Nahost-Konflikt

Mossad-Chef Barnea: Israels Mittler in Sachen Waffenpause und Geiseldeal

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David Barnea und sein Inlandskollege Ronen Bar (l.)
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Als leitender Verhandler für Israel im Nahost-Konflikt muss David Barnea Gräben überwinden. Er soll die Geiseln so bald wie möglich befreien, aber den Preis dafür so gering wie möglich halten. Ein Porträt.

Seine Kinder und Enkelkinder sehen ihn derzeit öfter in den Abendnachrichten als beim freitäglichen Schabbat-Dinner: David Barneas Gesicht ist, eher ungewöhnlich für einen Mossad-Chef, täglich in den Medien. Der 58-Jährige, der seit Juni 2021 den israelischen Auslandsgeheimdienst leitet, sieht auf den Fotos meist grimmig drein, und man kann es ihm nicht verübeln.

Seit fünf Monaten fliegt er ununterbrochen nach Katar, Kairo oder Paris, um dort mit Vertretern der Hamas in indirekten Gesprächen über die Konditionen einer möglichen Waffenpause inklusive Freilassung der Geiseln aus Hamas-Gewalt zu verhandeln. Überbringer der jeweiligen Botschaften an die feindliche Seite sind die Mediatoren Katar, Ägypten und USA.

Die Familien von Israels Geiseln zittern weiter

Nun ist es wieder so weit, die Verhandlungen stehen angeblich in der Endphase, man hat sich in vielem geeinigt – aber nicht in allem. Die Chancen seien laut israelischen Quellen 50 zu 50, dass es diesmal klappt. Niemand will mehr voreilig von einem nahenden Durchbruch sprechen, wie es US-Präsident Joe Biden vor einem Monat getan hatte. Damals hatte Biden verkündet, es werde noch vor Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan klappen. Nun sind weitere Wochen vergangen, weitere Zivilist:innen in Gaza in den Trümmern oder an der Hungersnot gestorben. Und wie viele von den am 7. Oktober nach Gaza verschleppten israelischen Geiseln noch am Leben sind, ist unklar. Ihre Familien zittern weiter.

Immer ist es David Barnea, von seinem Umfeld Dadi genannt, der als leitender Verhandler für Israel die Gräben überwinden muss. Einfach ist das nicht. Auf ihm lastet enormer Druck: Er soll die Geiseln so bald wie möglich befreien, aber die Zahl der im Gegenzug freigelassenen mutmaßlichen Terrorist:innen so gering wie möglich halten, und auch sonst höchstens bescheidene Zugeständnisse an die Hamas machen.

Es liegt an Israels Kabinett von Benjamin Netanjahu

Frei entscheiden kann er dabei nicht: Es liegt am Kabinett von Benjamin Netanjahu, den Daumen zu heben oder zu senken. Als Netanjahu das letzte Mal das grüne Licht verweigerte, sah der Verhandlungsentwurf die Freilassung von 700 palästinensischen Gefangenen vor.

Die Sonne geht am Sonntag über Rafah unter und die Menschen treffen sich auf den Straßen zum Iftar, dem abendlichen Fastenbrechen während des Ramadan.

Der konservativen Regierung war das viel zu viel. Seither sind drei Wochen vergangen, und heute spricht man sogar von mehr als dieser Zahl Gefangener, die aus israelischen Haftanstalten entlassen werden könnten – und Israels Regierung ist einverstanden. Nun stellt sich aber die Frage, ob die Hamas noch zu diesen Bedingungen zu einem Deal bereit ist. Hätte man doch nur schon früher Ja gesagt, klagen die Familien der Geiseln.

Eine gewisse Nähe zu Gaza wurde David Barnea in die Wiege gelegt

Mossad-Chef Barnea bringt für die schwierige Aufgabe aber gute Voraussetzungen mit. Er spricht neben Englisch und Hebräisch auch Arabisch und leitet seit 20 Jahren heikle Missionen für den Spionagedienst.

Eine gewisse Nähe zu Gaza wurde Barnea in die Wiege gelegt – zumindest örtlich. Er wurde in Aschkelon geboren, die Stadt liegt rund 30 Autominuten von Gaza-Stadt entfernt. Als Israel im Sechs-Tage-Krieg den Gazastreifen eroberte, war er zwei Jahre alt. Barneas Vater kam als Kleinkind nach Israel, seiner Familie gelang die Flucht aus Nazideutschland. In Palästina angekommen, gab sich die Familie des Vaters einen hebräischen Namen, aus Joseph Brunner wurde Yossef Barnea.

David Barnea gilt als zielstrebig und gewissenhaft

David Barnea gilt als zielstrebig und gewissenhaft. Nach seinem Militärdienst bei der Eliteeinheit Sayeret Matkal studierte er Betriebswirtschaft in den USA und machte Karriere in der Privatwirtschaft, bevor er Mitte der 1990er Jahre den äußerst selektiven Aufnahmeprozess beim Mossad begann. Seine Laufbahn dort führte ihn schnell nach oben. Bereits Ende der 1990er Jahre leitete Barnea eine Mission im Ausland, die als für Israels nationale Sicherheit von großer strategischer Bedeutung eingestuft wird – Details unterliegen der Militärzensur.

Ganz anders als sein Mentor und Amtsvorgänger Jossi Cohen, der gerne im Rampenlicht steht und aus seinen politischen Karriere-Ambitionen kein Geheimnis macht, galt Barnea nach seiner Amtsübernahme im Juni 2021 als zurückhaltend und eher medienscheu. Es ist eine Eigenschaft, die er nun allzu oft überwinden muss.

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