Krieg im Sudan

Experte zum Krieg im Sudan: „Die Emirate sind der Haupt-Kriegstreiber“

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Mehr als zehn Millionen Menschen sind im Sudan auf der Flucht: Diese Menschen haben sich im März in den benachbarten Südsudan gerettet.
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Der Sudan-Experte Roman Deckert spricht im Interview über die dramatische Lage im Sudan, die tödliche Rolle der Golfstaaten und erklärt, was der Westen tun könnte, um den Menschen dort zu helfen.

Frankfurter Rundschau: Herr Deckert, seit mehr als einem Jahr kämpfen im Sudan die Armee und die Miliz der Rapid Support Forces (RSF) ohne Rücksicht auf Opfer in der Zivilbevölkerung um die Macht im Land. Jetzt werden Warnungen vor einem neuen Völkermord in der Darfur-Region lauter. Wie sehen Sie die Lage?

Roman Deckert: Die Ernährungssituation im Sudan hat sich dramatisch verschlechtert, wir müssen da mittlerweile von einer Hungersnot sprechen. Gleichzeitig sind die RSF-Milizen weiter auf dem Vormarsch. Gerade am Donnerstag ist die Hauptstadt des Teilstaates West-Kordofan, El Fula, die bisher von der Armee gehalten wurde, an die Milizen gefallen. Und die belagern weiterhin die Hauptstadt von Nord-Darfur, El Fasher, wo sich Hunderttausende Menschen aufhalten. Es gibt immer mehr Berichte von Massakern vonseiten der RSF. Da kommt viel zusammen.

Der UN-Sicherheitsrat hat gerade ein Ende der Belagerung El Fashers gefordert.

Ja, ich hoffe, dass international jetzt etwas mehr durchdringt, wie schlimm die Situation im Sudan ist. Die Lage verschlechtert sich ja wirklich auf dramatische Weise.

10 Millionen Menschen aus dem Sudan vertrieben

Die Zahlen, die kursieren, sind schwer greifbar: Die Kämpfe und der Hunger sollen Millionen Menschen im Land in die Flucht getrieben haben.

UNHCR-Zahlen vom 20. Juni zufolge gibt es innerhalb des Sudan mittlerweile mehr als zehn Millionen Vertriebene, 1,3 Millionen sollen ins Ausland geflohen sein.

Und bei den Menschen kommt nicht genug Hilfe an. Das liegt zum einen an den Kämpfen, die UN klagen aber auch darüber, zu wenig Geld für die Bereitstellung von Hilfe zu erhalten. Schätzungen zufolge braucht es mehr als 2,5 Milliarden Euro – auch, um viele Menschen vor dem Hungertod zu bewahren.

Ja, zwar wurden bei der Sudan-Konferenz anlässlich einem Jahr Krieg im April in Paris zwei Milliarden Euro Hilfe von Gebernationen zugesagt. Laut dem UN-Nothilfebüro UN-Ocha sind in diesem Jahr aber erst Hilfsgüter im Wert von 413 Millionen Euro im Sudan angekommen. Das ist eine dramatische Unterfinanzierung. Dabei sind zwei Milliarden Euro kein Betrag, den man nicht gemeinschaftlich aufbringen könnte. Hier gibt es eine Ignoranz gegenüber dem Konflikt. Man nennt das im Fachjargon „Sudan Fatigue“, also Sudan-Müdigkeit.

Warum ist das so?

Man ist aus dem Land seit Jahrzehnten schlechte Nachrichten gewöhnt. Aber man muss sich klar darüber sein, dass das heute ganz andere Dimensionen sind, weil der Krieg das gesamte Land erfasst hat. Besonders bitter finde ich diese Ignoranz, wenn ich den aktuellen Diskurs über Geflüchtete in meinem Heimatland Deutschland verfolge, aber auch hier in der Schweiz, wo ich lebe. Da bekommt man den Eindruck, als scheine es kein anderes Thema zu geben als Geflüchtete. Gleichzeitig ignoriert man aber die größte Flüchtlingskrise der Welt vor Europas Haustür im Sudan. Und hier ist der Begriff Krise wirklich einmal angebracht: Wir reden von elf Millionen Vertriebenen! Wir haben auch schon steigende Zahlen von Sudanesen und Sudanesinnen, die versuchen, über Libyen und das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Man hat hier also eine echte, riesige Flüchtlingskrise nicht weit weg und trotzdem gibt es weder Interesse noch Engagement im Sinne von genug Hilfsfinanzierung, das ist schon sehr bitter.

