Ampelkoalition

Ampel-Koalition im Dauerstreit: „Scholz wirkt unnötig leise“

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Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch im FR-Interview über die Ampel-Bilanz, den Streit über das Gebäudeenergiegesetz, die Leistung des Oppositionsführers und die erstarkte Rechte.

Frau Münch, der Eindruck hat sich verfestigt: Die Koalition streitet – und zwar zu viel. Sehen Sie das auch so?

Die Einschätzung trifft zu, die Ampel ist disharmonisch. Aber das heißt ja nicht, dass die Koalition des Streites willen streitet. Richtig ist, die drei Parteien SPD, Grüne und FDP sind sehr unterschiedlich auch in ihrem Staatsverständnis. Das Bild der Streit-Koalition wird zudem befeuert, auch von den Medien, vor allem der „Bild“.

Zuletzt beim Gebäudeenergiegesetz, das in dieser Woche durch einen Eilantrag vor dem Bundesverfassungsgericht gestoppt worden ist …

… und das auch aus der Koalition heraus kritisiert wurde. Die FDP hat beispielsweise die Vorstufe des Entwurfs unabgesprochen publik gemacht, um eigene Positionen besser durchsetzen zu können. Das Ganze war aber auch seitens des Wirtschaftsministeriums schlecht vorbereitet.

Politologin Münch: Habeck wollte zu viel auf einmal

Kann sich Minister Robert Habeck damit eine Kanzlerkandidatur für die Grünen abschminken?

Das haftet an ihm, und es kommt ja einiges zusammen: Die Gasumlage hat nicht funktioniert, das Gebäudeenergiegesetz zeigt größere Defizite, da musste viel nachgearbeitet werden. Habeck wollte zu viel erreichen und hat zu wenig auf die Umsetzung geachtet. Und Regierungspolitik wird an den Ergebnissen gemessen.

Was sagt das aus über die Qualität einer Dreier-Koalition?

Frühere Koalitionen in den Anfängen der Bundesrepublik hatten eine stärkere Kanzlerpartei. Jetzt haben wir die Besonderheit, dass eine – was die Mandate angeht – relativ schwache Kanzlerpartei, die SPD, nicht „durchregieren“ kann. Man nennt das eine „inkohärente Koalition“, was bedeutet: Die Koalition ist in sich nicht geschlossen, zumal gerade die FDP in einzelnen Politikbereichen eine größere Nähe zur Opposition, der Union, als zu den eigenen Partnern pflegt, etwa bei der Energiepolitik.

Das heißt, die Wählerinnen und Wähler bekommen das, was sie gewählt haben?

Ja. Es hilft ja nichts, man muss mit der Situation umgehen wie sie ist.

Kein Basta-Kanzler in der Öffentlichkeit: Olaf Scholz.

Politologin Münch: Bei den Zielen sind sich die Parteien einig, aber nicht bei den Mitteln

Die Ampel nennt sich Fortschrittskoalition. Ein Fortschritt sollte sein, sich nicht durch Durchstechereien das Leben schwer zu machen. Das klappt schon mal nicht.

Aber das ist auch nicht sehr überraschend. Es ist leichter, einen Koalitionsvertrag zu schreiben als sich über die Details zu verständigen. Da geht es nicht nur um Kommunikation, sondern um die unterschiedlichen Interessen – das ist völlig normal in der Politik. Bei den Zielen sind die Parteien sich oft einig, aber nicht bei den Mitteln, das begründet den Streit.

Müsste Olaf Scholz nicht mal auf den Tisch hauen? Der Kanzler wirkt präsidial und hält sich zumindest öffentlich oft raus. Machtworte sind selten.

Das ist auch nicht so einfach. Er ist auf beide Koalitionspartner angewiesen. Seine Macht ist eingeschränkt. Scholz würde für sich eine Integrationsfunktion in dieser komplizierten Koalition reklamieren.

Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit

Olaf Scholz spricht zur Energiepolitik.
Olaf Scholz (SPD) ist der neunte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Politisch wird er dem konservativen Flügel der Sozialdemokraten zugerechnet. Lange Zeit galt er als reiner „Scholzomat“ – ein Spitzname, den er sich wegen seiner mechanisch wirkenden Sprechblasen in seiner Zeit als Generalsekretär unter Kanzler Gerhard Schröder verdiente. Kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine kündigte er in einer Sondersitzung des deutschen Bundestages einen Wandel der deutschen Politik an: „Wir erleben eine Zeitenwende.“  © Britta Pedersen/dpa
Robert Habeck auf Deutschlandtour.
Robert Habeck ist Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz im Kabinett Scholz sowie Stellvertreter des Kanzlers. Vom 27. Januar 2018 bis zum 14. Februar 2022 hatte er zusammen mit Annalena Baerbock den Bundesvorsitz der Partei Bündnis 90/Die Grünen inne. Habeck ist auch als Schriftsteller tätig. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Andrea Paluch veröffentlichte er mehrere Romane, u.a. Hauke Haiens Tod (2001). © Soeren Stache/dpa
Jörg Kukies kommt zu Beginn der Sitzung des Bundeskabinetts im Kanzleramt.
Am 7. November 2024 hat Jörg Kukies das Amt des Finanzminister übernommen. Der Sozialdemokrat Kukies ist derzeit Staatssekretär im Kanzleramt und gilt als einer der wichtigsten Berater von Kanzler Scholz. Er ist sein Mann für Wirtschaft und Finanzen und verhandelt für ihn die Abschlussdokumente der G7- und G20-Gipfel.  © Michael Kappeler/dpa
Christian Lindner im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022.
Christian Lindner ist Bundesminister der Finanzen im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker ist seit dem 7. Dezember 2013 Bundesvorsitzender der Liberalen. Schon 2017 sah es lange so aus, als würde die FDP an der Regierung beteiligt sein. Doch nach vierwöchigen Sondierungsgesprächen zur Bildung einer Jamaika-Koalition erklärte Lindner die Verhandlungen schließlich für gescheitert. Seine Begründung: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren!“ © Emmanuele Contini/Imago
Nancy Faeser (SPD), alte und neue Landesvorsitzende der SPD in Hessen und Bundesinnenministerin, freut sich über ihre Wiederwahl.
Nancy Faeser führt im Kabinett Scholz als erste Frau das Bundesministerium des Innern und für Heimat. Die Juristin ist seit dem 2. November 2019 Vorsitzende der SPD Hessen. Zuvor war sie 16 Jahre lang Abgeordnete des Hessischen Landtags und ab 2019 als Vorsitzende der hessischen SPD-Fraktion auch Oppositionsführerin. Zudem war sie Spitzenkandidatin der SPD bei der Landtagswahl in Hessen 2023. Als Abgeordnete im Landtag erhielt sie zwei Drohbriefe, die mit NSU 2.0 unterschrieben waren. © Andreas Arnold/dpa
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.
Annalena Baerbock ist im Kabinett Scholz Bundesministerin des Auswärtigen. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt innehat. Bei der Bundestagswahl 2021 trat sie als Kanzlerkandidatin der Grünen an, die sich aber mit 14,8 Prozent der Zweitstimmen mit Platz drei hinter SPD und Union begnügen mussten. Von Januar 2018 bis Februar 2022 war sie gemeinsam mit Robert Habeck Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. © Thomas Imo/Imago
Marco Buschmann FDP, Bundesjustizminister, stellt Eckpunktepapier zum Selbstbestimmungsgesetz vor.
Marco Buschmann war bis zum 7. November 2024 Bundesminister der Justiz im Kabinett Scholz. Der FDP-Politiker war von Oktober 2017 bis Dezember 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion. Im Herbst 2020 warnte er während der Corona-Pandemie vor einer Verfassungskrise. Buschmann war auch Mitkoordinator der erfolgreichen Verfassungsklage der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP gegen den Berliner Mietendeckel. Nach dem Rauswurf von Finanzminister Christian Lindner verließ Buschmann die Ampel.  © Jürgen Heinrich/Imago
