VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Charkiw ächzt unter Russlands Raketenhagel. Luftalarm liegt über der gesamten Ukraine. Und die Experten streiten, wie lange Putin noch schießen kann.
Charkiw – „Das Zerschlagen der russischen Offensivpläne ist jetzt die Aufgabe Nummer eins“, sagt Wolodymyr Selenskyj. Mit dieser hartleibigen Aussage zitiert ihn aktuell das ZDF. Der Präsident der Ukraine reagiert damit auf die jüngsten Angriffe auf Charkiw sowie auf andere Städte – in den vergangenen Tagen war in allen ukrainischen Verwaltungsbezirken Luftalarm gegeben worden, wie die Ukrainska Prawda berichtet. Dass der Ukraine-Krieg auch nach deutlich mehr als zwei Jahren auf Messers Schneide steht, ist ein Erfolg für die Verteidiger.
„Das vorrangige Ziel scheint zu sein, dass man den Widerstandswillen der Ukraine brechen will. Die humanitäre Lage soll derart verschlechtert werden, dass aus der ukrainischen Bevölkerung Druck auf die Regierung in Kiew ausgeübt wird. Eine weitere Folge könnte sein, dass mit steigenden Flüchtlingszahlen ebenfalls Druck auf die westlichen Regierungen ausgeübt wird. Das sind die strategischen Erklärungsversuche“, hatte Niklas Masuhr am Ende des ersten Kriegsjahres gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung gemutmaßt. Die Strategie des russischen Diktators ist heute immer noch die gleiche: Terror zu verbreiten.
Irrtum der Experten: Putins Vorrat an Langstreckenraketen womöglich unerschöpflich
Allerdings hat sich der Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich auch kolossal vergaloppiert – Russland würden die Raketen für Präzisionsschläge ausgehen; vor allem an Iskander- oder Kalibr-Raketen. „Es gab bereits von Beginn an nur begrenzte Vorräte, und ein gewisser Anteil davon wird wohl auch für eine eventuelle Eskalation mit der Nato zurückgehalten“, sagte er mit Bezug auf Beobachtungen des Institute for the Study of War (ISW). Aktuell aber warnt die Ukrajinska Prawda davor, dass Wladimir Putins Vorrat an Raketen verschiedener Reichweite offenbar unerschöpflich sei.
Nach deren Angaben feuert Russland seit Anfang des Jahres offenbar aus vollen Rohren – möglicherweise muss Wladimir Putin einen Sieg erzwingen, weil er seine eigenen Ressourcen dem Ende entgegengehen sieht. Laut der Prawda habe die russische Invasionsarmee seit Jahresbeginn 15 Angriffe mit mehr als zehn Raketen und gleichzeitig mit strategischen Bombern geführt. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres habe die Ukraine neun gleich schwere Angriffe gezählt. Eine noch deutlichere Sprache spreche die Zahl der Angriffe mit Kurz- und Mittelstreckenraketen: 466 im Zeitrum zwischen Januar und Mai 2023 und im gleichen Zeitraum diesen Jahres insgesamt 800 Anflüge.
Der Nachschub der Russen an Raketen verschiedener Typen scheint ungebrochen zu sein. „Derzeit verfügt Russland über etwa 950 strategisch-taktische und strategische Raketen mit einer Reichweite von über 350 Kilometern“, hatte Generalmajor Vadym Skibitsky vor Wochen gesagt – bevor Russland weitere, aggressivere Angriffe als zuvor startete. Der stellvertretende Chef des militärischen Geheimdienstes der Ukraine hatte Anfang Mai gegenüber dem britischen Economist gewarnt, dass ein neuer russischer Vorstoß die Ukraine auf eine harte Probe stellen werde. Diese Prognose hat sich bewahrheitet.
Annahme der Experten: Russlands Armee will Charkiw dem Erdboden gleichmachen
Bereits Anfang April hatte Skibitsky hochgerechnet, dass Russland in der Lage sei, pro Monat etwa 40 Kh-101-Raketen, etwa 40 ballistische Iskander-Raketen und Marschflugkörper, ein paar Dutzend Kalibr-Marschflugkörper und mehrere aeroballistische Kinshal-Raketen zu produzieren sowie sechs bis acht Anti-Schiffs-Oniks-Raketen für Angriffe auf Bodenziele, wie die Prawda berichtet. Nach den von mehreren Behörden zusammengetragenen Zahlen hat die ukrainische Luftabwehr insgesamt zwei Drittel russischer Raketen-Angriffe abwehren können, berichtet die Bundeszentrale für politische Bildung – diese Zahlen umfassen das gesamte Jahr 2023.
