„Er macht diese Aufgabe eher schlecht“

Vom Aufsteiger zum Problemfall: Wie Spahn im Renten-Poker seine Autorität verspielt

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Im Renten-Streit muss Jens Spahn Führung beweisen. Doch an einer Gabe fehlt es dem CDU/CSU-Fraktionschef, glaubt Wolfgang Schroeder: Vertrauen. Eine Analyse.

Berlin – Die Position der sogenannten Renten-Rebellen dürfte Jens Spahn bekannt vorkommen – so saß der heutige Unions-Fraktionschef selbst einmal auf dieser Seite der Debatte: Im Jahr 2008 hatte der damals 27-jährige CDU-Politiker sich gegen eine außerplanmäßige Rentenerhöhung der damaligen Großen Koalition aufgebäumt und starken Gegenwind erfahren. Der damalige nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Senioren-Union, Leonhard Kuckart, hatte Spahn „politische Unreife“ vorgeworfen und gedroht, seine erneute Aufstellung zur Bundestagswahl verhindern zu wollen.

Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) im Bundestag.

Heute – einige Jahre und ein paar Stufen auf der politischen Karriereleiter später – ist Jens Spahn als Unions-Fraktionschef der Mann, der den Renten-Aufstand der Jungen Gruppe der Unionsfraktion niederschlagen soll. Als Fraktionsvorsitzender ist es Spahns Aufgabe, die Reihen zu schließen – ein Gespür dafür zu haben, wo es knirscht und das am besten nicht erst kurz vor der Zielgeraden. Doch nicht zum ersten Mal scheint dem CDU-Politiker genau das nicht recht zu gelingen.

Richerwahl und Renten-Paket: Fehlt es Spahn an Vertrauen in den eigenen Reihen?

Vor der parlamentarischen Sommerpause stand die Koalition vor einem – wenn auch nicht inhaltlich – ähnlichen Chaos. Die anberaumte Richterwahl wurde kurzfristig abgeblasen. Der Grund: Widerstand innerhalb der Unionsfraktion. Eine Mehrheit für die damalige Kandidatin fürs Verfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf, war nicht sicher. Damals wie heute urteilen Beobachter: Jens Spahn hätte früher reagieren müssen. Immerhin gab es Anzeichen von Rebellentum in den eigenen Reihen. Zuvor war auch schon die Kanzlerwahl von Friedrich Merz fast schiefgegangen. Erst im zweiten Anlauf schaffte es der Regierungschef ins Amt – dank der Hilfe von Grünen und Linken.

Aus ebendiesen Vorfällen ergebe sich für die Koalition aus SPD und CDU/CSU ein Risiko, erklärt Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media führt der Politikwissenschaftler bezogen auf die Folgen für das Image der Regierung aus: „Diese Choreografie, diese nicht vorhandene Führungsfähigkeit, führt dazu, dass die Früchte der eigenen Regierungsarbeit, die nicht unbeträchtlich sind, negativ überdeckt werden.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Ein Teil dieses „Führungsversagens“ entstehe an der Fraktionsspitze: Spahn scheint „eine eigene Macht für sich zu sein“. Und auch, wenn er nach Einschätzung Schroeders Anerkennung für Intellekt, Erfahrung und Robustheit in den eigenen Reihen genieße: „Es gibt wenig Vertrauen und das ist eine zentrale Kategorie für das Zusammenführen unterschiedlicher Interessen und Sichtweisen.“

Spahn, Merz und die Junge Gruppe: Die Rolle von Vertrauen im Renten-Streit

Die Bedeutung von Vertrauen zeigt sich auch am Beispiel der aktuellen Debatte über das Renten-Paket. Zum einen sollte der Kanzler auf seinen Fraktionschef vertrauen können, die Mehrheit für im Kabinett beschlossene Entscheidungen zu sichern. Gleichzeitig geht es in dem aktuellen Renten-Streit darum, dass sich die Junge Gruppe auf ihren Kanzler verlässt.

Denn inhaltlich zeigen sich die Angeordneten mit dem Kompromiss aus dem Koalitionsausschuss wenig zufrieden, wie etwa Karina Mößbauer, Chefkorrespondentin Politik von The Pioneer, berichtet. „Wir haben für einen Kompromiss in der Sache gekämpft. Es ist bedauerlich, dass ein solcher in der Koalition nicht durchsetzbar war“, zitiert sie auf X aus Kreisen der Jungen Gruppe. Und auch hier liegt ein Fokus auf Spahns Verhandlungsgeschick im Umgang mit den 18 Abgeordneten.

