Scholz vertraut auf die USA

Macrons Atomwaffen wegen Trump bald in Deutschland? Frankreichs Präsident denkt an Merz

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Deutschland muss beim Nuklearschutz vielleicht bald umdenken. Emmanuel Macron bringt Frankreich ins Spiel, macht aber auch eine klare Ansage.

Paris – Ein paar Wochen muss sich Friedrich Merz noch gedulden, ehe er als zehnter Bundeskanzler vereidigt werden dürfte. Sein Wort bedeutet aber schon jetzt einiges. Auch außenpolitisch. Das zeigte sich während der Rede von Emmanuel Macron am Mittwochabend (5. März).

Der französische Präsident erwähnte dabei auch, inwiefern verbündete Nationen wie Deutschland mithilfe der Atomwaffen seines Landes geschützt werden könnten. „Als Antwort auf den historischen Aufruf des zukünftigen Kanzlers habe ich beschlossen, die strategische Debatte über den Schutz unserer Verbündeten auf dem europäischen Kontinent durch unsere Abschreckung zu eröffnen“, ließ Macron die Franzosen wissen.

Atomwaffen nach Deutschland? Merz sucht Gespräche mit Frankreich und Großbritannien

Im Wahlkampf hatte Merz angeregt, sich in Gesprächen mit den europäischen Atommächten über eine nukleare Teilhabe von Deutschland auszutauschen. Neben Frankreich wäre damit auch Großbritannien gemeint. Der CDU-Chef hatte zudem infrage gestellt, ob die Nato bis Juni in ihrer jetzigen Form bestehen bleiben werde. Am 24. und 25. Juni steht in Den Haag der nächste Gipfel des transatlantischen Bündnisses an.

Die Nato scheint gerade angesichts der Entwicklungen in den USA ins Wanken zu geraten. US-Präsident Donald Trump erweckt gar nicht erst den Anschein, als würde er sich noch besonders für die Sicherheit Europas – dem Kontinent der einst wichtigsten Partner Washingtons – verantwortlich fühlen.

Würde offen über seine Atomwaffen reden: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erwartet offenbar keine große Unterstützung der USA mehr bei Fragen der europäischen Sicherheit.

Das wird vor allem hinsichtlich seiner Äußerungen zum Ukraine-Krieg von Tag zu Tag deutlicher. Ebenso, wenn er auf die Nato zu sprechen kommt. Nicht nur Merz dürfte befürchten, dass der Republikaner nicht davor zurückschreckt, mit allen Konventionen zu brechen.

Bislang hält Washington noch seine schützende Hand über Europa und Deutschland. Und es besteht auch die Hoffnung, dass das so bleibt. Auch unter Trump.

Deutschland und der Nuklearschutz: Scholz vertraut auf aktuelles Nato-System

Olaf Scholz beantwortete eine entsprechende Nachfrage beim EU-Gipfel in Brüssel mit dem Verweis auf das bestehende Nato-System der nuklearen Abschreckung. Zu diesem trägt auch Deutschland seinen Teil bei, indem es im rheinland-pfälzischen Büchel US-Atombomben lagert. „Und ich glaube, das soll nicht aufgegeben werden, ist die gemeinsame Auffassung aller zentralen Parteien in Deutschland“, ergänzte der SPD-Bundeskanzler.

Den Status quo hebt auch Johann Wadephul hervor. „Wir haben einen US-Atomschirm für Europa. Den stellt niemand infrage. Auch in Washington nicht“, zeigte sich der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU in der ntv-Sendung „Frühstart“ optimistisch, dass die Zusammenarbeit mit den USA fortgesetzt wird.

Erster Austausch im Élysée-Palast: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) begrüßte CDU-Chef Friedrich Merz wenige Tage nach der Bundestagswahl.

Der Schleswig-Holsteiner warb zugleich für europäische Lösungen – aber alles zu seiner Zeit: „Langfristig wird man in der Tat über eine Kooperation mit Frankreich, auch Großbritannien, sprechen müssen. Aber zunächst einmal müssen wir konventionell verteidigungsfähig sein.“

Macron und Frankreichs Nuklearwaffen: Entscheidungshoheit liegt beim Präsidenten

Auch Wadephul weiß allerdings, dass Macrons Zeit als Präsident Frankreichs endlich ist. In gut zwei Jahren wählt der deutsche Nachbar sein neues Staatsoberhaupt und der 47-Jährige darf laut Verfassung nicht wieder antreten. Ob sein Nachfolger ähnlich offen für einen Dialog über die Nutzung der französischen Atomwaffen sein wird, muss zumindest bezweifelt werden.

