Kaum noch Deckung auf dem Gefechtsfeld – künftig werden die Ukraine und Russland einander noch intensiver mit Wärmebildkameras an ihren Drohnen zu Leibe rücken. Damit fällt für die einzelnen Soldaten die Deckung von Blattwerk, Rauch, Nebel oder Unterständen weg (Symbolfoto)
Offensichtlich ist die Ukraine dabei hochleistungsfähige Wärmebildsensoren kostengünstig zu produzieren – eine tödliche Botschaft für jeden Soldaten.
Kiew – Über die neueste Neuerung im Ukraine-Krieg berichtet aktuell die Kyiv Post: Das ukrainische Drohnenunternehmen Odd Systems optimiert jetzt offenbar die an der Front massenhaft eingesetzten FPV-Drohnen (First-Person-View) mit Wärmebildkameras. Demnach könnte die Ukraine damit gezielt Jagd machen auf jeden einzelnen Soldaten Russlands – und das weiterhin zu einem Schnäppchenpreis.
„Wir haben die Erfahrungen studiert und die Wünsche der FPV-Betreiber berücksichtigt. Und sie haben ein ukrainisches Produkt mit voller Kontrolle über Hardware und Low-Level-Software geschaffen. Von Piloten, Drohnendesignern und den Leuten, die eine Million Haustierkameras hergestellt haben“, sagte Yaroslav Azhnyuk. Der Geschäftsführer von Odd Systems hatte seine Innovation auf seinem Facebook-Kanal publiziert und kundgetan, dass er die Technik angelehnt habe an ein Start-up, das sich auf Überwachungskameras für Haustiere spezialisiert habe.
Russlands bittere Realität: Horrende Verluste durch Waffen zum Baumarkt-Preis
Wie die Kyiv Post schreibt, führte Azhnyuk hinzu, „dass der Preis je nach Bestellgröße bis zu 150 Dollar pro Einheit betragen könne. Er sagte, bei Bestellungen unter 500 Einheiten würde jede Einheit 250 Dollar kosten, während Bestellungen über 5000 Einheiten 150 Dollar pro Einheit kosten würden“. Während der Erste Weltkrieg für die Industrialisierung des Krieges gestanden hat, scheint der Ukraine-Krieg dessen Ökonomisierung zu bedeuten – horrende Verluste an Menschen und Material durch Waffen zum Baumarkt-Preis. Wie die Diskussionen in den westlichen Ländern gezeigt haben, scheinen umfängliche oder sogar monatelange Gefechte wie im Kalten Krieg durchgeplant, für keines der westlichen Industrienationen noch im Ansatz bezahlbar zu sein.
„Horizontale Verbindungen zwischen der Zivilgesellschaft, Freiwilligengruppen, einer dezentralisierten Regierung und dem ukrainischen Militär definieren die Ukraine als grundsätzlich verschieden von Russlands vertikal organisiertem, autoritären Staat und Gesellschaft.“
In den vergangenen Monaten habe die Ukraine eine Vielzahl an Drohnen-Projekten mit unterschiedlichen Schwerpunkten gestartet, wie das WSJ schreibt: solche, „die russische Flugmaschinen abfangen oder Bäume verbrennen, indem sie geschmolzenes Metall abwerfen. Ebenfalls in der Testphase: Drohnen, die automatische Gewehre und Granatwerfer tragen“ – jetzt folgen also Drohnen, die Wärmesignaturen lesen können.
Widerstandsfähigkeit, Innovation, Anpassungsfähigkeit: Charakter der ukrainischen Gesellschaft
Taras Kuzio sieht darin einen Charakterzug der ukrainischen Gesellschaft: Dank ihrer Widerstandsfähigkeit, Innovation, Anpassungsfähigkeit und schnellen Lernfähigkeit sei die Ukraine Russland immer einen Schritt voraus. „Horizontale Verbindungen zwischen der Zivilgesellschaft, Freiwilligengruppen, einer dezentralisierten Regierung und dem ukrainischen Militär definieren die Ukraine als grundsätzlich verschieden von Russlands vertikal organisiertem, autoritären Staat und Gesellschaft“, schreibt der Analyst aktuell für den U.S.-amerikanischen Thinktank Jamestown Foundation.
Offenbar besitzt die Ukraine den Mut zur Innovation oder ist getrieben von Verzweiflung, nach Lösungen aus dem Baumarkt zu suchen, wie die Kyiv Post nahelegt: Der Vergleich eines Online-Katalogs zum Verkauf von Drohnenteilen habe ergeben, so die Post, dass die jetzt hergestellte und künftig verbaute Wärmebildkamera „Kurbas-256“ „preislich auf dem Niveau der günstigeren Modelle liegt, während sie vermutlich eine Leistung bietet, die mit High-End-Modellen, die pro Stück über 1000 US-Dollar (rund 930 Euro) kosten, konkurrieren kann“, wie das Magazin schreibt.
