Münchner Merkur vor Ort

„Jetzt seid ihr dran“ – Soldatin (24) wettert gegen Wehrpflicht

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Kerry Hoppe ist Reserveoffizierin. Die Wehrpflicht-Debatte hält sie für „unehrlich“. Minister Pistorius ist sie indes dankbar, sagt sie im Interview.

Vilnius – Gendern gibt‘s nicht bei der Bundeswehr. Jedenfalls, wenn es um Dienstgrade geht. Deshalb ist Kerry Hoppe auch Leutnant – und nicht etwa Leutnantin. „Am Ende sind wir alle Soldaten“, sagt sie. „Ob wir Frauen oder Männer sind, spielt im soldatischen Alltag keine Rolle. Unterschiede in der Sprache immer wieder hervorzuheben, halte ich für nicht notwendig.“

Die 24-jährige Jura-Studentin ist vor knapp sieben Jahren freiwillig zum Bund gegangen, hat danach eine Ausbildung bei der Reserve gemacht. Heute ist sie aktive Reserveoffizierin der Luftwaffe, gilt in Deutschland längst als prominente, junge Stimme beim Thema Verteidigung: Hoppe ist – neben ihrem Jurastudium – Gastgeberin des „Munich Security Breakfast“ bei der Münchner Sicherheitskonferenz, tritt im Fernsehen auf, spricht auf Panels. Auch bei der Konferenz „Defending Baltics“ in Litauens Hauptstadt Vilnius, wo es um die Verteidigung gegen Putins Russland geht, ist sie dabei, spricht im Vorfeld im „Freedom Center“ der dortigen Friedrich-Naumann-Stiftung – und mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Man ist schnell per Du mit der Deutschamerikanerin, fürs Interview einigt man sich aufs Informelle.

Die Bundeswehr hat massiven Personalmangel. Jetzt ist das neue Wehrdienstgesetz von Union und SPD da. Problem gelöst? 
Nein. Die Regierung hat es sich viel zu einfach gemacht. Sie tut so, als ob die Personalfrage der Bundeswehr allein vom Wehrdienst abhängt. Aber es geht um viel mehr. 
Um was denn? 
Zum Beispiel um die Frage, wie das Personal eingesetzt wird. 50 Prozent unserer Soldatinnen und Soldaten sind nicht in Geschwadern, in Flottillen oder Brigaden, sondern sitzen in irgendwelchen Ämtern, Stäben und Behörden. Das hilft nicht bei der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands. Ich bin kein Fan von der Wehrpflicht als Allheilmittel. 
Kerry Hoppe, Leutnant der Reserve, bei der „Defending Baltics“-Konferenz in Litauens Hauptstadt Vilnius.
Was stört dich? 
Ich halte es für politisch unehrlich. Ich bin nicht per se gegen eine Wehrpflicht, vor allem mit Blick auf eine künftige Aufwuchsfähigkeit im großen Stil. Aber zum jetzigen Zeitpunkt darf sie nur eine Option sein, wenn es die einzige Möglichkeit ist, wenn wir alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft haben. Es wird behauptet, es gebe keine Freiwilligen. Aber das stimmt nicht. Seit einigen Jahren gibt es das Modell „Heimatschutz für Ungediente“, die nach vier Wochen Grundausbildung Teil der Reserve sind. Vor allem seit 2022 haben sich Zehntausende beworben. Aber es gibt pro Jahr nur 1000 Ausbildungsplätze, viele motivierte Leute wurden einfach abgelehnt. 

