VonFelicitas Breschendorfschließen
Deutschland braucht dringend mehr Azubis, die Solaranlagen bauen. Myriam macht es vor – in unserer Videoreportage. Doch gute Vorbilder reichen nicht aus.
Ausbildung hat kein gutes Image. 2023 blieben im Handwerk 20.000 Lehrstellen unbesetzt, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mitteilte. Dabei sind Auszubildende notwendig, um Deutschland klimaneutral zu machen. Wir brauchen Azubis, die Solaranlagen, E-Auto-Ladestationen oder Wärmepumpen installieren, um unsere Energie ausschließlich aus erneuerbaren Energien zu beziehen.
Wer sind diese Klima-Azubis genau?
Die 20-jährige Myriam Schacher macht eine Ausbildung zur Elektronikerin für Gebäudesystemintegration bei der Firma PaechElektro in Berlin. Sie sorgt dafür, die klimafreundlichen Systeme im Haus – Solaranlagen, E-Ladestation und Wärmepumpen – miteinander zu verbinden. Deshalb lernt sie auch zu programmieren.
In der Videoreportage von BuzzFeed News Deutschland (ganz oben) begleiten wir Myriam einen Tag lang bei ihrer Ausbildung.
Ihr Ausbildungsberuf ist aber nicht der einzige, der dem Klima hilft. Wer als Elektronikerin für Gebäude- und Systemtechnik ausgebildet wird, kennt sich ebenso mit E-Mobilität und energieeffizienten Gebäuden aus. Diese Ausbildung macht unter anderem die 24-jährige Diana-Aurelia Werz, die wir in ihrem Betrieb Eltec Service in Berlin getroffen haben.
Auszubildende Diana-Aurelia hätte sich „mehr Nachhaltigkeit gewünscht“
Bei den Ausbildungen von Myriam und Diana-Aurelia gilt: Zunächst lernen sie die Grundlagen der Elektrotechnik, zum Beispiel wo der Strom fließt oder wie Lichtschalter funktionieren. Wissen zu erneuerbaren Energien kommt erst als Bonus hinzu.
Für die Auszubildende Diana-Aurelia war das Klima ein Grund, um sich für die Ausbildung zu entscheiden. Jetzt arbeitet sie in einem Betrieb, der mit E-Ladestationen, energieeffizienter Beleuchtung in Gebäuden, aber bisher nicht mit Solaranlagen arbeitet. „Ich hätte mir mehr Nachhaltigkeit gewünscht“, sagt Diana Aurelia. Sie habe aber die Möglichkeit, in Zukunft selbst neue Projekte zu starten – darauf freut sie sich schon.
„10.000 Tage“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, sowie der Organisation ProjectTogether, setzt sich dafür ein, dass andere Azubis in Zukunft nicht so enttäuscht sind wie Diana-Aurelia. Das Projekt fördert Fachkräfte, die speziell für die Klimawende ausgebildet sind. „Wir haben Fachkräftemangel. Deswegen müssen wir priorisieren und junge Menschen sollten lieber in fair bezahlten Klimajobs arbeiten als Pakete für Amazon ausliefern“, sagt Projektleiter Jonathan Funke.
Klima-Azubis sind die, die die Klimawende tatsächlich umsetzen. Ohne die ist es nicht möglich, dass wir das 1,5 Grad Ziel erreichen.
Es gibt noch nicht die eine „Klima-Ausbildung“
Um mehr junge Menschen zu überzeugen, fördert „10.000 Tage“ Praktika, die Schüler:innen an Klima-Ausbildungen heranführt. „Klima-Azubis sind die, die die Klimawende tatsächlich umsetzen. Ohne sie ist es nicht möglich, dass wir das 1,5 Grad Ziel erreichen“, sagt Funke. Viel Zeit, um bei der Wahl des Ausbildungsplatzes hin und her zu überlegen, haben Berufsanfänger:innen nicht: In Deutschland gibt es Orte, die aufgrund der Klimakrise schon bald verschwinden könnten.
Diana-Aurelia muss niemand mehr überzeugen. „Ich finde meine Ausbildung besonders mit Blick auf die Zukunft spannend. Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz war mir wichtig, dass ich bei der Klimawende aktiv dabei sein kann“, sagt sie. Nur habe sie schwierig erkennen können, welcher Ausbildungsberuf sich dafür anbietet.
