Jeder vierte Euro für das Wohnen: Reichinnek will Wucher beenden – „Die Mieten müssen runter“
VonJens Kiffmeier
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Die Mieten explodieren: Reichinnek fordert einen bundesweiten Mietendeckel. Denn viele Deutsche zahlen zu viel. Wie kann ein Gegenplan aussehen?
Berlin – In Deutschland lebt laut Eurostat-Statistik mittlerweile jeder Neunte in beengten Verhältnissen. Die Menschen hierzulande geben durchschnittlich jeden vierten Euro für die Miete aus – in den meisten europäischen Ländern ist das Wohnen damit viel billiger als in der Bundesrepublik. Die Linke im Bundestag will das nicht länger hinnehmen. Bei einem Mietengipfel sollen nun Lösungen für die aktuelle Wohnungskrise gesucht werden. Denn „Mieterinnen und Mieter in Deutschland zahlen monatlich Millionen Euro überhöhter Mieten“, beklagte Linken-Wohnungsbauexpertin Caren Lay kürzlich laut der Nachrichtenagentur dpa.
Teure Mieten in Deutschland: Reichinnek diskutiert auf Gipfel das Pro und Contra eines Mietendeckels
Angeführt von der Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und Wohnungsbau-Expertin Lay lädt die Linke deswegen heute in Berlin zum Mietengipfel. Unter dem Titel „Deckel drauf“ soll vor allem das Pro und Contra für eine Regulierung der Mieten diskutiert werden. Eingeladen sind Vertreter von Gewerkschaften, Mieter-Bündnissen und aus der Wissenschaft. Im Vordergrund steht dabei die rechtliche Umsetzung der Linken-Forderung nach einem bundesweiten Mietendeckel. Den Angaben zufolge soll ein bundesweites Konzept für diese Forderung vorgelegt werden.
„Die Mieten müssen runter“, sagte Fraktionschefin Reichinnek im Vorfeld auf eine Anfrage von fr.de von IPPEN.MEDIA. Denn „die zahnlose Mietpreisbremse, die Mietsteigerungen von teilweise über 100 Prozent in den letzten zehn Jahren nicht verhindern konnte“ werde nicht zu einer Beruhigung des Marktes führen, so Reichinnek weiter.
Mietpreisbremse reicht nicht: Linke fordert härtere Maßnahmen für billiges Wohnen
Die Mietpreisbremse gilt seit 2015 und noch bis 31. Dezember 2029. Bei der Wiedervermietung einer Wohnung darf die zulässige neue Miete höchstens auf das Niveau der ortsüblichen Vergleichsmiete plus zehn Prozent steigen. Auskunft über die ortsübliche Vergleichsmiete gibt der örtliche Mietspiegel. Die Mietpreisbremse gilt aber nur in Gebieten mit „angespanntem Wohnungsmarkt“. Ende 2024 waren laut Mieterbund 410 von 11.000 Gemeinden als angespannte Wohnungsmärkte definiert - dort leben etwa 30 Prozent der Bevölkerung, etwa 26 Millionen Menschen.
Gilt die Preisbremse für alle Wohnungen?
Nein. Bei Neubauten und bei der ersten Vermietung nach einer umfassenden Sanierung greift die Mietpreisbremse nicht.
Wer muss die Mietpreisbremse durchsetzen?
Zuständig dafür ist der Mieter oder die Mieterin selbst. Sie müssen den Vermieter schriftlich rügen, dass die Miete mehr als zehn Prozent über dem Mietspiegel liegt und können dann zu viel gezahlte Miete einbehalten.
