Nach Wahlsieg der Union

Erste Machtprobe mit Merz: CSU-Chef Söder verlangt von der CDU jetzt Zugeständnisse

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Gewonnen, aber nicht triumphiert: Nach dem Wahlabend gibt es Grummeln in der Union über die mäßigen Wahlergebnisse in Bund und Bayern.

Berlin – Er begrüße den „künftigen Kanzler“, rief Markus Söder von der Bühne, aber dann kam ein gefährlicher Nachsatz: „...der uns unendlich unterstützen wird bei allen Anliegen.“ Heiterkeit im Saal, nicht so große Heiterkeit beim angesprochenen Friedrich Merz. Samstagnachmittag, Wahlkampffinale der Union in einem vollbesetzten Münchner Wirtshaus: Es ist eine kantige Ansage vom CSU-Vorsitzenden, in ein Späßchen verpackt. Die CSU verlangt von der CDU jetzt Zugeständnisse. Posten. Inhalte. Und zwar massiv.

Nach Bundestagswahlsieg: CSU verlangt von der CDU jetzt Zugeständnisse

Seit Tagen zeichnet sich das in der CSU ab: Die bayerische Partei wird einiges einfordern von Merz. Mit 37,2 Prozent hat Söder zwar in Bayern ein mittelprächtiges Ergebnis eingefahren, sichert dem CDU-Kanzlerkandidaten aber damit die entscheidenden Stimmen. Im Rest der Republik hängt die CDU ja bei 22,5 Prozent, fast auf Augenhöhe mit der AfD. Söder macht in diesen Tagen außerdem mehrfach ungefragt darauf aufmerksam, wie eng abgestimmt und harmonisch er mit Merz agiere, und dass das 2021 ganz anders war.

Kritik am Kandidaten gibt es in der CSU, aber nur halblaut. Alexander Dobrindt, der Landesgruppenchef, erlaubt sich im Parteivorstand einen Seitenhieb, genau kalkuliert. „Es war kein Vorteil, die Option mit den Grünen offenzulassen“, wird er von Zuhörern zitiert. Er meint damit gewiss die CDU-Ministerpräsidenten Günther und Wüst – oder aber auch Merz, der die Option offenhielt?

CSU-Chef Markus Söder (l.) und CDU-Chef Friedrich Merz – Letzteren wählten die Deutschen zum Kanzler.

Und die Abneigung gegen die Grünen bleibt hoch in der CSU. Als die Meldung über den Rückzug von Robert Habeck in die laufende Sitzung platzt, brandet spontan Beifall bei der CSU auf. Landtagsfraktionschef Klaus Holetschek lässt außerdem den Satz fallen, mit einem „anderen Kandidaten“ (gemeint: Söder) hätte man ein besseres Ergebnis geholt.

Söders Plan für neue Regierung: CSU-Chef will wichtige Ministerposten mit Verbündeten besetzen

Was die CSU nun in der neuen Regierung fordert, lässt sich erahnen. Söder dürfte auf drei Ministerien dringen, darunter ein großes – Verteidigung vielleicht oder Innen, je nachdem, wo die SPD Boris Pistorius platzieren will. Söder dürfte seinen Statthalter Dobrindt dafür vorschlagen. Selbst nach Berlin zu gehen, schließt er aus, die Steuerung über einen mächtigen Koalitionsausschuss genügt. Dort werde man die Regierungsarbeit vorbereiten, hinterfragen, planen und steuern.

Als zweites Ministerium verlangt die CSU Agrar. Bauernfunktionär Günther Felßner hat den Sprung in den Bundestag über die Liste klar verpasst, Minister werden kann er dennoch. Er ist weiterhin dazu bereit, sagt er auf Nachfrage, und Söder bekundet intern, der Plan werde weiterverfolgt. Das dritte Ressort: offen, mal sehen, was übrig bleibt.

Inhaltliche Kernforderung der CSU: Söder plant Reform des Wahlrechts

Inhaltlich wird eine Kernforderung der CSU sein, das Wahlrecht zu reformieren. Der Zorn kocht hoch, weil drei gewählte Direktabgeordnete deshalb nicht in den Bundestag einziehen. „Das ist einer der ersten Punkte, der aufgerufen wird“, kündigt Söder an.