Volker Wissing, Bundesverkehrsminister FDP, vor der Kabinettssitzung im Berliner Kanzleramt Bundeskanzleramt in Berlin
Volker Wissing wurde nah dem Ampel-Aus für sein Ausscheren aus dem Kurs von FDP-Parteichef Christian Lindner belohnt. Der Bundesminister für Digitales und Verkehr erhielt zusätzlich das Justizressort. Einer der letzten großen Ampel-Fans in der FDP zog nach dem Koalitionsbruch Konsequenzen: In einem beispiellosen Schritt trat er aus der Partei aus und bleibt bis zu den geplanten Neuwahlen als Parteiloser im Amt. Der Jurist war vom 19. September 2020 bis zum 23. April 2022 Generalsekretär der FDP. Wissing gibt als Hobby Weinbau an, vor allem im familieneigenen Weingut.  © Stefan Boness/Imago
Hubertus Heil besucht die Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in Berlin-Spandau.
Hubertus Heil ist im Kabinett Scholz Bundesminister für Arbeit und Soziales – ein Amt, das der SPD-Politiker bereits seit dem 14. März 2018 innehat. Heil ist seit Dezember 2019 stellvertretender Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten. Von November 2005 bis November 2009 und von Juni bis Dezember 2017 war er Generalsekretär seiner Partei. Heil spricht sich für einen Mindestlohn von mindestens 12 Euro aus, eine Erhöhung des Rentenalters auf über 67 Jahre lehnt er ab. © M. Popow/Imago
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen.
Boris Pistorius ist als Nachfolger von Christine Lambrecht ins Chefbüro des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock gerückt. Pistorius gehört dem SPD-Parteivorstand an und gilt als erfahrener Polit-Manager. Von 1980 bis 1981 absolvierte er seinen Wehrdienst, anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Osnabrück und Münster. Pistorius war zuvor seit 2013 Innenminister in Niedersachsen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsministerin Lambrecht besucht Marder-Kompanie
Bis zum 19. Januar 2023 hatte Christine Lambrecht das Amt der Verteidigungsministerin inne. Die SPD-Politikerin stand zumeist unter einem immensen Druck. Kritische Stimmen warfen ihr fehlende Sachkenntnis, die schleppend angelaufene Beschaffung für die Bundeswehr, aber auch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit vor. Irritation rief schließlich eine Neujahrsbotschaft hervor, in der sie begleitet von Silvesterfeuerwerk in Berlin über den Ukraine-Krieg sprach. © Robert Michael/dpa
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft läuft beim Treffen der G7 Agrarminister zum Eingang des Schlosses Hohenheim.
Cem Özdemir ist Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft im Kabinett Scholz. Özdemir ist der erste Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund. Von November 2008 bis Januar 2018 war er Bundesvorsitzender der Grünen. Im Dezember 2021 wurde er zum stellvertretenden Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gewählt. Nach dem Ampel-Aus übernahm er auch das Ministerium für Bildung und Forschung.  © Bernd Weißbrod/dpa
Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht beim hybriden Gipfeltreffen „Women7-Summit“.
