Münchner Merkur Interview

Jahrestag 7. Oktober: „Hamas darf keine zweite Chance kriegen“

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    Marcus Mäckler
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Die israelische Generalkonsulin in Süddeutschland Talya Lador-Fresher über Donald Trumps Friedensplan für Gaza und Israels Kriegsführung.

Erst schickten sie 3900 Raketen über die Grenze, dann fielen die Hamas-Angreifer wie Barbaren in Israel ein. Sie töteten 1200 Menschen, 250 weitere verschleppten sie in den Gazastreifen. All das ausgerechnet am Sabbat. Der 7. Oktober, der sich heute zum zweiten Mal jährt, hat tiefe Wunden geschlagen, auch bei Talya Lador-Fresher. Im Interview spricht Israels Generalkonsulin für Süddeutschland über Israels Härte im Krieg – aber auch ihre eigene, private Suche nach ihren Wurzeln.

Sie feierten das Leben und fanden den Tod: Beim Nova-Festival im Süden Israels tötete die Hamas mehr als 370 junge Menschen. Hier dekorieren Angehörige eines Opfers den Gedenkort.
Frau Lador-Fresher, Sie waren kürzlich in Leipzig, um das Grab Ihrer Urgroßeltern zu suchen. Haben Sie es gefunden?
Meine Geschichte mit Leipzig ist eine lange Geschichte. Mein Vater kam von dort. Er war Holocaust-Überlebender, war im Ghetto, musste sich verstecken und nach dem Krieg hat es lange gedauert, bis er wieder beieinander war. Körperlich zumindest – das Trauma wurde er nie los. Aber die gute Zeit für meinen Vater war seine Kindheit in Leipzig und er hat viel davon erzählt. Leider habe ich ihn früh verloren. Ich war 18 und konnte ihm die richtigen Fragen nicht mehr stellen.

Israelische Generalkonsulin im Interview: Familiengeschichte in Leipzig

Deswegen recherchieren Sie Ihre Familiengeschichte jetzt selbst?
Genau. Ich war schon zum dritten Mal in Leipzig. Vor acht Jahren habe ich dort die Stolpersteine für meine Familie verlegt, was sehr bewegend war. Zuletzt war ich im Sächsischen Staatsarchiv, das nur für mich geöffnet wurde, und ich habe viele interessante Dokumente gefunden. Darin stand auch das genaue Sterbedatum meiner Urgroßmutter, das war 1912. Ein netter Mensch hat mir geholfen, ihr Grab auf dem alten jüdischen Friedhof zu finden. Sie hieß Esther Lederberger. Ihr Grabstein sieht aus, als wäre sie erst vorgestern gestorben.
Sie sind seit zwei Jahren als Generalkonsulin in Süddeutschland. Mit welchem Gefühl kamen Sie hierher?
Mit einem guten. Es war mein starker Wunsch, nach Deutschland zu kommen. Meine Eltern haben mich israelisch-deutsch erzogen, vieles in meiner DNA ist deutsch. Ich bin pünktlich, ordentlich und sehr klar.

Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern 

Vor 60. Gründungstag von Israel
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen entschied 1947 über die Teilung Palästinas in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen. Im Teilungsplan wurde auch festgelegt, dass die Briten ihr Mandat für Palästina bis August 1948 niederlegen. Großbritannien hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet besetzt und war 1922 offiziell mit dem Mandat über Palästina beauftragt worden. Am 14. Mai 1948 wurde auf Grundlage des UN-Beschlusses der jüdische Staat gegründet. © dpa
Proklamation des Staates Israel
Nach der Unterzeichnung der Proklamationsurkunde am 14. Mai 1948 im Stadtmuseum von Tel Aviv hält eine nicht identifizierte Person das Schriftstück mit den Unterschriften in die Höhe. Links ist David Ben Gurion zu sehen, der erste Ministerpräsident Israels. © dpa
Israelischer Unabhängigkeitskrieg
Ein historisches Datum für den Staat Israel. Doch die arabischen Staaten Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Irak erkannten die Gründung nicht an und überschritten nur einen Tag später mit ihren Armeen die Grenzen. So begann der Palästina-Krieg, der im Januar 1949 mit dem Sieg Israels endete. Das Foto zeigt israelische Mitglieder der paramilitärischen Organisation Haganah im August 1948.  © AFP
Operation Yoav
Die israelische Armee konnte während des Krieges 40 Prozent des Gebiets erobern, das eigentlich laut dem ursprünglichen UN-Plan zur Teilung für die arabische Bevölkerung vorgesehen war. So wurde auch der westliche Teil von Jerusalem von Israel besetzt.  © Imago
Waffenstillstand Israel Palästina 1949
Die Vereinten Nationen vermittelten zwischen Israel und Ägypten, und so kam es zwischen den beiden Ländern am 24. Februar 1949 zu einem Waffenstillstandsvertrag. Andere arabische Kriegsgegner folgten mit Waffenstillständen bis Juli 1949. Laut Schätzungen starben bei dem Krieg, den die arabischen Länder gestartet hatten, mehr als 6000 Israelis und 6000 Araber.  © ACME Newspictures/afp
Arafat. Geschichte des Krieges in Israel
Jassir Arafat gründete 1959 die Fatah, eine Partei in den palästinensischen Autonomiegebieten. Laut ihrer Verfassung war ihr Ziel, auch mit terroristischen Mitteln die Israelis aus Palästina zu vertreiben und Jerusalem als Hauptstadt zu installieren. Ebenfalls als Ziel rief die Fatah die „Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“ aus.  © PPO/afp
Arafat
1993 erkannte die Fatah mit ihrem Vorsitzenden Jassir Arafat das Existenzrecht Israels im Osloer-Friedensprozess an, und wollte den Terror als Waffe nicht mehr nutzen. Allerdings gab es immer wieder Bombenattentate in Israel. 2011 suchte Arafat den Schulterschluss mit der Hamas. Gemeinsam planten sie, eine Übergangsregierung zu bilden, was bis heute nicht umgesetzt wurde. Innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fatah die stärkste Fraktion. © Aleksander Nordahl/Imago
1974 Arafat vor UN
Im Oktober 1974 erkannte die Vollversammlung der Vereinten Nationen die PLO als Befreiungsbewegung an. Daraufhin wurde Arafat als Vertreter eingeladen. Am 13. November 1974 eröffnete Arafat die Debatte in der Vollversammlung. Er beendete die Rede mit dem Satz: „Ich bin mit einem Olivenzweig in der einen und dem Gewehr des Revolutionärs in der anderen Hand hierhergekommen. Lasst nicht zu, dass der grüne Zweig aus meiner Hand fällt!“ © dpa
Kampfflugzeug im Sechs-Tage Krieg
Vom 5. Juni bis 10. Juni 1967 fand der Sechstagekrieg zwischen Israel auf der einen und Ägypten, Jordanien und Syrien auf der anderen Seite statt. Auslöser war die ägyptische Blockade der Seestraße von Tiran für die Israelis, die so abgeschnitten waren. Außerdem hatte der ägyptische Präsident den Abzug der Blauhelme erzwungen, die die nördliche Grenze Israels sicherten. Als Drohung schickte Ägypten dann 1000 Panzer und 100.000 Soldaten an die Grenzen zu Israel. Als Reaktion auf die Bedrohung flogen die Israelis einen Präventiv-Schlag. Auf dem Foto sieht man ein ägyptisches Kampfflugzeug. Während des Krieges konnte Israel die Kontrolle über den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem erlangen. Weil Israel seine Angreifer besiegen konnte, machte der Staat am 19. Juni 1967, neun Tage nach seinem Sieg, Ägypten und Syrien ein Friedensangebot. Darin enthalten die Aufforderung, Israel als Staat anzuerkennen. © AP/dpa