Quelle: AFP
Doch die Wirkung bleibt umstritten. Laut der Plattform Finanztip zahlen ungefähr 75 Prozent der Deutschen weiterhin eine zu hohe Miete. In Berlin wagte der rot-rot-grüne Senat deshalb im Jahr 2020 einen Sonderweg mit einem eigenen Mietendeckel, der weit über die bundesweite Mietpreisbremse hinausging und die Mieten für etwa 1,5 Millionen Wohnungen in der Hauptstadt auf dem Stand vom Juni 2019 einfrieren sollte. Doch das Bundesverfassungsgericht stoppte das Projekt. Die Begründung: Da es schon ein Bundesgesetz gab, sei das Land nicht zuständig.
Mietendeckel: Linke will Erhöhungen für sechs Jahre ausschließen
Doch die Linke will das Konzept nicht aufgeben. In ihrem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2025 forderte die Partei einen bundesweiten Mietendeckel. „An Orten mit angespanntem Mietmarkt dürften Mieten in den kommenden sechs Jahren nicht steigen“, so der Vorschlag der Partei.
Das Konzept der Linken geht dabei deutlich über die bestehende Mietpreisbremse hinaus. Während diese nur Neuvermietungen reguliert, will die Partei alle Mieten erfassen. „Unser Ziel: Die Explosion der Mieten nicht nur bremsen, sondern beenden und rückgängig machen“, heißt es auf der Website der Partei. „In angespannten Wohnungsmärkten müssen besonders hohe Mieten abgesenkt werden.“ Das Mietendeckel-Konzept der Linken basiert auf drei Elementen, wie Caren Lay zu fr.de von IPPEN.MEDIA sagte. Dies Kernanliegen sind demnach:
Mietenstopp: In Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt sollen Mieten für sechs Jahre nicht steigendürfen
Mietobergrenzen: Festlegung von Höchstmieten bei Neuvermietungen auf Höhe der ortsüblichen Vergleichsmiete
Mietsenkung: Überhöhte Bestandsmieten sollen gesenkt werden können
Laut der Wohnungsbau-Expertin der Linken soll in dem Konzept auch auf unterschiedliche Bedingungen vor Ort Rücksicht genommen und zwischen Städten mit Wohnungsnotlagen, Städten mit angespannten Mietmärkten und nicht angespannten Mietmärkten unterschieden werden. Auch Härtefallregelungen seien vorgesehen. „Aber für uns ist klar, ohne eine gesetzliche Deckelung der Mietpreise wird es nicht gehen“, stellte Caren Lay klar.
Mietendeckel: Linke braucht Unterstützung von Merz-Regierung im Bundestag
Doch das zentrale Problem bleibt ungelöst: Wie kann ein bundesweiter Mietendeckel verfassungskonform umgesetzt werden? Im besten Fall soll nach Wunsch von Fraktionschefin Reichinnek der heutige Gipfel schon mal eine erste Antwort liefern. Eine Möglichkeit, so ist zu hören, sei ein soziales Mietrecht oder eine Öffnungsklausel, die den Ländern die Begrenzung der Miete erlaubt. Doch dafür bräuchte es wohl eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Und ob die Merz-Regierung da mitspielt, bleibt fraglich. Immer wieder gerät Reichinnek mit der Union aneinander.
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Doch das Problem bleibt offenbar drängend. Stichproben zeigen, dass vielerorts zu hohe Mieten gezahlt werden. Im November hatte die Linke mit ihrer Mietwucher-App einen Radar aufgelegt. Dort können Nutzerinnen und Nutzer freiwillig ihre Daten eingeben und ihre Miete mit dem örtlichen Mietspiegel vergleichen. Die App gab es bislang für neun Städte. 135.000 User wurden in den vergangenen Monaten registriert. 5000 von ihnen legten im Anschluss Beschwerde bei den zuständigen Behörden ein. Nach Angaben der Partei lag die Miete im Durchschnitt 59 Prozent über dem Mietspiegel. Nach Berechnungen der Linken zahlten sie im Schnitt 242 Euro im Monat zu viel. Das summiere sich allein für diese Haushalte auf bis zu 1,2 Millionen Euro im Monat oder fast 15 Millionen Euro im Jahr. (jek)