Exklusives Interview

„Niemand hat mit einem solchen Ausmaß an Grausamkeit gerechnet“

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Andy Milburn, Kommandant der „Mozart“-Gruppe, spricht über die Strategie Russlands im Ukraine-Krieg und erläutert, was der Westen nun tun muss.

Andy Milburn, Sie sind Kommandant der sogenannten Mozart-Gruppe. Was hat Sie in die Ukraine gebracht?
Anfangs bin ich als freier Journalist in die Ukraine gegangen. Das war in der ersten Märzwoche. Sehr schnell wurde mir klar, dass ich in an anderer Stelle dringender gebraucht werde. Ein befreundeter Oberst der ukrainischen Spezialkräfte hat mich um Unterstützung gebeten. Zu der Zeit begann Russland mit der Belagerung von Kiew
Sie waren selbst in Kiew zu dieser Zeit. Was war die größte Herausforderung?
Am Anfang des russischen Überfalls lag die Verteidigung im Wesentlichen in den Händen von Zivilisten. Viele wissen das nicht, aber die territorialen Verteidigungseinheiten rekrutierten sich aus der zivilen Bevölkerung. Nicht das ukrainische Militär hat die russischen Soldaten und Panzer aufgehalten und sie am Ende vertrieben, das waren die normalen Leute. Zwei Wochen zuvor waren sie noch Studierende oder Angestellte.
Das ukrainische Militär sah sich nicht nur mit dem russischen Angriff konfrontiert, sondern musste auch die Einheiten der territorialen Verteidigung kampffähig bekommen. Sie mussten bei null anfangen und zunächst lernen, wie man mit den Waffen umgeht. Das galt für die Standardausrüstung genauso wie für spezielle Systeme wie Panzerabwehrwaffen. Letztere spielten bei der Verteidigung von Kiew eine entscheidende Rolle. Um all das zu erlernen, blieb aber nicht viel Zeit.
Freiwillige bei einem Training der sogenannten Mozart-Gruppe, fotografiert im September 2022.

Ukraine-Krieg: „Sie sind mutig, aber eben ganz frisch“

Wie sieht das heute aus?
Die Zeit für das Training ist immer noch sehr kurz. Die Mehrheit der Rekruten ist nach westlichen Maßstäben ungeschult. Also nicht schlecht oder unzureichend ausgebildet, sondern wirklich ungeschult. Sie sind mutig, aber eben ganz frisch. Die Brigadekommandeure sind sich dessen bewusst, aber sie können ihre Leute nicht für eine längere Zeit von der Front abziehen. Russland greift ständig an. In Cherson und Charkiw wurden zuletzt zwar Erfolge erzielt, aber die unschöne Wahrheit ist, dass die Truppen aus Russland weiterhin auf dem Vormarsch sind.
Um die Lücke an Trainingsmöglichkeiten zu füllen, ist dann die sogenannte Mozart-Gruppe entstanden?
Ja. Ich habe mit einem kleinen Team ehemaliger Marines und Leuten aus der Armee, allesamt Spezialkräfte, eine Trainingsgruppe gebildet. Mit dieser Gruppe haben wir angefangen, Zivilisten für ihren Einsatz in der territorialen Verteidigung zu trainieren. Für die Ausbildung hatten wir teils nur fünf Tage. Das ist ein absurd kurzer Zeitraum. Wir haben in Gruppenstärken zwischen 120 und 150 Personen trainiert. Danach haben die Einheiten das Mozart-Patch erhalten, sind in ihre privaten Zivilwagen gestiegen und nach Butscha gefahren, um dort gegen russische Soldaten zu kämpfen. Das war ungefähr Ende März.
Was waren die größten Schwierigkeiten zu dieser Zeit?
Wir standen einer ganzen Reihe von Herausforderungen gegenüber. Die russischen Streitkräfte überzogen Kiew mit Raketen und Artilleriefeuer. Wir bauten Schießstände und Trainingsareale auf. Die angehenden Einheiten der territorialen Verteidigung mussten lernen, wie man schießt, sich im urbanen Gelände bewegt und im Einsatz kommuniziert. Doch jedes Mal, wenn wir ein solches Trainingsgelände eingerichtet hatten, bekam Russland davon Wind, entweder durch Kollaborateure oder ihre eigene Aufklärung. Die Folge war Artilleriefeuer auf unseren Standort. Es war eine sehr schwierige Situation.

Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat am 24. Februar 2022 begonnen. Im November konnten die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Cherson befreien. Doch für die Menschen vor Ort ist die Lage noch immer katastrophal. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Hier kämpfen sie um die Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum der Stadt.
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat am 24. Februar 2022 begonnen. Im November konnten die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Cherson befreien. Doch für die Menschen vor Ort ist die Lage noch immer katastrophal. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Hier kämpfen sie um die Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum der Stadt. © BULENT KILIC/afp
Am 24. Februar beginnt Russland mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus.
Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus. © Aris Messinis/afp
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine.
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine. © Sergei Malgavko/dpa
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet.
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet. © Sergei Mikhailichenko/afp
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin.
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. © Andrej Ivanov/afp
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion.
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion. © Facebook/afp
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden.
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden. © Daniel Leal/afp
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen.
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen. © Daniel Leal/afp
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen.
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. © Nikolay Doychinov/afp
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland.
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland. © Aris Messinis/afp
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg.
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg. © Fadel Senna/afp
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke.
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke. © Aris Messinis/afp
Mitten Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland.
Mitten im Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland. © Genya Savilov/afp
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland.
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland. © Michael Kappeler/dpa
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen.
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen. © Sergej Supinsky/afp
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen.
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen. © Aris Messinis/afp
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen.
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen. © Aris Messinis/afp
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind.
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind. © Aris Messinis/afp
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest.
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest. © Alexander Nemenov/afp
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes.
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes. © Yasuyoshi Chiba/afp
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben.
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben. © dpa
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol.
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol. © Dmytro ‚Orest‘ Kozatskyi/afp
Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz in der Bundeswehr.
Am 21. Juni treffen die ersten schweren Waffen aus Deutschland in der Ukraine ein. Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz der Bundeswehr. Sie sieht aus wie ein riesiger Kampfpanzer und kann Ziele in 40 Kilometern Entfernung treffen.  © Sven Eckelkamp/Imago
bombardiert die russische Luftwaffe ein Einkaufszentrum in der ostukrainischen Stadt Krementschuk
Am 27. Juni bombardiert Russland ein Einkaufszentrum im 100 Kilometer von der Frontlinie entfernten Krementschuk. Zum Zeitpunkt des Angriffs befinden sich laut ukrainischen Angaben etwa 1000 Menschen in dem Gebäude, mindestens achtzehn Menschen werden getötet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnet die Attacke als „absoluten Horror“.  © STR/afp