Arabisch-israelischer Krieg
Am 6. Oktober 1973, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, startete eine arabische Militärkoalition unter Führung Ägyptens und Syriens einen Überraschungsangriff, gleichzeitig auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen. Nach anfänglichem Erfolg der arabischen Kriegsparteien gelang es Israel, sich zu behaupten. Erst mit dem Friedensvertrag sechs Jahre später am 26. März 1979, normalisierten sich die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. Ägypten war der erste arabische Staat, der das Existenzrecht Israels anerkannte. © afp
Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten, Jimmy Carter schüttelt dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat die Hand.
Das Friedensabkommen vom 26. März. 1979 war ein wichtiger Meilenstein. US-Präsident Jimmy Carter gratulierte damals dem ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat und dem israelischen Premierminister Menachem Begin vor dem Weißen Haus. Nach den Camp-David-Verhandlungen unterzeichneten sie den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern dort. © Consolidated News Pictures/afp
Beschuss im Libanonkrieg
1982 begann mit dem Libanonkrieg der erste große israelisch-arabische Konflikt, der von Israel gestartet wurde. Die Kriegsparteien waren die israelische Armee und verbündete Milizen auf der einen, die PLO und Syrien auf der anderen Seite. Israel besetzte im Rahmen des Krieges zwischen 1982 und 1985 den Süden Libanons. Später richtete Israel daraufhin dort eine „Sicherheitszone“ ein, die aber Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon auf nordisraelische Städte nicht verhindern konnte. Am 25. Mai 2000 zog die israelische Armee aus dem Südlibanon ab.  © Dominique Faget/afp
Soldaten und Kinder bei der Intifada 1987
Am 8. Dezember 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen ein gewaltsamer Aufstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung aus. Diesen Aufstand nennt man Intifada. Auf dem Foto ist zu sehen, wie israelische Soldaten Kinder anweisen, das Gebiet zu verlassen, als Hunderte von Demonstranten Steine und Flaschen schleudern.  © Esaias Baitel/afp
Hamas-Kundgebung im Gaza-Streifen
Die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation), die ihre Zentrale in Tunis hatte, wollte einen eigenen palästinensischen Staat ausrufen, hatte aber keine Kontrolle über die entsprechenden Gebiete. Im Zuge dessen kam es zu einem Gewaltausbruch, der erst 1991 abnahm. 1993 wurde schließlich mit dem Osloer Abkommen die erste Intifada beendet. © Ali Ali/dpa
Der PLO-Führer Yasser Arafat und der israelischen Premierminister Yitzahk Rabin schütteln sich 1993 die Hände.
Nach Jahrzehnten von Gewalt und Konflikten unterschrieben am 13. September 1993 Israels Außenminister Shimon Peres und Mahmoud Abbas, Verhandlungsführer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), unter Aufsicht der russischen und amerikanischen Außenminister die „Osloer Verträge“. Das Foto des Händedrucks zwischen Palästinenservertreter Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton wurde weltberühmt. © J. David Ake/afp
Yasir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin erhalten den Friedensnobelpreis
Nach der Unterzeichnung der Osloer Verträge bekamen Jassir Arafat, Schimon Peres und Yitzhak Rabin den Friedensnobelpreis für 1994. Hier die Preisträger zusammen mit ihrer Medaille und ihrem Diplom im Osloer Rathaus. Die Friedensverträge wurden damals als wichtiger Startpunkt für Frieden in der Region gesehen. © Aleksander Nordahl/Imago