Wehrdienstgesetz und Wehrpflicht bei der Bundeswehr: „Jetzt seid ihr dran“

Wieso das? 
Weil es keine Strukturen, keine Kapazitäten gab. In Anbetracht der anderen Belastungen, die auf meine Generation zukommen, finde ich es völlig daneben, zu sagen: Wir haben keine Freiwilligen, jetzt seid ihr dran. Nur, weil die Bundeswehr es seit vielen Jahren und bis zum heutigen Tag versäumt hat, an anderen Stellen Kapazitäten zu schaffen. Sinnvoller wäre es, die Reserve endlich viel mehr zu stärken. 
Da gibt es Bedarf? 
Absolut. Wir haben 900.000 Reservisten in Deutschland, aber nur 50.000, die jedes Jahr tatsächlich auch an Wehrübungen teilnehmen und ihre Einsatzfähigkeit erhalten. 
Als Reservistin müsstest du auch selbst zur Waffe greifen. Im Extremfall kann das heißen, auf Menschen zu schießen. Bist du darauf vorbereitet? 
Die Frage steht erst einmal sehr theoretisch im Raum. Aber ja, als ich in der Ausbildung zum ersten Mal geschossen habe, da begann in der Tat so ein Denkprozess. 
Inwiefern? 
Man schießt ja nicht auf irgendwelche Zielscheiben. Sondern auf menschliche Silhouetten. Und dabei lernst du Begriffe wie Alpha-Zone, Bravo-Zone und Charlie-Zone für unterschiedlich empfindliche Bereiche des menschlichen Körpers. 
Was für ein Gefühl hattest du dabei?
Das ist erstmal ein absolut komisches Gefühl. Aber für mich war immer klar, dass das nun mal zur Realität als Soldatin gehört. Und wenn ich angegriffen werde, dann schieße ich zurück. Oder eben, wenn ich mein Land verteidigen muss. 
Das Parlament entscheidet im Zweifel über den Einsatz von Soldatinnen und Soldaten auch im Ausland. Was wäre, wenn sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag mal ändern sollten und die AfD direkten Einfluss darauf hätte? Würdest du auch dann zur Waffe greifen? 
Grundsätzlich habe ich großes Vertrauen in unsere Institutionen und die Werkzeuge unserer wehrhaften Demokratie. Wenn das Bundesverfassungsgericht im Rahmen eines Parteiverbotsverfahrens zum Beispiel zu der Entscheidung kommt, dass die AfD verboten werden muss, dann ist die Sache klar. Wenn das aber nicht der Fall ist, müsste ich sie als demokratische Partei wohl akzeptieren. Aber es wäre in der Tat ein großes staatsbürgerliches und für mich moralisches Dilemma.
Wie verteidigungsfähig ist Deutschland aktuell aus deiner Sicht? 
Wir sind jetzt endlich auf einem besseren Weg, es wird viel in künftige Ausrüstung investiert und wir kommen bei der Personalfrage immerhin langsam voran. Jedenfalls rein militärisch.

Verteidigung gegen Putin und „Ready to win“

Wie meinst du das?
Was wir in Deutschland immer noch nicht verstanden haben, ist, dass Verteidigung eben nicht nur Menschen in Uniform betrifft. Da können wir noch viel von Ländern wie Litauen oder von Skandinavien lernen, wo das Thema Gesamtverteidigung im Alltag sehr präsent ist. 
In Litauen spricht man schon nicht mehr nur von Verteidigung, sondern davon, „ready to win“ sein zu wollen, also Putin im Zweifel schlagen zu können. Ist das zu selbstbewusst? 
Nein, es braucht mehr Klarheit in der Sprache. Für uns Deutsche ist es noch ein weiter Weg, zur baltischen Mentalität zu kommen. Aber ich bin Boris Pistorius wirklich dankbar, dass er immer wieder das Wort „Kriegstüchtigkeit“ klar öffentlich ausspricht. Es braucht jetzt Leute wie Pistorius, auch wenn ich bei weitem nicht immer seiner Meinung bin.
Wo bist du anderer Meinung? 
Ich finde, er müsste noch mutiger sein, wenn es darum geht, die Personalstruktur der Bundeswehr zu reformieren. Da ist immer noch viel zu viel Bürokratie und es gibt zu viele Offiziere bei den Streitkräften. Das lähmt das System, da muss er aufräumen. 

Spezialmunition für die Ukraine und deutsche Autoteile: Industriepark Raufoss in Norwegen

