Indien kauft russisches Öl und russische Waffen, Ministerpräsident Modi pflegt enge Beziehungen zu Putin. Trotzdem sieht sich das Land als Partner des Westens. Ein Experte erklärt, wie das zusammenpasst.
Am Donnerstag empfängt der indische Ministerpräsident Narendra Modi in Neu-Delhi Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Russland ist für Indien ein wichtiger Handelspartner, der Subkontinent bezieht große Mengen russischen Öls und kauft seit Jahrzehnten russische Waffen. Dass er mit seiner Nähe zu Putin den Westen verärgert, sei Modi egal, sagt Adrian Haack, Leiter des Indien-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Die indische Außenpolitik wird nicht von Werten geleitet, sondern von Interessen“, sagt Haack im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Herr Haack, welche Botschaft geht von dem Treffen zwischen Putin und Modi aus?
Für Wladimir Putin ist es eine Chance, zu zeigen, dass er international nicht isoliert ist. Zudem ist Indien eine Demokratie, das unterscheidet das Land von vielen anderen Staaten, in denen Putin noch immer ein gern gesehener Gast ist.
Wenn Modi im Ausland ist, umarmt er sehr exzessiv andere Menschen – Barack Obama, den Papst, Mark Zuckerberg oder eben Putin.
Aus westlicher Sicht macht es einen Unterschied, ob jemand den Papst umarmt oder Wladimir Putin.
Ja, natürlich. Wenn Modi Putin umarmt, bedeutet das einen Imageverlust für ihn im Westen. Aber das preist er ein. Indien versucht, gleichzeitig zu Europa, den USA und Russland gute Beziehungen zu unterhalten – und nimmt dabei Kollateralschäden in Kauf. Die indische Außenpolitik wird nicht von Werten geleitet, sondern von Interessen.
Im indischen Interesse sind auch gute Beziehungen zum Westen, die EU ist der größte Handelspartner des Landes. Setzt Modi das nicht aufs Spiel, wenn er Putin umgarnt?
Wenn Indien eng mit Russland zusammenarbeitet, dann mag das zwar einen Imageschaden im Westen zur Folge haben. Aber es hat keine praktischen politischen Auswirkungen. So arbeitet die EU trotz allem weiter mit Hochdruck an einem Freihandelsabkommen mit Indien. Auch in anderer Hinsicht hat sich Indiens Russland-Nähe bislang nicht nachteilig für das Land ausgewirkt, im Gegenteil. Nehmen Sie die Rüstung als Beispiel.
Indien bezieht traditionell einen großen Teil seiner Rüstungsgüter aus Russland, auch bei dem Treffen mit Putin soll das Thema auf der Tagesordnung stehen.
Der Westen kritisiert, dass Indien sich bei der Rüstung abhängig von Russland gemacht hat. Aber er hat auch erkannt, dass man Indien eine Alternative zu Russland bieten muss. Die deutsche Ampelregierung, die zunächst eine sehr restriktive Rüstungspolitik gegenüber Indien vertrat, hat schließlich eine Kehrtwende hingelegt. Sodass Indien auch aus Deutschland Rüstungsgüter importieren kann. Der indische Ansatz, mit dem Westen und mit Russland gleichermaßen gut auskommen zu wollen, hatte für das Land bislang keine negativen Folgen.
„Indien konnte in den vergangenen Jahren russisches Öl sehr günstig kaufen“
Das stimmt. Indien konnte in den vergangenen Jahren russisches Öl sehr günstig kaufen. Dem hat Donald Trump jetzt einen Riegel vorgeschoben. Reliance, ein riesiger indischer Mischkonzern, hat bereits angekündigt, ab Dezember kein russisches Öl mehr zu verarbeiten – weil die Kosten durch die US-Sanktionen höher sind als die Ersparnisse durch den Import günstigen russischen Öls. Die Inder machen eine knallharte Kosten-Nutzen-Rechnung, sie entscheiden mit dem Taschenrechner. Indien weiß, dass es einen Zollkrieg mit den USA nicht gewinnen kann, dafür ist der indische Export zu sehr von den USA abhängig.
Auch China finanziert Putins Krieg gegen die Ukraine mit. Im Handelsstreit mit Washington hat Peking aber bislang stets zurückgeschlagen und Trump so zum Einlenken gebracht.
China kann viel stärker Druck ausüben auf die USA, etwa, indem es den Export von seltenen Erden beschränkt. Indien hat einen solchen Hebel nicht. Ein Konflikt mit Indien ist für die USA also viel leichter zu gewinnen als ein Konflikt mit China.
Wie wird Putin darauf reagieren, dass Indien sich von russischem Öl abwendet?
Putin wird beim Treffen mit Modi nach Wegen suchen, das Geschäft am Laufen zu halten. Das ist sein oberstes Interesse, er braucht die Einnahmen, um seinen Krieg zu finanzieren. Also wird er versuchen, Öl über Umwege nach Indien zu verkaufen. Aber auf indischer Seite sind es letztendlich Unternehmen, die Öl einkaufen und verarbeiten, nicht der Staat. Ich bezweifle, dass diese Unternehmen bereit sind, das Risiko einzugehen, weiter russisches Öl zu kaufen und somit den Ärger der USA auf sich zu ziehen.
Just als Modi im vergangenen Jahr in Moskau ankam, hat Russland ein Kinderkrankenhaus in Kiew bombardiert. Er empfinde Schmerzen, „wenn Kinder sterben“, hat Modi damals gesagt. Wie ernst meint er das?
Ich denke, dass es Modi durchaus ernst meint, wenn er so etwas sagt. Aber klar ist auch: Er hat keinen Einfluss auf Putin, er kann ihn nicht dazu bringen, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden.
Teilen Modi und Putin dasselbe Weltbild, so wie es Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping tun?
Narendra Modi sollte nicht in einem Atemzug mit Xi und Putin genannt werden. Er hat keinerlei Ambitionen, als großer Feldherr in die Geschichte einzugehen. Neu-Delhi sieht zwar die Hegemonie der USA und die von den USA geschaffenen Institutionen kritisch.
Aber?
Die Disruptionen, die von China und Russland ausgehen, haben nicht das Ziel, eine echte multipolare Weltordnung zu schaffen. Peking will zunächst eine bipolare Ordnung, in der es gleichberechtigt neben den USA steht, und schließlich selbst globale Hegemonialmacht werden. Niemand in Neu-Delhi macht sich die Illusion, dass eine solche Weltordnung strategisch, wirtschaftlich oder auch kulturell für Indien wünschenswert wäre.
Indien und China streiten seit Jahrzehnten über den Verlauf der gemeinsamen Grenze, 1962 kam es zu einem kurzen Krieg, zuletzt ist der Konflikt 2020 blutig eskaliert.
Entsprechend versucht Indien zu verhindern, dass Russland weiter in den Orbit Chinas gerät. Auch deswegen setzt Modi auf gute Beziehungen zu Putin.
Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg in Indien überhaupt?
Wenn Sie eine indische Tageszeitung durchblättern, ist der Krieg kaum ein Thema. Im vergangenen Jahr hat eine repräsentative Umfrage untersucht, wie die Menschen in Indien zum Ukraine-Krieg stehen. Das Ergebnis: 40 Prozent der Inder haben keine Meinung zu dem Krieg oder gar keine Kenntnis davon. Für Indien ist der Krieg ein europäisches Problem, kein indisches.