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Nach dem Tod von Chamenei steht der Iran vor einem Stresstest. Die Nachfolgefrage und die Reaktionen der USA könnten das Regime auf die Probe stellen. Eine Analyse.
Ajatollah Ali Chamenei ist tot, auch weitere Spitzen des Machtapparats gelten als getötet. Nach den Angriffen der USA und Israels schwankt die Stimmung im Iran zwischen Trauer und Jubel – zwischen Hoffnung und Angst. Während Exil-Iraner weltweit den Tod des Religionsführers feiern, steht im Land selbst vordergründig eine Frage im Raum: Kann das System ohne seine zentrale Figur stabil bleiben? Präsident Massud Peseschkian sprach von einer „Kriegserklärung“ Washingtons und kündigte Vergeltung an – ein Signal nach innen wie nach außen, dass das Regime Handlungsfähigkeit demonstrieren will. Peseschkian nannte Vergeltung und Blutrache „Pflicht und legitmes Recht“, auf das der Iran nun zurückgreifen wird.
Mehr als drei Jahrzehnte lang prägte Chamenei die Islamische Republik als politischer Schiedsrichter und religiöse Autorität. Sein Porträt hing in allen staatlichen Institutionen neben dem des Revolutionsgründers Ruhollah Chomeini. Unter seiner Führung entwickelte sich der Iran zu einer Regionalmacht, gestützt auf ein dichtes Netz aus Sicherheitsapparat, Geheimdiensten und Stellvertretermilizen. Um diese Ordnung zu sichern, setzte das Regime wiederholt auf Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Mit Chameneis Tod verliert das System nun seinen wichtigsten Integrationsfaktor – und tritt in eine Phase, in der das System ohne seinen zentralen Fixpunkt auskommen muss.
Chamenei nach Iran-Angriffen tot: Nachfolger für Übergangsphase in Stellung
Bei den schwersten Massenprotesten seit Jahren wurden im Januar nach Angaben des Aktivistennetzwerks HRANA mehr als 7000 Menschen getötet, darunter auch Angehörige der Sicherheitskräfte. Ausgelöst wurden die Demonstrationen durch die massive Wirtschaftskrise. Einer der zentralen Slogans richtete sich direkt gegen den Religionsführer: „Tod dem Diktator“. Chamenei war damit nicht nur Symbol, sondern politisches Ziel der Bewegung. Sein Tod trifft ein Regime, das die jüngste Protestwelle nur mit äußerster Gewalt unter Kontrolle bringen konnte.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Mehr soll vorübergehend ein dreiköpfiges Gremium die Amtsgeschäfte nach Chameneis Tod übernehmen. Präsident Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Vertreter des Wächterrats sollen die Übergangsphase steuern. Zugleich soll der sogenannte Expertenrat zeitnah zusammentreten, um einen neuen Religionsführer zu bestimmen. Formal folgt das Regime damit den eigenen Notfallregeln – politisch ist dieser Mechanismus jedoch ein Stresstest für die innere Geschlossenheit der Führungsschicht.
Menschen auf der Straße, Rauch über Städten: Bilder der Eskalation im Nahen Osten




Wer Chamenei nachfolgt, ist offen. Öffentliche Festlegungen hatte der Religionsführer vermieden. Unter den Bedingungen fortgesetzter Angriffe dürfte es für die Elite zusätzlich schwierig sein, einen geordneten Machttransfer zu organisieren. In den vergangenen Jahren war immer wieder Chameneis Sohn Modschtaba als möglicher Kandidat genannt worden, obwohl er kaum öffentlich auftrat. Eine dynastische Lösung wäre im System umstritten und könnte rivalisierende Fraktionen mobilisieren – ein möglicher Auslöser für offene Machtkämpfe.
Nach Tod Chameneis: Irans Machtgeflecht vor Stresstest
Analysten verweisen darauf, dass Chamenei zwar über außerordentliche Macht verfügte, diese jedoch vor allem über ein Geflecht aus Institutionen ausübte. Dieses Netzwerk könnte sich nach den US-Angriffen und dem Tod Chameneis nach außen als stabil erweisen, während intern ein Ringen um Einfluss beginnt. Mehrere hochrangige Geistliche sowie Vertreter aus Justiz und Sicherheitsapparat gelten als potenzielle Kandidaten. Die Nachfolge wird damit weniger zu einer religiösen als zu einer politischen Entscheidung. Die britische Times spricht von einer „Phase großer Instabilität“, in der es erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften kommen könnte.
US-Präsident Donald Trump äußerte sich gegenüber CBS News nach Chameneis Tod ausweichend zur Nachfolgefrage und deutete an, es gebe „gute Kandidaten“. Ob Washington – ähnlich wie einst in Venezuela – versucht, eine genehme Führungsfigur zu fördern, bleibt offen. Die Aussagen Trumps wirken zugleich wie ein Signal an die iranische Elite: Die Vereinigten Staaten sehen den Machtwechsel als strategische Gelegenheit, nicht nur als inneriranische Angelegenheit.