Beichtstuhlverfahren im Ringen um die Rente: Abgeordnete Beklagen Druck durch Spahn

Und dabei greift offenbar auch Spahn auf erhöhten Druck als Mittel zur Überzeugung zurück. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Bild beklagten Abgeordnete der Jungen Gruppe, Spahn soll in Einzelgesprächen angedeutet haben, sie könnten ihren Listenplatz zum Wiedereinzug in den Bundestag verlieren, sollten sie ihre Blockade nicht aufgeben. Ein Sprecher der Fraktionsspitze hingegen spricht gegenüber unserer Redaktion von „freundlichen“ und „sachlichen“ Gesprächen: „Dass auch über Verantwortung, Szenarien und Konsequenzen gesprochen wird, ist normal.“

Im Beichtstuhlverfahren also wollte es Fraktionschef Spahn im Renten-Streit richten: Ob das gelungen ist, können wohl nur die Abgeordneten der Jungen Gruppe beantworten, die ihre Zustimmung nach wie vor offen lassen. Dass Spahn im Ringen um die Rente den Druck auf Abgeordnete der Jungen Gruppe in Einzelgesprächen erhöht haben soll, reiht sich in eine gängige politische Praxis, erklärt Schroeder: das „Standardrepertoire eines Fraktionsvorsitzenden“. Jedoch sei offen, ob auf diese Weise Loyalität hergestellt werden könne. Zumal dieses Vorgehen ein Ergebnis dessen sei, dass Spahn vorher geschlafen oder diese Entwicklung wohlwollend begleitet habe. So oder so: „Es ist eine Folge vorhergegangener Fehleinschätzungen und Versäumnisse“.

Spahns Rolle als Fraktionschef: „Eine Belastung für die Stabilität der Koalition“

So geht es als Fraktionschef zum einen darum, für Einigkeit zu sorgen, wenn es drauf ankommt. Zum anderen aber auch um Prävention, erklärt der Kassler Politikwissenschaftler: „Spahn macht diese Aufgabe eher schlecht und ist eher eine Belastung für die Stabilität der Koalition, umso schärfer muss er nun reagieren oder agieren.“ Schroeder glaubt: „Das Frühwarnsystem Spahn funktioniert nicht.“

Das hängt aus Sicht des Politikwissenschaftlers auch mit der fehlenden Sympathie für den Fraktionschef aus den eigenen Reihen zusammen: „Ich glaube, er wird weder als integer und loyal erachtet noch als sehr zuverlässig, aber ist im Gegensatz zu den meisten anderen Spitzenakteuren schon sehr erfahren, und wirkt in diesem überschaubaren Kosmos als eine kleine Weltmacht, wobei eine gewisse Unberechenbarkeit ein wichtiges Machtmittel ist.“ Spahn verfolge seine eigene Agenda. Worum es dabei geht? „Ich denke, die Agenda heißt Spahn.“

Die „Agenda Spahn“: Eine Bewährungsprobe für den Fraktionschef der Union?

Programmatisch sei Spahns Agenda „neoliberal, aber zugleich auch wieder offen für pragmatische Lösungen“, glaubt Schroeder, „gleichzeitig gibt es Hinweise auf eine gewisse pointierte Offenheit in Richtung der Rechtspopulisten“. So schlummert in der „Agenda Spahn“ ein nicht unerhebliches Risiko für Merz, erklärt der Politikwissenschaftler: „Wenn der Fraktionsvorsitzende eine eigene Agenda verfolgt und keine wirkliche Loyalität zu dem Kanzler besitzt, dann ist er Teil einer prekären bis instabilen Führungsaufstellung.“ 

Beobachter sprechen mit Blick auf das Renten-Paket bereits von einer Bewährungsprobe für Spahn. „Der eigene Machterhalt geht natürlich nur, indem man sich auch der Interessen der Fraktion engagiert annimmt“, erklärt Schroeder im Gespräch mit unserer Redaktion: Bislang funktioniere das – Stichwort geplatzte Richter-Wahl und Renten-Paket – „alles andere als effizient und effektiv“. Wie oft sich ein Fraktionschef solche mutmaßlichen Versäumnisse erlauben kann? „Naja, erst mal so oft, wie die eigene Basis das akzeptiert und sich keine Alternative anbietet.“ (Quellen: Eigene Recherche, FAZ, Bild) (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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