Elisabeth „Lisa“ Paus ist seit dem 25. April 2022 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Scholz. Sie ist die Nachfolgerin von Anne Spiegel, die zuvor von diesem Posten zurückgetreten war. Paus gehört zum linken Parteiflügel der Grünen. Sie ist seit 2009 Abgeordnete im Deutschen Bundestag.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergibt im Schloss Bellevue anlässlich des Amtswechsels im Bundesfamilienministerium die Entlassungsurkunde an Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen), bisherige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Vorgängerin von Lisa Paus war Anne Spiegel, die am 25. April 2022 die Entlassungsurkunde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt. „Es war zu viel“, hatte die Grünen-Politikerin vorher bekennen müssen. Ihr Verhalten als Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 wurde vom Untersuchungsausschuss des Landtags bis ins Detail untersucht. Die Kritik wurde zum Sturm – ihr Amt als Bundesfamilienministerin gab Spiegel deshalb auf. In ihrer Rücktrittserklärung betonte Spiegel, dass sie das Amt nicht länger belasten wolle und entschuldigte sich für begangene Fehler. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen von Journalisten zum Infektionsgeschehen und zur Impfentwicklung.
Karl Lauterbach ist Bundesminister für Gesundheit im Kabinett Scholz. Der SPD-Politiker ist Professor am Universitätsklinikum Köln und dort Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie. Wegen seines Bundestagsmandats ist er derzeit beurlaubt. Während der Pandemie ist er für viele zu einer Reizfigur geworden. Als Minister konnte er sich mit seiner Forderung nach einer allgemeinen Corona-Impfpflicht nicht durchsetzen.  © Wolfgang Kumm/dpa
Steffi Lemke, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz beim Treffen der G7 Klima-, Energie- und Umweltministerinnen und -minister.
Steffi Lemke hat im Kabinett Scholz den Posten als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz inne. Die Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, das sie 1993 als Diplom-Agraringenieurin abschloss. Von 2002 bis 2013 war sie politische Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei. © Chris Emil Janssen/Imago
Bettina Stark-Watzinger im Portrait bei der Bundespressekonferenz zum Thema Veroeffentlichung des nationalen Bildungsberichts Bildung in Deutschland.
Bettina Stark-Watzinger ist Bundesministerin für Bildung und Forschung im Kabinett Scholz. Seit 2017 ist sie Abgeordnete im Deutschen Bundestag und seit März 2021 Vorsitzende der FDP Hessen. Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main schloss sie 1993 als Diplom-Volkswirtin ab. Sie ist Mitglied im Stiftungsrat der Karl-Hermann-Flach-Stiftung. © Imago
Svenja Schulze SPD, Bundesministerin fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aufgenommen im Rahmen der Konferenz fuer globale Ernaehrungssicherheit im Auswaertigen Amt in Berlin.
Svenja Schulze ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland im Kabinett Scholz. Die SPD-Politikerin ist Mitglied der Arbeiterwohlfahrt, der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ver.di, im Naturschutzbund Deutschland (NABU) und im Verein Slowfood. Sie ist Mitbegründerin des Netzwerkes „Frauenzeiten“. © Florian Gaertner/Imago
Klara Geywitz im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022. Kabinettssitzung in Berlin.
Klara Geywitz ist Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen im Kabinett Scholz. Zudem ist sie Beauftragte der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich. Im Dezember 2019 wurde sie zu einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Geywitz gehört seit 2014 dem Vorstand der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit an. © Emmanuele Contini/Imago
Wolfgang Schmidt hisst die Regenbogenfahne am Bundeskanzleramt in Berlin.
Wolfgang Schmidt ist Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes im Kabinett Scholz. In dieser Funktion ist er außerdem Beauftragter der Nachrichtendienste des Bundes. Schmidt, der seit 1989 der SPD angehört, gilt als engster Vertrauter von Olaf Scholz. © Christian Spicker/Imago