Bill Clinton, König Hussein und Rabin bei der Friedenssitzung
1994 folgten Friedensverhandlungen zwischen Jordanien und Israel 1994 im Weißen Haus. Auf dem Foto ist zu sehen, wie der jordanische König Hussein und der israelische Premierminister Yitzahk Rabin bei der Friedenssitzung sich die Hände schütteln. © Imago/ ZUMA Press
Sarg von Yitzhak Rabin, Geschichte des Kriegs in Israel
Mit der Hoffnung auf Frieden in der Region wurde der Hass von israelischen Extremisten größer. Diese wollten Abkommen mit den arabischen Staaten und der PLO nicht akzeptieren. So wurde Yitzhak Rabin zur Zielscheibe und wurde 1995 im Anschluss an eine große Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem rechtsextremen Juden ermordet. Das Foto zeigt den Sarg des Premierministers in Jerusalem bei seiner Beerdigung.  © Jim Hollander/dpa
Junge schießt mit Katapult bei der zweiten Intifada, Geschichte des Krieges in Israel
Obwohl es in den 1990er Jahren mit den Osloer Verträgen große Hoffnung auf Frieden gab, hatte sich die Situation nach der Ermordung von Yitzhak Rabin massiv aufgeheizt. 2000 kam es zur zweiten Intifada, dem gewaltvollen Aufstand der Palästinenser mit Straßenschlachten. Die zweite Intifada dauerte bis 2005. © Imago/UPI Photo
Israelische Soldaten 2006, Geschichte des Krieges in Israel
2006 kam es wieder zwischen Israel und dem Libanon zum Krieg. Die Auseinandersetzung wird auch 33-Tage-Krieg oder zweiter Libanon-Krieg genannt, weil sie nach gut einem Monat am 14. August 2006 mit einem Waffenstillstand endete. Das Foto zeigt einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg im Jahr 2006. Eine israelische Artillerieeinheit hatte soeben an der libanesisch-israelischen Grenze in den Libanon gefeuert. Fast 10.000 israelische Soldaten kämpften in der Nähe von etwa einem Dutzend Dörfern im Südlibanon gegen Hisbollah-Kämpfer.  © Menahem Kahana/afp
Israelisches Militär feuert auf Ziele im Libanon
Auslöser des Libanon-Kriegs waren anhaltende Konflikte zwischen der Terrororganisation Hisbollah und der israelischen Armee. Um die Angriffe zu stoppen, bombardierte die israelische Luftwaffe die Miliz aus der Luft und verhängte eine Seeblockade. Die Hisbollah antwortete mit Raketenbeschuss auf den Norden Israels. Später schickte Israel auch Bodentruppen in den Süden von Libanon.  © Atef Safadi/dpa
Angriff im Süden von Beirut
Die libanesische Regierung verurteilte die Angriffe der Hisbollah und forderte internationale Friedenstruppen, um den Konflikt zu beenden. Am 14. August 2006 stimmten schließlich nach einer UN-Resolution die Konfliktparteien einem Waffenstillstand zu. Sowohl die Hisbollah als auch Israel sahen sich als Sieger.  © Wael Hamzeh/dpa
Krieg in Israel
2014 startete die israelische Armee (IDF) mit der Operation Protective Edge am 8. Juli eine Militäroperation, weil die Hamas aus dem Gazastreifen immer wieder Israel beschoss. Ab dem 26. Juli 2014 folgte eine unbefristete Waffenruhe, die kanpp neun jahre währte.  © Abir Sultan/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Am 7. Oktober 2023 startete die Hamas einen Überraschungsangriff auf Israel mit Raketenbeschuss und Bodeninfiltrationen aus dem Gazastreifen, was zu schweren Verlusten und der Entführung zahlreicher Geiseln führte. Hier ist eine Gesamtansicht der zerstörten Polizeistation in Sderot nach den Angriffen der Hamas-Terroristen zu sehen.  © Ilia Yefimovich/dpa
Jahrestag der Angriffe auf Israel am 7. Oktober
Bei dem Überfall der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen auf Israel wurden rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Israelis als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Seitdem wurden laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen Zehntausende Menschen getötet, darunter auch viele Frauen und Minderjährige. © Ilia Yefimovich/dpa

