USA

„Florida Man“ Bolsonaro: Das neue Leben des alten Präsidenten Brasiliens

  • schließen

Fluchtartig verlässt Jair Bolsonaro nach seiner Wahlniederlage Brasilien und schlägt seine Zelte in Florida auf – dort wird er von seiner Gefolgschaft gefeiert.

Kissimmee – Während seine radikale Gefolgschaft einen Putsch forderte und Regierungsgebäude stürmte, hat sich Jair Bolsonaro ein neues Zuhause in Florida aufgebaut. Verschlagen hat es den brasilianischen Ex-Präsidenten nach Kissimmee – ein kleiner Vorort von Orlando, rund 21 Kilometer vom Freizeitpark Disney World entfernt.

Der Rechtsextremist kehrte Brasilien pünktlich am 1. Januar 2023, zur Vereidigung des neuen Präsidenten Lula da Silva, den Rücken. Ob es Bolsonaro nur aufgrund des tropischen Klimas nach Florida zog, oder ob er wusste, dass ihn dort viele Anhänger:innen erwarten würden, ist ungewiss. Fakt ist, dass in den vergangenen Tagen verschiedene Fotos in den sozialen Medien auftauchten, die zeigen, wie der Ex-Präsident mit Fans posiert.

Medienberichten zufolge wohnt Bolsonaro derzeit in einem „bescheidenen zweistöckigen Haus“. Bei seiner in den USA lebenden Gefolgschaft scheint das gut anzukommen: „Er könnte mit Trump in Mar-a-Lago sein, aber er ist hier in Orlando, und jeder weiß, dass er hier ist“, sagte Leandro Neiva im Gespräch mit der Washington Post.

Jair Bolsonaro macht den Donald Trump: Demokrat:innen fordern Ausweisung

Apropos, Donald Trump: Wie auch der frühere US-Präsident streute Bolsonaro bereits vor seiner Wahlniederlage im vergangenen Oktober das Narrativ, dass die politischen Rival:innen versuchen würden, die Wahl zu manipulieren. In Miami stimmte ein Großteil der brasilianischen Auswander:innen damals für seine Wiederwahl – viele von ihnen glauben heute, dass die Wahl „gestohlen wurde“. Dass der sonst so patriotische Bolsonaro nun nach Florida flüchtet, zeigt einmal mehr, wie er sich den Spitznamen „Tropen-Trump“ über Jahre erarbeiten konnte. Auch das Original liebäugelte mit einer Ausreise nach Schottland, beließ es letzten Endes aber dabei, der Amtseinführung von Joe Biden einfach nicht beizuwohnen.

