„Riesige logistische Störung“

Angriff mit Storm-Shadow-Raketen: Russland befürchtet ukrainische Krim-Offensive

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Als Russland die Verteidigungslinien Richtung Krim ausbaut, attackiert die Ukraine die annektierte Halbinsel mit Storm-Shadow-Raketen. Der Beginn eines Vorstoßes?

Moskau/Simferopol – Während die Ukraine mit ihrer Gegenoffensive Teilerfolge im Kampf gegen die russische Armee feiern konnte, sorgt man sich in Moskau zunehmend über die annektierte Halbinsel Krim. Um eine Rückeroberung durch die Ukraine – ein von Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärtes Ziel im Ukraine-Krieg – zu verhindern, verstärkt Russland laut dem britischen Verteidigungsministerium nun die eigenen Verteidigungslinien. Dabei würden sich die Truppen insbesondere auf die Wege zur Krim konzentrieren.

Doch Kiew war darauf vorbereitet: am Donnerstagmorgen hat die Ukraine die logistisch wichtige Tschonhar-Brücke zwischen der Krim und dem südukrainischen Cherson attackiert. Dies teilte der pro-russische Besatzungschef der Region Cherson, Wladimir Saldo, auf Telegram mit. „Nach einer vorläufigen Einschätzung wurden britische Storm-Shadow-Raketen eingesetzt“, schrieb Saldo. Verletzt worden sei niemand.

Nachdem Saldo den Angriff kleinredete und erklärte, dass die Fahrbahndecke „etwas beschädigt sei“, teilte der Wall-Street-Journal-Reporter Jaroslaw Trofimow auf Twitter mit, dass es sich vielmehr um eine „riesige logistische Störung“ handele. „Der Schaden scheint sich in Grenzen zu halten, aber es bleibt abzuwarten, ob die Tschonhar-Straßenbrücke für schweres militärisches Gerät tragfähig sein wird“, schrieb Trofimow in einem weiteren Tweet.

Russland befürchtet Krim-Offensive der Ukraine: Verteidigung hat „oberste Priorität“

Die Tschonhar-Brücke ist eine von drei Anfahrtsrouten von der Krim ins nördlicher gelegene und ebenfalls zu Teilen okkupierte Gebiet Cherson. Beobachtern zufolge ist sie für die Russen ein wichtiger Weg, um die eigenen Truppen an der Front zu versorgen. Die Halbinsel Krim, die Russland sich bereits im Jahr 2014 völkerrechtswidrig einverleibt hat, ist außerdem über die Kertsch-Brücke mit dem russischen Festland verbunden. Auch sie wurde im vergangenen Herbst bei einem Angriff beschädigt.

Inzwischen befürchte Moskaus Militärkommando, dass die ukrainische Armee „in der Lage ist, die Krim direkt anzugreifen“, wie das britische Verteidigungsministerium in einem Bericht vom Mittwoch (21. Juni) mutmaßte. Die Verteidigung der Halbinsel habe mittlerweile „oberste Priorität“. Doch auch für die Ukraine hat die Krim eine enorme Bedeutung – nicht nur logistisch, sondern auch symbolisch.

„Durch die Rückeroberung der Krim werden wir den Frieden wiederherstellen“, sagte Selenskyj am 24. Februar 2023, als sich der Krieg zum ersten Mal jährte. „Dies ist unser Land. Unser Volk. Unsere Geschichte. Wir werden die ukrainische Flagge in jeden Winkel der Ukraine zurückbringen.“

Ein russischer Soldat besichtigt den Schaden an der Tschonhar-Brücke auf der Krim.

Krim-Rückeroberung: Triumph der Ukraine könnte für Putin eine „rote Linie“ überschreiten

Sollten die ukrainischen Streitkräfte die derzeit besetzten südlichen Städte Melitopol oder Berdjansk erreichen, „wäre dies ein großer ukrainischer Sieg, da damit die Landbrücke zur Krim abgeschnitten würde“, sagte Frederik Mertens, Analyst am Haager Zentrum für strategische Studien in den Niederlanden, im Gespräch mit Newsweek. Dies würde die Krim endgültig in Reichweite ukrainischer Waffe bringen – und Russland „einen schweren Schlag versetzen“.

Noch herrscht allerdings die russische Luftwaffe über der Südukraine und macht ein Vorankommen der Gegenoffensive kompliziert. Sollte aber ein Vorstoß gelingen und die ukrainische Armee sich behaupten können, könnte die Krim zu einem realistischen Angriffsziel werden. Für Wladimir Putin könnte das jedoch eine „rote Linie“ überschreiten, wie Fachleute fürchten. Denn der Verlust der Schwarzmeer-Halbinsel würde für den russischen Präsidenten eine weitaus größere Schmach darstellen als so gut wie jede Niederlage auf dem ukrainischen Festland. (nak)

Rubriklistenbild: © Alexander Polegenko/Imago

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