„Daher ist es wahrscheinlicher, dass das eigentliche Ziel Russlands nicht darin besteht, Charkiw tatsächlich zu besetzen, sondern es unbewohnbar zu machen. Indem es Charkiw entvölkert und die meisten Bewohner vertreibt, könnte Moskau die Flüchtlingssituation innerhalb der Ukraine und indirekt auch im Westen erheblich verschärfen.“
Allerdings bleibt der russischen Armee wohl keine andere Wahl als ihre Taktik fortzusetzen – was das ZDF exemplarisch an den Angriffen auf Charkiw festmacht. Die Millionenmetropole scheint demnach kein Ziel infanteristischer Vorstöße zu sein wie beispielsweise zuvor Awdijiwka. Dazu fehle Russland nach Einschätzung von Experten schlichtweg das Personal. Das sei auch dem Kreml bestens bekannt, vermuten Christian Mölling und András Rácz im ZDF: „Daher ist es wahrscheinlicher, dass das eigentliche Ziel Russlands nicht darin besteht, Charkiw tatsächlich zu besetzen, sondern es unbewohnbar zu machen. Indem es Charkiw entvölkert und die meisten Bewohner vertreibt, könnte Moskau die Flüchtlingssituation innerhalb der Ukraine und indirekt auch im Westen erheblich verschärfen“, schreiben die beiden Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).
Geheimdienst vermutet: Russland produziert mindestens 100 Raketen pro Monat
Und dafür braucht Russland sowohl ballistische Raketen, die also vom Boden aus in einer gebogenen Flugbahn wieder auf ein Ziel am Boden treffen sowie Marschflugkörper, die ihr Ziel am Boden treffen, nachdem sie beispielsweise von einem Flugzeug aus in der Luft abgefeuert worden sind. Am häufigsten müssen sich die Ukrainer zur Wehr setzen gegen Raketen der Typen Iskander sowie gegen Marschflugkörper der Typen Kh-59 beziehungsweise deren „Upgrade“ Kh-69; die verfügt über eine höhere Reichweite – bis zu 400 Kilometer. Dieser Typ soll das Wärmekraftwerk Trypillia zerstört haben. Der russische Militärgeheimdienst geht, laut Angaben der Ukrajinska Prawda, davon aus, dass Russland an Raketen des Kh-Typs rund 130 Stück pro Monat produzieren kann.
Latest Defence Intelligence update on the situation in Ukraine – 01 March 2024.
— Ministry of Defence 🇬🇧 (@DefenceHQ) March 1, 2024
Find out more about Defence Intelligence's use of language: https://t.co/OJHmhrRCIs #StandWithUkraine 🇺🇦 pic.twitter.com/fkyMxj27r7
Zwischendurch feuern die Russen auch mit der Kinshal-Hyperschallrakete. Die ist allerdings teuer – von geschätzten insgesamt 70 russischen Flugkörpern sollen höchstens 25 in diesem Jahr eingesetzt worden sein. Deren Wirksamkeit ist ein genauso großes Mysterium wie deren Anfälligkeit gegenüber Patriots und vor allem wie deren Verfügbarkeit. „Die russische Rüstungsindustrie hat nach eigenen Angaben die Produktion von Hyperschallraketen des Typs Kinschal (Dolch) deutlich gesteigert“, berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland. „‚Aufs Fließband gebracht wurde sie schon lange, zunächst war keine große Anzahl erforderlich. Jetzt steigern wir‘, sagte der Chef der russischen Rüstungsholding Rostec, Sergej Tschemesow.‘“ Das war Anfang 2023.
Putins Hyperschallrakete: Jede dritte schießt die Ukraine vom Himmel
Die Bilanz gegen die Hyperschallraketen war im vergangenen Jahr durchwachsen: Die Bundeszentrale für politische Bildung registrierte eine Erfolgsquote von 33 Prozent gegen die Kinshal: 15 von 45 anfliegenden Raketen wurden vom Himmel geholt. Allerdings herrschen weiterhin lediglich Vermutungen, wie lang der Atem der Russen noch sein kann. Vermutungen verschiedener Seiten gehen wiederholt von lediglich zwei weiteren Kriegsjahren aus. Anfang März äußerte der britische Geheimdienst seine Überzeugung, Russland sei über das gesamte Jahr 2024 hinweg in der Lage, gegenüber der Ukraine an Material im Vorteil zu sein.
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Der britische Geheimdienst fügte seiner Prognose allerdings „mit ziemlicher Sicherheit“ hinzu. Grundsätzlich halten die Briten die russische Rüstungsproduktion für außerstande, mindestens mittelfristig, den Bedarf der russischen Operationen vollständig zu decken. Allerdings schielt Putin in seinem Handeln auch auf die Nato und steht vor einem Dilemma: Einerseits muss er die Intensität seines Terrors gegen die Ukraine beibehalten, andererseits braucht er Reserven gegen die westliche Verteidigungsallianz, wie Lydia Wachs schreibt.
Mittel- bis langfristig werde Russland wohl imstande sein, seine Fähigkeiten an Zahl und Qualität seiner Raketen und Marschflugkörper „vollumfänglich wiederherzustellen“, auch wenn das immer noch nicht genug sei, um gegen die Nato in einem länger andauernden Krieg mitzuhalten. Auch daher könnte Russland vor einem Konflikt mit der Allianz weiterhin zurückschrecken, vermutet die Analystin. „Andererseits lässt sich nur extrem schwer prognostizieren, wie sich der Krieg in der Ukraine und das russische Regime entwickeln werden. Vor allem aber könnte Moskau seine Fähigkeiten dann als politisches Druckmittel einsetzen.“
Rubriklistenbild: © Defense Ministry Press Service/dpa