Jair Bolsonaro: Vom Fallschirmjäger zum brasilianischen Präsidenten

Jair Messias Bolsonaro wird am 21. März 1955 in Glicério im Bundesstaat São Paulo geboren. Seine Vorfahren stammen größtenteils aus Italien – sein Urgroßvater väterlicherseits war hingegen ein deutscher Einwanderer. Benannt wird der junge Jair nach dem brasilianischen Fußballspieler Jair da Rosa Pinto, der unter anderem für den Santos FC als offensiver Mittelfeldspieler im Einsatz war und sich mit dem späteren Präsidenten den Geburtstag teilt.
Jair Messias Bolsonaro wird am 21. März 1955 in Glicério im Bundesstaat São Paulo geboren. Seine Vorfahren stammen größtenteils aus Italien – sein Urgroßvater väterlicherseits war hingegen ein deutscher Einwanderer. Benannt wird der junge Jair nach dem brasilianischen Fußballspieler Jair da Rosa Pinto, der unter anderem für den Santos FC als offensiver Mittelfeldspieler im Einsatz war und sich mit dem späteren Präsidenten den Geburtstag teilt. © Antonio Molina/Imago
Jair Bolsonaro verbringt seine Kindheit und Jugend im Gegensatz zu seinem Namensvetter allerdings nicht in halb Brasilien, sondern wächst mit fünf Geschwistern – drei Schwestern und zwei Brüder – in verschiedenen Stadtteilen São Paulos auf. Sesshaft wird die Familie schließlich in Eldorado, im Süden der Millionenstadt. Dort besucht Jair Bolsonaro die staatlich-wissenschaftliche Schule „Eldorado Paulista“. In seiner Freizeit schießt der junge Jair gerne mit einer Schrotflinte auf Vögel und verdient sich mit dem Fischfang ein kleines Taschengeld.
Jair Bolsonaro verbringt seine Kindheit und Jugend im Gegensatz zu seinem Namensvetter allerdings nicht in halb Brasilien, sondern wächst mit fünf Geschwistern – drei Schwestern und zwei Brüder – in verschiedenen Stadtteilen São Paulos auf. Sesshaft wird die Familie schließlich in Eldorado, im Süden der Millionenstadt. Dort besucht Jair Bolsonaro die staatlich-wissenschaftliche Schule „Eldorado Paulista“. In seiner Freizeit schießt der junge Jair gerne mit einer Schrotflinte auf Vögel und verdient sich mit dem Fischfang ein kleines Taschengeld. © Geff Reis/Imago
Jair Bolsonaro bei einer Wahlkampfveranstaltung 2018 mit Soldaten in São Paulo. Seine eigene Karriere beim Militär beginnt er noch vor seinem Schulabschluss auf der Kadettenschule Escola Preparatória de Cadetes do Exército in seiner Heimatstadt im Jahr 1973. Ein Jahr später wechselt er an die Academia Militar das Agulhas Negras, die Hauptakademie des brasilianischen Militärs, die Bolsonaro im Jahr 1977 als Leutnant der Artillerie abschließt. In den Jahren darauf wird er von der brasilianischen Armee unter anderem als Fallschirmjäger eingesetzt.
Jair Bolsonaro bei einer Wahlkampfveranstaltung 2018 mit Soldaten in São Paulo. Seine eigene Karriere beim Militär beginnt er noch vor seinem Schulabschluss auf der Kadettenschule Escola Preparatória de Cadetes do Exército in seiner Heimatstadt im Jahr 1973. Ein Jahr später wechselt er an die Academia Militar das Agulhas Negras, die Hauptakademie des brasilianischen Militärs, die Bolsonaro im Jahr 1977 als Leutnant der Artillerie abschließt. In den Jahren darauf wird er von der brasilianischen Armee unter anderem als Fallschirmjäger eingesetzt. © Nelson Almeida/AFP
Von seinen Vorgesetzten wird Jair Bolsonaro als „aggressiv“ und „übermäßig ehrgeizig“ beschrieben – er habe vor allem finanzielle und wirtschaftliche Vorteile zu erlangen versucht. Die Vorwürfe hängen unter anderem mit Bolsonaros Versuch zusammen, während seiner Militärlaufbahn im brasilianischen Bundesstaat Bahia Gold zu schürfen. Ihm zufolge habe es sich aber allerdings nur um ein Hobby gehandelt.
Von seinen Vorgesetzten wird Jair Bolsonaro als „aggressiv“ und „übermäßig ehrgeizig“ beschrieben – er habe vor allem finanzielle und wirtschaftliche Vorteile zu erlangen versucht. Die Vorwürfe hängen unter anderem mit Bolsonaros Versuch zusammen, während seiner Militärlaufbahn im brasilianischen Bundesstaat Bahia Gold zu schürfen. Ihm zufolge habe es sich aber allerdings nur um ein Hobby gehandelt. © Apu Gomes/AFP