Dieses Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt einen Überblick über die Schlangeninsel im Schwarzen Meer.
Nach wiederholten ukrainischen Angriffen zieht sich das russische Militär Ende Juni von der Schlangeninsel südlich von Odessa zurück. Russland spricht von einem „Zeichen des guten Willens“. Die Die Ukraine feiert die Rückeroberung dagegen als Sieg. „KABOOM! Keine russischen Truppen mehr auf der Schlangeninsel“, schreibt der Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, auf Twitter. „Unsere Streitkräfte haben großartige Arbeit geleistet.“ © dpa
In der Nacht auf den 29. Juli brannte nach einer Explosion ein Gefängnis in Oleniwka, in der von pro-russischen Separatisten besetzten Donezk-Region, aus.
In der Nacht auf den 29. Juli kommen bei einem Angriff auf ein Gefängnis in Oleniwka in der Donezk-Region Dutzende ukrainische Kriegsgefangene ums Leben. Der ukrainische Generalstab beschuldigt Russland, damit Folter von Gefangenen und Hinrichtungen verschleiern zu wollen. Prorussische Separatisten hingegen bezichtigten die Ukraine, für den Angriff verantwortlich zu sein © afp
Auf dem Gelände des Militärflugplatzes Saki nahe Nowofjodorowka kommt es zu heftigen Explosionen.
Am 9. August erschüttern mehrere Explosionen eine russische Luftwaffenbasis auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim. Mehrere Flugzeuge werden zerstört. Eine Woche später detoniert auf der Krim ein russisches Munitionslager. Rusland spricht von einem „Sabotageakt“. © dpa
Dieses Satellitenbild von Planet Labs PBC zeigt das von russischen Truppen besetzte Kernkraftwerk Saporischschja.
Das Atomkraftwerk Saporischschja ist schwer umkämpft. Das Artilleriefeuer lässt international die Angst vor einer Atomkatastrophe steigen. Am 25. August wird das AKW erstmals in seiner Geschichte vom Stromnetz getrennt. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig den Beschuss des Kraftwerksgeländes und der Umgebung vor. © Planet Labs Pbc/dpa
Rauch steigt über einem Feuer in einem Naturschutzgebiet in der Nähe der Stadt Mykolajiw nach einem Beschuss durch die Streitkräfte der Ukraine auf.
Am 29. August gelingt den ukrainischen Truppen an mehreren Stellen in der Oblast Cherson ein Vorstoß über feindliche Frontlinien. Das russische Verteidigungsministerium bestätigt eine ukrainische Offensive bei den von Russland besetzten Gebieten in der Oblast Cherson und der Oblast Mykolajiw. © Kherson Region Emergency Service/Imago
Einheiten der ukrainischen Streitkräfte sind in der Region Charkiw unterwegs.
Im September erobert die Ukraine im Zuge ihrer Gegenoffensive in der Oblast Charkiw die strategisch bedeutsamen Städte Kupjansk und Isjum von Russland zurück und durchbricht die Frontlinie an mehreren Stellen.  © Imago
Im Zuge ihrer Gegenoffensive im Raum Charkiw gelingt es den ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen erhebliche Gewinne zu erzielen. In dieser Phase gelingt ihnen Anfang Oktober auch die Rückeroberung von Lyman in der Oblast Donezk.
Im Zuge ihrer Gegenoffensive im Raum Charkiw gelingt es den ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen erhebliche Gewinne zu erzielen. In dieser Phase gelingt ihnen Anfang Oktober auch die Rückeroberung von Lyman in der Oblast Donezk.  © YASUYOSHI CHIBA/afp
Mitten im Krieg bringt der britische Streetart-Künstler Banksy den Menschen in der Ukraine mit mehreren Werken seine Solidarität zum Ausdruck. So wirft ein kleiner Judoka in den Ruinen eines Kindergartens in Borodyanka nahe Kiew einen erwachsenen Kämpfer zu Boden, dessen Gestalt ein wenig der des russischen Präsidenten Wladimir Putin ähnelt.
Mitten im Krieg bringt der britische Streetart-Künstler Banksy den Menschen in der Ukraine mit mehreren Werken seine Solidarität zum Ausdruck. So wirft ein kleiner Judoka in den Ruinen eines Kindergartens in Borodyanka nahe Kiew einen erwachsenen Kämpfer zu Boden, dessen Gestalt ein wenig der des russischen Präsidenten Wladimir Putin ähnelt. © GENYA SAVILOV/afp
Im November erobert die ukrainische Armee auch die Stadt Cherson zurück. Am 11. November gab Russland den Rückzug von 30.000 Soldaten aus dem westlich des Dnepr liegenden Teil der Cherson-Region bekannt. Zwei Tage später feiern die Menschen die Befreiung der Stadt, die ukrainischen Soldaten werden herzlich begrüßt.
Im November erobert die ukrainische Armee auch die Stadt Cherson zurück. Am 11. November gab Russland den Rückzug von 30.000 Soldaten aus dem westlich des Dnepr liegenden Teil der Cherson-Region bekannt. Zwei Tage später feiern die Menschen die Befreiung der Stadt, die ukrainischen Soldaten werden herzlich begrüßt.  © afp