Politologin Münch: Scholz´ Zusammenarbeit mit den SPD-Vorsitzenden klappt gut

Die er zweifellos hat, auch weil die SPD erstaunlich still ist. Wie bewerten Sie den Zustand der Sozialdemokratie?

Den finde ich derzeit recht bemerkenswert. Die Zusammenarbeit des Kanzlers mit den beiden Parteivorsitzenden, zwischen Willy-Brandt-Haus und Kanzleramt, funktioniert recht gut. Darauf kann sich Scholz verlassen.

Und was halten Sie von Scholz persönlich?

Ich würde mir auch wünschen, dass er hörbarer ist. Er redet in Plattitüden und wirkt unnötig leise.

Die FDP ist laut, dümpelt aber trotzdem in den Umfragen bei sechs Prozent herum. Ist ihre Macht dafür nicht ein bisschen groß? Mit der Kindergrundsicherung bremst der FDP-Finanzminister ein Projekt, das der SPD und den Grünen wichtig ist.

Die FDP ist nun mal Teil der Koalition, kann aber von ihrer Sonderrolle als Mahnerin kaum profitieren. Für die FDP kommen zwei Unzufriedenheiten zusammen: Der Kernklientel ist die FDP derzeit nicht genügend FDP. Und jüngere Wählerinnen und Wähler sind zum Teil enttäuscht davon, dass die FDP in der Klimapolitik auf der Bremse steht.

Politologin Münch: Mit Infrastruktur kann man wenig punkten

Klima ist ein zentrales Thema, um die Frage der Digitalisierung ist es ruhiger bestellt. Verschlafen wir die Digitalisierung weiter, so wie in der Regierungszeit von Angela Merkel?

Regierungspolitik findet ja auch ohne die großen Schlagzeilen statt. Aber ich gebe Ihnen recht, das ist ein zentrales Thema, aber eines wie bei allen Infrastrukturthemen, mit denen man in der Öffentlichkeit kaum punkten kann. Auch die FDP nicht.

Die Grünen wiederum scheinen vorerst ihre Höhenflüge hinter sich zu haben. Kompromisse wie beim Asyl werden zähneknirschend mit der Formel verkauft: Wir hätten gerne mehr erreicht, ging aber nicht.

Zur Person

Ursula Münch , geboren 1961, ist seit 1999 Professorin für Politikwissenschaften und seit 2011 die Direktorin der Politischen Akademie in Tutzing. Ihr Schwerpunkt: Innenpolitik und vergleichende Regierungslehre. mben

Was sollen sie sonst tun? Damit befrieden sie die Basis in einem für die Grünen zentralen Thema. Aber natürlich, die Unzufriedenheit ist sehr groß an der Basis, wobei viele auch schon wissen, dass die europäische Migrationspolitik etwas anders abläuft als es sich die deutschen Grünen vorstellen.

Inwiefern?

Weil die Bundesrepublik auch Rücksicht auf die Wünsche der anderen EU-Mitgliedstaaten zu nehmen hat. Täte sie das nicht, scheiterte die gesamte EU-Asylpolitik, und das hätte womöglich fatale Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Stimmungslage in den nationalen Wählerschaften.

Politologin Münch: Die CDU ist sich nicht einig über ihren Kurs

Die Opposition der CDU gibt ein schwaches Bild ab, vor allem Parteichef Friedrich Merz. Er macht nichts aus den Steilvorlagen der Regierung. Dabei haben ihn doch einige Konservative jahrelang als Heilsbringer herbeigesehnt …

… wie Sie sagen: einige. Er hat ja nicht umsonst drei Anläufe gebraucht, um Parteivorsitzender zu werden. Die CDU ist sich über ihren Kurs nicht einig, weiß nicht, ob sie die Grünen oder die AfD attackieren soll. Merz versucht, das auszubalancieren – was man von ihm früher nicht gewohnt war. Dadurch wirkt er aber extrem unentschieden. Dazu kommt, dass sich jetzt schon wieder eine Konkurrenz um die Kanzlerkandidatur anbahnt, das ist sehr unglücklich.

Sie meinen Hendrik Wüst oder Daniel Günther?

Um Markus Söder nicht zu vergessen. Ja, solche Personaldebatten kommen zum jetzigen Zeitpunkt nicht gut an.

Bei Merz bricht immer wieder der Kulturkampf durch. Mal ätzt er gegen das Gendern, mal mokiert er sich über „Paschas“. Verfängt das nicht nur bei denen, die sowieso AfD wählen?

Ich finde es schwierig, ständig von solchen Themen zu sprechen und gleichzeitig zu behaupten, diese seien nicht wichtig. Dann widerspricht man sich selbst. Den Menschen ist Sachpolitik wichtiger, nur wenige wollen sich permanent mit solchen Nebensächlichkeiten beschäftigen. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass zum Beispiel das Gender-Thema die Leute schon umtreibt.

