Neuer Anlauf wohl im September

Nach Richterwahl-Debakel: SPD hat neuen Bewerber – AfD plant laut Experte neue Kampagne

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Die ausstehende Richterwahl wird nach der Absage im Juli mit besonderer Aufmerksamkeit erwartet. Die AfD nimmt bereits die nächste Kandidatin ins Visier.

Berlin – Die SPD scheint bereit zu sein für einen weiteren Anlauf. Zur Wahl neuer Verfassungsrichter. Drei Stellen sind in naher Zukunft in Karlsruhe neu zu besetzen. Eigentlich sollte bereits am 11. Juli über die offenen Personalien entschieden werden, doch nach dem Streit über die von den Sozialdemokraten vorgeschlagene Frauke Brosius-Gersdorf wurde die Wahl kurzfristig abgesetzt.

Müssen vor der Richterwahl nochmal die Köpfe zusammenstecken: Matthias Miersch (l.) und Jens Spahn sind im Bundestag die Fraktionschefs von SPD respektive Union.

Nun verriet SPD-Fraktionschef Matthias Miersch in der RTL/ntv-Sendung „Frühstart“, dass sich seine Partei auf einen neuen Kandidaten geeinigt hat. „Wir haben einen Namen, und den werde ich jetzt aber garantiert nicht nennen“, gab er sich geheimnisvoll. Das wiederum erklärte der 56-Jährige damit, dass jetzt zunächst mit der Union sowie den Grünen und den Linken zu sprechen sei, „denn wir brauchen eine Zweidrittelmehrheit“ im Bundestag.

Richterwahl im Bundestag: Wie geht es nach Aus von Brosius-Gersdorf weiter?

Ebenso wird Miersch aber auch seine Schlüsse aus den Erfahrungen des ersten Anlaufs gezogen haben. Als die Namen frühzeitig bekannt waren. Schließlich galt die Wahl von Brosius-Gersdorf, der ebenfalls von der SPD nominierten Ann-Katrin Kaufhold und dem von der Union aufgestellten Günther Spinner als Formsache. Doch dann kamen gegen erstere immer neue Vorwürfe auf.

Vor allem ihre Einstellung zu Schwangerschaftsabbrüchen, zu einer Impfpflicht während der Corona-Pandemie oder zu einem AfD-Verbotsverfahren waren Themen in den sozialen und später auch in renommierten Medien. Kurz vor dem Wahl-Termin gesellten sich Plagiatsvorwürfe hinzu. Längst ist von einer gezielten Desinformationskampagne von Rechtsaußen die Rede.

