Gegenoffensive teils gescheitert

Ukraine spart mit Schüssen – Putins Armee wieder am Drücker

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Der Kalte Krieg hat den Westen eingelullt, und seine Versäumnisse legt die Gegenoffensive der Ukraine offen: Den Verteidigern geht die Munition aus.

Kiew – Rafael Loss hat das Kommen sehen: Die Verteidiger haben ihr Pulver verschossen; zumindest weitestgehend. Damit scheint sich die Gunst im Ukraine-Krieg Russland und der Invasionsarmee von Wladimir Putin zuzuneigen. „Wir haben verpasst, die Produktion hochzufahren – das fällt der Nato jetzt auf die Füße“, sagte der Analyst von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations gegenüber der Tagesschau bereits am Anfang dieses Jahres. Inzwischen spricht das Military Watch Magazine sogar von lähmender Munitionsknappheit der ukrainischen Artillerie. Der Schwung der Gegenoffensive der Ukraine scheint damit dahin.

Das Magazin berichtet, die Artillerie der Verteidiger müsse sich mit zehn bis 20 Schuss pro Tag begnügen. Grund dafür: Die westlichen Staaten hatten die Bedeutung der Artillerie in einem kommenden militärischen Konflikt unterschätzt; was sich jetzt an der Ostflanke der Nato bitter rächt. Während einige Länder, darunter China, Südkorea und Nordkorea, stark in den Einsatz hochmoderner Artilleriesysteme investiert haben, wurde diese Waffengattung von vielen Großmächten, insbesondere im Westen, lange Zeit übersehen, weil sie davon ausgingen, dass die Luftwaffe für die Offensiven in Konflikten des 21. Jahrhunderts weitaus entscheidender sein würde.

Bis zur letzten Granate: Der ukrainischen Artillerie geht die Munition aus; vor allem für die Haubitzen, wie der amerikanischen M777 (Symbolbild).

Auch Military Watch bezeichnet die aktuelle Situation als eine Krise mit Ansage: Der extreme Munitionsmangel wurde erstmals Ende 2022 als ernstes Problem der gesamten Artillerie der Ukraine hervorgehoben, da die Nato-Mitglieder aufgrund der sehr begrenzt vorhandenen bodengestützten Luftverteidigungsanlagen und Produktionskapazitäten nicht annähernd in der Lage waren, ihr Arsenal schnell aufzustocken, geschweige denn, die Ukraine nachhaltig zu versorgen. Diese Herausforderung gilt sowohl für die klassische Rohr- als auch die modernere Raketenartillerie. Diese Systeme waren zentrale Prioritäten für die Modernisierung der Armee, wobei der Rückzug Washingtons aus dem Vertrag über nukleare Mittelstreckenraketen im Jahr 2018 den Weg auch für die Anschaffung bodengestützter Raketen mit Reichweiten von mehr als 500 Kilometern als Ergänzung zu seinen Artilleriekräften ebnete. Russlands eigene taktische Raketen, insbesondere die Iskander- und Kalibr-Raketen, gelten als eines der erfolgreichsten Waffensysteme in der Ukraine.

Munitions-Engpass: Die westliche Rüstungsindustrie ist im Kalten Krieg eingeschlafen

Die Ukraine braucht daneben vor allem Artilleriemunition vom Kaliber 155 Millimeter. Das ist die Standardgröße für Nato-Waffensysteme, die auch der Ukraine geliefert wurden, beispielsweise die gezogene Haubitze M-777 aus amerikanischen Beständen. Das Kernproblem sieht Analyst Loss in der konfliktarmen Zeit vor dem Ukraine-Krieg, wie er der Tagesschau erläutert hat: „Die Rüstungsindustrie hat ihre Produktionskapazitäten in den vergangenen Jahren stetig abgebaut. Es gab einfach keinen nennenswerten Markt mehr für Waffen großen Kalibers - anders als noch zu Zeiten des Kalten Krieges. Aber mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sei klar gewesen, dass sich die Lage ändern werde.“ Da war der richtige Zeitpunkt seiner Meinung nach allerdings schon lange verpasst.

Denn die Herstellung von Munition ist mitunter komplex und verlangt einzelne Komponenten, die wiederum von individuellen Lieferketten abhängen, also die Gehäuse, der Zünder, Sprengstoff und die separate Treibladung. Diese Treibladung erzeugt den Druck, um das Geschoss aus einem Rohr zu stoßen. Problematisch sei schon, diese Bauteile auf dem Weltmarkt zu beschaffen, erklärt Experte Loss – beispielsweise sei TNT auch beschafft worden aus Japan, das sich verpflichtet hat, keine Waffen direkt an eine Kriegspartei zu liefern. „Wir haben in der Corona-Pandemie gesehen, wie anfällig Lieferketten sein können. Und zum Beispiel bei den Sprengmitteln sind viele europäische Staaten abhängig von China.“ Mit China also dem Staat, der an der Seite Russlands steht und seine eigene Waffenproduktion hochgefahren hat. Zwar wird auch in Europa Sprengstoff hergestellt – aber in vergleichbar kleinen Mengen.“

Gegenoffensive: Ukraine muss sich gut überlegen, wann und auf wen sie schießt

Dazu käme seiner Expertise nach die, technisch bedingt, lange Produktionszeit. Loss: „Selbst wenn Sprengstoff vorhanden ist, dauert es oft noch Monate, bis er in ein Geschoss gefüllt werden kann. Er muss erst ausdünsten, bestimmte Gase müssen entweichen. Nur so kann die Munition zuverlässig in Waffensystemen funktionieren. Das zieht die Produktion aber in die Länge.“ Gegenüber der Washington Post beklagte sich deshalb jüngst ein als Unteroffizier „Danylo“ zitierter Artillerist über eine daraus folgende, wie er sagte, „beschissene Situation“, da der Mangel an Granaten die Soldaten zu unmöglichen Entscheidungen über Leben und Tod zwinge. „Amerikanische Patronen werden in Chargen mit fast identischem Gewicht geliefert, was es einfacher macht, das Feuer zu korrigieren, und nur sehr wenige Blindgänger verursacht. Jetzt haben wir Patronen und Granaten aus aller Welt mit unterschiedlichen Qualitäten und daher eine Menge mehr Blindgänger.“ 

