10.000 Stellen fallen weg

Söder im Interview: Klartext zu Bayerns Sparplan – hier wird der Rotstift angesetzt

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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fordert kurz vor der CSU-Klausur im Kloster Banz eine neue Staatsreform – und warnt vor einem weiteren Erstarken der AfD.

Bayerns Politik erwacht aus dem Sommerschlaf. Nach Wochen, eigentlich Monaten ohne große Initiativen, Pläne oder Fortschritte kommen die Landtagsfraktionen zu ihren Herbstklausuren zusammen; die CSU ab Montag im Kloster Banz. Nutzt Ministerpräsident Markus Söder seine Grundsatzrede dort zu einem Aufschlag, was seine Regierungspläne für die zweite Hälfte der Legislaturperiode, also bis zur Wahl 2028, sind? Wir haben am Donnerstag ausführlich mit dem CSU-Chef gesprochen. Über Bayern, den Bund und seinen Kampf gegen die AfD.

Das ist Markus Söders Bayern-Kabinett: Vier Frauen und ein CSU-Schwabe

Vereidigung des bayerischen Kabinetts
Seit dem 31. Oktober 2023 regiert das Kabinett Söder III in Bayern – eine Koalition zwischen CSU und Freien Wählern. Markus Söder wurde am 31. Oktober 2023 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Staatsministerinnen und Staatsminister wurden am 8. November 2023 ernannt und vereidigt. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Markus Söder und seine Minister: Seit Herbst 2023 ist das Kabinett „Söder III“ in Amt und Würden.
Markus Söder und seine Minister: Seit Herbst 2023 ist das Kabinett „Söder III“ in Amt und Würden.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Markus Söder ist Bayerns Ministerpräsident – und ein bekanntes Gesicht in ganz Deutschland.
Markus Söder ist Bayerns Ministerpräsident – und ein bekanntes Gesicht in ganz Deutschland. Spekulationen über Kanzler-Ambitionen wollten lange nicht abebben. Doch weiter ist „Platz in Bayern“. Zusammen mit seinem Kabinett. © Dwi Anoraganingrum/Imago
Politischer Aschermittwoch - Bayern CSU
Auch bei der kommenden Bundestagswahl rechnet sich Söder keinerlei Chancen mehr auf das Kanzleramt aus. „Null. Der Friedrich Merz macht das jetzt acht Jahre“, sagte der bayerische Ministerpräsident im Juni 2025 dem Nachrichtenmagazin Spiegel auf die Frage, wie groß er seine Chancen sehe, doch noch selbst Kanzler zu werden.  © Peter Kneffel/dpa
Hubert Aiwanger ist als Chef der Freien Wähler gewissermaßen Söders Gegenspieler
Hubert Aiwanger ist als Chef der Freien Wähler gewissermaßen Söders Gegenspieler in der „Bayern-Koalition“ – und angesichts streitbarer Äußerungen und der „Flugblatt-Affäre“ eine durchaus polarisierende Figur. Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident ist Aiwanger schon seit 2018. Im Kabinett Söder III erhielt er neue Kompetenzen in Sachen Jagd und Staatsforsten. © Peter Kneffel/dpa
Söders zweite Stellvertreterin ist Ulrike Scharf.
Söders zweite Stellvertreterin ist Ulrike Scharf. Mit dieser (Bonus-)Postenvergabe an die Sozialministerin überraschte Söder einige Beobachter. Auch, weil er Scharf bei seiner Amtsübernahme von Horst Seehofer 2018 direkt aus ihrem Amt als Umweltministerin geworfen hatte. Die Oberbayerin profilierte sich nach der Ernennung zur Söder-Vize umgehend – mit einer deutlichen Warnung vor Antisemitismus und Gefahren für die Demokratie. © Frank Hoermann/Imago
Florian Herrmann ist als Leiter der Bayerischen Staatskanzlei ein wichtiger Zuarbeiter und praktische die „rechte Hand“ Söders.
Florian Herrmann ist als Leiter der Bayerischen Staatskanzlei ein wichtiger Zuarbeiter und praktisch die „rechte Hand“ Söders. Die Zusammenarbeit scheint zu klappen: Herrmann hat den Posten schon seit 2018 inne. Wie Scharf hat Herrmann seine politische Heimat nordöstlich von München, im Bezirk Oberbayern. © Imago
Seit 2013 sitzt Eric Beißwenger im Landtag.
Seit 2013 sitzt Eric Beißwenger im Landtag. Seine Ernennung war die vielleicht größte Überraschung Söders auf CSU-Seiten. Mit Umwelt und Tourismus hatte sich der Biobauer Beißwenger in seinen ersten zwei Legislaturen beschäftigt. Nun kümmert er sich um Europa, wobei Beißwenger zufolge auch dort Umwelt und Landwirtschaft wichtig sind. Wohnhaft im Allgäu, vertritt Beißweniger die Schwaben-CSU – und stammt dabei eigentlich aus Mannheim. © Bernd Feil/Imago
