Vertrauen und Macht

Renten-Abstimmung: Im Zweifel richtet’s die Linke – warum Merz und Spahn weiter zittern müssen

  • schließen

„An uns wird es nicht scheitern“, verkündet Reichinnek. Vor der Renten-Abstimmung nehmen die Linken Druck raus – für Merz und Spahn gilt das wohl nicht.

Berlin – Während sich die Union über mögliche Abweichler bedeckt hält, nimmt Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek Druck aus dem Ringen um das Renten-Paket. „Wir werden nicht akzeptieren, dass das Rentenniveau noch weiter gedrückt wird, und haben uns als Fraktion deshalb entschlossen, uns bei der voraussichtlich am Freitag anstehenden Abstimmung zum Rentenpaket der Regierung zu enthalten“, erklärt Reichinnek am Mittwoch (3. Dezember) in einer Mitteilung.

Renten-Abstimmung: Warum Merz und Spahn weiter zittern müssen. (Symbolbild/Montage)

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Linken der Regierung unter Kanzler Friedrich Merz in einer potenziell brenzligen Situation aushelfen. Mit einer Enthaltung der Linksfraktion sinkt die Mehrheitsschwelle im Bundestag – das Rentenpaket könnte selbst bei dutzenden Abweichlern in der schwarz-roten Regierungskoalition durchgehen. In der Sache können Merz und Unions-Fraktionschef Jens Spahn also höchstwahrscheinlich aufatmen. Eine Zitterpartie könnte die Abstimmung für die beiden CDU-Politiker dennoch werden – für Kanzler und Fraktionschef geht es am Freitag nach wochenlangem Ringen wohl um mehr als um ein Rentenpaket.

Merz, Spahn und der Streit um das Renten-Paket: Eine Frage von Macht und Vertrauen

Denn: Im Renten-Streit scheint schon längst nicht mehr nur die Sachfrage im Fokus zu stehen. Vielmehr dürfte es um Macht gehen, wie auch der Generalsekretär der CDU Rheinland-Pfalz, Johannes Steiniger, am Mittwoch im „Berlin Playbook Podcast“ von Politico anklingen ließ. Inhaltlich teile er die Kritik der Jungen Gruppe, aber die SPD sei nicht zu Verhandlungen bereit: „Jetzt ist es zur Machtfrage geworden.“ Und auch wenn der Bundeskanzler sie nicht stellt, dürfte die Abstimmung über das Renten-Paket eine Art Vertrauensfrage darstellen. Eine implizite Vertrauensfrage, die Merz und Spahn im Laufe der Debatte unweigerlich mit sich verbunden haben.

So hatte etwa Fraktionschef Jens Spahn in der ARD-Sendung Caren Miosga auf die Frage, ob eine Mehrheit im Bundestag zustande kommen wird, das Offensichtliche noch einmal ausgesprochen: „Das ist meine Aufgabe.“ Als Fraktionschef ist Spahn der Mann für die Mehrheiten. Und schon einmal ist es dem CDU-Politiker nicht gelungen, die eigenen Reihen zu schließen – Stichwort geplatzte Richterwahl. Sollte eine Mehrheit im Bundestag am Freitag nur durch die Enthaltung der Linksfraktion zustande kommen, wird Spahn die Abstimmung wohl kaum als Erfolg für sich und sein Verhandlungsgeschick verbuchen können.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Renten-Abstimmung: Die Linke verschafft Schwarz-Rot einen Puffer von 44 Stimmen

Für eine Mehrheit im Bundestag sollte es am Freitag im Falle einer vollständigen Enthaltung der Linksfraktion aller Voraussicht nach reichen: Die Koalition aus Union und SPD hätte damit einen komfortablen Puffer von 44 Stimmen. Dennoch wird der Blick infolge der Abstimmung wohl auf die Anzahl der Abweichler aus den Reihen von CDU und CSU fallen – diese Zahl könnte auch eine Aussage über das Vertrauen der Abgeordneten in den Kanzler liefern.

