Nach Türkei-Wahl 2023

Explodierende Lebensmittelpreise in der Türkei – Mindestlohn liegt deutlich unter „Hungergrenze“

  • schließen

Der Mindestlohn in der Türkei reicht inzwischen nicht einmal mehr für reine Lebensmittel einer Familie. Um eine Familie ernähren braucht man inzwischen das Vierfache.

Ankara – Inflation und Währungsverfall setzen den Menschen in der Türkei kräftig zu. Alleine die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen zwölf Monaten um 72,18 Prozent gestiegen, schreibt die Gewerkschaft TÜRK-İŞ in ihrem aktuellen Bericht. Die sogenannte „Hungergrenze“ für eine vierköpfige Familie liegt inzwischen bei 10.630 TL (485,74 Euro). Darin sind nur die Kosten für eine ausgewogene Ernährung enthalten. „Der Anstieg der Lebensmittelinflation führt zu einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen und der Lebensqualität der Bürger. In erster Linie sollte das Einkommensniveau der kleinen und festen Einkommen angehoben werden, um den Kaufkraftschwund zu beseitigen und den Wohlstand gerecht zu verteilen“, schreiben die Autoren des Berichts.

Währungsverfall in der Türkei – Zukunftsängste und kurzfristiges Denken

Die seit Monaten anhaltende hohe Inflation verzerrt zudem die Preiswahrnehmung. „Diese Situation wirkt sich auf das Konsumverhalten aus und führt dazu, dass sich das Konsumverhalten ändert und das schnellstmögliche Ausgeben des Geldes zum Hauptziel wird“, warnt die Gewerkschaft. Bei den Menschen herrschen Zukunftsängste sowie kurzfristiges Denken. Besonders betroffen von den Preissteigerungen seien die Einkommensschwachen.

Obdachlose dürfen im Winter in dieser Turnhalle in Istanbul übernachten und bekommen essen.

Mindestlohn reicht nicht einmal für Lebensmittel einer Familie

Wer also den Mindestlohn von 8.500 TL (388 Euro) bekommt, wird nicht einmal seine Familie ernähren können. Die sogenannte Armutsgrenze ist dagegen auf 33.752 TL (1.542 Euro) gestiegen. Darin sind neben den Lebensmittelpreisen auch die übrigen Kosten wie Miete und Heizung für eine vierköpfige Familie enthalten.

„Armut ist der demütigendste Ort für die Menschheit in der heutigen Welt. Menschen sollten nicht arm sein. Denn es gibt alles auf dieser Welt, was die Menschen nicht arm macht. Es gibt genug Essen, Trinken und Kleidung für alle Menschen. Warum sollten die Menschen dann arm sein“, schreibt Hacer Foggo, die das Büro für Solidarität bei Armut in der CHP ( CHP Yoksulluk Dayanışma Ofisi) leitet.

Wahlkampf in der Türkei: Erdoğan vs. Kılıçdaroğlu - Das Duell um die Präsidentschaft