Ein weiterer altgedienter Kempe in Bayerns Kabinetten ist Joachim Herrmann.
Ein weiterer altgedienter Kempe in Bayerns Kabinetten ist Joachim Herrmann. Schon seit 2007 – unter Günther Beckstein – ist der Mittelfranke Innenminister. Herrmann gilt als gewichtige Stimme in der CSU; Landtagsfraktionschef war er schon; und bereits 1998 als Staatssekretär erstmals Mitglied der Staatsregierung, 2008 galt er als Kandidat für das Amt als Bayerns Regierungschef. Den Posten als Vize-Ministerpräsident verlor er 2023 aber an Ulrike Scharf. © Peter Kneffel/dpa
Ein eher neues Gesicht in Bayerns Kabinett ist Christian Bernreiter
Ein eher neues Gesicht in Bayerns Kabinett ist Christian Bernreiter – lange Jahre war er als Landrat tätig. Anfang 2022 berief Söder den Niederbayern bei einer Kabinettsumbildung zum Minister für Verkehr und Bau. Seither hat er weiteren Einfluss in der CSU gewonnen: Seit 2023 führt Bernreiter den Bezirksverband Niederbayern. Er folgte auf Andreas Scheuer. © Sven Hoppe/dpa
Seit 2013 ist Georg Eisenreich Mitglied der Bayerischen Staatsregierung
Seit 2013 ist Georg Eisenreich Mitglied der Bayerischen Staatsregierung: zuerst als Horst Seehofers Staatssekretär für Bildung, Kultus, Wissenschaft und Kunst; ab 2018 dann kurz als Europa-Staatsminister und in den Kabinetten Söder II und III als Justizminister. Inhaltlich passt das gut: Eisenreich ist Jurist. Er sitzt auch dem CSU-Bezirksverband München vor. © Monika Skolimowska/dpa
Eine Beförderung gab es für Anna Stolz (Freie Wähler)
Eine Beförderung gab es für Anna Stolz: Seit 2018 war die Unterfränkin Staatssekretärin für Bildung und Kultus – nun führt sie das Ministerium. Ungewöhnlich: Stolz ist bei den Freien Wählern eher Seiteneinsteigerin. Bis 2018 war sie parteilose Bürgermeisterin der Kleinstadt Arnstein im Kreis Main-Spessart. Erst 2018 trat sie der Partei bei und schaffte es direkt in Landtag und Kabinett. © Frank Hoermann/Imago
Markus Söder traut seinem Namensvetter Markus Blume offenbar einiges zu
Von der Abteilung Attacke in die Abteilung Hochkultur – Markus Söder traut seinem Namensvetter Markus Blume offenbar einiges zu. Der Münchner Blume war von 2018 bis 2022 CSU-Generalsekretär und damit für die härteren Töne zuständig. Seit 2022 amtiert er als Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Der neue Posten könnte Blume fast besser stehen. In seiner Jugend war er als Eistänzer erfolgreich. Studiert hat Blume auch: Politikwissenschaft. © Rolf Poss/Imago
Albert Füracker gilt als Vertrauter Markus Söders.
Albert Füracker gilt als Vertrauter Markus Söders. Womöglich auch deshalb folgte er Söder in dessen letztem Posten vor dem Sprung ins Ministerpräsidentenamt nach: Seit 2018 ist Füracker Bayerns Finanzminister. Schon zuvor war er dort Söders Staatssekretär. Als Bezirkschef der Oberpfalz-CSU ist Füracker auch wichtig für den Regionalproporz im Kabinett. © Frank Hoermann/Imago
Schon zum zweiten Mal amtiert Thorsten Glauber für die Freien Wähler als Umweltminister
Schon zum zweiten Mal amtiert Thorsten Glauber für die Freien Wähler als Umweltminister – und ist damit einer der bekanntesten Vertreter seiner Partei. Anders als Stolz ist Glauber schon lange „Freier Wähler“ – 1993 trat der Mittelfranke in die Partei ein; seit 2008 sitzt er im Landtag. Als Zuständiger für den Umweltschutz muss Glauber dem Ministerpräsidenten immer wieder mal Paroli bieten. Keine leichte Aufgabe. © Peter Kneffel/dpa
Michaela Kaniber gehört mittlerweile zu den bekanntesten Gesichtern in der CSU.
Michaela Kaniber gehört mittlerweile zu den bekanntesten Gesichtern in der CSU. Schon seit Söders Amtsübernahme im Frühjahr 2018 hat die Oberbayerin das in Bayern wichtige Landwirtschaftsministerium inne; 2023 folgte die Zuständigkeit für Tourismus als Dreingabe. Ins Fach Landwirtschaft musste sich Kaniber aber erst einarbeiten. Die Tochter aus Kroatien zugewanderter Eltern und dreifache Mutter kam nach eigenen Angaben eigentlich „durch den Streit um die richtige Kinderbetreuung“ zur Politik. © Armin Weigel/dpa
Im Kabinett Söder III ist Judith Gerlach Gesundheitsministerin.