Jair Bolsonaro erlangt erstmals 1986 öffentliche Aufmerksamkeit, als er dem Nachrichtenmagazin Veja ein Interview gibt. Darin beklagt er sich über die niedrigen Militärgehälter und behauptete, das Oberkommando entlasse Offiziere aufgrund von Haushaltskürzungen. Während er von seinen Vorgesetzten gemaßregelt wird, erhält Bolsonaro Lob von Offizierskollegen und wird in der rechtsextremen Szene langsam aber sicher ein Begriff, die unzufrieden mit der neuen demokratischen Regierung in Brasilien ist.
Jair Bolsonaro erlangt erstmals 1986 öffentliche Aufmerksamkeit, als er dem Nachrichtenmagazin Veja ein Interview gibt. Darin beklagt er sich über die niedrigen Militärgehälter und behauptete, das Oberkommando entlasse Offiziere aufgrund von Haushaltskürzungen. Während er von seinen Vorgesetzten gemaßregelt wird, erhält Bolsonaro Lob von Offizierskollegen und wird in der rechtsextremen Szene langsam aber sicher ein Begriff, die unzufrieden mit der neuen demokratischen Regierung in Brasilien ist. © Daniel Ramalho/AFP
Ein Jahr später wird Jair Bolsonaro mit schweren Anschuldigungen konfrontiert, als die Veja berichtet, dass er zusammen mit einem Armeekollegen geplant habe, Bomben in Militäreinheiten in Rio de Janeiro zu legen. Bolsonaro bezeichnet die Behauptungen zunächst als „Hirngespinst“, doch die Zeitschrift veröffentlicht daraufhin detaillierte Skizzen und Unterlagen, die ihn mit Meutereiplänen in Verbindung bringen. Schlussendlich wird der Hauptmann vom Militärgericht jedoch aufgrund von „tiefgehenden Widersprüchen“ freigesprochen. Im Dezember 1988, kurz nach dem Urteil, verlässt Bolsonaro nach 15 Jahren Militärdienst die Armee, um sich fortan seiner politischen Karriere zu widmen.
Ein Jahr später wird Jair Bolsonaro mit schweren Anschuldigungen konfrontiert, als die Veja berichtet, dass er zusammen mit einem Armeekollegen geplant habe, Bomben in Militäreinheiten in Rio de Janeiro zu legen. Bolsonaro bezeichnet die Behauptungen zunächst als „Hirngespinst“, doch die Zeitschrift veröffentlicht daraufhin detaillierte Skizzen und Unterlagen, die ihn mit Meutereiplänen in Verbindung bringen. Schlussendlich wird der Hauptmann vom Militärgericht jedoch aufgrund von „tiefgehenden Widersprüchen“ freigesprochen. Im Dezember 1988, kurz nach dem Urteil, verlässt Bolsonaro nach 15 Jahren Militärdienst die Armee, um sich fortan seiner politischen Karriere zu widmen. © Douglas Magno/AFP
1989 wird Jair Bolsonaro als Vertreter der Christdemokratischen Partei (PDC) zum Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt. Der Biografie seines Sohnes Flávio zufolge, habe sein Vater nur kandidiert, „weil dies die einzige Option war […], um der Verfolgung durch einige Vorgesetzte zu entgehen“. In seinen zwei Jahren in der Gemeindekammer wird der spätere Präsident als ruhig und konservativ beschrieben. In den Sitzungen bringt er sich nur wenig ein und macht kaum von sich Reden.
1989 wird Jair Bolsonaro als Vertreter der Christdemokratischen Partei (PDC) zum Stadtrat von Rio de Janeiro gewählt. Der Biografie seines Sohnes Flávio zufolge, habe sein Vater nur kandidiert, „weil dies die einzige Option war […], um der Verfolgung durch einige Vorgesetzte zu entgehen“. In seinen zwei Jahren in der Gemeindekammer wird der spätere Präsident als ruhig und konservativ beschrieben. In den Sitzungen bringt er sich nur wenig ein und macht kaum von sich Reden. © Evaristo Sa/AFP