Bundestagswahl 2025: Freude, Frust, Krimis – die wichtigsten Entscheidungen aus Bayern

Sie bilden das Gesicht der Bundestagswahl 2025: CSU-Chef Markus Söder und CDU-Spitzenkandidat Friedrich Merz – Letzteren wählten die Deutschen zum Kanzler. Darüber hinaus gab es in Bayern mehrere Entscheidungen, die für ordentlich Wirbel sorgen. Auf den nachfolgenden Bildern fassen wir sie zusammen.
Sie bilden das Gesicht der Bundestagswahl 2025: CSU-Chef Markus Söder und CDU-Spitzenkandidat Friedrich Merz – Letzteren wählten die Deutschen zum Kanzler. Darüber hinaus gab es in Bayern mehrere Entscheidungen, die für ordentlich Wirbel sorgen. Auf den nachfolgenden Bildern fassen wir sie zusammen. © IMAGO / photothek
Söder darf sich und seine CSU zwar als klaren Wahlsieger in Bayern feiern – doch die 40-Prozent-Marke, die zwischen den Zeilen oftmals als sicheres Ziel aufgefasst wurde, erreichten die Christsozialen nicht. Tatsächlich landet man laut vorläufigem Ergebnis „nur“ bei 37,2 Prozent. Das hat vor allem Auswirkungen durch die Wahlrechtsreform, die somit verhindert, dass alle CSU-Wahlkreissieger auch in den Bundestag kommen. Es ist also durchaus ein Wahlsieg mit Beigeschmack für die CSU.
Söder darf sich und seine CSU zwar als klaren Wahlsieger in Bayern feiern – doch die 40-Prozent-Marke, die zwischen den Zeilen oftmals als sicheres Ziel aufgefasst wurde, erreichten die Christsozialen nicht. Tatsächlich landet man laut vorläufigem Ergebnis „nur“ bei 37,2 Prozent. Das hat vor allem Auswirkungen durch die Wahlrechtsreform, die somit verhindert, dass alle CSU-Wahlkreissieger auch in den Bundestag kommen. Es ist also durchaus ein Wahlsieg mit Beigeschmack für die CSU. © IMAGO / photothek
Die CSU gewann alle 47 Wahlkreise in Bayern – doch aufgrund der Wahlrechtsreform schaffen es nur 44 der Wahlkreissieger in den Bundestag. Drei Kandidaten gehen leer aus: Volker Ulrich, der für Augsburg-Stadt antrat (l.), Sebastian Brehm, der Nürnberg-Nord gewann (m.) und Claudia Küng, die München-Süd zurückeroberte (r.). Sie gewannen ihre jeweiligen Wahlkreise mit den geringsten Prozentpunkten aller CSU-Sieger und bleiben daher draußen. Vor allem Ulrich zeigte sich sehr frustriert davon, im Netz kursiert ein Video, in dem er Grünen-Kandidatin Roth wortreich attackiert.
Die CSU gewann alle 47 Wahlkreise in Bayern – doch aufgrund der Wahlrechtsreform schaffen es nur 44 der Wahlkreissieger in den Bundestag. Drei Kandidaten gehen leer aus: Volker Ullrich, der für Augsburg-Stadt antrat (l.), Sebastian Brehm, der Nürnberg-Nord gewann (m.) und Claudia Küng, die München-Süd zurückeroberte (r.). Sie gewannen ihre jeweiligen Wahlkreise mit den geringsten Prozentpunkten aller CSU-Sieger und bleiben daher draußen. © IMAGO / dts Nachrichtenagentur / Klaus W. Schmidt / Merkur-Collage
Der Augsburger CSU-Direktkandidat Dr. Volker Ulrich gewinnt zwar seinen Wahlkreis – verpasst aber aufgrund der Wahlrechtsreform den Sprung ins Parlament. Dafür ging er am Wahlabend auf Grünen-Kandidatin Claudia Roth los.
Vor allem Ullrich zeigte sich von dem Sieg ohne Bundestags-Einzug sehr angefasst. Am Wahlabend ging er auf Grünen-Kandidatin Claudia Roth, die als Zweitplatzierte in Augsburg rund zehn Prozentpunkte hinter Ulrich landete, los. Ein Video der Szene macht derzeit auf X die Runde. „Sie sind keine Demokratin“, schimpft der CSU-Wahlkreissieger da unter anderem. © Screenshot Andreas Herz / X / Merkur-Collage
War sie 2021 noch eines der Gewinner-Gesichter der Grünen, ist sie nun eines der Verlierer. Denn Grünen-Kandidatin Jamila Schäfer gewann vor vier Jahren noch den Wahlkreis München-Süd – den einzigen, den die CSU in Bayern verlor. Bei dieser Bundestagswahl wurde verlor sie ihn aber wieder, jedoch ziemlich knapp: Schäfer kam auf 29,8 Prozent der Erststimmen, Claudia Küng, die CSU-Wahlkreissiegerin, auf 30,4 Prozent. Bitter: Küng ist eine der drei CSU-Wahlkreissieger, die aufgrund der Wahlrechtsreform trotzdem nicht in den Bundestag einziehen.
War sie 2021 noch eines der Gewinner-Gesichter der Grünen, ist sie nun eines der Verlierer. Denn Grünen-Kandidatin Jamila Schäfer gewann vor vier Jahren noch den Wahlkreis München-Süd – den einzigen, den die CSU in Bayern verlor. Bei dieser Bundestagswahl wurde verlor sie ihn aber wieder, jedoch ziemlich knapp: Schäfer kam auf 29,8 Prozent der Erststimmen, Claudia Küng, die CSU-Wahlkreissiegerin, auf 30,4 Prozent. Bitter: Küng ist eine der drei CSU-Wahlkreissieger, die aufgrund der Wahlrechtsreform trotzdem nicht in den Bundestag einziehen. Schäfer dagegen zieht über die Landesliste in den Bundestag. © picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgt am Tag nach der Bundestagswahl die bayerische Stadt Deggendorf. Im gleichnamigen Wahlkreis holte die AfD mit 29,2 Prozent der Zweitstimmen ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland. Deggendorf ist damit die AfD-Hochburg außerhalb Ostdeutschlands, wo die Rechtspopulisten flächendeckend stärkste Kraft wurden.
Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgt am Tag nach der Bundestagswahl die bayerische Stadt Deggendorf. Im gleichnamigen Wahlkreis holte die AfD mit 29,2 Prozent der Zweitstimmen ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland. Deggendorf ist damit die AfD-Hochburg außerhalb Ostdeutschlands, wo die Rechtspopulisten flächendeckend stärkste Kraft wurden. © picture alliance/dpa | Tobias C. Köhler
Eine ziemliche Wahlschlappe erlebten auch Hubert Aiwanger und seine Freien Wähler. Unterm Strich stehen am Ende der Bundestagswahl keins der anvisierten Direktmandate, und auch von der Fünf-Prozent-Hürde ist man weit entfernt. Aiwanger nahm die Nachricht ernüchtert auf – dann werde man halt in Bayern bleiben, sagte er in Bezug auf das Ergebnis. Dort sei ja genug zu tun.
Eine ziemliche Wahlschlappe erlebten auch Hubert Aiwanger und seine Freien Wähler. Unterm Strich steht am Ende der Bundestagswahl keins der anvisierten Direktmandate, und auch von der Fünf-Prozent-Hürde ist man weit entfernt. Aiwanger nahm die Nachricht ernüchtert auf – dann werde man halt in Bayern bleiben, sagte er in Bezug auf das Ergebnis. Dort sei ja genug zu tun. © picture alliance/dpa | Armin Weigel
Nach einem Wahlkampf, der durchsetzt mit Überspitzungen und Populismus war, von einem Sieg der Demokratie zu sprechen, ist zwar schwierig – doch die hohe Wahlbeteiligung ist dennoch eine gute Nachricht. In Bayern lag sie nämlich so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr: bei 84,5 Prozent. 2021 hatten sich noch 79,9 Prozent der knapp 10 Millionen Wahlberechtigten im Freistaat zur Urne aufgemacht. Die turbulenten Zeiten scheinen die Menschen für Politik zu aktivieren – und sie wollen ihrer Stimme Gehör verschaffen.
Nach einem Wahlkampf, der vielen Experten zufolge durchsetzt mit Überspitzungen und Populismus war, von einem Sieg der Demokratie zu sprechen, ist zwar schwierig – doch die hohe Wahlbeteiligung ist dennoch eine gute Nachricht. In Bayern lag sie nämlich so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr: bei 84,5 Prozent. 2021 hatten sich noch 79,9 Prozent der knapp 10 Millionen Wahlberechtigten im Freistaat zur Urne aufgemacht. Die turbulenten Zeiten scheinen die Menschen für Politik zu aktivieren – und sie wollen ihrer Stimme Gehör verschaffen. © picture alliance/dpa | Pia Bayer

