Kurswechsel von Präsident Lee

Entspannung im Korea-Konflikt? Auch Trump mischt nach Machtwechsel mit

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Südkoreas neuer Präsident Lee Jae-myung.
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Auf der koreanischen Halbinsel waren die Beziehungen zuletzt so schlecht wie lange nicht. Südkoreas neuer Präsident Lee Jae-myung will nun deeskalieren.

Seoul – Sie dürften nicht geahnt haben, dass die Angelegenheit plötzlich so ernst ist: Ende vergangener Woche nahm die südkoreanische Polizei sechs Personen aus den USA fest, die von Südkorea aus diverse Sendungen nach Nordkorea schicken wollten. Darunter waren 1300 mit Reis gefüllt Plastikflaschen, Bibeln und US-Dollarscheine. Was vor Kurzem noch durchgegangen wäre, will man jetzt nicht mehr haben. Die US-Bürger wurden verhört. Klare Botschaft: Bitte unterlassen!

In Südkorea weht ein anderer Wind – Präsident will Entspannungspolitik zu Nordkorea

Auf der koreanischen Halbinsel – oder zumindest der Südhälfte – weht jetzt ein anderer Wind. Während sich die zwei verfeindeten Staaten, die seit dem vor gut 75 Jahren begonnenen Koreakrieg (1950-53) formell im Kriegszustand verharren, in den jüngsten Jahren immer wieder mit einem neuerlichen Kriegsausbruch gedroht haben, übt sich der neue Präsident in anderen Tönen. Lee Jae-myung, seit dem 3. Juni im Amt, will eine neue Entspannungspolitik.

Lee, der die liberale Demokratische Partei (DP) nach drei Jahren in der Opposition zurück an die Macht gebracht hat, hat mit einer neuerlichen Verbesserung der Beziehungen zum Norden Wahlkampf gemacht. Nun geht der 61-jährige erste Schritte dazu. Lautsprecher an der Grenze zum Norden, über die immer wieder Propaganda ausgestrahlt wurde, sind abgeschaltet. Auch Flugblattaktionen sollen unterbunden werden.