Bei den Wahlen im Jahr 1990 wird Jair Bolsonaro als Abgeordneter für die Christdemokratische Partei (PDC) gewählt. Von 1991 bis 2018 absolviert er sieben aufeinanderfolgende Amtszeiten – wenn auch als Mitglied verschiedener Parteien. In 28 Jahren wechselt er achtmal die Parteizugehörigkeit, am längsten ist er bei der „Partido Progressista Brasileiro (PPB)“ (1995–2003). Von 2016 bis 2018 gehört er der „Partido Social Cristão (PSC)“ an, ehe er 2019 austritt und fortan Mitglied der mitgegründeten „Aliança pelo Brasil“ wird, die dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet wird.
Bei den Wahlen im Jahr 1990 wird Jair Bolsonaro als Abgeordneter für die Christdemokratische Partei (PDC) gewählt. Von 1991 bis 2018 absolviert er sieben aufeinanderfolgende Amtszeiten – wenn auch als Mitglied verschiedener Parteien. In 28 Jahren wechselt er achtmal die Parteizugehörigkeit, am längsten ist er bei der „Partido Progressista Brasileiro (PPB)“ (1995–2003). Von 2016 bis 2018 gehört er der „Partido Social Cristão (PSC)“ an, ehe er 2019 austritt und fortan Mitglied der mitgegründeten „Aliança pelo Brasil“ wird, die dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet wird. © Mauro Pimentel/AFP
Zur Präsidentschaftswahl in Brasilien im Jahr 2018 gelingt es Jair Bolsonaro, Rechtsextreme sowie Nationalistinnen und Nationalisten hinter sich zu bringen. In seinem aggressiven Wahlkampf setzt er insbesondere auf die Themen Korruptionsbekämpfung, Kriminalität und die Wirtschaftskrise in Südamerika. In seinen Reden fordert er das allgemeine Recht auf Waffenbesitz sowie für das Recht der Polizei, Kriminelle zu foltern und ohne Gerichtsverfahren zu exekutieren.
Zur Präsidentschaftswahl in Brasilien im Jahr 2018 gelingt es Jair Bolsonaro, Rechtsextreme sowie Nationalistinnen und Nationalisten hinter sich zu bringen. In seinem aggressiven Wahlkampf setzt er insbesondere auf die Themen Korruptionsbekämpfung, Kriminalität und die Wirtschaftskrise in Südamerika. In seinen Reden fordert er das allgemeine Recht auf Waffenbesitz sowie für das Recht der Polizei, Kriminelle zu foltern und ohne Gerichtsverfahren zu exekutieren. © Nelson Almeida/AFP
Am 6. September 2018 fasst sich Bolsonaro, zu diesem Zeitpunkt in den Umfragen vorne liegend, während einer Wahlkampfveranstaltung im Süden Brasiliens mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch. Sekunden zuvor wurde er von einem 40-jährigen Mann mit einem Messer in den Oberkörper gestochen und lebensgefährlich verletzt. Noch vor Ort wird der geständige Täter verhaftet, der später erklärt, er habe die Tat auf „Wunsch Gottes“ ausgeübt. Jair Bolsonaro wird unterdessen notoperiert und überlebt das Attentat.
Am 6. September 2018 fasst sich Bolsonaro, zu diesem Zeitpunkt in den Umfragen vorne liegend, während einer Wahlkampfveranstaltung im Süden Brasiliens mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch. Sekunden zuvor wurde er von einem 40-jährigen Mann mit einem Messer in den Oberkörper gestochen und lebensgefährlich verletzt. Noch vor Ort wird der geständige Täter verhaftet, der später erklärt, er habe die Tat auf „Wunsch Gottes“ ausgeübt. Jair Bolsonaro wird unterdessen notoperiert und überlebt das Attentat. © Raysa Leite/dpa
Beinahe zwei Monate später, am 28. Oktober 2018, triumphiert Jair Bolsonaro in der Stichwahl mit 55,1 Prozent der Stimmen und wird damit zum neuen Präsidenten Brasiliens. Sein Kontrahent, Fernando Haddad von der Arbeiterpartei, wurde zuvor immer wieder als „gefährlicher Kommunist“ verunglimpft. Kurz nach dessen Wahlsieg erhält Bolsonaro einen Anruf aus den USA – der damalige US-Präsident Donald Trump möchte ihm gratulieren.
Beinahe zwei Monate später, am 28. Oktober 2018, triumphiert Jair Bolsonaro in der Stichwahl mit 55,1 Prozent der Stimmen und wird damit zum neuen Präsidenten Brasiliens. Sein Kontrahent, Fernando Haddad von der Arbeiterpartei, wurde zuvor immer wieder als „gefährlicher Kommunist“ verunglimpft. Kurz nach dessen Wahlsieg erhält Bolsonaro einen Anruf aus den USA – der damalige US-Präsident Donald Trump möchte ihm gratulieren. © Mauro Pimentel/AFP