Darüber hinaus hat die CSU im Wahlkampf ja schon eine Liste vorgelegt, was sie an Extra-Forderungen über das Merz-Programm hinaus stellt, darunter die Mütterrente, eine höhere Pendlerpauschale und die Reform des Länderfinanzausgleichs. Was nicht drauf steht, aber gemeint ist: ein Ende des Eindrucks, dass Bayern wie unter Ampel-Zeiten benachteiligt werde bei Personal, Fördergeldern, Investitionen.

Die Christsozialen halten außerdem den Druck hoch, schnell eine Migrationswende hinzulegen. Söder formuliert das drastisch. Wenn kein Richtungswechsel gelinge, werde Deutschland weiter nach rechts außen schlingern: „Dies ist tatsächlich die letzte Patrone der Demokratie.“

Söder schimpft über Merkel

Die CSU ärgert sich massiv über Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre Kritik an den Asyl-Plänen von Friedrich Merz. Da seien „Erinnerungen aus dem Gestern“ gekommen, sagte Parteichef Markus Söder, ohne den Namen Merkel zu nennen. „Der Ruf aus der Vergangenheit war nicht nützlich“ und auch nicht fair. Merkel hatte sich in der heißen Wahlkampfphase öffentlich von Merz‘ Plan distanziert, im Bundestag notfalls mit Stimmen der AfD eine Mehrheit für symbolische Anträge zur Asylpolitik zu bekommen. In der CSU heißt es, bei der Wahl habe es wohl etliche Prozent gekostet, dass eine Mehrheit der Wähler die Fehler in der Asylpolitik noch immer fest mit Merkels Regierung verbindet.

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