Hoffnung auf ein Kriegsende im Gazastreifen dank Donald Trumps Friedensplan?

Kurz nach Ihrer Ankunft kam der 7. Oktober. Jetzt, zwei Jahre später, könnte der Krieg enden. Wie groß ist Ihre Hoffnung in die neuen Verhandlungen?
Nach so vielen Enttäuschungen von palästinensischer Seite seit der Ablehnung des Teilungsplans von 1947 ist mein Optimismus leider nicht groß. Dennoch haben wir nicht den Luxus, pessimistisch zu sein.
Die Hamas will ein Mitspracherecht bei der Zukunft Gazas. Ist das vorstellbar?
Die Hamas ist eine Terrororganisation. Das sage nicht nur ich, so stuft unter anderem die EU die Hamas ein. Außerdem scheint es so, dass viele Menschen in Gaza sich ebenfalls von der Gewalt der Hamas befreien möchten. Der 7. Oktober hat uns gezeigt, dass sich niemand eine dschihadistische Terrororganisation, die ein Gebiet und seine Bevölkerung kontrolliert, leisten kann.

Netanjahus Koalitionspartner fordern die Annexion des Westjordanlands und Gaza

Netanjahus Koalitionspartner fordern die Annexion des Westjordanlands und Gazas. Würde ein Deal mit der Hamas die israelische Regierung sprengen?
Die zwei größten Oppositionsführer haben bereits klar gesagt, dass sie Netanjahu bei diesem Deal unterstützen werden. Dennoch steht die Möglichkeit im Raum, dass wir vorgezogene Neuwahlen abhalten.
Israel geht mit so großer Härte in Gaza vor, dass der Vorwurf im Raum steht, es sei vom Opfer zum Täter geworden. Wie gehen Sie damit um?
Der 7. Oktober war ein barbarisches Massaker, bei dem an einem Tag so viele Juden umgebracht wurden wie seit dem Holocaust nicht mehr. Die Frage ist sehr diplomatisch gestellt. Der Vorwurf ist ja, dass Israel einen Genozid begeht und die Menschen in Gaza verhungern lässt. Wir können offen über die Art und Weise debattieren, wie Israel diesen Krieg führt. Das Problem ist: Normalerweise findet ein Krieg oberirdisch statt und die Zivilisten verstecken sich unterirdisch, etwa in U-Bahn-Stationen, wie man es in der Ukraine beobachten kann. In Gaza ist das umgekehrt: Dort sind die Terroristen unten und die Zivilisten oben. So einen Krieg hat bisher niemand geführt.

Israelische Generalkonsulin: Kein Genozid in Gaza – UNO gegenüber Israel voreingenommen

Zuletzt warf eine UN-Kommission Israel in einem Bericht Genozid vor...
Ich weiß, dass die UNO in Deutschland als bedeutende Organisation gilt. In Israel ist das nicht immer so. Der UN-Menschenrechtsrat, von dem diese Vorwürfe kommen, hat seit seiner Gründung 2006 ganze 108 Resolutionen zu Israel verabschiedet, 108! Zum Sudan: 23, zu Russland: 10, zu Syrien: 41. Es ist eine Obsession, die die UNO mit Israel hat. Ja, die Situation in Gaza ist schlecht, die Leute leiden. Aber es gibt kein Aushungern. Die Gaza Humanitarian Foundation im Süden des Gebiets....
... deren Verteilzentren auch umstritten sind, weil dort Palästinenser getötet worden sein sollen...
… diese Organisation, deren System am Anfang Probleme hatte, weil die Hamas es mit Gewalt verhindern wollte, verteilt inzwischen mehr als eine Million Mahlzeiten am Tag. Das läuft sehr gut. Und natürlich gibt es keinen Genozid in Gaza. Ich würde sagen: Dieser Krieg läuft überhaupt nur deshalb so lange, weil wir versuchen, Menschenleben zu schonen.
Die Rede ist von 65 000 toten Palästinensern.
Es ist ganz einfach: Wir wollen nicht, dass Menschen, die keine Terroristen sind, sterben. Aber wahr ist auch, dass es in jedem Krieg leider zivile Opfer gibt. Auch viele israelische Soldaten und Zivilisten wurden getötet und verletzt. Das ist Teil des Leids auf unserer Seite.

Friedensplan für Gaza: Geiselbefreiung oberste Priorität – keine zweite Chance für die Hamas

Es gibt auch in Israel viel Kritik an der Regierung. Der Armeechef selbst hat die Offensive in Gaza-Stadt scharf kritisiert...
Noch dazu gibt es jeden Samstagabend in Tel Aviv und anderen Städten Demonstrationen gegen die Regierungspolitik. Das zeigt zunächst mal, wie stark die Demokratie bei uns in Israel ist, und natürlich auch, dass es eine Spaltung im Land gibt. Aber in einem sind sich alle einig: Die Geiseln müssen nach Hause kommen. Deshalb ist es mir immer wichtig, diese gelbe Schleife zu tragen (Lador-Fresher zeigt auf das Revers ihres Blazers). Wir vergessen sie nicht. Und bei noch etwas sind sich alle Israelis einig: Die Hamas darf keine zweite Chance bekommen, niemals.
Zu Besuch in der Redaktion: Generalkonsulin Talya Lador-Fresher mit Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis (r.) und Politik-Redakteur Marcus Mäckler.
Was genau ist das Ziel, was die Hamas betrifft?
Das Ziel ist Entwaffnung. Schauen Sie mal in den Libanon. Wir sehen, wie die Hisbollah, die eine stärkere Terrororganisation als die Hamas war, durch unsere Operationen geschwächt wurde. Jetzt will die neue libanesische Regierung die Terroristen entwaffnen. Das ist ein langer Weg, aber es gibt den politischen Willen.