Ein zugefrorener See in Norwegen nördlich von Oslo
Raufoss liegt zwischen dichten Wäldern und großen Seen – gut 130 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo.  © Peter Sieben
Ein rotes Haus mit Holzfassade in der Dämmerung im Schnee
Bunte Häuser mit Holzfassaden säumen die Straßen. © Peter Sieben
Ein Straßenschild in Raufoss in Norwegen und ein Haus im Schnee
„Verteidigungsausrüstung“ steht auf dem Schild über dem Logo von Rüstungsproduzent Nammo. Wer durchs idyllische Städtchen Raufoss schlendert, rechnet nicht damit, dass direkt nebenan ein bedeutender Industriepark liegt, in dem auch Munition für die Ukraine produziert wird.  © Peter Sieben
Øivind Hansebråten, CEO vom Raufoss Industriepark in Norwegen
Øivind Hansebråten ist CEO vom Raufoss Industriepark, einem der bedeutensten in Norwegen. Im Vergleich zu deutschen Parks ist er recht überschaubar. „Ich weiß, in Deutschland ist alles größer, aber für uns ist das schon ganz gut“, sagt Øivind und grinst. Dafür geht es hier recht familiär zu. © Peter Sieben
Emma Østerbø im Catapult Centre in Raufoss
Know-how wird im Industriepark geteilt: Emma Østerbø ist General Manager beim Raufoss Katapult Center. Hier können Start-Ups Prototypen testen.  © Peter Sieben
Gebäude von Benteler im Raufoss Industriepark in Norwegen
Im Raufoss Industriepark gibt es auch ein großes deutsches Unternehmen: der Autozulieferer Benteler. Dabei sind die Löhne hier höher als in Deutschland. Aber: Das Unternehmen nutzt hier auch norwegisches Know-How, um Automationsmechanismen zu testen.  © Peter Sieben
Mitarbeiter von Benteler in Raufoss in Norwegen
In den Produktionshallen von Benteler arbeiten pro Schicht nur zwei bis drei Menschen – das meiste läuft automatisiert. Das hat zwei Gründe: Fachkräfte sind Mangelware, im riesigen Norwegen leben vergleichsweise wenige Menschen. Und: Die Löhne für Fachkräfte sind hoch. Viele Unternehmen setzen auf Automation.  © Peter Sieben
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo in Raufoss in Norwegen
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo: Der Rüstungskonzern und Produzent von Spezialmunition gehört zu den ganz großen und zentralen Unternehmen im Industriepark.  © Peter Sieben
Eine Backstein-Werkshalle von Nammo im Raufoss-Industriepark in Norwegen
Eine der Werkshallen von Nammo: Im Raufoss Industriepark gibt es zahlreiche renovierte historische Gebäude.  © Peter Sieben
Nammo-Munitionsfabrik in Raufoss in Norwegen
Fotos dürfen in der Munitionsfabrik nur an einer einzigen Stelle gemacht werden. Damit keine sensiblen Informationen nach außen dringen, gelten strenge Sicherheitsregeln.  © Peter Sieben
Ein Arbeiter an einer Maschine in der Munitionsfabrik von Nammo in Raufoss in Norwegen
Präzision hat eine hohe Priorität: Mithilfe von Robotern und Computertechnik werden die Projektile gefertigt.  © Peter Sieben
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.  © Ippen.Media
Thorstein Korsvold, Pressesprecher von Nammo, stemmt eine Stahlhülse
Thorstein Korsvold stemmt eine der fertigen Hülsen, die zu Projektilen weiterverarbeitet werden: „Wiegt locker 30 bis 40 Kilo.“ Das meiste, das sie hier produzieren, geht an die ukrainischen Streitkräfte. So werden hier Rohlinge für M72-Panzerabwehrmunition gefertigt, die von ukrainischen Soldaten massenhaft verschossen werden. „Wir sind stolz auf unsere Produktion“, sagt Thorstein. „Aber es hat alles zwei Seiten. Wenn unser Geschäft besonders gut läuft, hat das düstere Gründe.“  © Peter Sieben
Seit 2001 gibt es Frauen bei der Bundeswehr. Manche Soldatinnen sagen, dass sie immer noch das Gefühl haben, sich stärker beweisen zu müssen als die männlichen Kollegen. Kannst du das nachvollziehen? 
Ich habe als Frau keine negativen Erfahrungen in der Bundeswehr gemacht. Ein großes persönliches Anliegen war mir aber immer, meinen Kameraden nicht zur Last zu fallen.
Wie das? 
Ich bin 1,60 Meter groß und wiege 50 Kilo. Die körperliche Leistungsfähigkeit von einem Zwei-Meter-Mann kann ich nicht haben. Deshalb habe ich mich sehr gezielt auf die Grundausbildung vorbereitet und halte mich auch jetzt fit, um der geforderten Leistung und meinem militärischen Auftrag als Soldatin gerecht zu werden. Mein Rucksack wiegt halt genauso viel wie der vom Zwei-Meter-Mann.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Federico Gambarini/dpa (Montage)

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