Tödlicher Ukraine-Krieg: „Selbst ein gut getarnter Soldat leuchtet wie ein Weihnachtsbaum“
Weiterhin wären die Hälfte der Rüstungsbetriebe auf unbemannte Boden-, Luft- und Seesysteme spezialisiert, 50 auf elektronische Kriegführung und 150 auf Waffen aller Art. Drohnen und andere Militärprodukte werden auch gemeinsam mit ausländischen Partnern hergestellt, vor allem mit den USA und anderen Nato-Partnern; darunter auch die Türkei. Die Wärmebildkamera an den FPV-Drohnen wird möglicherweise keine bahnbrechende Innovation darstellen, allerdings hat sie für den einzelnen Soldaten auf dem Gefechtsfeld einschneidende Auswirkungen: Weder ausuferndes Blattwerk wird den Soldaten schützen, noch stockfinstere Nacht.
„Selbst ein gut getarnter Soldat leuchtet durch ein Wärmebildgerät wie ein Weihnachtsbaum“, schreibt das österreichische Outdoor-Magazin Spartanat. Deshalb gehörten derartige Technologien zu den größten Gefahren für die Männer am Boden – allerdings genauso für gepanzerte Fahrzeuge: Auch ein in Stellung gegangenes Gefechtsfahrzeug wird künftig durch seine Wärmebildsignatur zu einem gefährdeten Objekt.
Wärmebildgeräte sind demnach in der Lage, die von einem Körper ausgehende Infrarotsignatur als Wärmestrahlung sichtbar zu machen. Wie das Magazin schreibt, vermag ein Wärmebildsensor trotz vollkommener Dunkelheit oder anderen visuellen Hindernissen wie Rauch oder Nebel Temperaturunterschiede zu registrieren und diese in ein Thermalbild umzuwandeln. „Einfach gesagt: Das Bild des Wärmebildgeräts entsteht aus Temperaturunterschieden“, schreibt Spartanat. Insofern würden auch in einem Fahrzeug oder einem Bunker die Temperaturunterschiede abgebildet werden. Die Wärme-Abstrahlung eines Motors zu unterdrücken, stellt eine ebensolche Herausforderung dar.
Putins Krieg: Flucht unter Baumkronen, um sich vor den kreisenden Drohnen zu verstecken
Der Ukraine-Krieg würde seit langem schon „von Baumgrenze zu Baumgrenze geführt, und die Truppen nutzen die Baumkronen, um sich vor den über ihnen kreisenden Drohnen zu verstecken“, wie das Wall Street Journal schreibt. Damit würde jetzt endgültig Schluss sein. Anfang des Jahres allerdings hatte das russische Magazin Top War berichtet, Spezialisten des russischen Unternehmens HiderX entwickelten einen Tarnanzug, der die Silhouette buchstäblich „bricht“ und „verwischt“, und so eine geringe Erkennung durch Wärmebildgeräte ermögliche – einen Anti-Drohnen-Poncho, sozusagen.
Aktuell wiege das experimentelle Produkt 350 Gramm und seine Struktur und Abmessungen ermöglichen es, laut Top War, den Anzug zusammenzufalten und in einer Tasche zu verstauen. Darüber hinaus biete das Produkt die Möglichkeit, je nach Geländeart verschiedene weitere Tarnelemente zu applizieren. Durch zusätzliche Elemente könne die Tarnwirkung des Anzugs an städtische Umgebungen, Sand- oder Waldgebiete angepasst werden.
Selenskyjs Aufgabe: Möglicherweise ist die Ukraine zu Tempo in neuen Ideen verdammt
Tarnen und Täuschen seien wieder zu den Generaltugenden einer modernen Armee zu zählen, erklärte beispielsweise Oberstleutnant Martin Winkler, Leiter des Sachgebietes „Auswertung“ im Kommando Heer, im Bundeswehr-Podcast Nachgefragt. Bei den Einsätzen in Afghanistan oder Mali waren Armeen im Gegenteil darum bemüht, wie Winkler sagte, „offen Präsenz zu zeigen und zu stabilisieren“. Das könnte in kommenden militärischen Konflikten überholt sein, das Gefechtsfeld wird gläsern werden und falsche Spuren um so wichtiger.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Auch die Ukraine hatte im Oktober vergangenen Jahres einen modernen Tarnanzug vorgestellt. Laut der Kyiv Post sollte der Umhang immerhin 2,5 Kilogramm wiegen und auch keine vollständige Auflösung der Wärmesignatur bieten. Die als „Unsichtbarkeitsregenmantel“ von der Post apostrophierte Innovation scheint insofern noch weit entfernt von der Fronttauglichkeit. Allerdings kupfern beide Kriegsparteien offenbar fleißig voneinander ab – wer von wem, bleibt weitestgehend offen und kann auch von Innovation zu Innovation wechseln. Eine politische Aufgabe für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, diesen Prozess voranzutreiben.
Möglicherweise ist die Ukraine zu Tempo in neuen Ideen verdammt – so sieht das offenbar der Kleinwaffenspezialist, Autor und Chefredakteur des britischen Online-Magazins The Armourer’s Bench, wie ihn das Wall Street Journal zitiert: „Ein guter Gradmesser für die Wirksamkeit ist, ob die Russen versuchen, es zu kopieren.“