Judith Gerlach musste ihren Posten als Digitalministerin räumen, schaffte aber direkt einen Aufstieg: Im Kabinett Söder III ist sie Gesundheitsministerin. Gerlach, 1985 geboren, ist das zweitjüngste Kabinettsmitglied – aber auch familiär vorgeprägt: Schon Großvater Paul Gerlach saß für die CSU im Bundestag. Die Juristin lebt bei Aschaffenburg und vertritt damit Unterfranken in Söders Kabinett. © Frank Hoermann/Imago
Der Jüngste in Söders Ministerriege ist Fabian Mehring.
Der Jüngste in Söders Ministerriege ist Fabian Mehring. Erst 2018 zog der Freie Wähler erstmals in den Landtag ein, bekam aber direkt einiges an Verantwortung ab: Er amtierte als Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion; dabei könnte sein Abschluss als Doktor der Politikwissenschaft geholfen haben. Mit gerade mal 34 Jahren wurde Mehring Chef eines Ministeriums – wenn auch eines recht kleinen. © FrankHoermann/Imago
Sandro Kirchner. Der Unterfranke unterstützt Joachim Herrmann im Innenministerium.
Bis zu 17 Staatsminister und Staatssekretäre gehören laut Bayerischer Verfassung der Staatsregierung an. Heißt: Drei Staatssekretäre sind mit dabei. Einer von ihnen ist seit Anfang 2022 Sandro Kirchner (CSU). Der Unterfranke unterstützt Joachim Herrmann im Innenministerium. © Rolf Poss/Imago
Neu in Söders Kabinett ist CSU-Staatssekretär Martin Schöffel aus Oberfranken.
Neu in Söders Kabinett ist hingegen CSU-Staatssekretär Martin Schöffel aus Oberfranken. Er ist für Finanzen und Heimat mitzuständig. Schöffel arbeitete zuvor vor allem zum Thema Agrar – und gilt als guter Bierzeltredner. © Frank Hoermann/Imago
Tobias Gotthardt unterstützt als Staatssekretär seinen Parteichef Hubert Aiwanger.
Ebenfalls neu dabei ist Tobias Gotthardt. Der Freie Wähler unterstützt als Staatssekretär seinen Parteichef Hubert Aiwanger im Wirtschaftsministerium. Im neuen Kabinett musste Aiwanger auf einen anderen Staatssekretärsposten verzichten – mit der Beförderung von Stolz zur Kultusministerin bleibt ihr altes Amt vakant. © Rolf Poss/Imago
Bayerische Kabinettssitzung
Markus Söder (Mitte links) eröffnete im Januar 2024 die erste Kabinettssitzung im neuen Jahr. Seit 2018 ist die CSU auf einen Koalitionspartner angewiesen – einst die FDP, jetzt sind es die Freien Wähler. © Peter Kneffel/dpa
Auftakt Haushaltsklausur des bayerischen Kabinetts
Ende Januar 2024 eröffnete Söder (hinten, 2.v.l.) die Haushaltsklausur des bayerischen Kabinetts. Das Kabinett befasste sich im Schwerpunkt mit dem Doppelhaushalt 2024/2025. © Uwe Lein/dpa
Kabinettssitzung insbesondere zu Umweltthemen
Söder (erste Reihe rechts) und die bayerischen Kabinettsmitglieder kamen im Juli 2024 am Donauufer zur letzten Sitzung vor der Sommerpause zusammen. © Peter Kneffel/dpa
Kabinettssitzung insbesondere zu Umweltthemen
Die Kabinettssitzung fand damals im Kloster Weltenburg statt. © Peter Kneffel/dpa
Herr Söder, man sieht Sie sehr viel mit Döner und Wurst und hört viele Ratschläge an Berlin. Ist Ihnen die Landespolitik zu langweilig geworden?
Im Gegenteil. Wir arbeiten hart, modernisieren, bauen Bürokratie ab, investieren. Extrem wichtig war aber, die Weichen in Berlin anders zu stellen. Schauen Sie auf den wachsenden Länderfinanzausgleich, so sehr er uns stört: Ein stärkeres Signal, dass es in Bayern besser läuft als überall sonst, gibt es nicht.
Die Herbst-Klausur der CSU ist die Chance zu Ihrem großen Aufschlag. Planen Sie den Wumms oder nur ein Wümmschen?
Was die Staatsregierung macht, hat immer Durchschlagskraft. Dafür werden wir ja respektiert oder manchmal auch gefürchtet. Aber im Ernst: Natürlich leben wir in schweren Zeiten. Die Ampelfehler wirken nach, die hohen US-Zölle und der sich verändernde Markt in China treffen auch das Exportland Bayern. Unsere bayerische Antwort darauf lautet: investieren, reformieren, konsolidieren. Priorität hat die Investition in Forschung und Zukunft. Das haben Strauß und Stoiber genauso gemacht. Nur heute investieren wir viermal so viel. Daneben legen wir einen starken Schwerpunkt auf den Alltag der Menschen mit Wohnungsbau, Kinderbetreuung und Krankenhaus-Versorgung. Und schließlich: Wir brauchen eine Staatsreform.