So begründet etwa der CDU-Abgeordnete und Mitglied der Jungen Gruppe Daniel Kölbl seine Zustimmung für das Gesetz – trotz inhaltlicher Ablehnung – unter anderem mit seinem Vertrauen in Merz‘ Versprechen. „Inhaltlich sehe ich das Rentenpaket weiterhin kritisch, da es die junge Generation einseitig mit weit über 100 Milliarden Euro belastet“, erklärt Kölbl gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Gleichzeitig vertraue ich auf das Versprechen unseres Bundeskanzlers, dass wir auf Basis der Ergebnisse der Rentenkommission noch in dieser Legislaturperiode eine generationengerechte Rentenform in Angriff nehmen werden.“

Merz, die Rente und die Frage des Vertrauens

Und auch Sepp Müller, Vizevorsitzender der CDU/CSU-Fraktion, erklärte am Mittwoch im Deutschlandfunk auf die Frage nach seiner Position im Renten-Streit: „Der Bundeskanzler hat uns persönlich sein Wort und sein Versprechen gegeben. Und ich vertraue dem Bundeskanzler, dass auf das Rentenpaket I das Rentenpaket II folgen wird.“

Union und SPD haben im Bundestag eine Mehrheit von 12 Stimmen. Sollte die Zahl der Abweichler diesen Puffer überschreiten und eine Mehrheit für das Renten-Paket damit maßgeblich durch die Entscheidung der Linksfraktion zustande kommen, stellt sich im Umkehrschluss wohl die Frage: Fehlt es in der Unions-Fraktion an Vertrauen in den Kanzler? Oder, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt: „Hat eine ausreichende Zahl von CDU- und CSU-Abgeordneten noch Vertrauen in die Aussagen der eigenen Fraktionsführung, des eigenen Parteichefs und Bundeskanzlers, des CSU-Vorsitzenden und des Koalitionspartners SPD?“ Denn dies sei der Kern des Problems: „Daran misst sich auch die Regierungsfähigkeit.“

Renten-Abstimmung am Freitag: Die Linke könnte Merz und Spahn retten – wäre nicht das erste Mal

Nachdem sich die Union mit Blick auf die Zahl möglicher Abweichler bedeckt hält, ist nach wie vor offen, ob die Stimmen von CDU/CSU und SPD am Freitag bei voller Bundestagsbesetzung und ohne Enthaltungen für eine Mehrheit ausreichen würden. Und damit bleibt auch die Frage offen: Könnte Heidi Reichinneks Linksfraktion also zur Retterin in der Not werden? Es wäre nicht das erste Mal – Stichwort Kanzlerwahl.

Nachdem Friedrich Merz im Mai im ersten Wahlgang gescheitert war, gelang der zweite Wahlgang zwar, jedoch nur maßgeblich mithilfe der Linken. Zur Ermöglichung eines zweiten Wahlgangs mussten CDU und CSU Gespräche mit der Linkspartei führen – trotz des Unvereinbarkeitsbeschlusses von 2018, der jegliche Zusammenarbeit mit der Linken ausschließt.

So dürften Merz und Spahn wohl kein Interesse daran haben, auch bei der Renten-Abstimmung am Freitag auf eine Enthaltung der Linksfraktion angewiesen zu sein. Und auch den Linken geht es wohl kaum darum, der Union einen Gefallen zu tun, wie sich nicht zuletzt in Reichinneks Mitteilung zeigt.

Linke will sich in der Renten-Abstimmung enthalten – und richtet Vorwürfe an die Union

Die Union und besonders die Junge Gruppe hätten in den vergangenen Wochen ein Machtspielchen auf dem Rücken von Millionen Rentnerinnen und Rentnern ausgetragen. Es sei „absolut schäbig“, dass die Union den Rentnern „nicht einmal die Butter auf dem Brot gönnt“, wirft die Fraktionschefin CDU und CSU vor. Dennoch erklärt Reichinnek mit Blick auf die Renten-Entscheidung am Freitag: „An uns wird es somit nicht scheitern, dass das Rentenniveau stabilisiert wird.“ (Quelle: Eigene Recherche, AFP, dpa, ARD) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Andreas Gora, IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Kommentare