Estland wappnet sich gegen Putin

„Fällt das Baltikum, ist Berlin als Nächstes dran“

  • schließen

Lange warnte Estland vor bösen Absichten Russlands. Um nicht nächstes Opfer zu werden, rüstet das Land auf. Doch was täten die Verbündeten im Ernstfall?

Tallinn/Tartu – Er ist schon seit dem Morgen hier, wie jeden Tag. Geduldig knüpft Peeter Stofffetzen in ein Netz, das breit aufgespannt vor ihm hängt: beige neben oliv neben gelb neben braun. Auch ein Muster hängt da, aber der 71-Jährige weiß längst aus dem Effeff, wie so ein Tarnnetz auszusehen hat. Er tue das für die Ukraine, sagt er und kneift die Augen zusammen. „Denn wenn die Russen gewinnen, sind wir als Nächstes dran.“

Es ist schon das hundertste Tarnnetz, das Peeter und die anderen Freiwilligen hier in der Universität Tartu knüpfen – insgesamt 4000 Quadratmeter, in ganz Estland sind es über 40.000. Sie sollen ukrainische Soldaten vor Angriffen schützen und für ein wenig innere Ruhe sorgen. „Viele in meinem Umfeld haben Angst, dass die Russen auch uns angreifen könnten“, sagt Signe (43), eine andere Freiwillige. Die Arbeit hier sei ein Weg, mit der Angst umzugehen.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (l, SPD) mit seinem estnischen Amtskollegen Hanno Pevkur in Tallinn.

Ukraine-Krieg schürt Sorge vor Russland: Estland setzt auf Abschreckung

Eigentlich könnte man sich in der zweitgrößten Stadt Estlands schönere Gedanken machen. Tartu, zwei Busstunden von der Hauptstadt Tallinn entfernt, wird nächstes Jahr Europas Kulturhauptstadt sein, im Zentrum haben die Organisatoren schon einen knallroten Schriftzug aufgestellt, „#Tartu2024“, jeder Buchstabe einen Meter hoch. Aber der Krieg beschäftigt die Menschen. Denn Russland, der mächtige Nachbar im Osten, ist zu vielem fähig.

Estland ist kein Land in Panik, aber eines, das um seine Verwundbarkeit weiß. Lange warnten sie hier vor der Kriegslust Moskaus, allzu lange nahmen die Verbündeten in Europa die Gefahr nicht ernst. Mit dem Überfall auf die Ukraine hat sich das geändert. Die Nato hat den Schutz des Baltikums jetzt besonders im Blick. Und Estland, das Land an der östlichen Flanke des Bündnisses, rüstet auf.

„Tut mir leid, das so sagen zu müssen. Aber wenn die baltischen Staaten fallen, ist Berlin als Nächstes dran.“

Estlands Verteidigungsminister Hanno Pevkur

Künftig will die Regierung in Tallin mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung investieren, dauerhaft. Prozentual gesehen geben nur Polen, die USA und Griechenland mehr aus. Man will nichts riskieren. „Wir müssen alles tun, um einen russischen Angriff zu verhindern“, sagt Hanno Pevkur. „Deshalb setzen wir auf Abschreckung.“

Estland warnt Deutschland vor Putin

Der 46-Jährige ist seit Juli 2022 Verteidigungsminister. Als er damals ins Ministerium kam, sagt er, habe er seinen Leuten gleich klargemacht, dass sie die richtigen Lehren aus dem Ukraine-Krieg ziehen müssten. Vom Verteidigungsetat soll nun möglichst viel Geld in Ausrüstung fließen, und die Liste ist lang: Bis 2031 will Estland unter anderem Himars-Raketenwerfer, Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen anschaffen, außerdem jede Menge Munition. Pevkur sieht das auch als Dienst an Europa. „Tut mir leid, das so sagen zu müssen. Aber wenn die baltischen Staaten fallen, ist Berlin als Nächstes dran.“

Man kann das überzogen finden. Oder hellsichtig. Jedenfalls ist das Land bereit, für seine Sicherheit Opfer zu bringen. Das fängt mit der Unterstützung der Ukraine an, für die Estland, gemessen an Größe und Wirtschaftskraft, weit mehr tut als der Rest Europas: Über 50.000 Flüchtlinge sind inzwischen hier registriert, bei einer Bevölkerung von 1,3 Millionen. Und es reicht bis weit in bisherige Tabuzonen hinein.

Der Ukraine-Newsletter von Merkur.de

Putins Angriff hält Europa in Atem: Die wichtigsten Neuigkeiten und Analysen zu Russland und dem Ukraine-Krieg jetzt im Newsletter von Merkur.de.

