NS-Zeitzeugin

Margot Friedländer verstorben: „Seid Menschen!“, mahnte sie unermüdlich

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Margot Friedländer, Auschwitz-Überlebende und beharrliche Mahnerin gegen den Hass, ist im Alter von 103 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Michael Hesse.

Diesen einen Satz sagte sie immer wieder: „Was war, können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen.“ Margot Friedländer hatte den Holocaust überlebt, aber fast ihre gesamte Familie wurde von den Nationalsozialisten in Auschwitz umgebracht. Sie war erst elf Jahre alt, als Hitler an die Macht kam. 1921 war sie in eine jüdische Familie in Berlin hineingeboren wurden. Sie und ihre Mutter mussten in einer sogenannten „Judenwohnung“ leben. Die Eltern hatten sich ein Jahr vor der sogenannten „Reichskristallnacht“ scheiden lassen. Der Druck auf jüdische Menschen, ihre Verfolgung und Ermordung nahm von Jahr zu Jahr dramatisch zu und führte zu einem in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Massenmord.

Die Zeit sei sehr schwer gewesen, erzählte sie später. Nachdem die Nazis ihren Vater in Auschwitz ermordet hatten, sollte auch ihr Bruder deportiert werden. Die Mutter wollte ihn unbedingt begleiten und ging zur Gestapo, um sich zu stellen. Auf beide sollte in Auschwitz der Tod warten.

Friedländer überlebte das KZ Theresienstadt – und lernte dort ihren Ehemann kennen

Margot Friedländer trug damals noch den Namen Bendheim. Sie schlug sich alleine in Berlin durch. In einem Buch hat sie die Erlebnisse dieser Zeit für die Welt aufgeschrieben. „Versuche, dein Leben zu machen“, war das letzte, was ihre Mutter ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Später sollte ein Buch, das Margot Friedländer als Zeugnis einer Überlebenden schrieb, genau diesen Titel tragen: „Versuche, dein Leben zu machen“. Doch 1944 wurde sie gefasst und in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, dort musste sie Zwangsarbeit verrichten.

Margot Friedländer bei einer Gedenkveranstaltung im Berliner Roten Rathaus.

Hier lernte sie jedoch ihren späteren Ehemann wieder: Adolf Friedländer. Er war früher Verwaltungschef des Jüdischen Kulturbundes in Berlin gewesen. Beide sollten die Befreiung des Konzentrationslagers durch US-amerikanische Truppen erleben. Nach dem Krieg zogen sie nach New York. Dennoch sollte sie später zurückkehren. Sie und ihr Mann hätten immer nur Deutsch miteinander gesprochen, verriet sie. Zudem haben man sich auch an der amerikanischen Ostküste vornehmlich mit Deutschen umgeben, die dort im Exil lebten.

Zunächst aber ließ sie die alte Heimat für lange Zeit hinter sich. Erst im Jahr 2003 kehrte sie nach Deutschland zurück. Der Berliner Senat hatte sie eingeladen, nach mehr als sechs Jahrzehnten doch noch einmal zurück in ihre Geburtsstadt zu kommen. Im Jahr 2010 zog sie schließlich ganz nach Berlin. Jahrzehntelang hatte sie nicht über ihre Erlebnisse gesprochen. „Was war, können wir nicht mehr ändern, aber es darf nie wieder geschehen.“

AfD-Erfolge machten Friedländer Angst: „So hat es damals auch angefangen“

Genau das war es, was sie nun umtrieb. Hass war ihr fremd, sie wollte aufklären, den Menschen berichten, wie es war, wie eine scheinbar gesittete Welt in die Barbarei abgleiten konnte. Wie Menschen andere Menschen ihrer Menschlichkeit beraubten und ihnen ihre Würde nahmen. Das sollte nie wieder passieren dürfen. Im Jahr 2023 gründete sie die Margot-Friedländer-Stiftung, zur Fortführung der Zeitzeugenarbeit und zur Verleihung eines nach ihr benannten Preises.

Doch die Entwicklungen in der Gegenwart bereiteten ihr große Sorgen. „So hat es damals auch angefangen“, mahnte sie mit Blick auf die Erfolge der AfD und das forsche Auftreten der rechtsextremen Partei. Der Hass sei wieder laut vernehmbar. Die Richtung dieser Partei sei „nicht menschlich“, betonte sie stets.

Margot Friedländer wurde besonders in den vergangenen Jahren mit vielen Preisen überhäuft. Sie war wegen ihrer besonderen menschlichen Wärme ein geliebter Mensch. Wenn sie sprach, hörte das Publikum besonders aufmerksam zu. Sie aber liebte es, besonders vor Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Das gebe ihr am meisten, erzählte sie gerne. Unermüdlich sprach sie in Schulen, Parlamenten, auf Veranstaltungen. Ihre Botschaft war eindeutig: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war. Aber ihr seid verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht.“

Sie war eine Brücke in eine Zeit der Finsternis. Ihre Lehre war eindringlich und von höchstem Wert. „Seid Menschen“, rief sie immer wieder und unermüdlich ihrem Publikum entgegen. Es gebe kein christliches, jüdisches oder muslimisches Blut: „Es gibt nur menschliches Blut. Wir sind alle gleich“, sagte sie.

Am Freitag, dem 9. Mai ist sie im Alter von 103 Jahren gestorben. Deutschland hat gerade den 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft begangen. Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren aufgrund der unmenschlichen Ideologie der Hitler-Diktatur. Am Mittwoch war sie noch bei einer Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkrieges aufgetreten.

Margot Friedländer: Eine „wunderbare deutsche Jüdin“

Margot Friedländer kämpfte trotz ihrer eigenen schrecklichen Erfahrungen und Verluste stets für das Gute im Menschen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wollte ihr an diesem Tag im Schloss Bellevue den höchsten in Deutschland zu verleihenden Orden überreichen, das Große Bundesverdienstkreuz. Dazu kam es nun nicht mehr. „Sie hat unserem Land Versöhnung geschenkt“, erklärte Steinmeier am Freitagabend. „Für dieses Geschenk können wir nicht dankbar genug sein.“

Er trauere um eine tief beeindruckende Frau, sagte der Bundespräsident und würdigte sie als „wunderbare deutsche Jüdin“. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, sie sei eine der stärksten Stimmen unserer Zeit gewesen. Berlins Regierende Bürgermeister Kai Wegner schrieb auf der Nachrichtenplattform X: „Sie zeigte uns, was Menschlichkeit bedeutet.“

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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