Mozart-Gruppe: „Wir sind keine Söldner. Wir ziehen nicht für Geld in den Krieg“

Wie ging es nach der Befreiung Kiews Anfang April weiter?
Nachdem die Truppen aus der Hauptstadt vertrieben worden waren, zogen wir weiter in den Norden. Wir trainierten in Butscha, kurz nachdem der Ort befreit worden war. Dort wurden wir zu den ersten internationale Augenzeugen der Massaker an Zivilisten, die später weltweite Schlagzeilen machten. Dieser Anblick bestärkte uns darin, weiterzumachen. Natürlich wussten wir zuvor, dass die russischen Soldaten schlimme Dinge tun, aber niemand von uns hat mit einem solchen Ausmaß an Grausamkeit gerechnet. Bevor die Massaker entdeckt wurden, ging auch niemand davon aus, dass diese Gewalt so sehr institutionalisiert ist. Das war auch die Zeit, in der unsere Gruppe ihren Namen bekam.
Die Mozart Gruppe wird häufig in einem Atemzug mit der berüchtigten Wagner-Gruppe genannt. Sie haben in der Vergangenheit bereits mehrfach betont, dass der Vergleich unzutreffend ist. Wo liegt der Unterschied?
Wir sind keine Söldner. Wir ziehen nicht für Geld in den Krieg, wie es die Privatarmeen von Blackwater oder der Wagner-Gruppe tun. Wir sind reife, pensionierte Fachkräfte, von denen die meisten in ihren Dreißigern oder Vierzigern sind. Wir tragen keine Waffen und wir beteiligen uns nicht an Kämpfen. In der Ukraine liegt unser Fokus auf zwei Dingen. Wir bilden ukrainische Soldaten in der Nähe der Front aus und evakuieren Zivilisten, die sich noch in den Städten befinden. In diese Regionen bringen wir auch humanitäre Hilfsgüter.
Es gibt viele NGOs, die im Ukraine-Krieg aktiv sind. An welchem Punkt endet deren Job, wo beginnt Ihrer?
Alle anderen NGOs operieren maximal bis zum äußersten Punkt, der von der russischen Artillerie getroffen werden kann, aktuell beispielsweise in Kramatorsk im Donbass. Mit unseren Hilfsgütern versorgen wir zwischen 20 und 25 Prozent der Bevölkerung, die sich noch in Städten an der vordersten Front befindet. Derzeit unter anderem in Bachmut. Die Menschen in diesen Regionen suchen Schutz in Kellern. Ihnen fehlt es an Wasser, Nahrung, Strom und Heizungen. Diese Gebiete stehen unter ständigem Artilleriebeschuss. Wir sind die einzige Organisation, die in diese Gebiete fährt, um Hilfsgüter an die Menschen zu verteilen und diese gegebenenfalls zu evakuieren, wenn sie das wollen. Das machen wir bereits seit Beginn des Krieges.

Trainieren für den Ukraine-Krieg: Ausbildung im Donbass direkt hinter der Front

Wie sieht Ihr Trainingsprogramm heute aus?
Wir haben unser Training ständig angepasst und erweitert. Mittlerweile haben wir drei Teams an den Standorten Kiew, im Donbass und in der Nähe der südlichen Frontlinie. Im Donbass trainieren wir unter anderem die erste Präsidenten-Brigade, sowie die 58. und 93. Brigade. Das sind die Einheiten, welche die Hauptlast der Kämpfe tragen. Seit dem Beginn der Offensive im Donbass haben diese Einheiten zwischen 70 und 80 Prozent Opfer in ihren Reihen zu beklagen.
Was leistet die sogenannte Mozart-Gruppe neben ihren zwei Hauptaufgaben derzeit noch?
Seit kurzem bieten wir zivile Schulungen im Osten von Europa an. In erster Linie für Reporter und Journalisten, aber auch für Hilfsorganisationen. Das ist dann kein Waffentraining, sondern Hilfe zur Risikominimierung. Außerdem bieten wir Begleitschutz für Pressevertreter und zivile Organisationen in Frontnähe an, ebenfalls unbewaffnet. Aus Sicherheitsgründen ist hierfür ein Hintergrundcheck erforderlich, weshalb weitere Informationen über diese Trainings lediglich auf Anfrage herausgegeben werden. Diese Arbeit machen wir zum einen, um Geld für andere Missionen zu erwirtschaften, da wir sonst rein spendenfinanziert sind. Zum anderen ist es uns wichtig, dass Journalisten vor Ort sind. Wir sind überzeugt, dass die Presse der Wachhund jeder Demokratie ist. Die Welt soll sehen, was in der Ukraine passiert.

Zur Person

Andy Milburn hat 31 Jahre bei den US-Marines gedient. Die letzten zehn Jahre seiner Dienstzeit hat er im Kommando für Spezialoperationen verbracht. Er hat von 2016 an die Joint Special Operations Task Force im Irak kommandiert und wurde stellvertretender Befehlshaber des Special Operations Command Center. Dieses Kommando war für alle Spezialoperationen im Nahen Osten verantwortlich, die sich in erster Linie gegen den islamischen Staat richteten.

