VonSven Haubergschließen
Vor fünf Jahren trafen Donald Trump und Kim Jong-un in Singapur zusammen. Die Erwartungen waren hoch. Heute aber rüstet Nordkorea auf wie nie.
München – Geschichte schreibt man am besten zur Prime Time. Das weiß wohl niemand so gut wie Donald Trump. In Singapur war es 9.04 Uhr am Morgen, in den USA hingegen beste Sendezeit, als der damalige US-Präsident an einem Dienstag vor fünf Jahren dem nordkoreanischen Diktator die Hände schüttelte. „Da ist Kim Jong-un, genau da, jetzt live auf Ihrem Bildschirm!“, japste der Moderator des Fernsehsenders CNN, der wie Dutzende weitere Stationen an jenem 12. Juni 2018 live übertrug. Kim lächelte breit, Trump gab sich staatsmännisch gelassen, nestelte mit seinen Händen an Nordkoreas Führer herum, dann verschwanden beide in einem Besprechungszimmer. „Und schon ist Geschichte geschrieben worden“, stellte CNN fest. Millionen sahen zu.
Der Gipfel von Singapur war die erste Begegnung eines amerikanischen Präsidenten mit einem nordkoreanischen Staatschef. Das Treffen, so tönte Trump unmittelbar vor den Gesprächen mit Kim, werde „ein gewaltiger Erfolg“ werden, er und Kim würden „eine grandiose Beziehung“ eingehen. Tatsächlich trafen sich die beiden Staatschefs noch zwei weitere Male – zunächst in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi im Februar 2019 und vier Monate später dann im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea. Und wieder schrieb Donald Trump Geschichte, als er als erster amtierender US-Präsident, wenn auch nur für einen kurzen Moment, nordkoreanischen Boden betrat.
Nordkorea rüstet massiv auf
Jetzt, fünf Jahre nach dem Gipfel von Singapur, liegt die Beziehung zwischen Pjöngjang und Washington in Trümmern; die Gesprächskanäle zwischen beiden Ländern sind zum Erliegen gekommen.
Das Ziel der Gipfeltreffen zwischen Kim und Trump war aus Sicht des Westens eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Davon ist man heute weit entfernt. Zwar hat die selbsterklärte Nuklearmacht Nordkorea seit 2017 keinen Atomtest mehr durchgeführt; Experten gehen aber davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Kim den Befehl zu einem erneuten Test geben wird. Zwischen 30 und mehr als 100 Atomwaffen könnte das Land verschiedenen Schätzungen zufolge heute besitzen. Erst vor wenigen Tagen scheiterte außerdem der Start des ersten nordkoreanischen Spionagesatelliten.
Zudem erprobt Pjöngjang in schneller Folge immer fortgeschrittenere Interkontinentalraketen, die auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden können – obwohl UN-Beschlüsse dies dem Land eigentlich verbieten. Mit Hochdruck arbeitet das Regime in Pjöngjang derzeit daran, seine Nuklearsprengköpfe derart zu verkleinern, dass sich diese auf Raketen montieren lassen. Dabei seien „signifikante“ Fortschritte erzielt worden, hieß es im Februar aus Seoul. Unklar ist, wie zuverlässig die Raketen ihr Ziel ansteuern können und wie weit sie wirklich fliegen. Mindestens zwei Raketentypen sollen allerdings das gesamte US-Festland erreichen können.
Neues Atomgesetz gibt Nordkorea das Recht zum Erstschlag
Mitte April testete Nordkorea erstmals auch eine Feststoff-Interkontinentalrakete. Derartige Raketen können schneller eingesetzt werden als Flüssigkeitsraketen, da sie nicht umständlich betankt werden müssen. Sie sind außerdem vor dem Start schwerer zu entdecken.
Im vergangenen September verabschiedete Nordkoreas Abnickparlament zudem ein neues Atomgesetz. Es erlaubt den Einsatz von Nuklearwaffen erstmals auch dann, wenn sich das Regime in Pjöngjang bedroht sieht: Eine bewusst schwammig gehaltene Formulierung, die Kim viel Spielraum lässt. Auch deshalb denkt man in Südkorea – neben den USA Erzfeind Nummer Zwei des Nordens – derzeit so offen über eigene Atombomben nach wie nie. Bei seinem Staatsbesuch in Washington versicherte der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol zwar unlängst, sein Land werde nicht nach eigenen Nuklearwaffen streben – die Mehrheit im Land aber fordert eigene Atombomben zur Abschreckung.
Kim Jong-un und Donald Trump: Charmeoffensive ohne Effekt
Die Initiative für das Treffen in Singapur vor fünf Jahren war von Kim Jong-un ausgegangen. Der nordkoreanische Diktator hatte im Rahmen einer Charmeoffensive Anfang 2018 zunächst eine hochrangige Delegation zu den Olympischen Winterspielen ins südkoreanische Pyeongchang geschickt und sich einige Monate mit dem damaligen südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in zum ersten innerkoreanischen Gipfel seit elf Jahren getroffen. Entspannung lag in der Luft, obwohl sich Trump und Kim zuvor noch öffentlich mit Beschimpfungen überzogen und einander als „Kleiner Raketen-Mann“ beziehungsweise „Dummkopf“ tituliert hatten.
Während es dem begnadeten Selbstdarsteller Trump in Singapur sowie auf den beiden Nachfolgetreffen wohl vor allem um sich selber ging, verfolgte Kim handfestere Interessen: Der nordkoreanische Diktator wollte auf der internationalen Bühne nicht länger als Ausgestoßener behandelt werden, zudem erhoffte er sich die Aufhebung oder zumindest Lockerungen der Sanktionen gegen sein Land und sein Regime. Weil er von Trump aber nicht bekam, was er wollte, ordnete er 2019 wieder Raketentests an. Auch die USA zeigten sich nach dem Hanoi-Treffen enttäuscht von Nordkorea, das entgegen seiner Zusagen kaum Fortschritte bei der Abrüstung machte.
„Unmöglich, Nordkorea vom Weg der Nuklearisierung abzubringen“
Heute scheinen die USA nicht wirklich einen Plan zu haben, wie sie mit einem nuklearen Nordkorea umgehen sollen. „Offiziell unterhalten die USA eine zweigleisige Strategie gegenüber Nordkorea“, sagt der Analyst Eric J. Ballbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Washington stehe einerseits für einen Dialog ohne Vorbedingungen mit Nordkorea bereit –aber stärke andererseits zusammen mit Südkorea und Japan die Abschreckung auf der koreanischen Halbinsel. Dazu halten Seoul und Washington regelmäßig Manöver in der Region ab.
Gleichzeitig setzt Washington weiterhin auf Sanktionen als Druckmittel – ein Weg, den Russland und China im UN-Sicherheitsrat seit vergangenem Jahr nicht mehr mitgehen wollen. Beide Länder verweisen darauf, dass sich Kim von den Sanktionen bislang nicht abhalten ließ aufzurüsten. Warum, so ihr Argument, sollten Strafmaßnahmen dann in Zukunft etwas bewirken? „Nordkorea hat sein eigenes Überleben ganz stark an den Besitz von Nuklearwaffen gebunden“, sagt auch der Analyst Ballbach. Es seit deshalb nicht einfach, mit Pjöngjang darüber zu verhandeln. „Wir sind jetzt an einem Punkt, wo es sehr viel schwieriger, wenn nicht unmöglich ist, Nordkorea vom Weg der Nuklearisierung abzubringen.“
Rubriklistenbild: © KCNA/AFP