Von europäischen Staaten hergestellte Munition wurde sehr häufig wegen ihrer Qualität kritisiert und zeitweise als nahezu nutzlos angesehen, wobei italienische Ausrüstung besonders für ihre schlechte Qualität berüchtigt war, im Gegensatz zu überlegener Ausrüstung, die entweder aus der Sowjetzeit stammt oder in den Vereinigten Staaten hergestellt wurde, beklagte sich „Danylo“ weiter. Anstatt auf die Russen zu schießen, sobald diese in Reichweite kamen, musste das ukrainische Personal zunehmend warten, um sicherzustellen, dass die Russen ihre Stellungen zielgerichtet ansteuerten, und nur große Gruppen angreifen. „Wenn es zwei oder drei russische Soldaten sind, schieße ich nicht mehr. Nur wenn es eine kritische Situation ist – sagen wir, zehn Männer in der Nähe unserer Infanterie – werden wir aktiv. Wenn unsere Geschosse nicht das gleiche Gewicht haben, fliegt die nächste Salve möglicherweise 200 Meter an den Russen vorbei. Und dann ist es zu spät“, sagte „Danylo“ der Washington Post

Kriegswirtschaft: Experten finden die Unfähigkeit der westlichen Rüstungsindustrie „peinlich“

Inzwischen ist ein neuer Lieferant aufgetreten: Südkorea hat der Washington Post zufolge der Ukraine 330.000 Schuss Artilleriegranaten geliefert. Im Gegensatz dazu sind die russischen Streitkräfte scheinbar immer besser ausgerüstet, wobei insbesondere die Bestände an ballistischen Raketen deutliche Anzeichen dafür zeigen, dass sie in den letzten eineinhalb Jahren erheblich gewachsen sind, was den verstärkten Angriff auf ukrainische Stellungen ermöglicht und die Gegenoffensive erstickt. Das hat auch der österreichische Oberst und Analyst Markus Reisner gegenüber der Tagesschau so gesehen: „Die russische Kriegsindustrie ist trotz elf Sanktionspaketen immer mehr in der Lage, sich anzupassen. Und Russland ist nicht isoliert, sondern hat genug Unterstützung aus dem Globalen Süden, um diesen Krieg länger führen zu können.“

Reisner zufolge lässt die Umstellung Europas auf Kriegswirtschaft auf sich warten – daran ändert vorerst auch nichts, was die Europäische Union vor fast einem dreiviertel Jahr beschlossen hat – die Ukraine weiter aufzumunitionieren: Im März hatte sich der Rat geeinigt auf einen dreigleisigen Ansatz, in dessen Rahmen der Ukraine in den nächsten zwölf Monaten in gemeinsamer Anstrengung eine Million Artilleriegeschosse zur Verfügung gestellt werden sollen. Der Rat kam überein, der Ukraine aus Lagerbeständen oder durch Neufestlegung der Prioritäten bei bestehenden Aufträgen dringend Boden-Boden- und Artilleriemunition sowie, falls darum ersucht wird, Flugkörper zu liefern.

Außerdem forderte er die Mitgliedstaaten auf, gemeinsam Munition und, falls angefordert, Flugkörper von der europäischen Verteidigungsindustrie und Norwegen zu beschaffen. Die Beschaffung würde im Rahmen eines von der Europäischen Verteidigungsagentur koordinierten bestehenden Projekts oder ergänzender, von den Mitgliedstaaten geleiteter Beschaffungsprojekte erfolgen, damit die Bestände der Mitgliedstaaten wieder aufgefüllt werden, während die Ukraine weiter unterstützt wird. Die ukrainischen Artillerieeinheiten sind inzwischen gezwungen, ihren Munitionsverbrauch um bis zu 90 Prozent zu drosseln. 

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Zur Sturm- und Drangphase der ukrainischen Gegenoffensive waren das bis zu 200 Schuss pro Tag und Geschütz. Ein Wert, der Mut gemacht und den Russen Respekt eingeflößt hat. Aber ihre Schlagkraft hatten die Nato-Armeen im Verlauf des Kalten Krieges verloren – darunter auch die Bundeswehr. Der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel hatte den eklatanten Mangel an Munition bereits 2020 in seinem Buch „Deutsche Krieger“ analysiert. Ihm zufolgte sollte man nun „ernsthaft“ militärische Handlungsfähigkeit anstreben oder sich zur Rolle einer Zivilmacht bekennen. Letzteres sei immerhin ehrlich und konsequent. Denn, so Neitzel für „den Kampf gegen einen hochgerüsteten Gegner hat die Bundeswehr nach wie vor noch nicht einmal genug Munition“.

Auch Analyst Nico Lange hatte zuletzt den Respekt vor den Nato-Partnern öffentlich zurückgenommen, wie er der ehemalige Leiter des Leitungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung im ZDF geäußert hat: „Ich finde es fast schon peinlich, dass die führenden Industrienationen in Europa nicht in der Lage sind, die Kapazitäten wirklich zu erhöhen und zum Beispiel mehr Artillerie-Munition herzustellen als ein von Sanktionen belegtes und wirtschaftlich doch rückständiges Russland.“ Lange hatte diese Krise in der Ukraine heraufziehen sehen.

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