Proteste im Iran

Iran: „Es findet ein Massaker statt"

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Wegen der Informations-Sperre des Regimes dringt von den Protesten im Ran wenig nach außen: In diesem Bild aus einem Video, das die Nachrichtenagentur AP außerhalb des Irans erhalten hat, hält ein maskierter Demonstrant ein Bild des iranischen Kronprinzen Reza Pahlavi während einer Demonstration in Teheran.
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Die Proteste im Iran erreichen eine neue Dimension, stellt die iranische Autorin Mina Khani fest. Das Regime reagiert mit tödlicher Gewalt und Willkür. Doch auch das könne die Proteste nicht stoppen. Ausländische Staaten müssen darauf reagieren, sagt die Publizistin.

Im Iran halten die Proteste trotz Repression an. Die iranische Autorin und Publizistin Mina Khani spricht von einem Wendepunkt. Das Regime stoße mit seiner brutalen Reaktion an Grenzen.

Frau Khani, im Iran gibt es immer wieder Protestwellen. Was ist diesmal anders?
Das ist die große Explosion, von der viele seit Jahren sprechen. Bereits 2020 habe ich darauf hingewiesen. 2022 war radikal – aber ich habe damals betont, dass es noch heftiger wird. Jetzt ist diese Schwelle erreicht. Diese Explosion ist jetzt Realität. Es gibt ein klares Davor und Danach.
Auslöser waren zunächst die Bazaaris in Teheran. Welche Rolle spielte das?
Die Bazaaris – also die Händler – in Teheran sind traditionell Teil des Systems, unter dem Schah ebenso wie unter der Islamischen Republik. Sie stehen dort, wo die Macht ist. Dass sie protestieren, ist deshalb ein Warnsignal. Doch sehr schnell ging es nicht mehr nur um die Händler: In kurzer Zeit schlossen sich viele Menschen in Teheran an, später auch kleinere Städte, besonders in kurdischen Regionen.
Wie kommen Sie an Informationen, wenn das Internet landesweit abgeschaltet ist?
Im Moment kommen wir fast gar nicht an Informationen. Meine Familie hat immer noch kein Internet. Es gibt nur wenige Wege – etwa über Satelliteninternet wie Starlink, das die allermeisten Menschen nicht haben. Viele Bilder, die nach außen dringen, kommen über diese wenigen Zugänge. Trotzdem sehen wir vermutlich nicht einmal drei Prozent dessen, was tatsächlich passiert. Und doch reicht dieses Material bereits aus, um klar von schweren Menschenrechtsverletzungen zu sprechen.
Was beobachten Sie konkret?
Wir dokumentieren Material gemeinsam mit Menschenrechtsnetzwerken. Selbst mit diesem Bruchteil ist klar: Es geht um Verbrechen von großer Dimension. Familien suchen nach Angehörigen, Leichen liegen auf der Straße, Menschen werden erschossen. In Teheran sprechen Betroffene von einem militärischen Ausnahmezustand – mit Munition wie im Krieg, mit Scharfschützen auf Dächern. So etwas hat es in Teheran noch nie gegeben. Es findet ein Massaker statt.
Wie ist diese Brutalität zu interpretieren?
Es ist ein Zeichen von Angst. Das Regime will zeigen: Wir haben die Macht. Wir haben noch die Macht. Gleichzeitig wirkt es überfordert – offenbar hat man nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen in Teheran auf die Straße gehen. Paradoxerweise zeigt diese Brutalität auch die Schwäche des Systems. Doch der Preis dafür ist entsetzlich hoch – und selbst wenn das Regime es schaffen sollte, die Bevölkerung zu unterdrücken, wird es dieses Mal sehr schwer.
Auch die Zahl der Todesurteile steigt. Was sagt das über die Islamische Republik?
Es herrscht seit Jahren totale Willkür. Es gibt keine transparente Justiz, keine verlässliche juristische Grundlage – Urteile sind politische Entscheidungen. Jetzt werden bereits Demonstrierende, die an den aktuellen Protesten teilgenommen haben, mit der Todesstrafe bedroht oder verurteilt. Das erinnert an die dunkelsten Zeiten der Islamischen Republik.
Was erwarten Sie von den USA und von Europa – auch mit Blick auf Donald Trump?
Trump hat Ankündigungen gemacht, die viele Menschen im Iran aufmerksam verfolgen. Er hat gesagt, dass es Konsequenzen geben werde, wenn wieder auf Demonstrierende geschossen wird. Dieses Versprechen schafft Erwartungen. Insgesamt gilt: Keine Konsequenzen zu ziehen, wäre unverantwortlich. Demokratische Staaten müssen sich jetzt abstimmen und wirksamen Druck aufbauen.
Falls das Regime fällt – wie könnte es weitergehen?
Das muss vor allem aus der Gesellschaft heraus entstehen. Es braucht eine breite Koalition aus Zivilgesellschaft und politischen Akteur:innen. In der Diaspora gibt es Millionen, die investieren und beim Wiederaufbau helfen können – ebenso Jurist:innen, Technokrat:innen und Menschen vor Ort. Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs, sehe ich nicht als konsensfähige Option: Er polarisiert stark, besonders in organisierten Regionen wie Kurdistan. Entscheidend ist jetzt, dass die Welt nicht wieder wegschaut. Wenn diese Gewalt keinerlei Folgen hat, ist das das gefährlichste Signal überhaupt.
Die iranische Künstlerin Mina Khani

Mina Khani ist eine iranische Publizistin und Künstlerin. Sie wurde in Teheran geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

Seit mehr als zehn Jahren schreibt sie aus feministischer Perspektive auf Deutsch und Farsi über die Verhältnisse im Iran. Zudem arbeitet sie für die Menschenrechtsorganisationen Hawar.help und Hengaw. sd

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