Schon häufiger regte Macron zu Diskussionen darüber an, wie die Nuklearwaffen Europa zu mehr Sicherheit verhelfen könnten. Damit handelte er sich Kritik seiner ärgsten politischen Widersacherin ein: der Rechtspopulistin Marine Le Pen, die 2027 einen neuen Anlauf auf den Élysée-Palast nehmen will.

Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss

Frankreich: Rassemblement National von Marine Le Pen.
In Frankreich ist der Rassemblement National unter Marine Le Pen (im Bild) in den vergangenen Jahren zu einer führenden Kraft aufgestiegen. So feierte der RN bei der Europawahl 2024 einen klaren Erfolg.  © François Lo Presti/afp
Europawahl - Frankreich
Das starke Ergebnis der rechtsnationalen Partei veranlasste den amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron anschließend dazu, das Parlament aufzulösen.  © Ludovic Marin/dpa
Jean-Marie Le Pen
Die Geschichte des Rassemblement National begann Anfang der Siebziger. Am 5. Oktober 1972 gründeten Jean-Marie Le Pen (hier eine Aufnahme von 2022) und Pierre Bousquet die rechtsextreme Splittergruppe Front National.  © Joel Saget/afp
1. Mai in Paris
Der 1928 geborene Le Pen (hier ein Bild von 2017) tat sich früh als Demagoge hervor, der mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und den Holocaust als ein „Detail der Geschichte“ abtat. Bousquet (1919 bis 1991) war ein ehemaliger Kollaborateur, der als Rottenführer in der Waffen-SS gedient hatte. Fremdenfeindliche Parolen waren über viele Jahre Markenzeichen der Partei. © Thibault Camus/dpa
Jean-Marie Le Pen
In den 1980er Jahren wurde der FN bei zwei Parlamentswahlen hintereinander mit mindestens einem Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt. Der Durchbruch gelang im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen als Zweitplatzierter aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahl hervorging.  © Joel Saget/afp
Le Pen
Es kam zur Stichwahl, die der amtierende Präsident Jacques Chirac deutlich gewann. Fünf Jahre später verlor Le Pen viele Stimmen und schied im ersten Wahlgang aus.  © Joel Saget/AFP
Marine Le Pen
Einen großen Einschnitt gab es im Januar 2011. Der FN ging nach einem Führungswechsel andere Wege. Die neue Parteivorsitzende trug allerdings einen bekannten Namen: Marine Le Pen. Die studierte Juristin kam 1968 nahe Paris als jüngste Tochter Jean-Marie Le Pens zur Welt.  © Bernard Patrick/Imago
Marine Le Pen/dpa
Mit acht Jahren wurde sie von einer Bombenexplosion aus dem Schlaf gerissen – es handelte sich um einen Anschlag auf ihren Vater. Die Mutter dreier Kinder arbeitete als Anwältin und führte zunächst die Rechtsabteilung der Front National. Ihre zwei Ehen gingen auseinander. © Pascal Pavani
Jean-Marie Le Pen
Marine Le Pen bemüht sich seither, der einst radikal rechten Partei einen moderateren Anstrich zu verpassen. Das ging mit einer Entmachtung ihres Vaters einher.  © Kenzo Tribouillard/afp
Le Pen
Im April und Mai 2015 eskalierten die schon länger bestehenden Spannungen zwischen der Parteivorsitzenden und ihrem Vater. Am 20. August 2015 wurde Jean-Marie Le Pen wegen „schwerer Verfehlungen“ aus der Partei ausgeschlossen.  © Kenzo Tribouillard/AFP
Le Pen Bannon
Anderseits suchte Le Pen im Jahr 2018 die Nähe des früheren Trump-Beraters Steve Bannon. Damals firmierte die rechtsextreme Partei noch unter dem Namen Front National. Später verpasste Le Pen ihr aber einen neuen Namen: Seither ist die Partei als Rasseblement National bekannt. © Philippe Huguen/AFP
Marine Le Pen
Seither ist es Marine Le Pen gelungen, aus der Schmuddelecke zu kommen und sich als staatstragende Politikerin zu inszenieren. Ihre Strategie ist als „Dédiabolisation“ (Entteufelung) bekannt.  © Francois Nascimbeni/AFP
Marine Le Pen
Le Pen verbannte das alte rassistische Vokabular und gibt mittlerweile eher bedachte Worte von sich. Le Pens Kurs hat , in den vergangenen Jahren bis in die bürgerliche Mitte hinein wählbar gemacht.  © Thomas Samson/afp
Marine Le Pen