Israelische Generalkonsulin: Antisemitismus nimmt zu, besonders der links-kulturelle Antisemitismus

Ist die Hamas nicht längst am Boden? Zuletzt erklärten 600 ehemalige israelische Armee- und Geheimdienstangehörige öffentlich, die Organisation sei keine Gefahr mehr...
Lassen Sie mich einen Moment lang Netanjahu sein. An seiner Stelle würde ich sagen: Diese Leute haben jahrelang behauptet, die Hamas sei abgeschreckt. Am 7. Oktober waren wir blind, weil die Armee und die Geheimdienste zu lange gedacht hatten, ein Angriff sei nicht im Interesse der Hamas.
Ist der Preis für den harten Kurs nicht, dass Juden in aller Welt an Sicherheit verlieren, weil sie in einem feindlichen Klima leben?
Juden leben schon jetzt in einem aufgeheizten Klima, die antisemitischen Vorfälle sind durch die Decke gegangen. Es geht dabei nicht nur um rechte und islamistische Gewalt, sondern auch um links-kulturellen Antisemitismus. Sie haben ja erlebt, wie die Münchner Philharmoniker von einem Festival in Belgien ausgeladen wurden, nur weil der Dirigent Israeli ist. Auch wir in Bayern haben das Gefühl, dass manche Kulturinstitutionen sich schwerer tun, mit uns zusammenzuarbeiten. Oft werden Sicherheitsbedenken vorgeschoben, aber es bleibt das ungute Gefühl, dass mehr dahintersteckt. Ich glaube übrigens nicht, dass der Antisemitismus in Europa in dem Moment abnehmen würde, in dem wir einen Waffenstillstand hätten. Es hilft nur eins: Die guten Leute in der breiten Mitte der Gesellschaft müssen ihre Stimme erheben.
Ein Mahnmal am Synagogen-Zaun in Berlin: Dort hängen Bilder von Geiseln, lebenden und ermordeten, die von den Hamas-Terroristen 2023 verschleppt wurden.

Juden fühlen sich heute in München sicherer als in Berlin

Fühlen sich Juden und Israelis heute in München sicherer als in Berlin?
Ich glaube schon, die Situation hier ist besser als in Berlin. Das liegt sicher an der klaren Haltung der Staatsregierung und an der Stärke der Polizei. Kürzlich haben alle demokratischen Parteien im Landtag beschlossen, einen Freundeskreis Israel zu gründen. Das ist eine starke Botschaft, die zeigt, wo Bayern steht.
Und der Kanzler? Er schränkt Waffenlieferungen ein und ringt zugleich bei der Eröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße mit den Tränen. Wie blickt man in Israel auf ihn?
Jahrelang haben wir Friedrich Merz, den Menschen und den Politiker, als Freund Israels geschätzt. Ich würde sagen, das ist er immer noch. Trotzdem ist die Waffenentscheidung problematisch und schädlich.

Zwei-Staaten-Lösung zwischen Palästinenser und Israel? „Brauchen Zeit, damit die Wunden heilen“

Sie sind auch Mutter, haben Familie. Was machen die Bilder aus Gaza mit Ihnen persönlich?
Natürlich verstehe ich das Mitgefühl, das die Bilder einer Mutter, die mit ihren Kindern flieht, bei den Menschen auslösen. Trotzdem kann ich den Kontext nicht ausblenden. Ich weiß, was vorher war, und dieses Vorher lässt mich nicht los.
Nehmen wir an, jetzt gelänge eine Verhandlungslösung. Wo sähen Sie Israelis und Palästinenser in zwei Jahren? In Gesprächen über eine Zwei-Staaten-Lösung?
Seit 100 Jahren reden wir über die Zwei-Staaten-Lösung, immer wieder haben die Palästinenser sie abgelehnt. Als 1947 der UN-Teilungsplan verabschiedet wurde, haben die Juden auf den Straßen getanzt, während uns die Araber den Krieg erklärt haben. Auch wenn der Trump-Plan umgesetzt wird, braucht es Zeit. Und wir brauchen Zeit, damit die Wunden heilen.

Rubriklistenbild: © John Wessels/AFP

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