Nordkorea – Kim Jong-uns abgeschottete Diktatur

Menschen an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
Nordkorea ist das wohl geheimnisvollste Land der Erde: eine totalitäre Diktatur, in der der Einzelne nichts zählt, ohne Freiheiten und Menschenrechte, abgeschottet vom Rest der Welt. Schätzungsweise 26 Millionen Menschen leben in dem Land, das im Norden an China und Russland grenzt und im Süden an das freiheitliche, demokratische Südkorea. Nordkoreas Grenzen sind für die meisten Menschen unüberwindbar – kaum einer kommt rein, noch weniger Menschen kommen raus.  © Ed Jones/afp
Die Skyline von Pjöngjang
Hauptstadt sowie kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes ist Pjöngjang. Rund drei Millionen Menschen leben in der nordkoreanischen Metropole, die so anders ist als die anderen Mega-Städte Asiens. Pjöngjang ist grau, geprägt von Hochhäusern, gesichtslosen Wohnblöcken und gigantischen Monumenten, die der herrschenden Kim-Familie huldigen sollen. Wer in der Hauptstadt leben darf, ist privilegiert: Hier ist die Stromversorgung besser als auf dem Land, die Regale der Geschäfte sind voller, es gibt Freizeitparks, Kinos, Theater. © Olaf Schuelke/Imago
Kim Jong-un auf einem Pferd
Beherrscht wird Nordkorea seit 2011 von Kim Jong-un, einem Diktator, der skrupellos vor allem ein Ziel verfolgt: den eigenen Machterhalt und den seiner Sippe. Nordkorea ist das einzige kommunistische Land der Welt mit einer Erb-Monarchie, in der die politische Macht vom Vater auf den Sohn übergeht. Die sogenannte „Paektu-Blutlinie“ kontrolliert das Land seit dessen Gründung im Jahr 1948. Die Macht der Kims ist unanfechtbar, Aufstände gab es nie, dafür sorgt die lückenlose Überwachung und Kontrolle der gesamten Gesellschaft. © KCNA via KNS/afp
Sowjetische Soldaten in Pjöngjang
Korea war über Jahrhunderte ein geeintes Land. Die Geschichte der Teilung beginnt erst im 20. Jahrhundert: Von 1910 bis 1945 ist Korea eine japanische Kolonie, nach der Niederlage der Japaner besetzen sowjetische Truppen den Norden des Landes, der Süden wird von amerikanischen Truppen besetzt. Weil Verhandlungen über eine Vereinigung der beiden Landesteile scheitern, gründen sich 1948 auf der koreanischen Halbinsel zwei Staaten. © Jacob Gudkov/Imago
Szene des Koreakriegs
Zwei Jahre später dann die Tragödie: Der Korea-Krieg bricht aus. Kim Il-sung, Machthaber im Norden, schickt seine Truppen in den Südteil des Landes, um Korea mit Gewalt zu vereinen. Wenige Wochen später greifen die UN-Truppen unter Führung der USA den Norden an, stoßen bis an die chinesische Grenze vor. Das beunruhigt Peking – das nun auf der Seite von Nordkorea in den Krieg eingreift. 1953 wird ein Waffenstillstand verhandelt, das Land bleibt entlang des 38. Breitengrades geteilt. Ein Friedensvertrag wurde bis heute nicht unterzeichnet. © Imago
Familie Kim
Kim Il-sung, der Gründer und erste Präsident Nordkoreas, ist ein Machthaber von Stalins Gnaden. Geboren 1912, ist er als junger Mann im Widerstand gegen die japanische Besatzungsmacht aktiv. 1940 geht er ins Exil in die Sowjetunion, wo er schließlich zum späteren Machthaber Nordkoreas aufgebaut wird. Ab 1948 etabliert Kim einen auf ihn zugeschnittenen Personenkult. Mit brutalen Säuberungsaktionen entledigt er sich seiner Gegner. Politisch pendelt sein Land zwischen China und der Sowjetunion, vor allem, nachdem sich die beiden kommunistischen Führungsmächte ab Ende der 50er-Jahre zunehmend voneinander entfremden. © Imago
Kim Il-sung und Kim Jong-il
Schon in den 1970ern beginnt Kim Il-sung, seinen Sohn Jong-il zu seinem Nachfolger aufzubauen. Als er 1994 stirbt, übergibt er Kim Jong-il ein verarmtes Land. Mit dem Untergang der Sowjetunion wenige Jahre zuvor hat Nordkorea seinen wichtigsten und engsten Partner verloren, es stürzt in eine wirtschaftliche Krise, auf die eine fatale Hungersnot folgt. Hunderttausende Menschen verhungern. Unter Kim Jong-il, der 1941 oder 1942 geboren wurde, verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Nordkorea und dem Rest der Welt, das Land schottet sich immer mehr ab. Vor allem die USA sowie Südkorea – das sich seit den 80ern zur Demokratie gewandelt hat – werden zu Feindbildern. © KCNA via KNS/afp
Fernsehbilder vom ersten nordkoreanischen Atomtest 2006
Unter Kim Jong-il beginnt die beispiellose Aufrüstung des bettelarmen Landes. Wichtigstes Ziel Kims ist es, Nordkorea zur Atommacht zu machen. 2006 gelingt ihm das, Nordkorea testet erstmals eine Atombombe. Die Welt ist geschockt, die Vereinten Nationen erlassen Strafmaßnahmen, denen insgesamt neun weitere Sanktionsrunden folgen. Heute ist Nordkorea eine Atommacht, die wohl Dutzende Sprengkörper besitzt. © Jung Yeon-Je/afp
Kim Jong-un beobachtet einen Raketentest
Zudem testet das Land regelmäßig ballistische Raketen, auf denen die nuklearen Sprengköpfe montiert werden können. So kann das Regime mit seinen Atomwaffen sogar die USA erreichen – zumindest in der Theorie, denn noch ist unklar, wie leistungsfähig die Raketen tatsächlich sind. © KCNA via KNS/afp
Donald Trump und Kim Jong-un an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
Kim Jong-il stirbt 2011. Ihm folgt einer seiner Söhne nach: Kim Jong-un. Der treibt das Raketen- und Nuklearprogramm seines Vaters weiter voran. Als Hauptfeinde hat er Südkorea und die USA ausgemacht, die sein Regime regelmäßig mit drastischen Beleidigungen überzieht. Unter US-Präsident Donald Trump sieht es für einen kurzen Moment so aus, als könnten sich die Spannungen zwischen Nordkorea und dem Westen abkühlen – dreimal treffen sich Kim und Trump, auch Südkoreas damaliger Präsident kommt mit Kim zu einem Gipfeltreffen zusammen. © Brendan Smialowski/afp
Passanten in Pjöngjang währen der Corona-Pandemie
Doch die diplomatischen Initiativen scheitern 2019. Ein Jahr später sucht die Corona-Pandemie die Welt heim. Auch Nordkorea schließt seine Grenzen – und schottet sich gegen das Virus so hermetisch ab wie kein anderer Staat weltweit. Trotzdem meldet das Regime im Mai 2022 erste Corona-Fälle. Auch nach dem Ende der Pandemie bleibt Nordkorea ein international isoliertes Land. © Imago
Putin und Kim in Russland
Enge Beziehungen unterhält das Regime in Pjöngjang heute vor allem zu seinen beiden nördlichen Nachbarn China und Russland. Zu Wladimir Putin pflegt Kim ein besonders gutes Verhältnis, denn Russlands Präsident benötigt Nordkoreas Unterstützung für seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine – als Lieferant von Waffen und Munition. Im Herbst 2023 treffen Putin und Kim in Russlands Fernem Osten zusammen, es ist Kims erste Auslandsreise seit der Pandemie. © KCNA via KNS/afp
Kim Jong-un und seine Tochter Ju-ae
Kim Jong-un wurde 1982, 1983 oder 1984 geboren, hat also möglicherweise noch viele Jahre vor sich. Nordkoreas Diktator ist allerdings bei schlechter Gesundheit. Er gilt als Kettenraucher und Alkoholiker und ist sichtbar übergewichtig. Was, wenn er stirbt? Experten glauben, dass Kim seine Tochter Ju-ae zu seiner Nachfolgerin aufbauen will. Seit November 2022 zeigen Staatsmedien das Mädchen, das wohl 2012 oder 2013 zur Welt gekommen ist, regelmäßig an der Seite ihres mächtigen Vaters. © KCNA via KNS/afp
Kim Yo-jong
Aber auch Kims Schwester Kim Yo-jong gilt als mögliche Erbin auf den Thron. Die Macht, die die Kims seit bald 80 Jahren innehaben, dürften sie jedenfalls so schnell nicht aus der Hand geben. © Jorge Silva/afp

