Kiew mangelt es an Soldaten

Wegen Verlusten an der Front: Ukraine übernimmt Wagner-Methode – und rekrutiert Gefangene

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Die Ukraine hofft auf eine dringend benötigte Wende im Krieg. Unterstützung soll durch die Rekrutierung von Strafgefangenen kommen.

Kiew – Im Ukraine-Krieg waren Positivmeldungen für das von Russland angegriffene Land zuletzt eine Seltenheit. Es fehlt an Waffen und Munition, und die Truppen Moskaus sind auf dem Vormarsch. Nun soll eine neue Maßnahme dazu führen, dass mehr Kämpfer für die Konfrontation mit den Soldaten Wladimir Putins zur Verfügung stehen. Händeringend sucht Kiew Soldaten. Bei einer Pressekonferenz am 25. Februar teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj mit, dass seit Beginn des Krieges 31.000 Soldaten gefallen seien.

Sträflinge als Soldaten: Justizminister sieht nichts Falsches darin, Leute zu rekrutieren, die wissen, wie man tötet

Wie Russland es bereits praktiziert, will auch die Ukraine Sträflinge zum Militärdienst einziehen. Darüber berichtet Politico. 14 ukrainische Parlamentarier wollen am Mittwoch (20. März 2024) einen Gesetzentwurf vorlegen, der Gefangenen den Militärdienst ermöglichen würde. In der Ukraine gebe es Tausende von Sträflingen, die sich dem Kampf anschließen wollen, äußerte Justizminister Denys Malyuska. Er sagte, er sehe nichts Falsches darin, Leute zu rekrutieren, die wissen, wie man tötet, wenn sie dabei helfen könnten, die russischen Eindringlinge zu eliminieren.

Ukrainische Soldaten in einer Stellung nahe der Frontlinie außerhalb von Kupiansk, Region Charkiw. (Archivbild)

Derzeit erlaubt das ukrainische Recht keine Einberufung von Gefangenen. Doch schon einmal nutzte die Regierung diese Ressource: Sie begnadigte zu Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 mehr als 300 Gefangene, die den Wunsch geäußert hatten, sich dem Militär anschließen zu wollen. Malyuska dazu: „Ich würde sagen, dass diese Erfahrung mehr oder weniger erfolgreich war. Einige dieser Sträflinge wurden zu Helden und erhielten Medaillen.“ Andere hätten immerhin keinen großen Schaden angerichtet.

Sträflinge, die den Großteil ihrer Haftstafe abgesessen haben, könnten für die Ukraine kämpfen

Der Minister weiter: „Jeder versteht, dass wir Sträflinge gebrauchen können. Und die Verurteilten brachten ihre Bereitschaft zum Ausdruck, ihr Land zu schützen.“ Unklar sei, ob die Haftstrafen dabei verkürzt würden, und welche Regeln vom Gesetzgeber noch erarbeitet werden müssen.

„Nicht alle Militärkommandanten sind bereit, Sträflinge und Gefangene in ihre Einheiten aufzunehmen, aber wir werden und haben nicht vor, solche mobilisierten Personen irgendjemandem aufzuzwingen“, hieß es weiter. Höchstwahrscheinlich handele es sich dabei um separate Abteilungen.

Viele ehemalige Sträflinge in russischer Wagner-Gruppe

Er fügte hinzu, dass sich nur Gefangene anmelden dürften, die den Großteil ihrer Haftstrafe abgesessen haben und nicht als Gefahr für die Öffentlichkeit gelten. Auch Männer und Frauen, die ein Verbrechen gegen den Staat begangen oder bei der Ausübung des Militärdiensts in Ungnade gefallen sind, werden wahrscheinlich nicht rekrutiert.

Die Wagner-Gruppe des verstorbenen Jewgeni Prigoschin war bekannt dafür, Sträflingen Begnadigungen für Kampfeinsatz anzubieten. Russland stellte nach seinem Tod Bataillone auf, die zum größten Teil aus Gefangenen bestanden.

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte im Dezember an, bis zu einer halben Million weitere Soldaten zu mobilisieren. Selenskyj will ein „effizientes Rotationssystem“ der verfügbaren Truppen einführen und verweist darauf, dass von den „fast eine Million Männern“, die bislang eingezogen wurden, derzeit nur „eine Minderheit“ an der Front eingesetzt werde.

Einberufungsalter in der Ukraine soll um zwei Jahre gesenkt werden

Der derzeit im Parlament diskutierte Gesetzentwurf sieht vor, das Einberufungsalter von 27 auf 25 Jahre zu senken, das Rekrutierungssystem zu digitalisieren und den Militärdienst in Kriegszeiten auf 36 Monate zu begrenzen. Diese Änderungen beunruhigen viele, die darin eine Verschärfung der Wehrpflicht sehen. Im Internet kursieren Berichte über angebliche Einberufungen auf offener Straße.

Zwangsrekrutierten sind in der Truppe jedoch nicht willkommen. „In unserer Einheit mögen wir es nicht, wenn Männer gegen ihren Willen eingezogen werden“, sagt der ukrainische Presseoffizier Iwan Sadonzew. Die Armee brauche motivierte, ausgebildete Soldaten. Sadonzew hofft, dass seinen Landsleuten klar wird, wie wichtig eine starke Armee ist. „Wir kämpfen für das ganze Land, für unsere Unabhängigkeit“, sagt er. „Wenn wir aufhören zu kämpfen, wird die Ukraine wieder besetzt.“ (cgsc mit dpa)

Rubriklistenbild: © ROMAN PILIPEY/AFP

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