Baerbock verhandelt angeblich hinter verschlossenen Türen

Außenministerin Baerbock hat in Paris aus Deutschland weitere 244 Millionen Euro für Hilfe im Sudan zugesagt, mehrere weitere Hundert Millionen sollen aus dem EU-Budget fließen. Das sind aber doch keine so niedrigen Beträge.

Das ist von deutscher Seite aus auch löblich, andererseits sicher aber auch das Mindeste angesichts der deutschen Wirtschaftskraft – und wenn man schaut, was in Deutschland für andere Dinge ausgegeben wird. Das Problem bei der humanitären Hilfe ist zusätzlich, dass die beiden Kriegsparteien kaum Hilfe in die von ihnen kontrollierten Gebiete lassen, vor allem nicht über die Frontlinien hinweg. Und mehr noch als über diese Hilfe müssen wir darüber reden, wie man diesen Krieg beenden kann. Und man könnte ihn schnell beenden, wenn die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien aufhören würden, die jeweiligen Kriegsparteien zu unterstützen. Die Emirate sind durch die Unterstützung der RSF-Milizen der Haupt-Kriegstreiber im Sudan, das kann man gar nicht genug betonen. Ebenso dass die VAE gleichzeitig ein enger westlicher Verbündeter sind. Das ist also ein Konflikt, der mit uns zu tun hat. Unter anderem sind die Emirate für Deutschland wichtigster Handelspartner in der gesamten Region. Und die Verantwortlichen in Abu Dhabi und Dubai scheinen einfach so damit davonzukommen. Hier müsste viel mehr Druck ausgeübt werden. Aber das ist offensichtlich nicht die diplomatische Priorität, weder bei den Europäern noch in den USA. Man braucht die VAE wohl bei Themen wie Israel/Palästina und Iran als Verbündeten. Es heißt zwar, dass Baerbock hinter verschlossenen Türen mit VAE-Vertretern über den Sudan geredet hat, aber das reicht nicht.

Wie genau helfen die Emirate den brutal vorgehenden RSF-Milizen? Gibt es dafür Belege?

Selbst die VAE bestreiten ihr Engagement im Sudan kaum. Es gibt eine Luftbrücke zwischen Abu Dhabi und einem Flugplatz nahe der sudanesischen Grenze in einer abgelegenen Gegend im Osten des Tschad. Die Emirate haben dort unter dem Vorwand, ein Hospital aufzubauen – was sie vielleicht auch gemacht haben, vielleicht auch für verletzte RSF-Krieger -, Fuß gefasst. Über Flug-Tracker kann man verfolgen, dass Transportmaschinen aus Abu Dhabi über verschiedene Zwischenstopps, etwa im Somaliland, zu diesem Flugplatz im Tschad fliegen und den RSF-Milizen so offensichtlich Munition und Waffen bringen.

Roman Deckert, 50, ist ein unabhängiger Sudan-Analyst, der seit 1997 im und zu dem nordostafrikanischen Land arbeitet. Er arbeitet auch für die Berliner Denkfabrik Media in Cooperation and Transition (MiCT) und lebt in Genf.

Westen hält sich mit Kritik zurück

Dabei gilt der Tschad – so wie die Emirate – ja auch als Verbündeter des Westens.

Ja und zwar als der letzte in der Region. Das denke ich führt auch dazu, dass sich der Westen bei dem Thema mit Kritik zurückhält – nachdem man Mali, Burkina Faso und Niger an Russland verloren hat. Dazu kommt, dass die tschadische Armee als sehr schlagkräftig gilt. Ähnlich wie die RSF ist die Truppe sehr mobil, die sind mit Toyota-Pick-ups unterwegs, wo auf der Ladefläche ein schweres Maschinengewehr oder sogar eine Flak draufgeschraubt ist und dann brettern die damit auf den Feind zu und schießen alles zusammen. Im Tschad hat sich das als sehr effizient erwiesen im Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram.

Der Darfur-Konflikt

Der Darfur-Konflikt war im Jahr 2004 die kriegerische Auseinandersetzung mit den meisten Opfern weltweit. Bei den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestages hieß es dazu 2006: „Im Verlauf der Kämpfe zwischen den Rebellengruppen ‚Sudan Liberation Movement/Army‘ und ‚Justice and Equality Movement‘ auf der einen sowie Regierungstruppen und den so genannten Janjaweed-Milizen auf der anderen Seite kamen Hunderttausende durch Waffengewalt oder kriegsbedingte Krankheiten zu Tode oder wurden verletzt.“ fab

Die sudanesische Armee wird derweil von Saudi-Arabien unterstützt.