Politologin Münch: Die Union steht vor einem Dilemma

Liegt das nicht auch daran, dass die AfD permanent solche Nebensächlichkeiten auf die Agenda setzt?

Ja, ein Beispiel: Neulich hat ein AfD-Politiker im Bayerischen Fernsehen allen Ernstes von sich gegeben, dass die CDU und CSU die „Gender- und Woke“-Parteien seien. Das ist natürlich sachlich falsch, weil die Unionsparteien seit Jahrzehnten solche gesellschaftspolitischen Debatten von rechts oder aus konservativer Richtung führen, und nicht die AfD, die erst zehn Jahre alt ist. Auch stramm rechte Thesen zur Migration sind die Unionspolitik der sechziger bis in die Nuller Jahre. Nur: Die AfD setzt sich jetzt in die Lücke, die Angela Merkel bei der CDU aufgerissen hat.

Was bedeutet das für die Union?

Die Union steht vor einem Dilemma: Einerseits nimmt die AfD ihr die Themen weg, andererseits heißt es vonseiten der SPD und den Grünen, die Union sei eine „rechte“ Partei und womöglich AfD-nah, wenn sie darüber wieder spricht – was sie meines Erachtens aber tun muss.

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch.

Aber da ist ja auch was dran. Wenn die CDU die Sprache der AfD spricht, hilft sie vor allem: der AfD.

Ja, natürlich. Aber es muss eben auch möglich sein, sich als Partei rechts der Mitte zu positionieren. Dann ist man nicht rechtsextrem und hat auch nichts mit der AfD zu tun.

Politologin Münch: Die AfD agiert mit Halb-, Viertel- und völligen Unwahrheiten

Die Strategie der AfD geht teilweise auf, Sie haben es eben selbst beschrieben: Der AfD-Politiker im Fernsehen behauptet einfach irgendwas, und die anderen Parteileute müssen dann gegen diese falsche Behauptung ankämpfen. So funktioniert Politik im Donald-Trump-Zeitalter. Das ist besorgniserregend.

Das finde ich auch. Die AfD agiert mit Halb-, Viertel- und völligen Unwahrheiten. Damit bringt sie die Diskussionspartner in die Situation, sich zu rechtfertigen oder gar richtigzustellen. Man arbeitet sich an der AfD ab, weil – wenn man das nicht tut – irgendetwas stehenbleibt.

Mit Geld aus der staatlichen Parteienfinanzierung und Verwaltungsapparaten zumindest auf kommunaler Ebene wird die AfD auch immer größer und stärker, immer fester verankert …

… die Partei dringt in immer neue Gebiete ein, perspektivisch auch in die politischen Bildungseinrichtungen, die Fernseh-Beiräte, die Justiz …

Politologin Münch: Scholz weist darauf hin, dass die AfD ein Krisenprofiteur ist

Das wäre sehr erschreckend. Wie kann man das denn verhindern, und wie wehrhaft ist diese Demokratie eigentlich? Darauf gibt es zu wenige Antworten bisher.

Schwierig. Solange die Partei nicht verboten wird – wofür im Augenblick nichts spricht – muss man sie im demokratischen Wettbewerb akzeptieren, auch wenn sie in tendenziell verfassungsfeindlicher Absicht agiert. Das halte ich für sehr problematisch.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass Kanzler Scholz die AfD wiederholt „nur“ als „Schlechte-Laune-Partei“ bezeichnet und nicht als Gefahr für die Demokratie. Ist das nicht verharmlosend?

Damit will er die rechtsextremen Teile der AfD sicherlich nicht „schön“ reden, sondern er weist zurecht darauf hin, dass die AfD ein Krisenprofiteur ist und aus Eigennutz alles bewusst negativer darstellt als es ist.

Rubriklistenbild: © AFP

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