EU plant „Drohnenwall“ gegen Putins Angriffe auf NATO-Luftraum
VonNail Akkoyun
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Russlands Drohnen verletzen immer häufiger den NATO-Luftraum. Die EU plant nun einen gemeinsamen „Drohnenwall“. Erste Beratungen starten am Freitag.
Brüssel – Ob Kampfjets, die minutenlang den NATO-Luftraum verletzen oder unbekannte Drohnen, die Flughäfen umkreisen und den Verkehr lahmlegen: Wladimir Putin stellt den Westen auf die Probe. Die Liste der betroffenen Länder ist lang: Polen, Dänemark, Norwegen, Schweden und Estland traf es allein in den letzten Tagen.
Jetzt hat die EU genug von den Drohnen-Vorfällen. Am Freitag will Brüssel erstmals über Pläne für einen gemeinsamen „Drohnenwall“ verhandeln. Wie die EU-Kommission mitteilte, wird Verteidigungskommissar Andrius Kubilius mit Vertretern der acht an Russland oder die Ukraine angrenzenden EU-Mitgliedstaaten sowie Dänemark und der Ukraine per Videoschaltung über erste Vorschläge zur Stärkung der Abwehr von Drohnen sprechen.
EU berät über Drohnen-Abwehr: Brainstorming oder konkrete Pläne?
Laut EU-Angaben gibt es bisher aber nur grobe Ideen, wie der Drohnen-Verteidigungswall gestaltet werden könnte. Als ein möglicher erster Schritt wird der Einsatz zusätzlicher Sensoren an der östlichen Außengrenze der EU in Betracht gezogen. Die Entwicklung eines umfassenden, integrierten Abwehrsystems gegen Drohnen dürfte jedoch einiges an Zeit in Anspruch nehmen.
Man werde dennoch „schnell und entschlossen handeln“, betonte ein Sprecher der Kommission am Dienstag (23. September). Europa verfüge über gute Erfahrungen und sollte keinesfalls unterschätzt werden, „wenn es um unsere Fähigkeiten geht, auch im Verteidigungssektor in innovative Technologien zu investieren und diese zu produzieren“, hieß es zudem.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
EU will gemeinsamen „Drohnenwall“ gegen Russland – Deutschland bei ersten Beratungen nicht dabei
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte Mitte des Monats einen solchen europäischen „Drohnenwall“ gefordert. Notwendig ist laut von der Leyen eine „gemeinsam entwickelte, gemeinsam eingesetzte und gemeinsam aufrechterhaltene europäische Einrichtung, die in Echtzeit reagieren kann“.
Deutschland wird an den Drohnen-Beratungen der EU nicht teilnehmen. Dabei warnen Expertinnen und Experten hierzulande vor einer „falschen Sicherheit“. In Deutschland gebe es „selbst an kritischer Infrastruktur wie großen Flughäfen“ noch immer „keine oder zu wenige Abwehrmaßnahmen“ gegen Drohnen, sagte die verteidigungspolitische Expertin Ulrike Franke gegenüber dem Spiegel. Das sei „unentschuldbar“.
Die dänischen Nachbarn nehmen wohl auch deshalb verstärkt die Grenzregion zu Deutschland in den Blick. „Wir sind an der dänisch-deutschen Grenze in Süderjütland hinsichtlich des möglichen Transports von Drohnen über die Grenze besonders wachsam“, kündigte die Polizei von Süd- und Süderjütland – dem Teil Dänemarks, der direkt nördlich von Schleswig-Holstein liegt – auf X an.
NATO stärkt Ostflanke nach Eindringen von russischen Drohnen
Nach dem Eindringen von rund 20 russischen Drohnen in den polnischen Luftraum vor zwei Wochen kündigte die NATO eine neue Initiative zur Stärkung ihrer Ostflanke an. „Eastern Sentry“ (Ost-Wächter) stellt alte und neue Verteidigungsressourcen der Mitgliedsländer in Osteuropa unter NATO-Befehl. Deutschland etwa verdoppelte die Zahl seiner Eurofighter-Kampfjets für die Überwachung des polnischen Luftraums auf vier.
Das von Estland gemeldete Eindringen dreier russischer Kampfjets in den estnischen Luftraum am vergangenen Freitag (19. September) wirft jedoch die Frage auf, ob diese Maßnahmen ausreichen. Ein hochrangiger NATO-Militär räumte ein, die Initiative „Eastern Sentry“ bedeute nicht, dass nie wieder eine Drohne in den NATO-Luftraum eindringen werde.
Drohnen-Sichtungen in Skandinavien – Russland-Schiff vor Dänemark?
Wie ernst die Lage ist, zeigen erneute Drohnensichtungen über skandinavischen Gewässern: Im Schärengarten der südschwedischen Stadt Karlskrona hätten mehrere Anwohner der Polizei am Donnerstagabend (25. September) gemeldet, dass sie zwei Drohnen in der Nähe eines Marinestützpunktes beobachtet hätten, berichtete der Lokalsender P4 Blekinge. Die Polizei habe die Drohnen mit ihrem angeschalteten Licht selbst sehen können, sagte eine Sprecherin.
Besonders brisant: Die Boulevardzeitung Ekstra Bladet berichtete von einem russischen Kriegsschiff, das sich mit abgeschaltetem Ortungssystem seit Tagen in der Nähe dänischer Gewässer aufhalte. Zuletzt habe das Schiff, das Teil der russischen Ostseeflotte sei, unverändert in einem Seegebiet nahe der Insel Langeland nördlich von Fehmarn gelegen. Der Chef der dänischen Reichspolizei, Thorkild Fogde, wollte sich zu dem Bericht nicht im Detail äußern.
Pistorius sieht Putin hinter den Drohnen-Vorfällen
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius sprach von einer neuen Realität, „mit der wir umgehen“. Die Drohnen-Vorfälle gehörten zu Putins Strategie, ohne „dass wir es in dem Fall konkret sagen könnten“, meinte der SPD-Politiker. „Wir werden attackiert, hybrid, mit Desinformationskampagnen und eben durch Drohneneindringen.“
Im Baltikum sitzt man daher schon länger an der Planung des „Eirshield“-Systems. Hier will man von der Ukraine lernen; Kiew hat sich mehrfach bereit erklärt, das im Ukraine-Krieg erlangte Wissen mit den europäischen Partnern zu teilen. Bislang hakt es allerdings an der konkreten Finanzierung, auch wenn die EU Milliarden in Aussicht gestellt hat. Als neue und potenziell günstigere Variante werden derzeit von verschiedenen Ländern Laserwaffen getestet. Dabei wird ein intensiver Infrarotstrahl auf ein Ziel gerichtet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Waffen wäre die Munitionsversorgung hier kaum ein Problem. (Quellen: AFP, Tagesschau, dpa, P4 Blekinge, Ekstra Bladet, X) (nak)