Trotz hoher Verluste

Leopard 2, Challenger und Bradleys: Wie viele Panzer die Ukraine für ihre Gegenoffensive hat

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In einer frühen Phase der Gegenoffensive verliert die Ukraine reihenweise westliche Panzer. Dennoch hat Kiew noch viele Militärfahrzeuge in petto. Ein Überblick.

München/Saporischschja - Es ist ein zäher Beginn: Die Ukraine erleidet Mitte Juni hohe Panzer-Verluste bei vergleichsweise geringen Gebietsgewinnen. Dabei hat im Ukraine-Krieg die viel beschworene Gegenoffensive gegen die Invasionsarmee von Moskau-Machthaber Wladimir Putin gerade erst begonnen.

Gegenoffensive der Ukraine: Kiew hat noch viele westliche Panzer und Militärfahrzeuge

Währenddessen deutet sich die Stoßrichtung der Ukrainer im Süden an. Offenbar versuchen sie, die russischen Einheiten zwischen Saporischschja, Dnipro, Cherson und Asowschem Meer von den restlichen Truppen Moskaus im Osten des Landes abzuschneiden, um unter anderem wieder das Atomkraftwerk (AKW) Saporischschja unter ihre Kontrolle zu bekommen sowie in HIMARS-Reichweite zur Krim zu gelangen, wo Russlands Armee wegen der Kachowka-Staudamm-Sprengung unter Druck gerät.

Doch: Hat die Ukraine nach all den Negativmeldungen der vergangenen Tage überhaupt genügend westliche Kampf- und Schützenpanzer, um einen solchen Schlag auszuführen? Die Antwortet lautet wohl: Ja.

Deutlich zu erkennen: Zerstörte und/oder verlassene Bradley-Schützenpanzer sowie ein verlassener Leopard-2-Panzer der ukrainischen Armee (unten). Das Foto soll in der Region Saporischschja entstanden sein.

Die Hiobsbotschaften hatten sich gemehrt, wonach Kiew wohl schon etliche gelieferte westliche Panzer eingebüßt hat. Zwischen Orichiw und Tokmak in der Oblast Saporischschja soll die ukrainische Armee verschiedenen Quellen zufolge etwa bei einem einzigen Vorstoß mindestens einen modernen Leopard-2-A6 aus Deutschland, fünf US-amerikanische Bradley-Schützenpanzer, zwei gepanzerte US-amerikanische Truppentransporter MaxxPro sowie einen Minenräumpanzer sowjetischer Bauart verloren haben.

Gegenoffensive der Ukraine: Truppen Kiews verlieren „Leos“ und Bradleys

Und: Laut der niederländischen Open-Source-Website Oryx, die Verluste an militärischer Ausrüstung dokumentiert, verlor einzig die 47. Brigade „Magura“ der ukrainischen Armee im Donbass sieben Leopard-2-Panzer und 17 Schützenpanzer Bradley. Wären 22 mindestens verlorene Bradleys von insgesamt 109 Stück. Die 33. Panzerbrigade soll laut russischen Angaben zudem drei Minenräumpanzer Leopard 2R aus Finnland eingebüßt haben. Ebenfalls in nur einer einzigen Aktion. Aus Kiew gab es dazu bislang keine Stellungnahme.

Dennoch erwartet der Vorsitzende des britischen Verteidigungsausschusses, Tobias Ellwood, einen bevorstehenden Großangriff der Ukraine an einem Frontabschnitt. Ben Hodges, US-General a.D., geht sogar von einem Schlag mit bis zu 750 Militärfahrzeugen gleichzeitig aus. Und: Sogar der russische Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin bescheinigte den Ukrainern öffentlich: „Mit der Offensive gehen sie präzise vor. Sie machen alles richtig.“ Ein wesentlicher Grund für diese Thesen könnte sein, dass Kiew offensichtlich vieles von seinen aufgestellten Kräften noch zurückgehalten hat.

Mit der Offensive gehen sie präzise vor. Sie machen alles richtig.

Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin über die Ukrainer

Außerdem handelt es sich bei den bisherigen Einsätzen nur um Aufklärungsmissionen, um zeitgleich mit den Minenräumfahrzeugen Schneisen in die weitläufigen Steppen zu schlagen, über die die Panzerverbände nachsetzen können. Aber: Was haben die Ukrainer gegen die russische Armee an gelieferter Ware aus dem Westen noch in petto? Das Nachrichtenportal fr.de hat sich auf Spurensuche begeben und folgende Zahlen recherchiert:

Gegenoffensive: Diese westlichen Kampf- und Schützenpanzer hat die Ukraine

  • Leopard-2-Kampfpanzer: Deutschland hatte 18 moderne Leopard-2A6 geliefert, Polen stellte 14 Exemplare bereit. Drei „Leo“-2-Panzer sollten aus Portugal und zehn aus Schweden kommen. Hinzukamen acht Leopard-2A4 aus Kanada sowie vier finnische Leopard-2R zur Minenräumung - macht insgesamt 57 Stück. Laut Süddeutscher Zeitung (SZ) sind aber nur 21 Exemplare von der modernsten Variante A6. Und mehrere „Leos“ blieben schon auf dem Schlachtfeld zurück.
Bereit für die Gegenoffensive: Ein britischer Challenger-2-Kampfpanzer, der der ukrainischen Armee übergeben wurde.

Gegenoffensive der Ukraine: Britische Challenger 2 noch nicht auf dem Schlachtfeld gesichtet

  • Challenger-2-Kampfpanzer: Großbritannien hatte 14 Stück der wuchtigen Kampfpanzer geliefert. Bisher tauchten diese noch gar nicht auf dem Schlachtfeld auf. Wahrscheinlich ist, dass die Ukraine die Challenger im Verbund in einer Brigade einsetzt - zu einem späteren Zeitpunkt der Gegenoffensive.
  • Bradley-Schützenpanzer: Wie verschiedene Quellen schreiben, unter anderem das Magazin für Europäische Sicherheit & Technik, bekam Kiew 109 der Panzer zum Transport von Infanterie. Bis zu 22 Bradleys wurden ersten Erkenntnissen zufolge bereits außer Gefecht gesetzt. Darauf lassen Erhebungen von Oryx schließen, aber auch ein Bericht von CNN.

Gegenoffensive der Ukraine: Marder-Schützenpanzer kamen wohl noch nicht zum Einsatz

  • Marder-Schützenpanzer: Auch die 40 Marder-Panzer aus Deutschland tauchten bislang allenfalls auf Telegram-Videos ukrainischer Soldaten auf, die diese außerhalb des Kampfes präsentierten. Die Hälfte der deutschen Schützenpanzer wurde laut Kyiv Post in die 82. Luftangriffsbrigade integriert, die bei der Gegenoffensive bisher noch nicht prominent in Erscheinung trat.
  • Stryker-Radpanzer: Auch etwa die Hälfte der US-amerikanischen Radpanzer soll dem Bericht zufolge Bestandteil der Brigade sein. Wegen ihrer hohen Mobilität eignen sich die Radpanzer wohl eher für Einsätze in Städten als für Gefechte auf offenem Gelände. 90 Stück bekamen die Ukrainer aus den USA.
  • MRAPs: Das sind sogenannte Fahrzeuge mit hohem Minenschutz. Auf Englisch: Mine Resistant Ambush Protected Vehicle. Die ukrainische Armee soll einen Bestand von 580 Stück aufgebaut haben, schreibt das Magazin für Europäische Sicherheit & Technik. Etliche davon gingen in den vergangenen Wochen verloren, vor allem gepanzerte MaxxPro-Mannschaftstransporter, wie Videos brennender Exemplare bei Twitter belegen. Bei 580 Stück dürften aber auch noch viele übrig sein.
Dutzende Exemplare werden der Ukraine geliefert: französische AMX-10RC-Radpanzer (Symbolfoto).

Gegenoffensive der Ukraine: Soldaten rücken in uralten M113 vor

  • M113: Vom uralten gepanzerten Mannschaftstransporter auf Ketten aus den 1960er Jahren soll die Ukraine 300 Stück haben. Die Fahrzeuge sind nicht nur langsam und haben eine vergleichsweise leichte Panzerung, sie sind auch nur mit einem leichten Maschinengewehr bewaffnet. In den vergangenen Tagen wurden bei Twitter Fotos geteilt, wie ukrainische Soldaten in M113-„Panzern“ in der Region Saporischschja vorrücken.
  • Radpanzer AMX-10RC: Unklar ist, wie viele der Radpanzer Frankreich geliefert hat. Auch sie wurden auf den Schlachtfeldern im Osten und im Süden noch nicht gesichert. Schätzungen zufolge dürfte es sich um mehrere Dutzende Exemplare handeln, die hochmobil sind und mit einer 105-mm-Kanone schwer bewaffnet sind.

Just an diesem Donnerstag (15. Juni) beraten die Verteidigungsminister der Nato-Staaten auf ihrem Gipfel über weitere Waffenlieferungen für die Ukraine. Ob es dabei auch um weitere Panzer geht, drang nicht nach außen.  (pm)

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