VonFlorian Pfitznerschließen
Die Vorsitzende der liberalen Juden in Deutschland warnt nach Irans Angriff auf Israel vor neuen Zuspitzungen bei Demos. Sie sieht zugleich Schulen gefordert.
Berlin – Die Union progressiver Juden befürchtet nach dem iranischen Angriff auf Israel einen weiteren Anstieg antisemitischer Straftaten in Deutschland. Die Vorsitzende des nach dem Zentralrat zweitgrößten jüdischen Dachverbands, Irith Michelsohn, sagte in einem Gespräch mit IPPEN.MEDIA, für Jüdinnen und Juden werde es „immer schwieriger, in Deutschland zu leben“. Michelsohn sorgt sich vor allem um den Schutz jüdischer Gemeindemitglieder. „Der Antisemitismus wird nach dem Angriff auf Israel nicht abnehmen, sondern eher noch einmal zunehmen“, warnte sie.
Schlag des Iran gegen Israel befeuert Sorge: „Wer jüdischen Glauben zeigt, lebt gefährlich“
„Als Jüdinnen und Juden haben es Kinder sowieso häufig schon schwer in den Schulen“, sagte Michelsohn. „Es wäre sinnvoll, wenn der Angriff auf Israel zum Thema gemacht würde, damit jeder ihrer Mitschüler versteht, was wirklich dahintersteckt.“ Die Union progressiver Juden, 1997 gegründet, hat bundesweit rund 4.000 Mitglieder. Ihr gehören 19 Gemeinden und drei Organisationen an. Von den Mitgliedern sind viele aus Osteuropa zugewandert, zuletzt gerade auch jüngere Menschen aus der Ukraine.
Michelsohn warnte nach dem iranischen Drohnen- und Raketenangriff auf Israel vom vergangenen Wochenende vor gefährlichen Zuspitzungen bei Demonstrationen in Deutschland. „Wir erleben seit dem 7. Oktober teilweise volksverhetzende Aufrufe bei Anti-Israel-Demonstrationen.“ „Wer seinen jüdischen Glauben offen zeigt, lebt gefährlich“, sagte Michelsohn, die auch Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld ist. „Ich frage mich derzeit ernsthaft, wo die freie Meinungsäußerung nach unserem Grundgesetz anfängt und wo sie endet. Jede Demonstration, die den iranischen Angriff auf Israel bejubelt, gehört aus meiner Sicht verboten.“
Die deutsche „Staatsräson“ zum Schutz Israels: Habeck gab Versprechen
Wenige Woche nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte Vizekanzler Robert Habeck die Sicherheit Israels als deutsche „Staatsräson“ bekräftigt. Vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung für den Holocaust und der Gründung Israels als Schutzversprechen an Jüdinnen und Juden sei Deutschland verpflichtet zu helfen, dass dieses Versprechen erfüllt werden könne. Aus dieser historischen Verantwortung gehe hervor, „dass Jüdinnen und Juden in Deutschland frei und sicher leben können“, sagte der Grünen-Politiker, „dass sie nie wieder Angst haben müssen, ihre Religion, ihre Kultur offen zu zeigen“.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser warnte nach dem iranischen Angriff auf Israel vor weiteren Gefahren für in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden. „Die Spirale, dass Eskalationen im Nahen Osten zu noch mehr widerwärtigem Judenhass bei uns führen, müssen wir durchbrechen“, sagte Faeser dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die SPD-Politikerin verwies auf die bereits infolge der Gewalt in Israel und im Gazastreifen festgestellte Zunahme antisemitisch motivierter Straftaten.
„Dem Iran geht es um die Vernichtung Israels“
Michelsohn, die die deutsche und die israelische Staatsangehörigkeit hat, kritisierte die politischen Beziehungen der Bundesrepublik zum Iran. „Die Staatsräson der islamischen Republik liegt in der Vernichtung Israels“, betonte sie. „Vor diesem Hintergrund wirkt die deutsche Staatsräson zum Schutz Israels wenig glaubwürdig.“ Michelsohn vermisst auch militärische Unterstützung. An der Verteidigung gegen die Angriffe sollen französische, britische und US-Kampfjets beteiligt gewesen sein. „Auch arabische Staaten haben Israel geholfen“, so Michelsohn. „Deutschland hat gefehlt.“
Wenig Vertrauen hat die Vorsitzende der progressiven Juden in die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. „Sobald der Krieg vorbei ist, wird es Neuwahlen geben – und dann wird es eng für Netanjahu.“ Er habe keines seiner Wahlversprechen gehalten und es nicht geschafft, Ruhe ins Land zu bringen. „Im Gegenteil, er hat es versäumt, wirksam gegen die Hamas vorzugehen. Die Bevölkerung lebt in Angst.“
Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