7 Fotos zeigen eindeutig, was bei uns in der Politik schiefläuft

Investitionsgipfel „Made for Germany“
Kanzler Friedrich Merz (CDU) kam am Montag, 21. Juli mit Unternehmensvertretern (und zwei Vertreterinnen, siehe weißes und rotes Outfit) zu einem „Investitionsgipfel“ im Kanzleramt zusammen. Das Gruppenfoto davon sorgt für Reaktionen: Eine Frau auf LinkedIn dachte zuerst, sie müsse die Frauen im Bild mühsam suchen. „Aber schon beim zweiten Blick die Entwarnung: Die beiden Frauen wurden ordentlich markiert. Ich muss sie gar nicht erst suchen. Wow. Das ist mal ein cleverer Move: Einfach die Markierung richtig setzen – und zack, schon fehlt den nervigen Feminist*innen das Futter“, schreibt sie ironisch. „So unsagbar peinlich für die deutsche Wirtschaft!“, kommentiert eine Person das Bild auf X. „Ist das 1962?“ © Katharina Kausche/dpa
Friedrich Merz und Team „bereit für Politikwechsel“, Instagrambeitrag von Markus Söder
CSU-Chef Markus Söder veröffentlichte am 25. Februar 2025, kurz nach dem Bundestagswahlsieg, ein Foto der Unionsberatungen, an denen dem Bild zufolge keine einzige Frau beteiligt war. Das Bild führte nicht nur in den sozialen Netzwerken zu Spott: Grünen-Chefin Franziska Brantner sagte über das Bild, dass wahrscheinlich sogar die neue syrische Regierung „vielfältiger“ sei als das Verhandlungsteam der Union.  © Screenshot Instagram Markus Söder
2023 teilte die FDP Dresden auf X (damals noch Twitter) dieses Bild von acht lächelnden Männern. Andreas heißen sie, und Thomas und Sven. Politikerinnen? Fehlanzeige. Damit repräsentierte das Team der FDP in Dresden zwar nicht die deutsche Bevölkerung, dafür aber das Patriarchat, wie es im Buche steht.
2023 teilte die FDP Dresden auf X (damals noch Twitter) dieses Bild von acht lächelnden Männern. Andreas heißen sie, und Thomas und Sven. Politikerinnen? Fehlanzeige. Damit repräsentierte das Team der FDP in Dresden zwar nicht die deutsche Bevölkerung, dafür aber das Patriarchat, wie es im Buche steht. © Screenshot
In Cottbus war es 2023 mehr ein Fettnäpfchen, als der offizielle Instagram-Kanal der @stadt_cottbus am internationalen Frauentag ein Foto postete, auf dem der Cottbusser OB und drei weitere Männer Tulpen in die Kamera hielten. Darunter stand: „Stadt der starken Frauen“. Autsch.
In Cottbus war es 2023 mehr ein Fettnäpfchen, als der offizielle Instagram-Kanal der @stadt_cottbus am Internationalen Frauentag ein Foto postete, auf dem der Cottbusser OB und drei weitere Männer Tulpen in die Kamera hielten. Darunter stand: „Stadt der starken Frauen“. Autsch.  © Screenshot
Das Foto von der Münchner Sicherheitskonferenz sorgt für Ärger im Netz.
Dieses Bild der Münchner Sicherheitskonferenz 2022 hat schon fast Kultstatus. Hier trafen sich deutsche Firmenchefs zum Mittagessen. In einem Meer aus grauen Haaren kann man kaum noch Gesichter erkennen. Das geballte Privileg, ein alter, weißer Mann in Deutschland zu sein, ist aber unmöglich zu übersehen. © Michael Bröcker/dpa
Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU in Magdeburg
Eins zu sechzehn: 2021 wurden die Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU bei einer Tagung in Magdeburg unfreiwillig zum Symbolbild für das, was in der deutschen Politik schiefläuft. Scheinbar waren nur Männer im Anzug willkommen – außer einer Frau ganz links im Bild. © Screenshot: Tagesschau
Armin Laschet 2020 bei der CDU Ruhr.
Bevor Armin Laschets Kanzlerkandidatur 2021, bewies seine Partei schon, wie viele Männer es bei ihr gibt. Bei einem von Laschets Besuchen der CDU Ruhr entstand ein Bild, das einem X-Nutzer „seit Stunden Freude“ bereitete, wie er 2020 schrieb. „Diese unverhohlene Männerdominanz. Diese Hemdengleichheit. Und der Umstand, dass da wirklich jemand Stehparty-Tische in einen Wald gefahren hat.“ Man konnte sie wirklich kaum auseinanderhalten. © Screenshot

Zum Verhängnis wurde Brosius-Gersdorf und damit auch der SPD und letztlich der gesamten Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz, dass der Widerstand innerhalb der Union zu groß wurde, um die nötigen Stimmen im Bundestag zusammenzubekommen. Eine besonders unrühmliche Figur gab dabei Jens Spahn ab, denn der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion unterschätzte den Gegenwind innerhalb der Fraktion anscheinend völlig.

Droht erneutes Debakel bei Richterwahl? AfD bemüht sich wohl wieder um Kampagne gegen Kandidatin

Mittlerweile hat Brosius-Gersdorf ihre Kandidatur zurückgezogen. Doch ruhiger wird es um die Richterwahl nur auf den ersten Blick. Bereits vor einigen Wochen kamen erste Berichte über neue Kampagnen auf. Diesmal ist Kaufhold das Ziel. Vorne dabei: die AfD, die sich offensichtlich in einem Kulturkampf wähnt. Und in diesem wohl spätestens seit dem 11. Juli auf dem Erfolgsweg.