Apropos, Trump: Jair Bolsonaro wird gerne als „Tropen-Trump“ oder auch „brasilianischer Donald Trump“ betitelt. Wie der US-Amerikaner weicht auch der Brasilianer nicht davor zurück, für seine Interessen zu lügen, Tatsachen zu verdrehen oder dringende Anliegen schlichtweg zu ignorieren. Darüber hinaus fällt Bolsonaro immer wieder durch rassistische, sexistische und homophobe Äußerungen auf. Doch auch den Vorwurf der willentlichen Umweltzerstörung, Verharmlosung der brasilianischen Militärdiktatur sowie das Verbreiten von Verschwörungstheorien muss er sich gefallen lassen. Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald bezeichnete Bolsonaro als „den frauenfeindlichsten, hasserfülltesten gewählten Funktionär der demokratischen Welt“.
Apropos, Trump: Jair Bolsonaro wird gerne als „Tropen-Trump“ oder auch „brasilianischer Donald Trump“ betitelt. Wie der US-Amerikaner weicht auch der Brasilianer nicht davor zurück, für seine Interessen zu lügen, Tatsachen zu verdrehen oder dringende Anliegen schlichtweg zu ignorieren. Darüber hinaus fällt Bolsonaro immer wieder durch rassistische, sexistische und homophobe Äußerungen auf. Doch auch den Vorwurf der willentlichen Umweltzerstörung, Verharmlosung der brasilianischen Militärdiktatur sowie das Verbreiten von Verschwörungstheorien muss er sich gefallen lassen. Der amerikanische Journalist Glenn Greenwald bezeichnete Bolsonaro als „den frauenfeindlichsten, hasserfülltesten gewählten Funktionär der demokratischen Welt“. © Evan Vucci/dpa
Während Bolsonaros Amtszeit kommt es mehrfach zu Demonstrationen gegen ihn und seine Politik. Schon 2018 fanden gegen Jair Bolsonaro Proteste unter dem Motto „Elenão“ (wörtlich übersetzt: „Er nicht“) statt, die von Frauen angeführt wurden und in allen großen Städten Brasiliens stattfanden. Zehntausende Menschen demonstrierten gegen Bolsonaros rassistische, frauenfeindliche und homophobe Äußerungen. In den Jahren darauf zieht es Demonstrierende unter anderem wegen der Zerstörung des Regenwaldes auf die Straßen.
Während Bolsonaros Amtszeit kommt es mehrfach zu Demonstrationen gegen ihn und seine Politik. Schon 2018 fanden gegen Jair Bolsonaro Proteste unter dem Motto „Elenão“ (wörtlich übersetzt: „Er nicht“) statt, die von Frauen angeführt wurden und in allen großen Städten Brasiliens stattfanden. Zehntausende Menschen demonstrierten gegen Bolsonaros rassistische, frauenfeindliche und homophobe Äußerungen. In den Jahren darauf zieht es Demonstrierende unter anderem wegen der Zerstörung des Regenwaldes auf die Straßen. © Cris Faga/Imago
Gegen Ende seiner Amtszeit erklärt Jair Bolsonaro mehrfach, dass er die Absicht hat, bei der anstehenden Brasilien-Wahl am 2. Oktober 2022 erneut zu kandidieren. Dafür tritt er bereits im November 2021 der rechten „Partido Liberal“ bei, da er als Präsidentschaftsbewerber in Brasilien einer Partei angehören muss. Zu dem Zeitpunkt liegt bereits eine Vielzahl von Anträgen auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro vor, auch ermitteln die Justizbehörden in fünf verschiedenen Verfahren gegen ihn. Doch schon davor macht Bolsonaro deutlich, wie er sich seine Zukunft vorstellt: entweder werde er verhaftet, falle einem Attentat zum Opfer, oder er werde wiedergewählt.
Gegen Ende seiner Amtszeit erklärt Jair Bolsonaro mehrfach, dass er die Absicht hat, bei der anstehenden Brasilien-Wahl am 2. Oktober 2022 erneut zu kandidieren. Dafür tritt er bereits im November 2021 der rechten „Partido Liberal“ bei, da er als Präsidentschaftsbewerber in Brasilien einer Partei angehören muss. Zu dem Zeitpunkt liegt bereits eine Vielzahl von Anträgen auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro vor, auch ermitteln die Justizbehörden in fünf verschiedenen Verfahren gegen ihn. Doch schon davor macht Bolsonaro deutlich, wie er sich seine Zukunft vorstellt: entweder werde er verhaftet, falle einem Attentat zum Opfer, oder er werde wiedergewählt. © Mauro Pimentel/AFP