Um die Militärkosten zu finanzieren, führt die Regierung eigens eine Kfz-Steuer ein, außerdem erhöht sie Einkommen- und Mehrwertsteuer von je 20 auf 22 Prozent. Populär ist das natürlich nicht, zumal die Wirtschaft nicht mehr so brummt wie vor dem Krieg und die Inflation zuschlägt. Aber größerer Protest regt sich bislang nicht. „Natürlich würde ich das Geld lieber für anderes ausgeben“, sagt Premierministerin Kaja Kallas an einem trüben Donnerstagmorgen im Oktober. „Aber in unserer Situation ist es das Vernünftigste, was wir tun können.“

„Russland erwartet, dass es den Schmerz viel länger ertragen kann als wir“

Kallas‘ Regierungssitz, das Stenbock-Haus, liegt in der Altstadt, vom Balkon aus hat man einen herrlichen Blick über Tallinn, das im Mittelalter eine deutsche Hansestadt war. Nur ein paar hundert Meter entfernt ist der Freiheitsplatz, wo zu Kriegsbeginn tausende Esten für die Ukraine demonstrierten. Dass Russland am 24. Februar losschlug, jenem Tag, an dem Estland eigentlich seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion feiert, verstanden manche hier als düsteres Zeichen.

20 Monate ist das her, inzwischen hat sich die globale Aufmerksamkeit verschoben. Hin zu Israel, das sich gegen den Hamas-Terror verteidigt, weg von der Ukraine. Kallas’ große Sorge ist, dass Europa der Hilfe für Kiew überdrüssig wird und Moskau davon profitiert. „Wir können nicht müde werden, weil Russland darauf spekuliert“, mahnt sie. „Russland erwartet, dass es den Schmerz viel länger ertragen kann als wir.“

Zur Wahrheit gehört, dass Estland akut wenig zu befürchten hat. Moskaus Kapazitäten sind in der Ukraine gebunden, 2023 fiel deshalb sogar das Großmanöver „Sapad“ aus, mit dem Russland und Belarus sonst recht offen einen Angriff auf das Baltikum simulierten. Außerdem hat die Nato ihre Präsenz in der Region erhöht, Deutschland will bis 2025 rund 3500 Soldaten in Litauen stationieren, eine ganze Brigade. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) nennt es das „sichtbarste Leuchtturmprojekt der Zeitenwende“. Wie das finanziert werden soll, ist offen.

Estlands Geheimdienst warnt vor Russland: Ab Mitte der 20er-Jahre steigt das Risiko

Trotz allem schrieb der estnische Geheimdienst zuletzt, ab Mitte der 2020er-Jahre steige das Risiko – besonders wenn Russland in der Ukraine Erfolg haben sollte. Wenn Moskau die Nato testen will, dann an ihrem verwundbarsten Punkt, im Baltikum.

„Wir haben jahrhundertelang gesehen, dass nichts Gutes aus dem Osten kommt.“

Estlands Außenminister Margus Tsahkna

Und dann? Die estnische Armee ist klein: 6500 aktive Soldaten, 28.000 Freiwillige. Moskaus Truppen stünden wohl binnen 60 Stunden in Tallinn, das hat vor einigen Jahren ein Planspiel der Nato ergeben. Die Überlebensfrage für Estland, Litauen und Lettland ist dann, wie schnell die Verbündeten reagieren – und in welcher Form. Fragt man Offizielle, dann verweisen Sie auf Artikel 5 des Nato-Vertrags, der besagt, dass das Bündnis einem angegriffenen Mitglied beisteht. Aber bei manchen ist da doch ein leiser Zweifel. „Die Frage ist, was die Nato machen würde“, sagt Signe, die Freiwillige aus der Uni in Tartu. „Hilft sie? Und wie lange dauert das? Zehn Tage?“

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Das ist kein Misstrauen, eher ein Mitdenken aller Eventualitäten. Denn das Gefühl, von allen im Stich gelassen zu werden, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Esten eingegraben. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Land zum Spielball der Mächte. 1940 schluckten die Sowjets das Baltikum, ein Jahr später kam die Wehrmacht, 1944 wieder die Rote Armee. Die Esten erlitten Terror, Deportationen, unzählige starben. Die Welt ließ all das geschehen.

Würde die Nato für Estland einen Konflikt mit Putins Russland riskieren?

Und so ganz abwegig ist die Frage ja nicht: Würde die Nato einen offen Konflikt mit Russland riskieren, den Dritten Weltkrieg, um das kleine Estland zu retten?

Austesten will das niemand. Darum gibt es nur eins: Abschreckung ausbauen und Kiew stärken, wo es geht. „Die Ukraine kämpft für uns. Buchstäblich“, sagt Estlands Außenminister Margus Tsahkna. Es sei jetzt an der Zeit, die Aggression ein für alle Mal zu beenden, Moskau in seine Grenzen zu verweisen. „Wir müssen die Gelegenheit nutzen, dieses aggressive Regime loszuwerden“, sagt er und schiebt gleich nach, er meine damit keinen Regimewechsel. Darüber zu entscheiden sei Sache der Russen. Und wenn es doch anders kommt? „Wir sind bereit zu kämpfen“, sagt er. „Wir haben jahrhundertelang gesehen, dass nichts Gutes aus dem Osten kommt.“ (Marcus Mäckler)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

Kommentare