Riskante Nebenwirkung im Ukraine-Krieg: Russlands GPS-Störungen bedrohen auch zivile Luftfahrt
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Für eine halbe Stunde blind in der Luft – kein Einzelfall. Russlands elektronische Kampfführung hat bedrohliche Nebenwirkungen für Passagiermaschinen.
Moskau – „Die Piloten melden aktiv Fälle, und wir erhalten mehr als 100 Meldungen pro Monat“, sagte Juho Sinkkonen der BBC. Das war im Mai, als der Vizepräsident für Flugbetrieb der finnischen Fluglinie Finnair gegenüber dem britischen Sender klagte, „dass dieses Problem bei ihren Flugzeugen täglich auftrete“. „Dieses Problem“ bezeichnet den zeitweiligen Ausfall von globaler satellitengestützter Navigation über dem erweiterten Ostseeraum und darüber hinaus – das GPS-Jamming (Global Positioning System). Urheber des dadurch gestörten Verkehrs der zivilen Luftfahrt ist Wladimir Putins elektronische Kampfführung im Zuge seines Krieges gegen die Ukraine, wie mehrere Medien berichten.
Tatsächlich sehen Beobachter darin aber keinen subtilen Angriff auf die Nato, sondern die Nebenwirkungen des Ukraine-Krieges. „Die Störungen verstärkten sich, als im Januar 2024 die Drohnenangriffe der Ukraine auf die russische Energieinfrastruktur begannen“, veröffentlichte kürzlich die finnische Transport- und Kommunikationsagentur Traficom. „Diese Probleme“ seien demnach schon vor Beginn des Ukraine-Krieges aufgetaucht, aber seit Februar 2022 habe die Häufigkeit zugenommen, sagt Cyrille Rosay gegenüber der BBC.
Russische Störsender gegen Waffen werden im Ukraine-Krieg alltäglicher
Rosay ist Experte für Cybersicherheit der European Union Aviation Safety Agency, die im November vergangenen Jahres nochmals gewarnt hatte: Betroffen seien demnach anfänglich das südliche und östliche Mittelmeer gewesen sowie das Schwarze Meer – inzwischen habe sich der gestörte Äther auf die Ostsee und die Arktis ausgeweitet, wie die EASA in einem Bulletin mitgeteilt hat.
„Ich glaube nicht unbedingt, dass die Russen mit dieser Störung absichtlich Chaos im Flugverkehr verursachen wollen. Andererseits ist die Störung selbst sehr unverantwortlich. Es wird Momente geben, in denen Länder sie aus sehr ehrenwerten Gründen, etwa zur Selbstverteidigung, einsetzen müssen.“
Auch das Institute for the Study of War (ISW) hat das Thema längst auf die Agenda gehoben: Deren Analysten hätten keine dezidierten Berichte darüber erhalten, dass Russland versuche, GPS über Westeuropa oder dem Atlantik zu stören. „GPS-gesteuerte Systeme werden über Kriegsgebieten wahrscheinlich zunehmend unzuverlässiger, da Störsender über große Entfernungen gegen bekannte GPS-gesteuerte Waffen und Systeme immer normaler werden“, schreibt das ISW.
Russlands Störsender: Ukraine beginnt, auf dem Schlachtfeld zu erblinden
Laut der britischen Denkfabrik Royal United Services Institute (RUSI)macht das russische Militär immer stärkeren Gebrauch von Störsendern, um die Kommunikation zu Fluggeräten auf dem Schlachtfeld zu unterbinden. Gemeint ist damit vor allem die elektronische Bekämpfung von Drohnen, die hauptsächlich zur Feindaufklärung eingesetzt werden. Das führe zu einer Verlustrate von ungefähr 10.000 ukrainischen Drohnen pro Monat; also mehr als 300 Drohnen pro Tag, schreiben die Autoren. Die Ukraine beginnt, auf dem Schlachtfeld zu erblinden. Dieser elektronische Nebel umfasst offenbar inzwischen auch den gesamten Luftraum um das Kriegsgebiet herum.
Weitgehend blind und taub: Russische Soldaten bringen ein Borisoglebsk-2-System der Elektronischen Kriegführung in Stellung. Damit kann die GPS-Navigation von Drohnen, Geschossen oder Flugzeugen unterbunden werden (Archivfoto).
Deshalb sah der britische Telegraph im April dieses Jahres den Kollateralschaden im Äther weniger gelassen als das ISW: Ende März soll über dem Baltikum eine GPS-Störung 63 Stunden lang angehalten haben, berichtet David Mumford. Einer der mutmaßlichen Leidtragenden sei Grant Shapps gewesen, sagt der Analyst des Unternehmens Opsgroup, das Entwicklungen im internationalen Flugverkehr beobachtet: Der Flieger des britischen Verteidigungsministers soll für eine halbe Stunde quasi blind geflogen sein – ausgerechnet nahe Kaliningrad, der russischen Enklave zwischen Polen und Litauen, wie der Telegraph veröffentlicht.
Putins elektronische Kampfführung ist Herausforderung für die Nato – Bedrohung für zivile Luftfahrt
Auch die Nato ist besorgt – aus gutem Grund, wie Roger McDermott bereits 2017 zusammengefasst hat: Die Möglichkeiten der russischen Elektronischen Kampfführung seien eine ernstzunehmende Herausforderung der Nato-Verteidigungsstrategie zur Sicherung des Baltikums und der gesamten Ostflanke der Nato im Falle eines russischen Angriffs – das gefährde die Handlungsfreiheit der Nato in Führung, Information, Kommunikation, Computersystemen, Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung (Nato-Abkürzung „C4ISR“: command, control, communications, computers, intelligence, surveillance, and reconnaissance).