Man müsste auf beide Seiten Druck machen. Der Krieg könnte heute beendet sein, wenn die Saudis und die Emirate sagen würden, sie beenden die Unterstützung für die jeweiligen Seiten. Man muss auch wissen, dass die Saudis und die Emirate eigentlich Verbündete waren und die RSF überhaupt erst so stark gemacht haben: Denn sie haben im Jemen-Krieg RSF-Söldner gegen die Huthi-Rebellen eingesetzt – für die schmutzige Arbeit, die sie selber nicht mit Bodentruppen machen wollten. Das ist wichtig, dass man sieht, dass es vor allem die Saudis und die Emirate waren, die den Krieg im Sudan heraufbeschworen haben. Es gab ja 2018/2019 die Revolution im Sudan, wo der Druck einer starken Zivilgesellschaft dazu geführt hat, dass die Armee den Diktator Omar al-Baschir fallengelassen hat. Doch weder Saudi-Arabien noch die Emirate hatten Interesse daran, in ihrem Hinterhof eine basisdemokratische Blüte zu sehen. Deswegen haben sie alles dafür getan, um diese Entwicklung zu unterdrücken.

Wo verorten sich die Reste der sudanesischen Zivilgesellschaft heute?

Selbst Leute, die lange oppositionell waren und in ihrem Engagement gegen die Armee viel geopfert haben, sehen die Armee heute oft als das vermeintlich kleinere Übel. Eine Begründung, die ich dazu gehört habe, ist, dass die Armee eher noch als nationale Institution wahrgenommen wird, die RSF aber als neoliberale Privatarmee, die sich das Land unter den Nagel reißt im Auftrag einer ausländischen Macht. Auch wenn historisch die Armee diejenige war, die die RSF überhaupt erst geschaffen hat.

Auch die großen Nachbarstädte Khartum und Omdurman sind umkämpft – Bilder dringen nur wenige nach außen.

Und es sind ja auch noch andere Staaten aktiv im Sudan.

Ja, auch der Iran spielt bei der Unterstützung der Armee neuerdings wieder eine Rolle. Bei alldem geht es auch um den Zugang zum Roten Meer. Russland hat deshalb neulich auch ein Kooperationsabkommen mit der sudanesischen Armee unterzeichnet …

… das sind ziemlich kuriose Verbindungen.

Ja, aber was ich damit vor allem sagen will, ist: Das sind nicht „nur“ irgendwelche Afrikaner, die sich da gegenseitig den Kopf einschlagen – eine solche Sichtweise hat ja auch schnell rassistische Assoziationen -, sondern das ist ein Krieg, der in einem globalen Kontext stattfindet. Da ist große Geopolitik im Spiel und die Leidtragenden sind die Menschen im Sudan.

„Es geht um knallharte Wirtschaftsinteressen“

Vor allem den RSF-Milizen wird massive Gewalt vorgeworfen, bis hin zum Völkermord.

Ja, es gibt da offensichtlich Bestrebungen gerade in Darfur. Wobei es nicht immer so einfach ist, zwischen den Volksgruppen Grenzen zu ziehen, in diesem Fall zwischen „Arabern“ und „Nicht-Arabern“. Und ein wenig verstellt das auch den Blick darauf, dass es da um knallharte Wirtschaftsinteressen geht. Gerade in Darfur geht es sehr stark um die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen: In den letzten Jahrzehnten ist der Sudan ein Hauptlieferant von Frischfleisch für die Golfstaaten geworden – diese Entwicklung geht zulasten von Kleinbauern, die oft brutal vertrieben werden. Auch spielt der Klimawandel hier eine Rolle: Es gibt einen Verlust großer Agrarflächen durch Desertifikation. Und es gibt noch einen Aspekt in dem Krieg, den ich unterbelichtet finde.

Und zwar?

Es gibt glaubhafte Berichte darüber, dass viele der RSF-Krieger – und das sind oft Jugendliche -, dass die stark mit Drogen aufgeputscht sind. Das scheint vor allem „Ice“ zu sein: Eine dieser chemischen Drogen, die Syrien in großem Maßstab in die arabische Welt liefert. Man hat da also in Darfur und anderen Regionen mit Drogen aufgeputschte mordende Kindersoldaten und die scheinen einen Freifahrtschein zu haben, was das Plündern angeht, inklusive der damit einhergehenden Tötungen. Bis hin zu einem Massaker wie in der Stadt El Geneina im Juni vergangenen Jahres, wo UN-Experten von bis zu 15 000 Toten ausgehen. Das muss man sich mal vorstellen: Das sind doppelt so viele Tote wie 1995 beim Massaker von Srebrenica. Und dieser Krieg geht weiter. (Interview von Fabian Scheuermann)

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