Macron reizt mit seinem europäischen Nuklearwaffen-„Schirm“
VonStefan Brändle
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Nach dem Ende der transatlantischen Sicherheitsstrategie bietet Frankreichs Präsident dem Kontinent nuklearen Ersatz an. Ein kluger Schachzug?
Paris – Hyperreaktiv wie immer brauchte Emmanuel Macron weniger als 24 Stunden, um nach dem Eklat in Washington eine komplette Neuordnung der europäischen Verteidigung vorzuschlagen.
Die europäischen Staaten könnten „nicht länger von der amerikanischen Nuklearabschreckung abhängen“, meint er in einem Zeitungsinterview. Deshalb sei in Europa ein „strategischer Dialog“ über die Verteidigung des Kontinents nötig. Frankreich habe als einziges EU-Land Nuklearwaffen – nämlich die „Force de frappe“, die zumindest 290 Sprengköpfe in ihrem Arsenal zählt. Macron sagte, er wolle darüber eine „Diskussion eröffnen“, um zu sehen, wie man Länder schützen könne, die keine Atomwaffen haben.
Unklug euphemistisch: Europa bei Macrons letztem Vorstoß nicht am Atomschirm interessiert
Der Vorschlag ist nicht neu. Schon vor einem Jahr, als der Zerstörer Donald Trump noch gar nicht wieder im Weißen Haus saß, hatte Macron den EU-Partnern den französischen „Atomschirm“ angeboten, da die „lebenswichtigen Interessen“ Frankreichs heute eine „europäische Dimension“ hätten, wie er sagte. Die europäischen Partner zeigten ihm damals mehrheitlich die kalte Schulter. In Deutschland kamen kurzzeitig Erinnerungen an die Proteste der 70er und 80er Jahre gegen die Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen auf.
Marine Le Pen hat Frankreich-Wahl 2027 im Blick – trotz Ausschluss
Macrons Euphemismus „Schirm“ verdeckt natürlich das katastrophale Zerstörungspotenzial, das selbst eine mittlere Atommacht wie Frankreich besitzt – sei es nun in Erstschlagskapazität oder im Fall der Vergeltung einer nuklearen Aggression. Frankreichs Atomraketen können praktisch jeden Winkel Russlands erreichen und sind in der Regel mit einer Zielprogrammierung für militärische und zivile Infrastrukturknoten programmiert, um den potenziellen Gegner kampfunfähig zu machen – nicht, um ihn zu vernichten.
Trumps Annäherung an Putin rückt Frankreichs Nuklearwaffen in Debatte über Europas Sicherheit
Bisher hatte die „Force de frappe“ – der umgangssprachliche Begriff für die „Force de dissuasion nucléaire“, die Streitmacht zur nuklearen Abschreckung – für Frankreich eine rein nationale Funktion: Würde französisches Gebiet nuklear angegriffen oder seine vitale Interessen durch einen Atomangriff verletzt, wäre die entsprechende Antwort ebenfalls atomar. Um seine Unabhängigkeit gegenüber den USA zu betonen – ein Erbe de Gaulles –, beteiligte sich Paris deshalb auch nicht an der Nuklearen Planungsgruppe der Nato.
Die Wahl von Donald Trump und seine nun immer offenere Hinwendung zu dem russischen Präsidenten Wladimir Putin macht die Debatte um die Ausweitung der französischen Abschreckungsstrategie auf ganz Europa nun aber wieder aktuell. Ende Februar meldete der „Daily Telegraph“, europäische Generalstäbe diskutierten konkret, französische „Rafale“-Jagdbomber mit Atomwaffen in Deutschland zu stationieren.
Nach den Bundestagswahlen schon postulierte Friedrich Merz, Deutschland müsse sich „darauf einstellen, dass Donald Trump das Beistandsversprechen des Nato-Vertrages nicht mehr uneingeschränkt gelten“ lasse. Europa müsse „nuklear unabhängiger werden“.
Macron sieht Verbindung zwischen US-Sicherheitsgarantien für die Ukraine und Europa
Das deckt sich mit der jüngsten Ansage Macrons in einem Interview, dass der (nukleare) Schutz durch die USA „auf einen Schlag“ vorbei sei, wenn die Ukraine von Trump keine Sicherheitsgarantien mehr bekäme. Denn dann sei es nicht ausgeschlossen, dass Putin nach der Vernichtung der Ukraine Moldawien und danach Rumänien angreife. Putin hat ja mehrfach bestätigt, dass es ihm um ein Groß-Russland mit zumindest der Einflussphäre des einstigen Ostblocks geht.
Merz kündigte vergangene Woche seinerseits an, er wolle mit den Atommächten Frankreich und Großbritannien über einen „gemeinsamen nuklearen Schirm für Europa“ sprechen. Mit seinen potenziellen Koalitionspartnern wolle er darüber reden, ob die „atomare Teilhabe“ mit den USA in Zukunft auf Frankreich und Großbritannien übertragbar sei.
Frankreich und Großbritannien besitzen etwa ein Zehntel der US-Nuklearwaffen
Zu den 290 see- und luftgestützten Atomraketen Frankreichs kämen dann 220 seegestützte britische Raketen. Das ist nur ein Bruchteil der gut 5000 amerikanischen wie der knapp 6000 russischen Atomsprengköpfe. Der französische Verteidigungsminister Sébastien Lecornuweist aber darauf hin, dass das Ziel schließlich nicht der Einsatz, sondern die Abschreckung sei.
Französische und britische Atom-U-Boote patrouillieren ohnehin regelmäßig, seit Beginn des Ukraine-Krieges sogar verstärkt. An einem Manöver der „Force de frappe“ nahm 2022 auch die konventionell bestückte italienische Luftwaffe teil. „Dasselbe wäre auf gesamteuropäischer Ebene taktisch abgestuft möglich, ohne dass die heiklen Prozeduren geteilt werden müssten“, meint der Pariser Experte Etienne Marcuz. Die Bundeswehr könnte dann logistisches Personal und Infrastruktur beisteuern, wie sie es für US-Atomwaffen immer vorhatte.
Le Pen lehnt es ab, Frankreichs Nuklearwaffen zu teilen
Heikel bleibt die Frage auf politischer Ebene. Auch wenn Macron eine europäische „Teilhabe“ befürwortet, schließt er bei der „Force de frappe“ jede europäische Mitentscheidung aus: Auf den roten Knopf – tatsächlich ein komplexer Datencode – könnte aus französischer Sicht nur der Präsident der Republik drücken. „Das ist französisch und bleibt französisch“, betonte Industrieminister Marc Ferracci am Sonntag.
Diese Bestimmtheit ist auch innenpolitisch motiviert: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat am Samstag erneut bekräftigt, es komme für sie nicht infrage, Frankreichs Atomwaffen zu „teilen“. Und sie hat bei den Präsidentschaftswahlen 2027 Chancen, in den Elysée einzuziehen – und würde damit die Kontrolle über den „atomaren Knopf“ haben.
Zudem lassen sich auch immer wieder skeptische Stimmen vernehmen, wonach im Ernstfall es gar nicht so ausgemachte Sache sei, dass Frankreichs Atomsprengköpfe einen Angriff aus Russland wirklich vergelten würden. Damit könnte schließlich ein Krieg außer Kontrolle eskalieren.