Wir haben in Deutschland hohe Ausgaben im Sozialsystem für Menschen, die noch nie einen Euro einbezahlt haben.

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident

Söder fordert den Staat zu entschlacken – „werden die Möglichkeiten zur Teilzeit anpassen“

Also Einschnitte.
Wir müssen als Staat entschlacken. 40 Prozent unseres Etats gehen in den öffentlichen Dienst. Da wird überragende Arbeit geleistet, gerade bei Schulen, Polizei, Justiz und Finanzämtern – trotzdem müssen wir schlanker werden. Durch KI und Bürokratie-Abbau gelingt das. Daher brauchen wir eine Stellenbremse und langfristig eine Reduzierung. Mein Ziel: Bis 2040 10 000 Stellen abzubauen, also doppelt so viele als bisher geplant. Das müssen wir auch per Gesetz festlegen.
Gehen Sie an die Arbeitszeit der Beamten ran? Eine Stunde mehr?
Das wäre nicht angemessen. Aber wir werden die Möglichkeiten zur Teilzeit anpassen.
Bisher haben Sie Teilzeitkräfte etwa bei den Lehrern freundlich um eine Erhöhung gebeten. Reicht das noch?
Der Philologenverband hat für dieses Schuljahr etliches bewegt. Das wird sehr anerkannt. Trotzdem müssen wir uns mit Themen wie Antrags- oder Familienteilzeit beschäftigen. Es macht wenig Sinn, Quereinsteiger im Bildungsbereich zu beschäftigen, wenn gleichzeitig bis zu 50 Prozent der ausgebildeten Lehrkräfte in Teilzeit sind.
Darth Markus: Söder vor wenigen Tagen beim Besuch der „Star Wars“-Fan-Convention „Noris Force Con 7“ in Fürth mit einem Lichtschwert.
Streichen Sie konkret eine Behörde?
Nein, aber wir werden auch in den Ministerien insgesamt spürbar Stellen reduzieren.
Ach, die Staatskanzlei wird auch kleiner?
Klar.

