Westen wird beschuldigt

„War ein Unfall, kann passieren“: Kreml hält an seinen bizarren Reaktionen zu Nawalnys Tod fest

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Russische Behörden melden den Tod von Kreml-Kritik Nawalny. Putins Umfeld macht schon den Westen verantwortlich. Auch von einem „Unfall“ ist die Rede.

Update vom 19. Februar, 17.09 Uhr: Nach dem Tod von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny verbittet sich Russland weiterhin jegliche Einmischung des Westens. „Deutsche Vertreter wurden darauf hingewiesen, dass es sich bei dieser Situation um eine ausschließlich innere Angelegenheit der russischen Seite handelt, die, wie schon erklärt wurde, eine in solchen Fällen ordnungsgemäße professionelle Ermittlung durchführen wird“, schrieb die russische Botschaft in Berlin am Montag bei Telegram. Zuvor war Botschafter Sergej Netschajew ins deutsche Außenministerium von Annalena Baerbock (Grüne) einbestellt worden.

Die Botschaft behauptete dabei weiterhin, dass der Westen den Tod des Oppositionspolitikers ausnutze, um antirussische Stimmungen zu schüren. Am Wochenende waren Tausende Menschen in Russland zu Gedenkveranstaltungen auf die Straße gegangen – und waren teilweise dabei festgenommen worden. Nawalny war am Freitag im Alter von 47 Jahren in einem Straflager im hohen Norden Sibiriens ums Leben gekommen. Kurz danach hatte Russland Fragen nach den Todesumständen mit teils bizarren Reaktionen beantwortet.

Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der Haftstrafe.

Reaktionen aus Russland zu Nawalnys Tod: „Westen ist verantwortlich“

Erstmeldung: Moskau – Am Freitag (16. Februar) erklärten russische Behörden den prominenten und inhaftierten Kreml-Gegner Alexej Nawalny für tot. In seinem Straflager im hohen Norden Russlands habe er sich nach einem Spaziergang „unwohl“ gefühlt und sei verstorben, so die Erklärung der russischen Gefängnisverwaltung. Aus dutzenden westlichen Ländern kamen bereits Reaktionen, die den Kreml-Chef Wladimir Putin verantwortlich machen. Er schweigt bisher, allerdings äußert sich sein Umfeld – mit bizarren Erklärungen.

„Für Nawalnys Tod sind Washington und Brüssel verantwortlich“, sagte etwa der Sprecher der russischen Staatsduma, Wjacheslaw Wolodin, laut der staatlichen Agentur Tass. „Der Tod Nawalnys kommt westlichen Politikern zugute, die eine Vielzahl gescheiterter Entscheidungen getroffen haben und an ihren Positionen festhalten wollen“, so Wolodin. „Ihre Namen sind bekannt, vom Nato-Generalsekretär bis zur US-Führung, zu Scholz, Sunak und Selenskjy, all das sind die Schuldigen an Nawalnys Tod“, sagte er weiter. Die Ermittlungen zu Nawalnys Todesursache würden noch laufen, ergänzte Wolodin außerdem.

Ähnlich äußerte sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Sie sprach mit Blick auf die zahlreichen und schnellen Reaktionen aus dem Westen von einer „Selbstentlarvung“. So erklärte sie laut Staatsmedien: „Es gibt noch kein Ergebnis der forensischen Untersuchung, aber die Schlussfolgerungen des Westens liegen bereits vor.“ Das russische Außenministerium rief die USA und den Westen dazu auf, „Zurückhaltung“ zu zeigen und auf offizielle Ergebnisse der Untersuchung zu warten.

Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern

Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garri Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.  © Str/AP/dpa | Str
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition.
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – hier bei einer Gedenk-Demo 2018 – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition. © Alexander Zemlianichenko / dpa
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen.
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen.
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen. © Andrew Lubimov / dpa
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt.
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt. © Daria Nawalny / dpa
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte.
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte. © Sergei Bobylev / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe.
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe. © Moscow City Court Press Service / dpa
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe.
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe. © Anna Ustinova / Imago
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im Februar 2022.
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im März 2022. Wegen angeblicher Veruntreuung von Spendengeldern wurden 13 weitere Jahre Haft gefordert. © Sergei Fadeichev / Imago / ITAR-TASS
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny.
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny. Der Kritiker trat während seiner Haftzeit immer wieder beispielsweise in Hungerstreik. Seine Haft-Unterbringung soll teils dürftig gewesen sein. © IMAGO/Sergei Karpukhin / ITAR-TASS
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023.
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023. Der Oppositionsführer war erneut zu 19 Jahren Haft unter anderem wegen Extremismus verurteilt worden. © IMAGO/Sofya SandurskayaITAR-TASS
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden. Dann hieß es, er sei in ein Strafgefangenenlager nach Sibirien gebracht worden. Das Foto zeigt ihn im Januar 2024 bei einer weiteren Video-Schalte. © Alexander Zemlianichenko / dpa
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire

Nawalny von Russland für tot erklärt: „Leise sein und kein Wirbel machen“

Wladimir Tschabarow, der stellvertretende Chef des Komitees für Internationale Angelegenheiten des Russischen Föderationsrates, meldete sich im Radiosender Govorit Moskva mit den Worten: „Ich denke, es war ein Unfall, sowas kann passieren.“ Der Westen werde versuchen, sich aus dem Tod von Nawalny ein Vorteil auszuarbeiten, warnte der russische Politiker.

Er sagte, Russland habe „keinen Grund“ gehabt, dem inhaftierten Oppositionspolitiker zu schaden. „Vielleicht war es ein Blutgerinnsel oder eine andere Krankheit, das kann jedem von uns in jedem Moment passieren“, so Tschabarow, der ergänzte: „Die Familie trauert, er war noch jung, aber das ist nun mal das Schicksal, das uns allen unter Gott widerfahren wird.“ Man müsse „leise sein und kein Wirbel machen“.

Sergej Mironow, Parteichef von „Ein Gerechtes Russland – für Wahrheit“, sagte laut der staatlichen Agentur Tass: „Der Tod von Alexej Nawalny, der wegen Extremismus verurteilt worden war, ist vorteilhaft für viele Feinde Russlands.“ Mironows Partei wird zwar als Opposition eingestuft, gilt jedoch als Putin-nah. (bb)

Rubriklistenbild: © Anna Ustinova / Imago

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