Kooperation mit Kim Jong-un? Machtwechsel bringt Kurswechsel

Die Demokratie Südkorea will den Ein-Parteienstaat Nordkorea von Diktator Kim Jong-un nicht provozieren. Stattdessen will man über Versuche zur Kooperation – in der Vergangenheit lief dies häufig über Sport oder Kultur, in seltenen Fällen aber auch über Begegnungen zwischen Regierungsvertretern – die Spannungen abbauen, damit die Kriegsgefahr wieder abnimmt.

Unter Lees rechtsgerichtetem Amtsvorgänger Yoon Suk-yeol hatte Südkorea deutlich mehr Kriegsmanövern mit den Partnern USA und Japan durchgeführt. Kurz nach Russlands neuerlichem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 intensivierte andererseits Nordkorea seinen Kontakt zu Russland. Und Russland droht mit Nordkoreas Aufrüstung. Südkoreas Nachrichtendienst erwartet, dass Nordkorea nach den bereits Tausenden in die Ukraine entsandten nordkoreanischen Soldaten in Kürze weitere Truppen schicken will.

Das spricht zunächst nicht für eine Entspannung auf der koreanischen Halbinsel, sondern eher das Gegenteil. Denn Südkorea hat im Ukraine-Krieg bisher – wie auch die EU oder Japan – die Ukraine unterstützt. Allerdings hat gerade Lee Jae-myung angekündigt, nicht nur zum wichtigsten Sicherheitspartner USA, sondern etwa auch zu China künftig bessere Beziehungen pflegen zu wollen. Dafür legt er es nicht zuletzt auf eine Verbesserung der Beziehungen zu Nordkorea an.

Wie aussichtsreich das ist, ist umstritten. „Ich bin nicht sehr optimistisch“, sagt Moon Chung-in, emeritierter Politikprofessor der Yonsei Universität in Seoul und einstiger Berater von Lee Jae-myungs Parteikollegem und Amtsvorgänger Moon Jae-in. „Früher haben beide Koreas offiziell noch angestrebt, dass sich die Halbinsel wiedervereinigt. Zuletzt hat sich Nordkorea aber von dieser Vision verabschiedet und Südkorea offiziell zu einem feindlichen Staat erklärt.“

Trump mischt auch bei Konflikt zwischen Nord- und Südkorea mit – US-Präsident könnte verhandeln

Für den Fall, dass der Ukraine-Krieg bald ein Ende finden sollte, könnten sich aber auch auf der Halbinsel die Verhältnisse ändern. Dann, erwartet jedenfalls Mason Richey, Professor an der Hankuk University for Foreign Studies in Seoul, dürfte die Unterstützung Russlands für Nordkorea nachlassen oder sogar enden. Dies könnte Nordkorea empfänglicher für neue Gespräche machen.

Hinzu kommt: Auch Donald Trump – der bereits während seiner ersten Amtszeit mit Kim Jong-un über ein mögliches Ende von Sanktionen gegen Nordkorea sowie ein Ende von dessen Atomprogramm verhandelte – hat Interesse an neuerlichen Gesprächen bekundet. Nordkoreas „vollständige De-Nuklearisierung“, die Trump nach eigenen Angaben anstrebt, war zwar schon 2019 unrealistisch, da das Regime eigene Atomwaffen als Lebensversicherung ansieht.

Allerdings hat Trump Nordkorea auch schon als „Atommacht“ bezeichnet und so angedeutet, dass er die Diktatur anders als ernstzunehmenden Verhandlungspartner ansieht. Ohnehin lehrt die Erfahrung auf der koreanischen Halbinsel: Die Stimmung kann sich schnell ändern, manchmal ist nur eine Initiative nötig, die ehrlich wirkt. Südkoreas neuer Präsident hat hierfür nun ein paar Signale ausgesendet.

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