Kreml wütend: Öltanker-Brand ist Schlag gegen Russlands Wirtschaft
VonLisa Mahnke
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Zwei Öltanker der russischen Schattenflotte stehen in Flammen. Die Ukraine übernimmt die Verantwortung. Moskau reagiert mit heftiger Kritik an Kiew.
Update, 2. Dezember, 13:11 Uhr: Im Schwarzen Meer vor der türkischen Küste ist nach Behördenangaben erneut ein Frachtschiff angegriffen worden. Der Frachter „Midvolga 2“ habe gemeldet, er sei 80 nautische Meilen vor der türkischen Küste attackiert worden, erklärte die türkische Seefahrtsbehörde am Dienstag im Onlinedienst X. Die Besatzung habe angegeben, sie sei auf dem Weg von Russland nach Georgien gewesen. Der Frachter sei mit Sonnenblumenöl beladen.
Der Webseite Vesselfinder zufolge handelt es sich bei der „Midvolga 2“ um einen Tanker für den Transport von Chemikalien und Öl. Demnach fährt das Schiff unter russischer Flagge. Die 13 Besatzungsmitglieder des Schiffes seien nicht verletzt worden, teilte die Behörde auf X mit.
Erstmeldung: Moskau – Russlands Wirtschaft hat im Ukraine-Krieg einen schweren Schlag einstecken müssen. Die Ukraine hat zwei Öltanker der sogenannten Schattenflotte des russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In Russland sorgt der Treffer der Ukraine für Wut: „Damit zeigt sich einmal mehr das Wesen des Regimes in Kiew“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow laut einer Übersetzung des Militärbloggers „WarTranslated“ auf der Onlineplattform X.
Türkische Behörden meldeten den Brand zweier Öltanker, die beide der Schattenflotte zugerechnet werden. Die russische Agentur TASS schrieb schon früh unter Berufung auf türkische Medien, dass es sich um Drohnenangriffe gehandelt haben könnte. Reuters berichtete von Videoaufnahmen der Behörden, die zeigten, wie Marinedrohnen auf riesige Tanker zurasen und Explosionen verursachen. Unabhängig geprüft werden konnte das Videomaterial allerdings nicht. Dann folgte eine Stellungnahme des Sicherheitsdiensts der Ukraine (SBU), die Klarheit brachte.
„Außer Gefecht gesetzt“: Ukraine-Sicherheitsdienst bekennt sich zu Schattenflotten-Angriff
Die Brände sollen im Rahmen einer Spezialoperation des SBU ausgelöst worden sein, wie die Ukrainska Pravda das Schreiben zitierte: „Dies war eine gemeinsame Operation der 13. Hauptdirektion für militärische Spionageabwehr der SBU und der ukrainischen Marine. Gegen die Schiffe wurden erfolgreich modernisierte Sea Baby-Marinedrohnen eingesetzt.“
Der SBU ging davon aus, dass die „Kairo“ und die „Virat“ zusammen Öl im Wert von fast 70 Millionen US-Dollar transportieren konnten, ein massiver Schlag für Russlands Wirtschaft also. Die Vorfälle ereigneten sich wenige Dutzend Kilometer vor der türkischen Küste. Die beiden Tanker waren wohl leer und auf dem Weg nach Noworossijsk in Russland, wie es in Medienberichten hieß. Allerdings seien die Schiffe nun „außer Gefecht gesetzt“. In Kiew feiert man den Schlag offenbar als Erfolg im Ukraine-Krieg.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Es ist nicht der erste erfolgreiche Angriff auf die russische Schattenflotte, der mutmaßlich durch die Ukraine verursacht wurde. Eine besondere Rolle spielen dabei immer wieder Marinedrohnen. In der erneuerten Version hat die Sea Baby-Drohne eine Reichweite von 1500 Kilometern, die Nutzlast stieg auf rund 2000 Kilogramm. Auch die Hafen-Infrastruktur nimmt die Ukraine immer wieder ins Visier, so wie einen Tag nach den Tanker-Angriffen: Die Ukraine attackierte am Samstag (29. November) laut der Forbes ein Terminal in Noworossijsk, den Zielhafen der „Kairo“ und „Virat“.
Peskow sieht „eklatanten Fall“ – Ankara warnt vor Eskalation im Schwarzen Meer
„Dies ist ein eklatanter Fall“, betonte Peskow in seiner Stellungnahme. Weiter sagte der Kreml-Sprecher: „Darüber hinaus handelt es sich um eine Verletzung der Souveränität der Türkischen Republik. Dies ist eine Verletzung der Sicherheit und des Eigentums der Eigner dieser Schiffe.“ Auch in der Türkei sorgte der Fall für Aufsehen, wie der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Öncü Keçeli, in einer Stellungnahme betonte.
Die Vorfälle sollen sich in der exklusiven Wirtschaftszone der Türkei ereignet haben und stellten damit ernsthafte Sicherheitsrisiken dar. „Wir halten weiterhin Kontakt zu den relevanten Parteien, um eine Ausweitung und weitere Eskalation des Krieges im Schwarzmeerraum zu verhindern und negative Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Interessen und Aktivitäten der Türkei in der Region zu vermeiden“, so der Sprecher.
„Billigflaggen“ für Putins Schattenflotte – Öltanker „Kairos“ und „Virat“ längst sanktioniert
Die Handelstanker „Kairos“ und „Virat“ fuhren unter gambischer Flagge. Laut Elisabeth Braw, Senior Fellow bei der Transatlantic Security Initiative des Atlantic Council, sei es üblich, dass die Schattenflotte unter der Flagge von Ländern mit keinen oder nur minimalen Erfahrungen in maritimen Angelegenheiten fahren würden, darunter auch Gambia. Diese „Billigflaggen“ erlaubten, öfter die Registrierung zu wechseln, so Braw laut CBC News.
Ziel der Schattenflotte ist, internationale Sanktionen und Beschränkungen zu umgehen und so Russlands Wirtschaft zu stärken. Schiffe, die der Schattenflotte zugeordnet werden, kommen auf eine Sanktionsliste. So auch die beiden angegriffenen Öltanker: Die USA sanktionierten die „Virat“ im Januar 2025, es folgten auch die EU, die Schweiz, Großbritannien und Kanada. Die „Kairos“ wurde im Juli 2025 von der EU sanktioniert, folgend auch von Großbritannien und der Schweiz.
Sanktionen ohne Wirkung? Schattenflotte wächst trotz internationalem Druck
Doch einen Durchbruch konnte man mit den Sanktionen bisher nicht erzielen, wie Braw berichtete: „Die Schattenflotte ist exponentiell gewachsen, und westliche Regierungen haben versucht, bestimmte Schiffe mit Sanktionen zu belegen … aber jedes Mal, wenn das geschieht, kommt ein weiteres Schiff zur Schattenflotte hinzu.“
Mit den Angriffen nimmt die Ukraine die Problematik offenbar selbst in die Hand – riskiert allerdings auch eine Eskalation mit Ländern, die im Ukraine-Krieg aktuell nicht direkt beteiligt sind. In der EU wird indes ein 20. Sanktionspaket diskutiert, um Russlands Wirtschaft weiter unter Druck zu setzen. (Quellen: TASS, Reuters, Ukrainska Pravda, CBC News, eigene Recherche) (lismah)