Söder will den Rotstift bei der Migration ansetzen: Zwei Milliarden Euro

Wo noch setzen Sie den Rotstift an?
Ein zentraler Bereich, in dem wir in den nächsten zwei Jahren eine Milliarde Euro einsparen wollen, ist die Migration. Die Zahlen an der Grenze sinken massiv, aber die Abschiebungen müssen sich noch steigern. Wir werden teure Unterkünfte Stück für Stück abbauen, die die Kommunen in der Not nach 2015 angemietet haben. Mir ist lieber mehr Geld für Sprachförderung und Schule.
Werden Sie dafür streiten, dass auch Afghanen und Syrer zurückkehren müssen, und zwar nicht nur Straftäter?
Das muss zwingend passieren. Das Stadtbild muss sich wieder verändern. Es braucht einfach mehr Rückführungen. Wer sich hier eine Existenz aufbaut und eine Arbeit hat, ist herzlich willkommen. Wer aber kein Duldungsrecht hat, keine Beschäftigung hat oder gar Straftaten begeht, muss in seine Heimat zurück. Wer soll zum Beispiel Syrien wieder aufbauen, wenn nicht die eigenen Bürger?
„Söder Kebab“: An dem Schriftzug hat sich Markus Söder die Rechte sichern lassen. Hier macht er am Dienstag in Zirndorf Döner-Wahlkampf mit Tom Hesselberger (li.), dem CSU-Bürgermeister-Kandidaten. Im März wird dort gewählt.
Bayern ist jetzt schon klamm, dazu sinken die Steuern. Sagen Sie klar: Ja, es wird Schulden geben, so weit uns das Grundgesetz lässt?
Widerspruch: Bayern ist doch nicht klamm. Wir haben die höchsten Investitionsquoten aller deutschen Flächenländer und mit Abstand die höchste Wirtschaftsleistung. Aber: Auf uns kommen Herausforderungen zu. Im Zweifelsfall müssen wir die Schuldenbremse ziehen, damit wir nicht Strukturen zerstören, etwa auf Kosten der Zukunft, der Kommunen, der Kinder, der Kliniken.

Wohnbau-Offensive unter Schwarz-Rot: Söder kündigt Baureform an

Gibt es eine neue große Wohnbau-Offensive in Banz?
Wir arbeiten daran. Es geht vor allem darum: Wie können wir schneller bauen? Warum dauert das so lang? Es braucht eine große Baureform, die das Bauen für alle massiv beschleunigt.
Schauen wir auf Berlin. Die Koalition eiert um eine Bürgergeld-Reform herum. Die SPD wirkt nicht begeistert. Was ist Ihre Vorgabe: Wie grundlegend muss man ran?
Wer nicht zu Terminen erscheint oder keine Arbeit antritt, obwohl er es könnte, dem muss das Geld so weit wie möglich gestrichen werden. Außerdem brauchen wir endlich Transparenz der Daten bei der Sozialhilfe, um Betrug auszuschließen. Das sollte jeder spätestens nach der NRW-Wahl verstanden haben.
Ist die Botschaft bei der SPD angekommen?
(denkt nach) Ja, ich glaube schon. Die SPD ist mit einem blauen Auge aus der NRW-Wahl hervorgegangen, weil sie Stimmen der Grünen bekommen hat. Große Teile ihrer eigenen Arbeitnehmer-Wählerschaft sind aber an die AfD verloren gegangen. Fehler wie beim Bürgergeld sind einer der Hauptgründe dafür.