Im Kontext der jüngsten Proteste im Iran wird auch Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, als mögliche Alternative gehandelt. Er genießt hauptsächlich in sozialen Netzwerken und unter Teilen der Diaspora Unterstützung, gilt im Iran selbst jedoch als umstrittene Figur ohne belastbare Machtbasis. Sicherheitsexperten warnen zudem vor überzogenen Erwartungen an einen politischen Umbruch durch militärische Mittel. Luftschläge hätten noch nie einen Regimewechsel herbeigeführt. „Nicht selten, sondern nie“, sagte Robert Pape der Süddeutschen Zeitung.
Iran-Angriffe: Trump ging mit Militärschlag Risiko ein – Kritik aus der US-Politik
Für Trump, der sich 2024 als Präsidentschaftskandidat damit rühmte, keine Kriege begonnen zu haben, und als Vorsitzender seines sogenannten Friedensrates zuletzt für Aufsehen sorgte, bedeutet der Angriff auf den Iran auch innenpolitisch ein Risiko. Der republikanische Rechtsprofessor Richard W. Painter sagte, der Einsatz verstoße gegen US-Recht und das Völkerrecht, da eine Zustimmung des Kongresses fehle. Während Teile der Republikaner auf Distanz gehen, warnen Demokraten vor einer unkontrollierbaren Eskalation. Die juristische und politische Debatte in Washington dürfte Irans Führung zusätzlich in ihrer Annahme bestärken, dass die US-Strategie nicht dauerhaft geschlossen getragen wird.
„Dieser Krieg ist unrechtmäßig. Er ist unnötig. Und er wird katastrophale Folgen haben“, warnte die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Auch außenpolitische Beobachter sehen einen Kurswechsel des Präsidenten. „Sein erklärtes Ziel hier, ein Regimewechsel, ist genau das, wogegen er 2016 kandidierte“, sagte Brandan P. Buck, Forschungsstipendiat für außenpolitische Studien am libertären Cato Institute. Gegenüber der New York Times sprach er von einem Bruch mit Trumps bisheriger Logik begrenzter, kalkulierter Gewaltanwendung. Der Angriff auf den Iran markiere einen Sprung ins Ungewisse – ohne klar definiertes politisches Endziel.
Nachfolger von Chamenei: Iran nach Angriffen vor mehreren Szenarien
Im Iran selbst zeichnen sich nach den Angriffen und dem Tod Chameneis mehrere mögliche Entwicklungen ab. Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, sagte gegenüber der Funke-Mediengruppe, dass das System auf mehrere Machtzentren verteilt ist und nicht allein von einer Person abhängt. Befehlsketten seien so organisiert, dass sie auch bei Führungsverlusten funktionieren könnten. Das Regime habe solche Szenarien lange antizipiert und innerhalb von Politik, Militär und Sicherheitsapparat gestaffelte Nachfolgestrukturen aufgebaut, sagte Nahost-Experte Reza Parchizadeh. Kurzfristig spricht dies für Funktionsfähigkeit, langfristig für wachsende Rivalitäten.
Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass die Revolutionsgarden versuchen, ihren Einfluss nach dem Tod Chameneis weiter auszubauen oder das Machtvakuum politisch zu nutzen. Als zentrales Machtinstrument des Systems wurden sie unter dem Obersten Führer systematisch gestärkt. Zugleich trifft sie der aktuelle Schlag empfindlich: Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA wurden Generalstabschef Abdolrahim Mussawi und Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh getötet, weitere Kommandeure der Revolutionsgarden gelten als Opfer der Angriffe.
Trump schloss zugleich einen Wechsel von innen nicht aus. Am Tag der Iran-Angriffe richtete er eindringliche Worte an die Bevölkerung: „Übernehmt die Regierung, wenn wir mit den Bombardierungen fertig sind, das ist wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen.“ Phillips O’Brien, Professor für Strategische Studien an der Universität St. Andrews in Schottland, betonte gegenüber der Tagesschau die Abhängigkeit der USA von der Kooperation innerhalb des Iran: Ohne Unterstützung der Iraner sei ein dauerhafter Machtwechsel nicht möglich.
Tod Chameneis: Beginn eines Machtverfalls oder Regimewandel im Iran?
Ob der Tod Chameneis den Beginn eines Machtverfalls markiert oder die Anpassungsfähigkeit des Systems beweist, wird sich nicht auf den Straßen Teherans entscheiden, sondern in den Machtzentren von religiöser Führung, Militär und Sicherheitsapparat. Der Iran steht vor einer inneren Bewährungsprobe – ohne den Fixpunkt, um den das System jahrzehntelang kreiste. Für den Westen stellt sich die Frage, ob er diesen Moment als Risiko oder als strategische Chance begreift. (Quellen: Times, New York Times, CBS News, Süddeutsche Zeitung, Washington Post, Funke, Tagesschau, dpa, afp) (fbu)
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