Jamming und Spoofing: die feindliche Übernahme
Jamming bezeichnet die absichtliche Verwendung eines die Übertragung blockierenden Signals, um die Kommunikation zwischen einem Empfänger und ihrem Sender zu stören. Sobald ein Signal beispielsweise eine Drohne blockiert, kann der Sender die Drohne zwingen, auf der Stelle zu landen und jede weitere Bewegung zu stoppen, oder zur ‚Heimat‘-Position zurückzukehren. Dies ist eine normale Funktion einer Drohne mit GPS und einer Heimatortungsfunktion. Sie ist so konzipiert, dass Ihre Drohne bei einer Unterbrechung der Verbindung zu ihrem Startort zurückkehrt.
Spoofing einer Drohne bezeichnet die Übernahme der Drohne durch eine dritte Partei aus der Ferne, indem sie sich als die originäre Fernsteuerung ausgibt. Dabei empfängt die Drohne ein Signal, das die Drohne verwirren soll, so dass sie das Spoofing-Signal für legitim hält – was ein Irrtum ist. Spoofing ermöglicht einem Dritten die Drohne zu übernehmen und den weiteren Flug zu steuern oder Daten von der Drohne herunterzuladen beziehungsweise die Kamera-Aufnahmen anzusehen.
Quelle: dedrone.com
Der Analyst des in Estland angesiedelten International Center for Defense and Security kommt zu dem Schluss, Russland strebe nach Vorteilen in asymmetrischen Auseinandersetzungen, um die Erfolgsaussichten zu verbessern in einem möglichen Konflikt mit den östlichen Nato-Staaten. So banal diese These klingen mag, so eindeutig wird sie weiterhin gestützt. „Wir befinden uns in einem Zustand des grauen Krieges mit Russland“, sagt Richard Dearlove laut dem Telegraph. Der ehemalige Chef des britischen Geheimdienstes sieht in den Störungen der zivilen Luftfahrt eine „ominöse Machtdemonstration Russlands“, wie er sagt.
Störsender hält er für typisch. „Nichts davon ist besonders überraschend, aber es spiegelt die Tatsache wider, dass wir uns in einer Konfrontation mit Russland befinden, und wir im Westen gerade erst beginnen, die Ernsthaftigkeit dieser Situation zu erkennen“, zitiert ihn das britische Blatt. Die bisherigen Störungen der Luftfahrt werden von den Experten einhellig eher als „lästig“ tituliert denn als über die Maßen gefährlich. Trotz des heute hauptsächlich verwendeten GPS verweist die Agentur Traficom auf die Möglichkeit, vor allem in Passagierflugzeugen auf optionale Navigationssysteme umzuschwenken, „wie zum Beispiel die trägheitsbasierte Navigation und die bodengestützte Navigation“, wie Traficom schreibt.
Russlands Eingriffe in den zivilen Luftverkehr eine ernstzunehmende Bedrohung
Darüber hinaus könne die Flugsicherung bei Bedarf bei der Navigation helfen. Beispielsweise erhielte ein Flugzeug durch Vektorisierung Führungsanweisungen, die es befolgen müsse, um die Route fortzusetzen oder anzufliegen. Weniger entspannt sieht das Ian Petchenik, wie ihn der Telegraph zitiert: „GPS-Jamming kann Betreibern erhebliche Kopfschmerzen bereiten, Navigationssysteme stören und die Arbeitsbelastung der Piloten in überlasteten Lufträumen in der Nähe von Konfliktgebieten erhöhen. Die Eindämmung dieser Risiken ist für die Flugsicherheit von entscheidender Bedeutung“, sagt der US-amerikanische Flugsicherheits-Blogger von Flightradar24.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Allerdings ist nicht nur die Sicherheit bedroht, sondern letztendlich auch der Friede, wie das Magazin Armyrecognition schreibt: GPS ist nämlich auch der Navigator von Präzisionswaffen beziehungsweise gelenkter Artilleriemunition, beispielsweise von den Geschossen vom Typ M982 Excalibur. Das M982-Projektil sei mit Satelliten- und Trägheitsnavigationsgeräten ausgestattet, die laut Hersteller eine Fehlertoleranz von nicht mehr als vier bis fünf Metern aufwiesen. Laut Angaben von Experten sei die Wirksamkeit gerade der Excalibur-Geschosse von 70 Prozent auf inzwischen sechs Prozent gesunken – der Grund liegt darin, dass die Russen die GPS-Navigation desorientieren.
Eben diese Nebenwirkungen greifen in den zivilen Luftverkehr ein – und werden mit Fortgang des Krieges sicher zunehmen. Dennoch bleibt Tom Withington zuversichtlich: „Ich glaube nicht unbedingt, dass die Russen mit dieser Störung absichtlich Chaos im Flugverkehr verursachen wollen“, besänftigt der RUSI-Analyst. „Andererseits ist die Störung selbst sehr unverantwortlich. Es wird Momente geben, in denen Länder sie aus sehr ehrenwerten Gründen, etwa zur Selbstverteidigung, einsetzen müssen.“