Putins frische Panzer: Im staatlichen Panzerwerk Uralwagonsawod werden die T-90 für den Ukraine-Krieg produziert. Allerdings wohl weniger, als Putin der Welt weismachen will.
Russland hat hohe Verluste an der Ukraine-Front. Nun soll es Nachschub von T-90-Panzern geben. Doch die Zahlen scheinen aus der Luft gegriffen zu sein.
Moskau – Der T-90M, „den Wladimir Putin einst als ,besten Panzer der Welt‘ bezeichnete“, hat zuletzt für Stirnrunzeln gesorgt und damit Fragen zur Einschätzung des russischen Präsidenten aufgeworfen. Das zumindest schrieb der Kiew Independent Mitte Juli. Der moderne Panzer der russischen Invasionsarmee sorgt im Ukraine-Krieg für aufgeregte Diskussionen. Offenbar operiert Putin mit Zahlen, die eher seinem Wunsch denn der Wirklichkeit entsprechen. Allerdings können anscheinend auch Analysten nur spekulieren.
Verluste im Ukraine-Krieg: Russland verliert Panzer an der Front – und braucht Nachschub
Insgesamt hat Russland dem Magazin zufolge allein im Monat vor Erscheinen des Berichts 8.000 Panzer verloren. Das Modell T-90 ist also lediglich ein Bruchteil davon. Aber ein offensichtlich wichtiger Baustein in den Planungen Wladimir Putins. Laut dem Magazin Stern benötigt Russland vor allem die modernen T-90 Panzer als mobile Feuerwehr gegen eine vielleicht erneut drohende Gegenoffensive der Ukraine. Vor allem die Abschnitte, die für solch eine ukrainische Gegenoffensive interessant sind, werden durch die Verlegung moderner russischer Panzer verstärkt. Doch damit drohen weiter hohe Verluste an der Front.
Was Putin verschweigt: „Russische T-90M-Produktion: weniger als es zunächst den Anschein macht“
Laut dem Military Watch Magazin hat die Armee jetzt aktuell aber neue T-90-Panzer bekommen. Die Größe der Charge sei unbekannt, „doch der Lieferung vorausgegangen waren über zwei Jahre andauernde Bemühungen, die Produktion von T-90-Panzern deutlich zu steigern, um den Kriegsbedarf angesichts des Krieges in der Ukraine und der zunehmenden Spannungen mit den Nato-Mitgliedern zu decken“, schreibt das russische Medium: „Einige Berichte deuten darauf hin, dass im Jahr 2024 über 300 T-90M ausgeliefert werden.“
„Der russische Panzer ist gegenüber dem westlichen wesentlich rustikaler und kruder. (...) Das Militär plant Verluste mit ein.“
Dem Magazin zufolge hat das staatliche russische Panzerwerk Uralwagonsawod, das zum Rostec-Konzern gehört, in den 2010er-Jahren kaum für lokale Bedürfnisse produziert gehabt – Military Watch spricht von lediglich zehn Panzern; allerdings sei stark für den Export gebaut worden, vor allem für Algerien und Indien. Nach Angaben des Magazins fühlt sich das Werk in der Lage, pro Jahr weit mehr als 1.000 Panzer auszustoßen und damit an die Produktionszahlen der Sowjetära heranzureichen.
Der neben dem T-14 Armata als am weitesten entwickelte, aber um ein Vielfaches günstigere T-90 in seinen verschiedenen Versionen gilt als die Zukunft der russischen Panzerwaffe. Allerdings scheint Russland auch diesbezüglich das Gesicht wahren zu müssen – Michael Gjerstad urteilt in seiner Studie von Mitte 2024: „Russische T-90M-Produktion: weniger als es zunächst den Anschein macht.“ Der Analytiker des Thinktank International Institute for Strategic Studies (IISS) rechnet vor, dass seit der Invasion mindestens 13 Chargen T-90M ausgeliefert worden seien. Gjerstad vermutet aufgrund von Zahlen des russischen Militärs und von Analysten, dass jede Charge zwischen elf und 15 Panzern umfasst haben sollte.
Russlands tödliche Doktrin: Kleine Panzer mit wenig Widerstandskraft an Ukraine-Front
Demnach müsste die russische Streitmacht seit Beginn der Invasion fast 200 neue Panzer für die Ukraine-Front hinzubekommen haben. Gjerstad spricht davon, dass seit April 2020 maximal 267 T-90-Panzer gebaut oder modernisiert worden sein können. Das würde die Zahlen des Kiew Independent bestätigen. Wenn allerdings die Oryx-Zahlen ebenfalls stimmen, ist die ohnehin kleine Flotte dieser modernen Panzer auch wieder enorm schnell geschrumpft, und Russland läuft einem Defizit an modernen Kampfpanzern hinterher.
