VonErkan Pehlivanschließen
Seit der Türkei-Wahl sieht man einen deutlichen Anstieg unter den Medizinerinnen und Medizinern, die ihrer Heimat den Rücken kehren.
Ankara – Gerade für Oppositionelle schwindet die Hoffnung in der Türkei auf eine Besserung der Wirtschafts- und Menschenrechtslage. Alleine in den letzten Wochen haben 144 Ärztinnen und Ärzte Antrag auf ein Führungszeugnis bei der türkischen Ärztevereinigung TTB (Türk Tabipleri Birliği) gestellt, um im Ausland arbeiten zu dürfen. Das Führungszeugnis der TTB gilt daher als Arbeitserlaubnis für das Ausland.
Hatten zwischen dem 1. Mai und 15. Mai 94 Ärzte Antrag auf das Führungszeugnis gestellt, lag die Zahl nach der ersten Runde der Türkei-Wahl am 14. Mai deutlich höher, sodass zwischen dem 15. und 31. Mai 144 Personen den Antrag dazu stellten. Nach den Zahlen der Ärztevereinigung hatten dagegen in den ersten zwei Wochen im April noch 90 Ärztinnen beziehungsweise Ärzte und in den letzten zwei Wochen 91 Anträge gestellt, um im Ausland ihren Beruf auszuüben.
TTB'ye "İyi Hal Belgesi" başvuru sayısı, son 15 günde ortalamanın çok üstünde bir artış gösterdi.
— Türk Tabipleri Birliği (@ttborgtr) June 1, 2023
Hekimlerin haklarını ve emeğini görmezden gelen, "Giderlerse gitsinler" ifadesinde somutlaşan politikalara karşı mücadelemizi kararlılıkla sürdüreceğiz. pic.twitter.com/OTWxr0vsqq
Medizinerinnen und Mediziner wollen nach Türkei-Wahl vermehrt im Ausland arbeiten
„Die Zahl der Anträge auf Erteilung eines ‚Führungszeugnisses‘ bei der TTB ist in den letzten 15 Tagen weit überdurchschnittlich gestiegen. Wir werden unseren Kampf gegen die Politik, die die Rechte und die Arbeit von Ärzten ignoriert und sich in dem Ausdruck ‚Lasst sie gehen, wenn sie gehen wollen‘, verkörpert, entschlossen fortsetzen“, hieß es.
Und die Bedingungen für Ärztinnen und Ärzte sind in der Türkei schlecht: Fachkräfte bekommen im öffentlichen Dienst zwischen 18.861 TL (845 Euro) und 24.519 TL (1099 Euro). Die Gehälter der sogenannten Familienärzte liegt dagegen zwischen 13.500 TL (605 Euro) und und 17.070 TL (765 Euro). Angesichts der starken Inflation und des Währungsverfalls reichen die Gehältner nicht einmal um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die sogenannte „Armutsgrenze“ ist in der Türkei auf 33.752 TL (1.542 Euro) gestiegen.
Abwanderungen aus der Türkei: Exodus lässt Erdogan kalt
Gerade wer in den Notaufnahmen Dienst hat, hat es besonders schwer. 100 Patientinnen und Patienten und mehr sind dann pro Schicht keine Seltenheit mehr. Die Folge sind auch frustrierte Patienten. Immer wieder kommt es daher auch zu Angriffen auf Krankenhauspersonal.
In einem Straßeninterview hatte eine Anhängerin von Präsident Recep Tayyip Erdogan sich für die Verdienste um die Gesundheitsversorgung dankbar gezeigt. „Früher haben die Ärzte einen schlecht behandelt. Heute verprügeln wir Ärzte“, sagte die Frau. Das Interview ging viral.
💬 Reis çok şey yaptı. Tabi ki Reis. 25 yıl önce hastanelerde sıra bekliyorduk. Şimdi hastanede doktor dövüyoruz pic.twitter.com/Xr53b1mPG7
— Tr724 (@Tr724) May 4, 2023
Auch Präsident Erdogan hatte in der Vergangenheit immer wieder die Medzinerinnen und Mediziner in seinem Land verärgert. Im vergangenen Jahr kritisierte er die Fachkräfte, weil diese sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschwert hatten und deswegen das Land verlassen wollten. „Wenn sie gehen wollen, dann sollen sie gehen. Dann werden wir neue Ärzte ausbilden und mit ihnen arbeiten“. Eine Verbesserung der Situation ist in der Türkei aktuell jedenfalls nicht in Sicht. (Erkan Pehlivan)
Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