Wer auf den Ausbildungsseiten nach Klimaberufen sucht, wird schnell irritiert: Soll ich nun Elektronikerin für Gebäude- und Systemtechnik oder Elektronikerin für Gebäudesystemintegration werden? Oder doch etwas ganz anderes? „Aktuell gibt es viele verschiedene Gewerke, die extrem schwer zu koordinieren sind. Es fehlen spezialisierte Klima-Handwerker:innen“, sagt Funke. Seine Organisation fordert eine einheitliche „Klima-Ausbildung“, die auch offiziell diesen Namen tragen könnte. Auch müssten Unternehmen und Ausbildungsstätten intensiver mit den Vorteilen der erneuerbaren Energien werben.
Azubis Ausgefragt
In unserer Reihe sprechen wir mit Auszubildenden über ihre Arbeit: Was bewegt sie? Was läuft schief und was erhoffen sie sich? Eine Hebamme verrät, wen sie nach der ersten Geburt als Erstes anrief – und ein Bäcker-Azubi, was ihm ein „geiles Gefühl“ gibt.
Wenige Azubis im Bereich Solar oder E-Mobilität sind Frauen
Nur 2,6 Prozent der Auszubildenden im Elektrohandwerk (und damit auch in klimafreundlichen Bereichen wie Solar oder E-Mobilität) sind weiblich. Würden sich mehr Frauen dazu entschließen, gäbe es auch mehr Arbeitnehmer:innen für die Energiewende. Doch: „Viele Betriebe sind nicht auf Frauen vorbereitet“, sagt Diana-Aurelia. Ein Betrieb, bei dem sich Diana-Aurelia beworben hat, habe ihr mitgeteilt, dass er generell keine weiblichen Azubis annehme. Komischerweise erst, nachdem sie ihren Probetag schon hinter sich hatte. Bei der Firma PaechElektro, die BuzzFeed News Deutschland besucht hat, gibt es keine separate Frauentoilette.
Die fehlende Ausstattung ist aber nicht das einzige Problem: Bei Eltec, Diana-Aurelias Betrieb, der gerne Frauen aufnehmen würde, bewerben sich nach Angaben des Geschäftsführers Norman Jandt einfach zu wenige. Diana-Aurelia sei 2023 die Einzige gewesen. „Es ist unheimlich schwierig, an weibliche Auszubildende heranzukommen“, sagt Jandt. Viele junge Menschen scheinen im Elektrohandwerk nur eines zu sehen: Schrauben, bohren, Kabel verlegen. (Obwohl auch diese handwerklichen Tätigkeiten Frauen natürlich interessieren können.)
Ein deutliches Klima-Image könnte die Ausbildung attraktiver machen
Um Frauen stärker für eine Ausbildung im Elektrohandwerk zu begeistern, braucht es womöglich jene „Klima-Ausbildung“, die sich Funke wünscht. Bei Studienfächern funktioniert das Rebranding nach Angaben des Verbands der Elektrotechnik (VDE) bereits gut. Jahrelang lag die Frauenquote der Studienanfänger:innen der Elektro- und Informationstechnik demnach bei etwa zehn Prozent. 2011 beschließt die Bundesregierung die Energiewende. In der Folge entstehen Studienfächer, die „Elektrische Energietechnik“ heißen oder eine Spezialisierung in regenerativen Energien anbieten. 2022 lag die Frauenquote der Erstsemester laut VDE-Studie bereits bei 17 Prozent.
Diana-Aurelia sei in Ausschreibungen oft auf Sätze wie „Arbeitest du gerne mit Strom?“ gestoßen. Das habe sie eher abgeschreckt. Stattdessen hätte ihr vielleicht die Aufforderung geholfen, die Funke formuliert: „Wenn du jeden Tag acht Stunden lang selbst anpackst, um die Gesellschaft klimaneutral zu gestalten, hast du viel mehr Wirkung, als wenn du mal auf ein Steak verzichtest oder nicht in den Urlaub fliegst. Deine Berufswahl macht den Unterschied.“
In unserer Reihe „Azubis ausgefragt“ verrät eine LKW-Fahrerin 13 Dinge über ihrer Ausbildung.
Rubriklistenbild: © Video: David Spitmann / Screenshot