 Wir brauchen eine Staatsreform. Wir müssen als Staat schlanker werden.

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident

Keine Kürzungen bei der Rente – Söder will das System der Krankenversicherung effizienter machen

Wie groß ist Ihr Mut, Großreformen bei Rente und Krankenversicherung vorzunehmen?
Dass den ganzen Tag vermeintliche Experten über Kürzungen bei Rente und Gesundheit reden, ist ein Grund dafür, warum viele Bürger verunsichert sind und zum Teil auch AfD wählen. Wir müssen mehr an die normalen Leute denken. Klare Botschaft: Bei der Rente geht es um Lebensleistung. Da würde ich auf keinen Fall kürzen.
Bei der Gesundheit...?
Natürlich müssen wir bei der Krankenversicherung das System effizienter machen. Es ist zu hinterfragen, ob allein der Wettbewerb funktioniert unter den Kassen. Aber bitte nicht einseitig auf dem Rücken der Patienten sparen! Wir haben in Deutschland hohe Ausgaben im Sozialsystem für Menschen, die noch nie einen Euro einbezahlt haben. Es ist aber falsch, dauernd über Kürzungen zu reden bei Leuten, die ihr Leben lang Beitragszahler waren.

Bei der AfD fehlt jeder sittlich-integre Kern. Das sind rechtsextreme Kader, außenpolitisch eine Vorfeldorganisation Moskaus. 

Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident
Zur Außenpolitik: Das Unbehagen vieler Menschen über Israels Vorgehen in Gaza wächst. Bei Ihnen auch?
Der Ausgangspunkt für all diese Konflikte ist die Hamas. Wenn die Terrororganisation morgen die Geiseln freilässt und die Waffen abgibt, ist Frieden – sofort. Würde hingegen Israel seine Waffen abgeben, folgt ein neues Massaker. Ja, wir brauchen Ehrlichkeit und auch Kritik im Umgang mit Israels Regierung. Aber über die Ehrlichkeit darf man die Freundschaft nicht vergessen. Ich lehne auch die Vorschläge der EU-Kommission ab, Israel mit Sanktionen zu belegen. Die CSU würde Sanktionen oder einer einseitigen Anerkennung des Palästinenserstaates auch auf Bundesebene nicht zustimmen.

Keine „Pirouetten“: Söder sieht aktuelle Umfragen als „Warnung an Berlin“

Schauen wir noch mal auf die CSU. Umfragen sahen Sie jüngst bei mittelmäßigen 37 Prozent. Warum schaffen Sie nicht mehr? Versprechen Sie zumindest 40 plus X?
Die Zeiten sind viel zu ernst für solche Pirouetten. Wir sind mit Abstand die stärkste Kraft in Bayern – übrigens stärker als Freie Wähler, SPD, Grüne und FDP zusammen. Die Umfragen sind eher eine Warnung an Berlin: Wenn wir dort nicht erfolgreich sind, wird die AfD in Deutschland einen Siegeszug antreten, der beispiellos ist.
Ihr Hauptfeind?
Die AfD ist der Hauptfeind unserer Demokratie, auch in Bayern. Aber wir werden die AfD nicht verbieten, das würde ihr nur einen Märtyrerstatus schenken. Das einzige Konzept ist, sie mit einer guten, bürgerlichen und erfolgreichen Politik zu bekämpfen. Probleme lösen! Alles andere ist Kokolores.
Wie erleben Sie die AfD im Landtag?
Aggressiv und böse.
Der Gedanke einer Zusammenarbeit wie auch immer ist abwegig?
Bei der AfD fehlt jeder bürgerlich-sittlich-integre Kern. Das sind rechtsextreme Kader und außenpolitisch eine Vorfeldorganisation Moskaus. Jede Zusammenarbeit würde uns als Union zerreißen. Die Brandmauer steht! Die Union ist die Firewall gegen die Übernahme Deutschlands durch die AfD.

Interview: Christian Deutschländer und Mike Schier

Rubriklistenbild: © IMAGO / Mike Schmidt

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