Die dreimalige Präsidentschaftskandidatin drängte zwar offenen Rassismus zurück, vertritt aber weiter radikale Positionen gegen Einwanderung. Ihre Vorstellungen für Frankreich bleiben auch heute noch deutlich rechts und nationalistisch.  © Ali Al-Daher/AFP
Olga Givernet
Zudem zeigen Studienergebnisse, dass im RN der Antisemitismus noch immer weit verbreitet ist. Die Renaissance-Parlamentarierin Olga Givernet (im Bild) reagierte entsprechend: „Der RN hat ein sauberes Schaufenster, aber die Küche dahinter ist immer noch schmutzig wie eh.“ © Niviere David/Imago
Marine Le Pen mit André Ventura und Tino Chrupalla
In ihrem Bemühen um Salonfähigkeit hat sich Marine Le Pen auch von der deutschen AfD abgegrenzt. Die gilt selbst für RN-Leute als zu extremistisch. Im November 2023 war das noch anders: Beim Treffen rechter Gruppen in Lissabon stand sie noch in einer Reihe neben dem portugiesischen Chega-Politiker André Ventura (Mitte) und AfD-Co-Chef Tino Chrupalla. © Paulo Spranger/Imago
Le Pen zu Besuch bei Putin
Zum Ukraine-Krieg vertreten RN und AfD hingegen nach wie vor sehr ähnliche Positionen. So lehnt Marine Le Pen jegliche Wirtschaftssanktionen gegen das Russland von Präsident Wladmir Putin ab. © Mikhail Klimentyev/dpa
Gabriel Attal
Waffenlieferungen für die Ukraine bedeuten für Le Pen das „Risiko eines dritten Weltkriegs“. Premierminister Gabriel Attal (im Bild) konterte in einer Ukraine-Debatte im Februar 2024: „Wenn Sie 2022 gewählt worden wären, würden wir heute Waffen nach Russland liefern, um die Ukrainer zu zermalmen.“  © Ludovic Marin/afp
Marine Le Pen und Wladimir Putin
Tatsächlich stand in Le Pens Präsidentschaftsprogramm von 2022 der folgende Satz: „Ohne Furcht vor amerikanischen Sanktionen wird eine Allianz mit Russland in gewissen Themen angestrebt.“ Trotzdem wollte sich der RN im Wahlkampf ein wenig von Putin absetzen. Die Partei ließ damals 1,2 Millionen Wahlkampfplakate vernichten, die ein Bild von Marine Le Pen beim Händeschütteln mit Putin zeigten. © Emmanuel Dunand/afp
Marine Le Pen
Zu Russland hat sie dennoch ein wesentlich besseres Verhältnis als zu Deutschland. Die deutsch-französische Partnerschaft will sie rasch beenden. Zwischen Berlin und Paris bestehe eine „tiefe und unheilbare Differenz der Doktrinen“, heißt es in Le Pens Programm. Das Nato-Kommando würde sie nach einem Wahlsieg 2027 verlassen. An dessen Stelle wünscht sich Le Pen für Europa ein russisch-französisches Kommando. © Lou Benoist/afp
Emmanuel Macron
Ohnehin richtet sich der Blick in Frankreich schon längst auf die Präsidentschaftswahl 2027. Nach zwei Amtszeiten kann Emmanuel Macron, der Le Pen zweimal in der Stichwahl besiegte, nicht mehr antreten.  © Sebastien Dupuy/AFP
Marine Le Pen
Wer eine Chance gegen Le Pen hätte, ist unklar. Doch im März 2025 kam dann die vorläufige Wende: Wegen der Veruntreuung von EU-Geld schloss ein Gericht Le Pen verurteilt. Der umstrittenste Teil der Strafe ist, dass sie fünf Jahre lang nicht bei Wahlen antreten darf.  © Guillaume Souvant/afp
Protestkundgebung des Rassemblement National
Diese Strafe war sofort in Kraft getreten – anders als eine teils auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe und obwohl Le Pen gegen das Urteil Berufung einlegte. Das Berufungsgericht hat eine Entscheidung im Sommer 2026 ins Auge gefasst.  © Julien De Rosa/dpa
Marine Le Pen
Le Pen wandte sich dann an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch das Straßburger Gericht wies ihren Antrag, den gegen sie verhängten vorläufigen Ausschluss von Wahlen auszusetzen, einstimmig ab, da Le Pen keinerlei nicht wiedergutzumachende Beeinträchtigung drohe, die durch die Menschenrechtskonvention geschützt sei. © Lionel Bonaventure/AFP
Le Pen sieht Bardella als möglichen Präsidentschaftskandidat
Inzwischen hat Le Pen ihren politischen Ziehsohn Jordan Bardella aufgefordert, sich auf eine Kandidatur vorzubereiten – für den Fall, dass sie selbst nicht antreten kann. Noch ist aber offen, wen der RN bei der Präsidentschaftswahl 2027 ins Rennen schicken wird. Die Frage, wer in den ehrwürdigen Élysée-Palast einziehen wird, bleibt damit völlig offen.  © Michel Euler/dpa