Seit seinem Ausscheiden aus der Armee im Jahr 2019 ist Milburn als Berater für militärische Angelegenheiten, mit einem Fokus auf Spezialoperationen, tätig. Heute ist er Leiter der Mozart-Gruppe.

Angriff auf Zivilbevölkerung im Ukraine-Krieg: Kein Versehen – sondern politisches Kalkül

Sie haben von einer Institutionalisierung der Gräueltaten, wie beispielsweise in Butscha gesprochen. Was bedeutet das im Ukraine-Krieg?
Die russischen Angriffe auf zivile Ziele sind nicht das, was wir unter Kollateralschäden verstehen. Sie passieren nicht durch Zufall. Es ist Teil der russischen Politik und es ist Teil der militärischen Strategie. Das gilt für die Massaker in Butscha ebenso wie für die Luft- und Artillerieschläge gegen zivile Ziele. In Mariupol wurden nach konservativen Schätzungen rund 20.000 Zivilisten getötet. Ganze Siedlungen wurden einfach vernichtet. Es gibt Berichte über institutionalisierte Folter. Das sind nicht ausschließlich Taten von Soldaten, die ihren Verstand verloren haben, das ist Teil eines institutionellen Ansatzes zur Kriegsführung. Die massiven Angriffe auf die Energieinfrastruktur kurz vor dem Winter sind ebenfalls Teil dieser Kriegsführung.

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Waffen für die Ukraine: „Eine Handvoll HIMARS-Systeme, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein“

Der Westen leistet Unterstützung für die Ukraine. Unter anderem in Form von Trainingsprogrammen. Was wird derzeit am dringendsten benötigt?
Was in der Ukraine gebraucht wird, ist Ausbildung direkt vor Ort. Wir sind eine Organisation, die an dieser Stelle bisher nur Lücken schließen konnte. Eine institutionalisierte Ausbildung ist nötig. Wir könnten das beispielsweise im Namen der westlichen Regierungen tun oder gemeinsam mit der Nato. Mit ausreichender Finanzierung könnte jeder Brigade an der Front ein Ausbildungsteam zugewiesen werden. Das würde einen wirklichen Unterschied machen.
Der Westen liefert auch Waffen an die Ukraine. Ist die Unterstützung ausreichend?
Die Nato und der Westen müssen endlich ernsthaft darauf hinarbeiten, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt. Das meint nicht, dass Truppen in die Ukraine geschickt werden müssen. Aber die Waffenlieferungen, die wir bisher gesehen haben, beispielsweise eine Handvoll HIMARS-Systeme, sind lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Die westlichen Partner der Ukraine müssen anfangen, das Land mit diesen Systemen regelrecht zu fluten. Zudem braucht die Ukraine Langstreckenraketen und Drohnen mit hoher Reichweite. Ich finde es gut, dass die USA nun Patriot-Raketen liefern wollen, aber es braucht viel mehr davon. Es müssen nicht unbedingt die teuersten High-End-Systeme sein, aber es müssen genügend sein, um die gesamte Frontlinie und die Infrastruktureinrichtungen der Ukraine abzudecken.
Deutschland hat ebenfalls Waffensysteme an die Ukraine geliefert. In der Diskussion darum hat Bundeskanzler Olaf Scholz mehrmals darauf verwiesen, dass die ukrainischen Streitkräfte an Sowjetsysteme gewöhnt seien und deshalb ein Ringtausch nötig sei. Ist diese Argumentation aus ihrer Sicht schlüssig?
Das ist lächerlich. Die Ukrainerinnen und Ukraine sind technologisch sehr versiert. Sie sind im Kampf äußerst anpassungsfähig und das liegt nicht an ihrem Militär aus der Vorkriegszeit. Es liegt an der Flut junger Männer und Frauen, die sehr schnell lernen.

(Interview: Lucas Maier)

Hinweis der Redaktion: Dies ist der erste Teil des exklusiven Interviews von IPPEN.MEDIA mit Andy Milburn. Lesen Sie im zweiten Teil die Erfahrungen des Gründers der Mozart-Gruppe bei einem Besuch in Bachmut an der Front des Ukraine-Kriegs.

Rubriklistenbild: © Juan Barreto / AFP

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