Offensives Trauerspiel: Der russische Armada erweist sich als kaum tauglich für die Ukraine-Front
Technisch sei der T-90 eine Kombination des Fahrgestells eines T-72 mit den Systemen des Turms des T-80. Ralf Raths betont die Verwandtschaft aller T-Modelle, die in Antrieb, Panzerung und Feuerkraft kontinuierlich weiter entwickelt worden seien, aber bis zum T-14-Armata keine revolutionäre neue Technik geboten hätten. Der T-90 ist evolutionär, anders als dessen Nachfolger T-14 Armata, der aufgrund seiner kompromisslosen Konzentration auf Technik und Sensorik eher als revolutionär zu bezeichnen ist.
Der in der Ukraine aber sparsam eingesetzte Armata hat an den dortigen Fronten wenig bewirken können. Grundsätzlich ist er schon vor seinen Einsätzen anfällig gewesen für technische Probleme. Letztendlich würde der Unterschied der Kampffähigkeit eines Panzers durch die Ausbildung der Besatzung und die Führung des Panzerverbandes mitbestimmt werden, sagt Raths.
Russlands Kriegslist im Ukraine-Krieg: Riesige Panzerhallen könnten einfach leer sein
Michael Gjerstad meint herausgefunden zu haben, dass Panzer im Verhältnis 1:3 an die Front geschickt würden – auf einen neu gebauten Panzer kämen drei Aufrüstungen alter Modelle. Die Frage sei, wie viele Panzer Russland aus der Sowjetzeit übernommen und eingelagert hatte. Nach seinen Recherchen habe der frühere russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu im Dezember von 1.530 ausgelieferten Panzern in 2023 gesprochen. Allerdings geht Gjerstad davon aus, dass darin zum Großteil aufgerüstete Panzer enthalten gewesen seien.
Der Eindruck, Russland stocke sein Arsenal auf, sei insofern wohl falsch; andersherum bedeutete das, Russland würde seine Bestände schröpfen. Ihm zufolge könnten russische Panzergaragen zwar auf Satellitenbildern sichtbar gemacht sein; ob darin aber tatsächlich die geschätzt mögliche Kapazität von 1.600 Kampfpanzern gelagert sei, bleibt Russlands Geheimnis. Die Bunker könnten andere Fahrzeuge enthalten oder schlichtweg leer sein. Eingedenk einer solchen möglichen Kriegslist bleibt auch die tatsächliche Größe der T-90-Flotte ein großes Geheimnis.
Gjerstad vermutet, das in diesem Jahr höchstens bis zu 28 Fahrzeuge des Typs T-90M gebaut würden. Die endgültige Ist-Stärke würde dann aus den aufgerüsteten T-90A-Modellen mitbestimmt; und deren Zahl nehme kontinuierlich ab. Anfang 2024 soll Russland noch geschätzte 150 T-90A-Panzer im Bestand gehabt haben, schreibt der IISS-Analytiker.
Putins Wirklichkeit: Für die Offensiven werden hohe Verluste eingeplant
Der T-90M ist letztendlich lediglich besser geschützt als seine Vorgänger und verfügt über erweiterte Fähigkeiten zu Gegenmaßnahmen: Dazu gehört die eingebaute explosive reaktive Panzerung zum Schutz vor Hohlladungen und zur Minimierung der Auswirkungen von panzerbrechenden Geschossen auf das Gehäuse aus Panzerstahl. Die T-90-Panzer Russlands waren aber bereits mehrfach während dieses Krieges ins Gerede gekommen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Laut Museumsdirektor Raths habe sich in der Ukraine gezeigt, dass die handwerkliche Qualität der Panzerführung der Russen „abgründig schlecht ist“, wie er sagt. Das lasse die technischen Nachteile klarer zutage treten: „Der russische Panzer ist gegenüber dem westlichen wesentlich rustikaler und kruder. In der Ukraine wird jetzt aber ganz klar, dass die russische Doktrin, die Panzer auch ,verbrauchen‘ zu können, weil man ja mehr davon hat, nicht mehr zu halten ist. Panzer sind dafür da, ihre Aufgabe zu erfüllen und dabei auch vernichtet zu werden. Das Militär plant Verluste mit ein.“
Transparenzhinweis: In einer vorangegangenen Version des Artikels hatten wir die Quelle des Zitats „Russische T-90M-Produktion: weniger als es zunächst den Anschein macht“ von Michael Gjerstadt nicht angegeben. Dieses Zitat stammt aus einer Studie des Experten aus dem Jahr 2014. Wir haben die Angabe ergänzt.