Folglich stellt sich die Frage, ob Deutschland schon bald auch französische Atombomben lagern wird. Diverse Punkte sprechen dagegen. So liegt die Entscheidungshoheit über die rund 290 Atomsprengköpfe nur bei ihm selbst, woran Macron in seiner Rede an das Volk keine Zweifel aufkommen ließ: „Was auch immer geschieht, die Entscheidung lag und liegt immer in den Händen des Präsidenten der Republik, des Oberbefehlshabers der Streitkräfte.“

Deutschland und Frankreichs Atomwaffen: Gemeinsame Übungen als Option?

Sollten die Waffen auf deutschem Boden gelagert werden, wäre aber eben das nicht mehr gesichert. Eine andere Idee bringt der Politikwissenschaftler Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München laut der Zeit auf den Tisch. Demnach könnte sich Deutschland an Übungen der französischen Nuklearstreitkräfte beteiligen. In einem weiteren Schritt würde dies laut dem Sicherheitsexperten dazu führen, dass über eine temporäre Stationierung von atombombenfähigen Rafale-Jets in der Bundesrepublik nachgedacht werden könnte.

Die Option gemeinsamer Übungen der französischen Abschreckungskräfte mit europäischen Partnern bringt auch die Tagesschau ins Spiel. Problem: Frankreich wolle die Kontrolle über die Nuklearwaffen unter keinen Umständen teilen.

In dem Artikel wird auch skizziert, warum der amerikanische Nuklearschirm nicht sofort durch einen französischen zu ersetzen wäre. Da wäre der Umstand, dass die USA über eine Vielzahl der französischen Sprengköpfe verfügen – die Rede ist von mehr als 5000. Zudem besitzt Paris keine taktischen Atomwaffen, also kleine Flugkörper, die sich wie konventionelle Waffen einsetzen lassen. Es wären also zumindest kurz- und mittelfristig Abstriche nötig, falls der US-Schirm nicht mehr in gewohnter Ausprägung zur Verfügung stünde.

Deutschland und die USA: Abhängigkeit besteht auch bei neuen F-35-Kampfjets

Merz könnte bei allem zumindest auf die Vorarbeit der Ampel-Koalition bauen, sollte Europa sich künftig selbst schützen müssen. Der Spiegel zitiert die noch amtierende Bundesregierung bei dem Thema so: „Wir führen seit mehr als einem Jahr einen strukturierten strategischen Dialog mit unseren Partnern in Frankreich und Großbritannien. Ziel ist es, uns über eine europäische Säule der Abschreckung zu verständigen.“

Auf dem Weg dahin sind aber offenbar noch einige wichtige Fragen zu klären. Deutschland schwebt dem Bericht zufolge auch eine konventionelle Komponente vor, konkret weitreichende Präzisionswaffen. Damit könnte Berlin seinen Teil beitragen, ohne vom Verzicht auf eigene Atomwaffen abweichen zu müssen. Allerdings sei sich der Nachbar im Südwesten darüber im Klaren, dass „Abschreckung per Definition nuklear“ ist, wie ein hochrangiger französischer Diplomat dem Magazin sagte.

Für Deutschland und Merz ist die Lage ohnehin noch verzwickter, wie dem Spiegel weiter zu entnehmen ist. Zwar sind die als Nachfolger der alternden Tornados bereits bestellten F-35-Kampfjets mit Atomwaffen kompatibel, allerdings nur mit jenen aus US-Produktion. Auch darüber hinaus sei die Bundeswehr bei der Nutzung der modernen Flieger auf technische Unterstützung des US-Herstellers angewiesen.

Berlin muss also so oder so weiter auf eine Zusammenarbeit mit Washington bauen. Auch wenn dort Trump das Sagen hat und Europa gern die kalte Schulter zeigt. (mg)

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