Ein Mann läuft an einem Bild von Recep Tayyip Erdogan und Kemal Kılıçdaroğlu vorbei.
Weiter mit Präsident Recep Tayyip Erdogan oder lieber mit Herausforderer Kemal Kılıçdaroğlu? Die Präsidentschaftswahlen in der Türkei am Sonntag, dem 14. Mai 2023, werden entscheiden, wer zukünftig das Land am Bosporus und seine 85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner regieren wird. Längst tobt der Wahlkampf im ganzen Land, auch hier in der Millionen-Metropole Istanbul. © Emrah Gurel/dpa
CHP Anhänger feiern in Kocaeli den Kandidatend der Opposition, Kemal Kılıçdaroğlu.
Die Anhängerinnen und Anhänger von Kemal Kılıçdaroğlu hoffen auf einen personellen Wechsel an der Spitze der Türkei nach fast 20 Jahren mit Erdogan. Die Umfragen vor der Türkei-Wahl deuten auf einen Wechsel hin. CHP-Kandidat Kılıçdaroğlu liegt je nach Meinungsforschungsinstitut entweder vor Erdogan oder nur knapp hinter ihm. Entsprechend groß ist der Optimismus der Opposition wie hier in Kocaeli, wo Kılıçdaroğlu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die „Rückkehr des politischen Frühlings“ verspricht. © YASIN AKGUL/AFP
Kemal Kilicaroglu beim Wahlkampf in der Türkei
Wird er wirklich der nächste Präsident der Türkei? Kemal Kılıçdaroğlu ist seit 2010 Vorsitzender der sozialdemokratischen CHP, der größten Oppositionsfraktion im türkischen Parlament. Der studierte Wirtschaftswissenschaflter gilt als Finanzexperte. Er ist seit 1974 verheiratet und entstammt einer alevitischen Familie. Die Umfragewerte sprechen für den Herausforderer Erdogans. © Uncredited/dpa
Wahlkampf mit Erdogan vor der Türkei-Wahl in Istanbul
Doch schlechte Umfragewerte können anscheinend weder Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch die Anhängerinnen und Anhänger seiner regierenden AKP entmutigen. Der Machthaber der Türkei tritt weiter selbstbewusst auf und spricht vor seinen Fans wie hier in Istanbul von nichts anderem als einem historischen Sieg über Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis. © IMAGO/AK Party Office\ apaimages
Wahlkampf in der Türkei: Millionen Menschen jubeln in Istanbul Erdogan zu
Laut eigenen Angaben versammelte Recep Tayyip Erdogan allein in Stanbul zuletzt 1,5 Millionen Menschen zu einer Wahlkampfveranstaltung. Die dabei entstandenen, imposanten Bilder sind ein klares Signal an Kemal Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis: Die AKP gibt sich noch längst nicht geschlagen. Erdogan bleibt ein siegessicherer Amtsinhaber. © afp
Putin besucht Erdogan in der Türkei
Als amtierender Präsident ist sich Recep Tayyip Erdoğan nicht zu schade, seinen Amtsbonus im Vorfeld der Wahl voll auszunutzen. Dabei kommt ihm auch ein alter Verbündeter offenbar gerne zu Hilfe: Wladimir Putin, hier bei einem Besuch in Ankara, der Hauptstadt der Türkei im Jahr 2022. Im Wahljahr inszenierte sich Erdoğan bereits mehrfach als Vermittler im Ukraine-Krieg - bislang jedoch ohne nennenswerten Erfolg.  © MURAT KULA/AFP
Ekrem İmamoğlu mit Ehefrau im Wahlkampf der Türkei in Istanbul.
Doch der Wahlkampf in der Türkei bleibt nicht immer friedlich. Diese Erfahrung musste Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, wie Präsidentschaftskandidat Kemal Kılıçdaroğlu Mitglied der CHP, machen. Der Bürgermeister, hier mit seiner Frau Dilek İmamoğlu, wurde auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadt Erzurum mit Steinen attackiert. İmamoğlu musste den Auftritt abbrechen und fliehen. Die Provinz Erzurum in Ostanatolien gilt als Hochburg Erdogans und seiner nationalkonservativen AKP. © IMAGO/Tunahan Turhan
Lebensmittelgeschäft in der Türkei kurz vor der Präsidentschaftswahl
Neben dem Erdbeben ist vor allem die wirtschaftliche Lage des Landes das bestimmende Thema im Wahlkampf in der Türkei. Die Inflationsrate hat astronomische Höhen erreicht, der Wert der Türkischen Lira befindet sich im freien Fall. Zwar konnte die AKP-Regierung die Teuerungsrate zuletzt wieder senken, sie liegt aber weiterhin jenseits der 50 Prozent. Unter Experten gilt auch die Politik Erdogans als verantwortlich für die wirtschaftlichen Probleme der Türkei. © ADEM ALTAN/AFP
Erdbebenkatastrophe in der Türkei in der Stadt Antakya
Kurz vor der Wahl wurde die Türkei von einer der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren Vergangenheit heimgesucht. Ein Erdbeben am 6. Februar kostete mehr als 50. Menschen in der Türkei das Leben. Nach dem Beben geriet auch die AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan in die Kritik. Der Präsident hatte in den Jahren vor der Katastrophe zahlreiche Bauvorschriften, die Gebäude erbebensicher gemacht hätten, aufgeweicht und Gelder, die für den Katastrophenschutz gedacht waren, anderweitig eingesetzt. © Boris Roessler/dpa
Atatürk-Banner vor den Wahlen in der Türkei.
Doch gewählt wird in der Türkei nicht nur der Präsident. Auch die Neubesetzung des türkischen Parlaments entscheidet sich am 14. Mai 2023, das 600 Mitglieder umfasst. Recep Tayyip Erdogan hatte die Macht des Parlaments in seiner Amtszeit zugunsten des Präsidenten geschwächt. Kemal Kilicdaroglu hat versprochen, diese Änderungen bei einem Wahlsieg rückgängig zu machen und so die einst von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik in der Türkei vor autokratischen Umtrieben zu schützen. © Francisco Seco/dpa

Erdogan versucht es nach Türkei-Wahl mit Durchhalteparolen

Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht es nach seinem Sieg bei der Türkei-Wahl mit Durchhalteparolen. „Ich hoffe, dass wir das Jahrhundert der Türkei gemeinsam mit der Geschäftswelt, der Zivilgesellschaft und den politischen Institutionen mit vereinten Händen und Herzen gestalten werden“, sagte er heute bei der Union der Handelskammern

In dieser Woche noch will Erdogan sein neues Kabinett vorstellen. Dann könnte das Ressort Wirtschaft auf Ex-Finanzminister Mehmet Simsek fallen, der Wirtschaftskrise in den Griff bekommen soll.

Rubriklistenbild: © Ulsa Yunus Tosun/dpa

Kommentare