Der „gefährliche“ Brasilianer habe mehrfach „das Trump-Drehbuch benutzt“, sagte der demokratische Abgeordnete Joaquin Castro gegenüber CNN. Neben ihm forderten weitere US-Demokrat:innen Washington dazu auf, Bolsonaros Visum aufzuheben. „Die USA müssen aufhören, Bolsonaro in Florida Zuflucht zu gewähren“, schrieb etwa die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf Twitter – eine Reaktion auf die Krawalle in Brasilien, die „AOC“ an den Kapitolsturm vom 6. Januar 2021 erinnerten.

Bolsonaros Nachfolger Lula da Silva warf Bolsonaro vor, seine Anhänger:innen von Florida aus aufgestachelt zu haben. Ansonsten hatte er für seinen Vorgänger noch Spott übrig: „In Wirklichkeit ist er weggelaufen, um mir die Schärpe nicht überreichen zu müssen“, sagte der neue Präsident in einer Rede am Sonntagabend (8. Januar).

Nicht der erste seiner Art: Neben Bolsonaro verschlug es auch andere Machthaber nach Florida

Jair Bolsonaro wäre nicht das erste frühere Staatsoberhaupt aus Lateinamerika, welches sich dauerhaft in Florida absetzt. So haben in der Vergangenheit häufiger ehemalige Machthaber aus Kuba, Peru, Bolivien, Venezuela und Haiti ihr Exil im US-Bundesstaat gefunden – manche sogar bis zu ihrem Tod: Der kubanische Diktator Gerardo Machado, der sich für die wirtschaftlichen Interessen der USA einsetzte, ist auf einem Friedhof in Miamis Viertel Little Havana begraben.

Vom Tropen-Trump zum Florida-Man: Jair Bolsonaro, einst Präsident Brasiliens, nun Bewohner des „Sunshine States“.

Lateinamerika-Experte Brian Winter erklärte der Washington Post, dass auch Bolsonaro sich derzeit möglicherweise auf sein Exil vorbereitet, „um einer strafrechtlichen Verfolgung in Brasilien zu entgehen“. In seiner Heimat drohen dem Ex-Präsidenten mehrere Strafverfahren, unter anderem wegen des Vorwurfs der Korruption und Geldwäsche. „Er wurde noch nicht offiziell eines Verbrechens angeklagt, also ist dies entweder ein Fluchtversuch oder ein selbst auferlegtes Exil, je nachdem, wem man glaubt“, sagte Winter. „Ich glaube eher, dass es sich um den Beginn eines Exils handelt, vor allem nach dem, was am Sonntag passiert ist.“

Mietshaus in Florida wird zur Pilgerstätte: Bolsonaro verteilt Küsse und Autogramme

Wie unter anderem auf Twitter zu sehen ist, tauchte Bolsonaro Stunden nach dem Aufstand seiner Anhänger:innen immer wieder unter tosendem Beifall aus seinem Haus auf. Sein Aufenthaltsort hat sich in und um Orlando schnell herumgesprochen und zu einer Art Pilgerstätte entwickelt. Auf der Straße begrüßte der Ex-Militär seine Fans persönlich, gab fleißig Autogramme und schüttelte Hände. Es fehlte nur noch eine Babywange zum Küssen, und Bolsonaros Auftritt wäre perfekt gewesen.

Allzu lang konnte sich der Rechtsextremist jedoch nicht in der Begeisterung seiner Fans suhlen, da starke Bauchschmerzen dem Ganzen ein abruptes Ende versetzten. Wie seine Frau Michelle am Montag (9. Januar) auf Instagram schrieb, musste ihr Ehemann einmal mehr in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Bolsonaro hat seit Jahren mit Bauchproblemen zu kämpfen, nachdem er 2018 während einer Wahlkampfveranstaltung niedergestochen wurde. Wenige Stunden später wurde Bolsonaro allerdings wieder entlassen.

Bolsonaro in Florida: Entspanntes Exil unter Präsident Ron DeSantis?

Was auch immer Bolsonaro nach Florida bewegt hat, laut eigener Aussage peilt er inzwischen eine Rückkehr in sein Heimatland an: „Ich bin gekommen, um bis Ende des Monats zu bleiben, aber ich habe vor, meine Rückkehr vorzuziehen“, sagte Bolsonaro CNN Brasil am Dienstag (10. Januar). Wie aus einer Mitteilung des brasilianischen Senats hervorgeht, könnte schon bald ein Untersuchungsausschuss zu den Aufständen seiner Gefolgschaft eingerichtet werden – und dem früheren Staatsoberhaupt zum Problem werden.

Lateinamerika-Experte Brian Winter sagte der Washington Post, dass Bolsonaro durchaus in den Vereinigten Staaten bleiben und von dort aus Desinformationen verbreiten könne, um weiterhin eine wichtige Stimme in Brasilien zu bleiben. Sollte er noch angeklagt werden, könnte sich ein Aufenthalt unter dem Demokraten Joe Biden schwierig gestalten. „Wenn Interpol hinter ihm her ist, glaube ich nicht, dass das Amerika von Joe Biden ihn schützen würde“, sagte Winter. „Aber Ron DeSantis‘ Amerika könnte es.“

Washington habe bislang jedenfalls keinen Auslieferungsantrag gegen den früheren Staatschef erhalten. „Uns hat bis jetzt kein offizielles Gesuch der brasilianischen Regierung bezüglich Bolsonaro erreicht“, sagte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan am Montag (11. Januar). „Sollte ein solcher Antrag gestellt werden, nehmen wir ihn ernst.“ (nak)

Rubriklistenbild: © Alan Santos/President Brazil via www.imago-images.de

Kommentare