Beim BR kommt Philipp Sälhoff zum aktuellen Geschehen rund um die mögliche Verfassungsrichterin zu Wort. Der Geschäftsführer des Berliner Thinktanks „Polisphere“ ist Experte für Desinformation und zählte allein auf der Social-Media-Plattform X bis Mitte August mehr als 15.000 Tweets zu Kaufhold. Festzustellen sei, dass sowohl in der offiziellen AfD-Kommunikation als auch von vielen Abgeordneten der Partei konkrete Aufrufe erfolgt seien, den Fokus nun auf sie zu legen.

Mischt rund um die Richterwahl fleißig mit: Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch fällt mit Posts gegen die Kandidatinnen auf.

Dabei tue sich vor allem Beatrix von Storch hervor – ähnlich wie bereits bei Brosius-Gersdorf. Die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion schrieb bei X, Kaufhold sei „offen demokratiefeindlich“. Und: „Wenn die an das Verfassungsgericht kommt, will sie und wird sie die Demokratie begraben.“

Neue Kampagne vor Richterwahl möglich: Kaufhold wird Ziel von AfD und alternativen Medien

Laut Sälhoff gibt es zu Kaufhold aber weder bezahlte Werbung noch massenhaft Briefe an Abgeordnete oder reichweitenstarke Online-Petitionen, wie es bei Brosius-Gersdorf der Fall war. Problem für ihre Gegner sei, dass noch kein fester Wahltermin feststehe und auch keine Klarheit darüber herrsche, wie der gesamte Wahlprozess voranschreiten werde. Beides sei aber nötig, „wenn man so eine Kampagne gut auf ein Ziel ausrichten will“.

Im selben Artikel erklärt Josef Holnburger, Geschäftsführer beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), zudem, dass es schwer sei, „mit zweimal einem ähnlichen Hintergrund zu einer großen Reichweite zu kommen“. Dennoch würden sich die sogenannten „alternativen Medien“ darum bemühen, möglichst viel über Kaufhold „auszugraben“.

Wurde in diesem Jahr unfreiwillig zu einer bundesweiten Berühmtheit: Frauke Brosius-Gersdorf sollte Verfassungsrichterin werden, hat diese Ambition nun aber aufgegeben.

Dabei handele es sich um „Übertreibungen, zum Teil auch Desinformationen und Lügen“. Diese werden genutzt, „um zu überprüfen, welche Anschuldigungen auf Telegram und X besonders viel organische Reichweite erzielen, häufig geteilt werden und starke Emotionen auslösen.“ Holnburger sieht darin vor allem ein Problem, wenn Bundespolitiker darauf hereinfielen.

Neuer Anlauf bei Richterwahl: Für Union und SPD könnten Personalien zur Zerreißprobe werden

Womöglich denkt er dabei auch an Brosius-Gersdorf. Wann genau sich der Wind innerhalb der Union in diesem Fall drehte, weiß offenbar nicht einmal Fraktionschef Spahn. Da dieser das Kandidaten-Trio gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen von Grünen und SPD – also Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Miersch – abgenickt haben soll, muss er rund einen Monat vor der letztlich abgesagten Wahl aber noch damit gerechnet haben, dass der Rückhalt groß genug wäre.

Zumindest in Teilen der Union war die Ablehnung von Brosius-Gersdorf positiv aufgenommen und ihr umgehend der Verzicht auf die Kandidatur nahegelegt worden. Womöglich war das aber nur der Anfang. Und die Richterwahl braucht noch deutlich mehr Anläufe. Miersch geht davon aus, dass die Wahl nun im September, also im ersten Monat nach der parlamentarischen Sommerpause, steigen kann.

Ob es dann wirklich gelingt, drei neue Verfassungsrichter zu entsenden, dürfte wohl auch davon abhängen, wie sehr mögliche Kampagnen gegen die Kandidaten vorher an Fahrt aufnehmen. Der Eindruck, dass diese im Bundestag durchaus auch abseits der AfD auf fruchtbaren Boden fallen können, hat sich mit der abgesagten Wahl im Juli jedenfalls verstärkt. Für Schwarz-Rot könnte die Neuauflage also mehr denn je zur Zerreißprobe werden. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Emmanuele Contini, IMAGO / Political-Moments

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