Die Grünen könnten vom Persönlichkeitsbonus Özdemir profitieren – und von Hagels „rehbraunen Augen“-Affäre
VonKatja Thorwarth
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Am 8. März findet die Landtagswahl in Baden-Württemberg statt. Die CDU hat in den Umfragen kaum eingebüßt – die Grünen jedoch hinzugewonnen. Was sorgt für den Wechsel?
Vor kurzem fragten sich politische Beobachterinnen noch, wer der ehemalige Bankfilialdirektor und CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg eigentlich ist: Manuel Hagel, 39 Jahre alt, war lediglich – jenseits der Landesgrenzen – im Markus-Söder-Schlepptau als Mitglied der „Drei-Löwen-Allianz“ aufgefallen. Vielleicht war das sogar besser für die Partei von Kanzler Friedrich Merz, denn kaum macht der Schwabe Schlagzeilen, geht es mit der dortigen CDU bergab.
Hagel hatte in einem Interview davon erzählt, eine Realschulklasse „mit 80 Prozent Mädchen“ besucht zu haben, und war ins Schwärmen gekommen. „Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen“, sagte er und ging näher auf eine Schülerin ein: „Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“ Das Gespräch wurde im Frühjahr 2018 auf Youtube veröffentlicht – und am Montag (23. Februar) von der Grünen-Politikerin Zoe Mayer aus Karlsruhe auf X und Instagram gepostet.
Grüne in Baden-Württemberg legen 4 Prozent zu
Zu viel für das eher als bodenständig und konservativ eingestufte Ländle? Zumindest muss die CDU in den Umfragen seitdem Federn lassen, denn die Grünen von Cem Özdemir, lange in Umfragen weit abgeschlagen hinter der eigentlich siegessicheren CDU, liegen plötzlich fast gleichauf. Der CDU-Vorsprung im Südwesten war zwar über die vergangenen Monate immer kleiner geworden, galt aber zehn Tage vor der Wahl als kaum einzuholen.
Bis das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap am Donnerstag (26. Februar) für die ARD neue Zahlen veröffentlichte: Aktuell liegen die Grünen demnach bei 27 Prozent – nur einen Punkt hinter der CDU. Ende Januar lag der Abstand zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg noch bei sechs, im Oktober bei neun, im Oktober 2024 lag er bei 16 Punkten. Dabei hat die CDU nur einen Prozentpunkt auf 28 eingebüßt, die Grünen jedoch um 4 Punkte zugelegt: „Das ist schon ungewöhnlich“, findet Joachim Behnke, Politikwissenschaftler an der Zeppelin Uni in Friedrichshafen, zu dem Sprung in so kurzer Zeit.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir strebt Kretschmann-Nachfolge an
Landtagswahlen in Baden-Württemberg: Persönlichkeit der Kandidaten spielt größere Rolle
Wie die dpa erfragt hat, erklärt sich Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Uni Freiburg, die grüne Aufholjagd mit der zunehmenden Bedeutung der Persönlichkeitswerte der Spitzenkandidaten. Und hier liegt der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir schon seit Beginn des Wahlkampfs klar vorn. „Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt“, denn anders „ist das nicht erklärbar“. Als Partei präferierten viele Menschen in Baden-Württemberg zwar die CDU, aber als Ministerpräsident wäre ihnen Özdemir lieber als der noch relativ unbekannte Hagel.
Transparenz
Für die repräsentative Umfrage wurden 1.530 Wahlberechtigte in Baden-Württemberg zwischen dem 23. und 25. Februar befragt, bei einer Fehlertoleranz von zwei bis drei Punkten.
Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch und solche Erhebungen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. Nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten.
Tatsächlich würden sich derzeit laut Umfrage 42 Prozent für den Grünen und nur 21 Prozent für Hagel entscheiden, wenn die Baden-Württemberger den Regierungschef direkt wählen könnten. „Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark“, meint auch Behnke. „Es geht immer mehr um Köpfe – und Özdemir ist der populärste Kandidat.“ Der habe sich im Wahlkampf extrem von seiner Partei abgegrenzt. „Die Grünen kommen nicht mal auf dem Plakat vor. Das ist ganz auf die Person zugeschnitten – und das scheint sich gelohnt zu haben.“ Dazu passt, dass Özdemir sich vom Ex-Grünen Boris Palmer trauen ließ, der in der Partei nicht wohlgelitten ist.
Auch SPD und Linke verlieren: strategisches Wahlverhalten in Baden-Württemberg
Expertinnen halten kurz vor der Wahl auch strategisches Verhalten linksgerichteter Menschen für eine zusätzliche Erklärung des grünen Aufwinds in den Umfragen. Denn ebenso hat die Linke verloren und muss mit 5,5 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 Prozent und verliert damit erneut einen Prozentpunkt. (Quellen: dpa, eigene Recherche) (ktho)