Linke-Parteitag in Berlin: Jünger, progressiver, weiblicher und grüner
VonFabian Scheuermann
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Wie tickt die wachsende Gruppe junger Menschen in der Linkspartei? Wir haben uns beim Parteitag in Berlin umgehört.
Berlin – Seit dem Weggang Sahra Wagenknechts sind 17 558 Menschen in die Linke eingetreten – allein 8101 seien es seit der Wahl der Parteivorsitzenden im Oktober gewesen, heißt es bei der Partei. Und die, die neu dazukamen, waren im Schnitt 22 Jahre jünger als jene, die ausgetreten sind. Wie tickt die verjüngte – und weiblicher gewordene – Parteibasis? Eindrücke vom Parteitag in Berlin.
Linke-Parteitag in Berlin – ein Stimmungsbild
Lukas, 27: „Mich haben die Themen Ungerechtigkeit und Klimaschutz vor zweieinhalb Jahren zur Linken gebracht“, sagt der Berliner. Im Gegensatz zu anderen Parteien sei Klimaschutz bei der Linkspartei „immer verbunden mit sozialer Gerechtigkeit“. Sowieso sei es „die einzige Partei, die sich wirklich für Umverteilung einsetzt“. Das BSW sei da kein Ersatz: „Denn soziale Gerechtigkeit bedeutet für mich immer noch, auch an Geflüchtete zu denken.“ Die Stimmung in der Partei sei gut: „Beim Parteitag vor zwei Jahren, als ich gerade Mitglied geworden war, haben wir viel gegeneinander gekämpft. Jetzt stehen wir zusammen – gegen die da oben!“
Finn Köllner, 21: Der Student aus dem hessischen Idstein kam 2018 zur Linken – vor allem über sein Interesse an Bildungspolitik. „Die Partei hat da einfach tolle Rezepte“, das längere gemeinsame Lernen sei ein Beispiel, findet Köllner. Er schwärmt: „Man spürt in der Partei gerade eine tolle Energie. Vor ein paar Jahren standen innerparteiliche Konflikte mehr im Vordergrund und man war zum Parteitag damit beschäftigt, Mehrheiten zu organisieren.“ Das sei jetzt anders: „Gerade stimmt einfach alles.“
Elida Danger, 17: „Als 2023 Lützerath abgebaggert wurde und Habeck dann auch noch das Vorgehen der Polizei rechtfertigte, ist mir klar geworden, dass die Grünen keine Partei sind, die die Zukunft der Welt verteidigen kann. Deshalb bin ich zur Linken gegangen.“ Danger hat in Kassel eine neue Ortsgruppe des Verbands Linksjugend Solid mitaufgebaut. „Da hatten wir jetzt einen sehr krassen Zuwachs“, erzählt Danger: „2023 waren wir noch vier aktive Mitglieder, 2024 dann schon 25“.
Tim Roschig, 23 : Der Student aus Halle ist Bundessprecher des Jugendverbandes Linksjugend Solid und hat in Berlin eine Rede gehalten: „Das Wahlprogramm reflektiert den neuen Wind in der Partei“, sagt er. So sei es richtig, Mieten zu thematisieren. Für seinen Verband sei etwa auch der „Kampf gegen die Wehrpflicht“ wichtig.
Linke-Politikerin Ghazaei teilt bei Parteitag in Berlin gegen AfD aus
Mersedeh Ghazaei, 27: Die Stuttgarterin sollte am Samstag eigentlich nach Roschig auf der Bühne stehen, doch die Redeliste wurde aus Zeitgründen vor ihr geschlossen. Doch Ferat Koçak intervenierte. Dem „Neukoellner“, wie der Berliner Bundestags-Direktkandidat im Netz auch heißt, folgen auf Instagram Zehntausende, er ist in seiner Partei als Fürsprecher für Migrant:innen, Menschenrechte und Antirassismus bekannt. Dank Koçak konnte Ghazaei in Berlin doch sprechen: Es hätten sonst zu wenige Parteimitglieder mit Migrationsgeschichte gesprochen, argumentierte er. Das zog.
Und Ghazaei, deren Eltern aus dem Iran nach Deutschland kamen, nutzte die Chance: In einer wütenden Rede, die später im Netz gefeiert wurde, teilte sie gegen die AfD aus – „eine Partei die gar nicht existieren sollte“. Sie schimpfte gegen „diese widerwärtigen Remigrationstickets in unseren Briefkästen“ – eine AfD-Wahlaktion in Karlsruhe, die Linken-Mitglieder bei der Polizei angezeigt haben.
Es dürfe nicht sein, „dass Migration und Flucht in diesem Land als Sündenbock für alles herhalten“, donnerte Ghazaei: „Ein Staat, der Nazis (...) Millionen an Geldern zur Verfügung stellt, um ihre giftigen Ideologien zu verbreiten, ist kein Staat, der uns schützen möchte.“ Auf Ghazaeis „Nein zu rechtsextremer Propaganda, Nein zu Nazis!“, folgte stehender Beifall. Auf Instagram schrieb Ghazaei später: „Wir gehen heute empowert aus dem Parteitag heraus.“ Und: „Wir werden nicht zulassen, dass die AfD unser Deutschland zerstört.“
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Linke-Mitglied Bräutigam: „Klimawandel können wir nicht innerhalb des Kapitalismus lösen“
Bixente Bräutigam, 22: „Ich bin 2018 in die Linke eingetreten, weil ich in der Schule gemerkt habe, dass die Welt ungerecht aufgebaut ist und viele junge Menschen ihre Talente nicht entfalten können“, erzählt der Student aus dem thüringischen Ilmkreis. Ein zweiter Grund für sein Engagement seien die Klima- und Umweltpolitik.
Erst habe er überlegt, zu den Grünen zu gehen. Aber: „Klimawandel können wir nicht innerhalb des Kapitalismus lösen“, ist Bräutigam überzeugt. Als Beispiel nennt er die CO2-Bepreisung im Verkehrs- und Gebäudesektor, die Ärmere stärker belastet als Reichere. Man müsse „öffentliche Verkehrsmittel attraktiver machen“. Das Deutschlandticket etwa sei gut, aber für viele zu teuer.
„Klar, Klima war als Thema beim Parteitag nicht so präsent, aber das liegt daran, dass die Partei den Kampf gegen rechts in den Vordergrund stellt bei diesem Wahlkampf und das ist ja auch richtig so – aber ich habe den Eindruck, dass in der Partei eigentlich alle das Klima-Thema in ihrem Selbstverständnis haben“, sagt Bräutigam. Aus Thüringen berichtet er: „Ich bin seit fast sieben Jahren Mitglied, aber im letzten halben Jahr ist da eine richtige Aufbruchstimmung und Stimmung der Progressivität. Seit August haben wir allein in unserem Kreis 20 junge Leute aus dem Nichts dazugespült bekommen in die Partei – und jetzt binden wir sie direkt in den Wahlkampf ein, denn die wollen was machen.“