Immer mehr Angriffe auf Stadt

Kampf um Charkiw könnte Jahre dauern – Putins Armee setzt auf neue Taktik und schürt „übergroße Panik“

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Charkiw steht im Ukraine-Krieg unter Dauerbeschuss – es droht eine neue Offensive der russischen Armee. Ein Ukrainer hält diese derweil für aussichtslos.

Charkiw – Vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs galt Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, als wichtigstes Zentrum für Wissenschaft und Bildung, doch nach Monaten der erbitterten Kämpfe sind Teile der Metropole verwüstet und zahlreiche Menschen haben bereits die Region verlassen. Aktuell steht die Stadt in der Ostukraine wieder im Zentrum schwerster Angriffe durch Russlands Truppen.

Putins Armee hat Charkiw zuletzt wieder verstärkt in den Fokus russischer Drohnen-Bombardements gerückt. Die Energieversorgung der Stadt brach im Zuge dessen zusammen und das Fundament des Fernsehturms kollabierte. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten könnte allerdings der Höhepunkt der Angriffe auf Charkiw noch nicht erreicht sein. Der Beschuss der Informations-Infrastruktur geht dabei auf ein exaktes Kalkül des Kremls zurück und könnte den Weg zu einer neuen Bodenoffensive gegen Charkiw ebnen.

Mögliche Vorbereitung auf Offensive auf Charkiw im Ukraine-Krieg: Russland bombardiert Stadt

Wird Russland bei einer neuen Offensive die Stadt Charkiw in der Ostukraine erobern? Aktuell scheint dies noch unwahrscheinlich, doch ebendiese Befürchtung schwebt derzeit wie ein Damoklesschwert über den Verteidigungskräften der Ukraine. Umso mehr sind diese darum bemüht, die Metropole als widerstandsfähiges Bollwerk gegen den russischen Feind zu inszenieren. Erst vor wenigen Tagen besuchte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Region und verschaffte sich einen Überblick über die Verteidigungsbereitschaft.

Die Stadt Charkiw ist schon länger schwere Angriffen ausgesetzt.

Die russische Armee hatte in den vergangenen Wochen seine Bemühungen, die Stadt anzugreifen, massiv intensiviert. Aufgrund der anhaltenden Kämpfe wird derzeit befürchtet, dass die Moral der Verteidigerinnen und Verteidiger in Charkiw brechen könnte. „Es gibt eine gewisse Kriegsmüdigkeit“, sagt André Härtel, Russland-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, gegenüber dem Tagesspiegel. Und auch das Institute for the Study of War (ISW) vermutet in einer aktuellen Analyse zum Ukraine-Krieg eine entsprechende Taktik bei Putins Truppen. Mithilfe einer „konzertierten Luft- und Informationsoperation“ soll demnach nicht nur Charkiw zerstört, sondern auch seine Bewohnerinnen und Bewohner zur Flucht getrieben werden.

Fernsehturm in Charkiw zerstört: Russlands Propagandakanäle verbreiten im Ukraine-Krieg Angst

Wie das ISW weiter berichtet, würden kremlnahe Propagandakanäle nach der Zerstörung des Fernsehturms in Charkiw die Lage nutzen, um mit Desinformationen „übergroße Panik“ in der Bevölkerung zu schüren. „Die Sprachrohre des Kremls greifen die Besorgnis über eine künftige russische Offensive gegen die Stadt Charkiw auf, um eine wahrscheinlich koordinierte Informationsoperation durchzuführen und so eine übergroße Panik unter den Ukrainern zu erzeugen“, heißt es in dem ISW-Bericht.

Laut den Informationen der ukrainischen Behörden hat es bereits zuvor Versuche aus Russland gegeben, in der Region um Charkiw Panik zu verbreiten. Darüber berichtet unter anderem Newsweek. Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation teilte im Februar 2024 mit, dass russische Telegram-Kanäle vermehrt über ukrainische Beamte berichteten. Diese sollen aus der Stadt geflohen sein. Zudem berichteten die kremltreuen Kanäle von einer „Massenflucht“ von Zivilisten. Nach der Zerstörung des Fernsehturms in Charkiw könnte die Verbreitung von Desinformationen weiter zunehmen, da die Bevölkerung in der Millionenstadt nun teilweise von ukrainischen Informationen abgeschnitten wurde.

Russland könnte Offensive auf Charkiw vorbereiten: Stadt im Ukraine-Krieg von zentraler Bedeutung

Die Rolle von Charkiw ist im Ukraine-Krieg zentral: Wenige Wochen nach Beginn des russischen Überfalls auf das Nachbarland unternahm Wladimir Putins Armee erstmals den Versuch, die Metropole einzunehmen. Teile des Umlandes fielen an den russischen Aggressor, doch die Stadt selbst blieb unter der Kontrolle der Ukraine. Für Putin eine Schmach – für die Ukraine derweil ein Symbol der Hoffnung, das die Moral der Verteidigungskräfte nachhaltig stärkte.

Womöglich könnte Russland in den kommenden Wochen oder Monaten wieder den Versuch unternehmen, eine Bodenoffensive auf Charkiw zu starten, das schrieben unter anderem Analyst:innen in der Financial Times. Dass diese erfolgreich verlaufen würde, halten Expertinnen und Experten derweil für unwahrscheinlich – so lange die Ukraine zeitnah Waffenlieferungen und weitere Unterstützung aus den USA erhält. Brigadegeneral Oleksandr Pivnenko, Kommandeur der Nationalgarde der Ukraine (NGU), sagte in einem Interview mit Liga.net jüngst, dass eine russische Offensive durchaus möglich sei. Diese würde allerdings scheitern.

„Sie werden jahrelang darum kämpfen müssen“: Ukrainer gibt Prognose zu Charkiw-Offensive ab

„Es wird nicht funktionieren. Sie können nur konventionell agieren: zwei oder drei Fronten als Ablenkung, eine primäre. Im Fall von Charkiw wird dieser Ansatz versagen“, sagte Pivnenko im Interview. Allerdings geht der Brigadegeneral davon aus, dass Russland weiterhin Versuche unternehmen werde, wesentliche und zivile Infrastruktur zu beschädigen. „Sie werden jahrelang darum kämpfen müssen, Charkiw einzunehmen. Bedenken Sie, wie lange Bachmut und Awdijiwka durchgehalten haben. Für die Russen ist es einfacher, die Führung der Russischen Föderation zu wechseln und ihre Ziele aufzugeben, als die Stadt zu erobern, was den Tod von Tausenden weiteren Soldaten zur Folge hätte.“ (fbu)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy

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