteidigung der Cybersicherheit – etwa gegen russische Hackergruppen wie die NoName057(16) und andere – ist der Sonderkommunikationsdienst der Ukraine. Offensive Maßnahmen sind für die Cyberarmee da der logische Schritt. Eine ihrer bekannteren Aktionen war etwa der Angriff auf das russische Navigationssystem Glonass – eine Alternative zum US-amerikanischen Global Positioning System (GPS). Details dazu wollte der Pressesprecher allerdings nicht verraten.
Viele Einsätze würden im „Schattenmodus“ geführt und seien nicht öffentlich bekannt, ergänzte George. In der Regel würden jederzeit zwei bis drei Missionen gleichzeitig laufen, mit jeweils drei bis 15 wichtigen Diensten als Ziel. Der Ukraine-Krieg gilt als erster Cyberkrieg in großem Stil und Technologie spielt eine wichtige Rolle. Künstliche Intelligenz (KI) sei aber kein großes Thema bei der IT-Armee, so der Pressesprecher weiter. Das hat offenbar vor allem rechtliche Gründe. „Insbesondere in Bezug auf ChatGPT oder andere KI-Tools halten wir uns an Grundsätze, die Aktivitäten verhindern, die in Grauzonen fallen könnten“, lautet die knappe Antwort.
So schützt sich die IT-Armee der Ukraine gegen russische Spione
Eine Absprache mit dem Verteidigungsministerium gibt es Angaben der Armee zufolge in der Regel nicht und die Organisation ist keinem Ministerium in der Ukraine direkt untergeordnet. Eine „Koordinierung mit externen Stellen ist bei der Auswahl von Zielen nicht üblich“, so der Pressesprecher. Auch eine Identitätsprüfung der Mitglieder findet nicht statt. Wie man die Infiltration in das System von russischen Spionen verhindere? Erstens gebe man die Missionen nicht öffentlich bekannt.
Zudem müssen „die Mitwirkenden lediglich eine bestimmte Software installieren, und die Konfiguration wird automatisch aktualisiert“, so der Sprecher. Dieses Design verhindere, dass böswillige Akteure eingreifen können, und mache die Teilnahme an den Aktionen für alle Beteiligten sicher und einfach. Nennenswerte Schäden können Freiwillige ohnehin nicht anrichten. „Selbst wenn ein Spion eindringt, kann er nur einen kleinen Aspekt beeinflussen, etwa einen Telegram-Post“, hieß es weiter.
IT-Armee weder rechtmäßig noch unrechtmäßig? „Befinden uns in beispielloser Situation“
Der rechtliche Status der IT-Armee ist laut dem CSS Cyber Defense Report von Stefan Soesanto an der Universität ETH Zürich „weder rechtmäßig noch unrechtmäßig“. Dieser Standpunkt spiegele die „komplexen und beispiellose Situation wider, in der wir uns befinden“, räumt der Sprecher ein. „Wir engagieren uns in einer Form des Widerstands, die im bestehenden Rechtsrahmen nicht vorgesehen war, nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit.“ Man sei sich bewusst, dass etwa DDoS-Angriffe unter herkömmlichen rechtlichen Bedingungen als illegal gelten.
Es seien „außergewöhnliche Zeiten, die außergewöhnliche Maßnahmen erfordern“, so der Sprecher weiter. „Die Justizsysteme auf der ganzen Welt sollten die einzigartigen Bedingungen und Motivationen berücksichtigen, die unsere Mitglieder zum Handeln bewegen.“ Es gebe aber keine „unethischen Praktiken“ in der IT-Armee. Man verwende Proxys und keine Botnets, betonte der Sprecher. Denn: Auch Botnets sind rechtlich problematisch.
Kampf mit Botnets gegen Moskau: Illegale Attacken von freiwilligen Akteuren
„Ein Botnet ist ein Netz gekaperter Rechner“, sagt das Mitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) Joachim Stelzer zu fr.de von IPPEN.MEDIA. „Entscheidend für den Erfolg eines Botnets ist dessen Größe, sodass es auf legalem Weg schwer möglich ist, an genügend Geräte zu kommen. Ein Botnet besteht also in der Regel aus illegal übernommenen Maschinen“, so Stelzer weiter. Ein Proxy sei hingegen ein Stück Software, welches von einem Client kommende Anfragen weiterleite. Dieses Stück Software könne prinzipiell überall laufen: „auf eigener Hardware oder auf gekaperten Maschinen eines Botnet. Die Begriffe Botnet und Proxy schließen also einander nicht aus“, erklärte der Computerexperte.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
CCC-Mitglied Stelzer äußerte die Vermutung, dass die IT-Armee betone Proxys zu verwenden, weil sie Wert darauf lege, für ihre DDoS-Angriffe nicht feindlich übernommene Systeme Unbeteiligter zu nutzen, sondern ihre eigene Hardware. „Wir sind darauf angewiesen, dass einige unserer Mitglieder Proxys mitbringen, die tatsächlich als Teil eines Botnetzes betrachtet werden können“, räumte George auf Nachfrage ein. Allerdings von Akteuren, die freiwillig daran teilnehmen, betonte der Pressesprecher.
IT-Armee wird „Hilfe in dieser schwierigen Zeit nie vergessen“
Würden staatliche Akteure, insbesondere Armeen, auf dem Schwarzmarkt ein Botnet für ihre Aktivitäten mieten – oder „zusammenstehlen“ – hieße das, dass sie Unbeteiligte aus aller Welt in einen Krieg hineinzögen, gibt Computerspezialist Stelzer zu verstehen. „Das wäre etwa so, als hielte die ukrainische Armee auf ihrem Territorium alle ausländischen Fahrzeuge an und zwänge die Insassinnen zum Frontdienst“. Technisch sei das vielleicht möglich, „aber gerade die auf die Solidarität der westlichen Länder angewiesene Ukraine kann sich einen solchen Schritt meiner Einschätzung nach nicht leisten“, so Stelzer weiter.
Die IT-Armee hoffe indes, dass ihre Aktionen im Kontext eines Überlebenskampfes gesehen werden, erklärt George. Für jeden Beitrag sei man dankbar – wichtiger als Fachwissen sei dabei die moralische Unterstützung. „Wir kämpfen gegen einen starken Gegner und sind dankbar für jede Unterstützung durch unsere Freunde in Deutschland und der ganzen Welt“, so der Sprecher und ergänzte, dass die Ukrainer die Hilfe, die Menschen in dieser schwierigen Zeit geleistet haben, nie vergessen werden. (bme)